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Manfred Müller: Als Deutscher in Japan ab 1941

Dieser Eintrag von Manfred Müller (*1932) aus Berlin (sprmm@gmx.de) von Mai 2011 stammt aus dem: Biografie-Wettbewerb Was für ein Leben!

/lemo/bestand/objekt/mueller_016 Nach unserer Internierung als "feindliche Ausländer" auf Java wurden meine Mutter, meine drei Geschwister und ich im Sommer 1941 nach dem mit Deutschland befreundeten Japan verschifft. Die erste konkrete Erinnerung setzt ein, als wir in Kyoto im feinen Miyako-Hotel untergebracht waren. Ringsherum war alles anders als wir es bisher kannten. Die Menschen sahen anders aus und sprachen eine ganz fremde Sprache, sie kleideten sich anders (damals noch sehr viel verbreiteter traditionell) und sie pflegten andere Umgangsformen, sehr förmlich und höflich. Obwohl wir aus einem fremden Land kamen, empfanden wir auf Java eine Geborgenheit und Vertrautheit des Gewohnten: Wir sprachen die drei Sprachen unserer Umgebung fließend: Deutsch, Holländisch und Malaiisch, es waren ja praktisch unsere Muttersprachen. Hier war plötzlich alles ganz anders. Wohl kamen wir mit einem rudimentären Japanisch-Wortschatz in Japan an Land.

Nicht die Umstände, wie wir nach Kyoto kamen erinnere ich, wohl aber die Zeit in Kyoto: Eine Flut von Veranstaltungen, Begrüßungen, Vorführungen, Ausflüge in die Umgebung, insbesondere auch nach Nara, der alten Kultur- und Tempelstadt. Für uns Kinder waren die Darbietungen sehr lästig, mussten wir doch immer ordentlich gekleidet und pausenlos artig sein. Irgendwer deklamierte, führte auf oder vor, hielt Reden, meist im unverständlichen Japanisch - es gab auch deutsche Reden, die ihrem Inhalt nach uns Kindern auch unverständlich waren.

Die Kultur ist so überwältigend, dass sie selbst mich, der ich damals noch nicht zehn Jahre alt war, nachhaltig beeindruckt hat. Tempel, meist Jahrhunderte alt, Paläste, Gartenanlagen, das Auftreten, die Kleidung und die Umgangsformen der kultivierten Japaner waren ganz erlesen. Sehr schwierig waren die zahlreichen und endlosen Empfänge der zahlreichen deutschen und japanischen Vereine, endlos und unaufhörlich. Man feierte uns, ja wofür eigentlich? Wie die Exoten wurden wir stets zuvorkommend und höflich empfangen, herumgeführt und weitergereicht.

Nach einiger Zeit siedelten wir um in die große Stadt Kobe. Unser Leben begann sich zu normalisieren, wir fanden uns in der neuen Umgebung schnell ein. In diese Zeit, so Ende 1941/Anfang 1942 fällt der Beginn meiner bewussten Personwerdung: Ich erkannte mich und meine Mutter, mich und die Geschwister, die Klassenkameraden, die Gruppe und deren Mechanismen. Ich entdeckte meine Neigungen, Fähigkeiten und Defizite. Jetzt begann auch unsere Schulzeit, zum ersten Mal in einer regulären deutschen Schule mit deutschen Lehrern, Klassenkameraden, richtigen Schulstunden mit Pausenklingeln und Disziplin. Ich begann in der "III. Grund-Schulklasse". Es war ein ganz normaler Schulbetrieb mit den "klassischen" Schulfächern: Deutsch (unterteilt in Mündlicher Ausdruck, Schriftl. Ausdruck, Lesen, Rechtschr. u. Sprachl.), Heimatkunde, Rechnen, usw., usw. Ich wurde versetzt in die 4. Grundschulklasse und wechselte dann in der gleichen Schule in die 0I der "Oberschule". Es kamen die üblichen Oberschulfächer hinzu: Geschichte, Englisch, Biologie, aber auch Japanisch. Der Schulalltag - oder nur montags? - begann mit einem "Flaggenappell", unter einem markigen Sinnspruch oder einer vaterländischen Ansprache wurde die Flagge gehisst. Besonders stramm tat sich unser Direktor "Parteigenosse Dörr" hervor. Er war von kleinem Wuchs, hatte eine markante Nase und ging sehr aufrecht.

Dennoch kann ich mich keiner ideologischen Themen in der Schule erinnern. Kriegs- und Nazi-Lieder lernten und sangen wir in der HJ, nicht in der Schule (bis auf den Flaggenappell). Gewiss sangen wir Nazi-Lieder, die wir für den HJ-Dienst ebenso auswendig lernen mussten, wie Kirchenlieder für den Religions- oder Gedichte für den Deutschunterricht. Es sind mir noch heute die schrecklichsten Kriegslieder mit antijüdischen Refrains in Erinnerung. Wir mussten auch den aktuellen Frontverlauf in Russland kennen, derweilen um uns herum die japanischen Städte und Landschaften lagen, hier die Erdbeben und Taifune wüteten, die Japaner ihr Leben, ihre Sorgen und Nöte lebten, der Asiatische und Pazifische Krieg in deren und unser Leben zunehmend einwirkten.

Mein Vater - unsere Väter -, die noch in Niederländisch-Indien interniert waren, sollten vor dem drohenden Zugriff der Japaner, die in einem ungeahnten Siegessturm SO-Asien eroberten, Anfang 1942 nach Britisch-Indien gebracht werden. Drei Schiffe, von denen zwei "durchkamen", das dritte, die "van Imhoff" wurde torpediert und sank. Auf dem war mein Vater, der zu den wenigen Geretteten gehörte. Wann wir in Japan davon erfuhren - es gab ja keine Radios und stundenaktuellen Nachrichten -, ich weiß es nicht. Es kamen etwa 400 Deutsche um, 60 wurden gerettet. Die Unruhe während der Wartezeit lag lähmend über unserem Leben. Die Freude der Beglückten mischte sich mit der Trauer der Hinterbliebenen.

Wir Kinder hatten natürlich eine sehr starke Bindung an unsere Mutter, wussten aber, dass wir auch zum Vater gehörten. Klar. Schwierig war nur die praktische Zuwendung. Wenn wir eine Postkarte schreiben mussten, waren die Standardanfänge: "Lieber Vater. Wie geht es Dir, uns geht es gut." Ja, wie sollte es weiter gehen? Wo sollten wir anfangen, aus unserem Alltag zu erzählen? Viel Platz zum Erzählen war nicht auf einer Karte. Dann auch meistens unter Zeitdruck, weil wir diese zwar lästige, aber auch erforderliche Zuneigungspflicht zu lange vor uns her geschoben hatten.

Meine Mutter war Nicht-Nazi, vielleicht nicht im Widerstand, aber es schreckte sie der ungebildete Geist der Repräsentanten - und in jedem Falle hatte oder hätte sie die Untaten des Regimes abgelehnt, wenn sie sie gekannt hätte. Wir hatten ein Hitlerbild an prominenter Stelle im Wohnzimmer hängen. (Hitler blickte frontal den Betrachter an und mich beschäftigte intensiv die Entdeckung, dass er einen mit seinem Blick verfolgte, auch wenn man ihn von der Seite besah). Als wir noch klein waren, betete Mutter abends mit uns, alles mögliche, aber auch dass Gott unsere Soldaten beschützen und uns den Sieg geben möge. Darüber kam ich in innerliche Widersprüche: Die englischen, französischen, kurz alle feindlichen Mütter erbitten für ihr Land und ihre Soldaten Gleiches. Wie wird der liebe Gott entscheiden, was tut er nun?

/lemo/bestand/objekt/mueller_013 Meine Mutter hatte einen sehr praktischen Sinn, außerdem eine umfassende Bildung und immenses Wissen. Das hat sie stets gepflegt und durch unablässige Neugier weiter entwickelt. Sie gab bald Privatunterricht in deutscher Sprache an japanische Studenten (zu der Zeit war Deutsch noch die Wissenschaftssprache in allen Sparten) - und Deutschland und seine Kultur hoch angesehen. Es entstanden dadurch natürlich sehr enge Kontakte zu den Japanern und erleichterte und ermöglichte guten Zugang zu japanischen Eigenheiten. Die daraus entstandenen Freundschaften dauerten fort, auch bis in die späte Nachkriegszeit hier in Deutschland.

Ein besonders guter und enger Freund wurde ein Hidenori Yaoi, den wir nicht über Mutters Deutschstunden kennen lernten. Wie sonst, ich weiß es nicht mehr. Er sprach ein fließendes Deutsch und schrieb ausschließlich in einer wunderschönen Sütterlin-Schrift (Deutsche Schrift). Er war genauestens vertraut mit deutscher Kultur, sehr belesen und gebildet. Wir wussten gar nicht so recht, in welcher Funktion er lebte und wirkte. Im Krieg war natürlich immer der Verdacht des Aushorchens, Spionierens und was auch immer. Wir wussten es nicht, bis heute nicht. Aus seinem herzlichen Umgang mit uns, auch zu uns Kindern, kam ein Verdacht nicht auf.

Aus dem Erlös des Unterrichtes meiner Mutter kaufte sie wenige, aber erlesene Dinge, die sie für ein kultiviertes Leben für notwendig hielt. Einerseits sicherlich aus eigenem Bedürfnis, andrerseits um uns Kinder vor der kulturellen Verarmung zu bewahren. Unter diesen - durchaus nicht lebensnotwendigen - schönen Dingen sind mir erinnerlich die "Pastorale" von Beethoven in einer dicken Schallplattenkassette, Wiener Philharmoniker unter Bruno Walter (zu der Zeit waren es Schellack-Platten mit 3 Minuten Spieldauer. Bei Seiten- oder Plattenwechsel musste man das Grammophon wieder aufziehen und die Nadel wechseln). Außerdem die "Moldau" von Friedrich Smetana. Dann so einige schmissige Schlager der damaligen Zeit. In der Zeit, es müsste so um 1942/43 herum gewesen sein, spendierte sie ein Familienfoto bei "Okamoto, Photographer, Tor Road, Kobe".

/lemo/bestand/objekt/mueller_017 Im japanischen Leben gibt es von Zeit zu Zeit öffentliche Großereignisse: Tempelfeste. Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung wurden religiöse Prozessionen durchgeführt, bei denen die Teilnehmer aber nicht demütig und andächtig herumziehen, sondern fast wie bei einem Volksfest - so jedenfalls stellte es sich uns dar. Ungewöhnlich prunkvolle und riesig große Wagen werden durch die Straßen gerollt, die Teilnehmer und Umstehenden begleiten den Umzug mit reger Emsigkeit und großem Lärm. Irgendwie - die genaueren Umstände sind gar nicht haften geblieben - waren einige aus unserer HJ zu einem Tempelfest eingeladen oder abgeordnet worden. Was wir dort machen sollten oder nur als Statisten - ich weiß es nicht mehr. Nach den Fotos zu urteilen, wurden wir prunkvoll in historische Samurai-Gewänder eingekleidet und sicherlich kräftig geschminkt.

Im Alter von zehn Jahren war ich in die Hitlerjugend (HJ) aufgenommen worden, zunächst als "Pimpf" im Jungvolk. (In die eigentliche HJ kam man mit 14 Jahren). Ich war enttäuscht und verärgert, dass die Kommunion unserer katholischen Mitschüler mit großem Aufwand gefeiert wurde, während die vermeintlich ungleich wichtigere Aufnahme in die HJ schmucklos vonstatten ging. Nicht alle aus unserer Klasse waren auch in der HJ. Wir hatten "halfcastes" in der Klasse. So nannte man Abkömmlinge aus ethnisch gemischten Familien. Mit welchem Pass, das interessierte uns natürlich nicht. In der Klasse und in unsrer Freizeit spielte das überhaupt keine Rolle. Nach welchen Methoden für die Zugehörigkeit in der HJ ausgesiebt wurde, hatten wir Jungen gar nicht erörtert. Es war im Ausland so ganz "normal", dass es Gruppierungen gab, Hautfarben, Herkunft, Nationalität, Sprachen, Stände, Religionen und was auch immer die Menschen zu trennen und zu unterscheiden geeignet ist. Unter uns Jungen interessierte das nicht. Ich habe niemals weder gemerkt noch aus den Gesprächen der Erwachsenen herausgehört, dass etwa die Nicht-(Rein)Deutschen in der Schule oder im Leben benachteiligt wurden. Auch die Nazis unter den Lehrern - entweder gaben sie sich betont vaterländisch oder diskreter - machten einen streng sachlichen Unterricht.

Wir hatten einmal in der Woche "Dienst". Wir trieben Sport und mussten den aktuellen Frontverlauf in Europa kennen (woher eigentlich gab es die Informationen dazu?). Natürlich gab es in der Gruppe ehrgeizige Kameraden, die überall vorne waren. Ich neidete denen den Rang nicht und konnte mich gut in meinen unausgeprägten Ehrgeiz bescheiden. Das schlimmste am HJ-Dienst waren die obligaten vaterländischen Feiertage. Führers Geburtstag, Heldengedenktag und was mehr. Zwar fiel der Unterricht aus, aber wir mussten in unserer Uniform stramm stehen mit erhobenem "Hitlergruß" in der ganzen Länge des Deutschland-Liedes (erste Strophe) und "Horst-Wessel-Liedes" ("Die Fahne hoch . . ."). Sehr anstrengend. Während der markigen Reden allerdings durften wir sitzen. Nebenbei waren wir dadurch im Vorteil gegenüber den Einheimischen, ob in Japan, Deutschland oder wo auch immer, wir feierten neben unseren eigenen Feiertagen auch die des Gastlandes - und als imperialistischer Staat hatten die Japaner auch einige (ärgerlich nur, wenn sie auf das gleiche Datum fielen, wie etwa Neujahr).

Solche Veranstaltungen fanden im Deutschen Klub statt. Das war ein Versammlungshaus für alle Deutschen. Ab und an wurden Filme gezeigt aus Deutschland (wie dahin gekommen?) und Wochenschauen. Da es ein Fernsehen nicht gab - und die japanischen Zeitungen natürlich überwiegend mit ihrem Krieg beschäftigt waren, kannten wir die tagesaktuellen Nachrichten aus Europa nicht. So war es nicht so besonders wichtig, ob eine Wochenschau ganz frisch war. Mit der Zeit kam der Krieg durch US-amerikanische Flugzeuge nun aber auch immer öfter zu uns nach Kobe.

lo