> Zeitzeugen

Oskar Münsterberg: Wahl zur Nationalversammlung

Aufzeichnung aus dem Tagebuch des Unternehmers und Kunsthistorikers Oskar Münsterberg (1865-1920) aus Berlin (DHM-Bestand):

19. Januar 1919

Heute gegen 3 Uhr ging ich mit Helen an die Wahlurne. Zum ersten Mal konnte eine Frau in Deutschland gleichberechtigt mit den Männern das Recht der politischen Wahl ausüben. Die Lokale sind überfüllt. Reich und Arm, Alt und Jung, Männer und Frauen standen in langer Polonäse oft stundenlang zur Erfüllung der neuen Pflicht der Wahl zur ersten National-Versammlung der neuen Republik.

Alles ging ruhig und geschäftemäßig zu. Die Straßen sahen weiß aus voller Flugblätter, die Häuserwände bunt voller angeklebter Plakate, aber sonst fehlt die laute, aufdringliche, nervenerregende Reklame wie in Amerika und England. Alles ist sachlich und ordentlich. Jeder betrachtet die Wahl als seine Pflicht und geht pünktlich in das vorgeschriebene Wahllokal.

Wie schnell der demokratische Gedanke durch alle Schichten gedrungen, die demokratische Wahlpflicht alle Kreise erfaßt hat. Ich selbst habe zum ersten Mal in meinem Leben gewählt. Bisher, unter der alten Regierung, wußte ich, daß meine Stimme doch keinen Einfluß hat. Der Reichstag war eine Rednertribüne aber kein bestimmender Machtfaktor. Die vom Kaiser ernannten Minister verfügten alle wichtigen, wirklich politischen Maßnahmen nach geheimen Sitzungen mit den Hofleuten, Adelsführern und mächtigen Kapitalisten.

So konnte es auch kommen, daß die Kriegserklärung vollkommen überraschend das Volk traf. Nichts war vorbereitet, noch Minuten vor der Kriegserklärung hatte kein Mensch eine Ahnung. Ich selbst war zufällig "Unter den Linden" und wollte gar nicht begreifen, wußte gar nicht, um was es sich handelte, als gegen 4 Uhr eine Bewegung unter den Menschen stattfand und von Mund zu Mund die Schreckenskunde ertönt, die Mobilisation der Armee sei verfügt.

Ich hoffe, daß eine solche Politik niemals wieder möglich sein wird.

lo