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Reinhold Weiser: Bericht eines Buchenlanddeutschen

Dieser Eintrag stammt von Reinhold Weiser (*1925 ) aus Ulm, Februar 2010:

Das Buchenland (Bukowina) ist ein Land in Südosteuropa und liegt im Donaugebiet zwischen Rumänien, der Ukraine und Moldawien. Das im 17.-18. Jahrhundert zum österreichischen Kaiserreich gehörende Buchenland war ein fast unbesiedeltes Land, das durch das Ansiedlungspatent von Kaiserin Maria-Theresia besiedelt wurde. Durch eine großzügige Inpopulationsregelung wurden viele arme Einwanderer regelrecht in die Ostgebiete nach Siebenbürgen, Galizien, Bukowina, Bessarabien usw. gelockt.

Die überwiegend aus deutschen, österreichischen, ungarischen, polnischen und weiteren Bevölkerungsgruppen bestehenden Siedler bestellten das Land und trieben Handel. Durch diese vielen, verschiedenen Siedler, die auch ihre Sitten und Bräuche mitbrachten, entstand in der Bukowina ein Vielvölkerland.

Wie mir meine Eltern erzählten, wanderten meine Vorfahren väterlicherseits aus Österreich und mütterlicherseits aus Deutschland aus dem Hunsrück ein. Der Grund ihrer Umsiedelung war wohl die große, zukunftslose Armut dieser Menschen. Der Aufruf der Kaiserin Maria-Theresia muss wie ein Glücksfall auf sie gewirkt haben.

So entstand auch der Ort Rosch, ein Vorort von Czernowitz, der überwiegend von Deutschen besiedelt wurde. So wurde ich als drittes Kind von vier Söhnen meiner Eltern Martin Weiser und Elisabeth Weiser geb. Manz am 24.11.1925 geboren. Mein Vater war Finanzbeamter. Meine Mutter führte den Haushalt und betrieb eine kleine Landwirtschaft im Nebenerwerb. Die Erzeugnisse wie Obst, Gemüse, Eier usw. verkaufte sie auf dem Markt in Czernowitz.

Ich und meine beiden Brüder erlebten eine schöne Kindheit und ich kann mich noch gut an die warmen Sommer und die oft sehr kalten Winter erinnern. Im Sommer spielten wir im Garten und gingen manchmal auch zum Baden an den Pruth. Es war zwar ein langer Weg von je drei Stunden hin und auch wieder zurück. Aber damals hat man das für einen Badespaß gern in Kauf genommen. Im Winter war es oft sehr kalt und es gab immer sehr viel Schnee. Wir bauten Schneemänner und Iglus und fuhren mit Schlitten die Hügel herunter. Am Sonntag wurde der Pferdeschlitten eingespannt und wir besuchen die Großeltern und die Verwandten.

Uns Kindern war es strengstens untersagt, ohne Erlaubnis der Eltern Obst oder Gemüse aus dem Garten zu nehmen. Eines Tages hatte ich aber einen solchen Heißhunger auf die süßen, reifen Trauben, so dass ich mir heimlich die Schneiderschere meines Vaters schnappte, hinter meinem Rücken hielt und in den Garten schlich. Als kleiner Lausbub hatte ich leider nicht bedacht, dass unser Haus hinter mir stand und die ganze Familie sehen konnte, was ich vor hatte. Es muss wohl so lustig ausgesehen haben, dass mir später die Tracht Prügel glücklicherweise erspart geblieben ist.

In Rumänien begann damals mit dem siebenten Lebensjahr die Schulpflicht. Ich aber wollte bereits mit sechs Jahren zu Schule gehen und meldete mich einfach selbst an. Überraschenderweise wurde ich auch sofort aufgenommen. Allerdings zum Leidwesen meiner Mutter, denn ich war noch so klein, dass mich meine Mutter im Winter durch den hohen Schnee von Rosch nach Czernowitz in die Schule tragen musste.

Als ich 8 Jahre alt war, ich ging gerade in die 2. Klasse, wurde die Bukowina rumänisiert. Die rumänische Sprache wurde für alle zur Landessprache und Pflichtsprache in allen Schulen. Da sich mein Vater weigerte, die rumänische Sprache zu erlernen, durfte er seinen Beruf als Finanzbeamter nicht mehr ausüben. Er erlernte deshalb den Schneiderberuf und machte sich als Schneidermeister selbstständig. Er richtete in unserem Haus in Rosch eine Schneiderwerkstatt ein, in der er auch Lehrlinge ausbildete.

Im Frühjahr 1940 herrschte zwischen dem Deutschen Reich und der UdSSR eine rege diplomatische Tätigkeit. Viele Depeschen und Eiltelegramme gingen zwischen den beiden Staaten hin und her, denn es wurde um die Abtretung Bessarabiens, der Nord-Bukowina und die Umsiedlung der Volksdeutschen verhandelt. Die diplomatische Aktivität beruhte auf dem Hitler-Stalin-Pakt vom 23.08.1939 und dem nachfolgenden Geheimvertrag Ribbentrop-Molotow, worin die Abtretung des gesamten Gebietes fixiert wurde.

Es war an einem schönen Sommertag im Juni 1940, als plötzlich und unvorbereitet die Kunde kam, dass die Rote Armee der UdSSR in die Nord-Bukowina einmarschiert und die Panzer bereits auf dem Ringplatz vor dem Czernowitzer Rathaus stehen. Panik kam auf. Die rumänische Armee, die Administration und alles was laufen konnte und nicht bei den Sowjets bleiben wollte, zog im Eilmarsch in Richtung Süd-Bukowina.

Am 15. September 1940, ich war gerade 14 Jahre alt, traf die Umsiedlungskommission aus dem Deutschen Reich in Czernowitz ein. Nun wurde, dank guter Organisation der Roscher Deutschen, mit der Registrierung der deutschen Bevölkerung begonnen und jeder einzelne, sowie dessen Haus und Grundbesitz wurden erfasst.

Es begann eine bange Zeit. Alle Geschäfte wurden geschlossen und man musste sich selbst versorgen. Gott sei gedankt, dass wir einen eigenen Gemüsegarten hatten, sowie Hühner, Gänse und ein Schwein. In unserem Haus wurde eine Wohnung frei und es wurden zwei russische Offiziere einquartiert. Ein junger Leutnant und ein Hauptmann. Mit dem Leutnant Iwan Solotorow habe ich mich schnell angefreundet und zeigte ihm bei Spaziergängen unsere schöne Stadt Czernowitz.

So langsam mussten wir Buchenlanddeutschen uns nun auf die Umsiedelung einstellen und jeder verkaufte Geschirr, Werkzeug und alles was man nicht mitnehmen konnte. Mit dem russischen Geld aber konnte man nicht viel anfangen, denn während der sowjetischen Besatzungszeit wurden davon offiziell nur Salz, Streichhölzer und Tabak angeboten. Alle anderen Waren hatten die Russen aus den prall gefüllten Geschäften requiriert und in die UdSSR abtransportiert.

Als Schüler habe ich die Ferienzeit meistens bei meinen Großeltern auf dem Bauernhof in Unter-Stanestie verbracht. Einige meiner Onkels waren Schreiner und hatten größere Werkstätten. Oft bin ich durch diese Werkstätten gelaufen und habe unbewusst so manche Arbeitsgänge und Handgriffe aufgenommen. So konnte ich mir für die Reise zwei Holzkoffer mit Schwalbenschwanzverzinkung bauen, die ich für das Handgepäck von 50 kg gut gebrauchen konnte. Sogar die Beschläge habe ich fachgerecht angebracht und die Koffer mit grauer Farbe angestrichen. Einen Koffer habe ich heute noch und ich freue mich jedes Mal, wenn ich ihn ansehe, wie gut ich als vierzehnjähriger Bub gearbeitet habe.

Die Roscher Deutschen versammelten sich um das Deutsche Haus in Rosch. Das Umsiedlungskommando begann im großen Saal mit der Aufteilung der Bevölkerung. Dann kam der Tag der Erfassung der Roscher Schwaben für die Umsiedlung und bereits am 27. September 1940 fuhren die ersten Transporte in Richtung Deutschland.

Endlich wurden auch wir zur Registrierung gerufen. Pünktlich um 9 Uhr erschienen wir im Deutschen Haus. Unsere Namen wurden aufgerufen und wir wurden nach ethnischer Feststellung und verschiedener Gesundheitsfragen in die Umsiedlungslisten eingetragen. Wir bekamen einen zweisprachigen Ausweis auf das Wort "Nemecni" stand, der sichtbar umgehängt getragen werden musste. Die Zeit des Wartens auf den Abtransport erfüllten wir mit Koffer packen. Kleider, Wäsche, Hausrat und auch die Nähmaschine wurden in einer Holzkiste verstaut. Das Schwein wurde geschlachtet und zu Wurst, Rauchfleisch und Bratenstücke in Töpfen mit Bratfett versiegelt und haltbar gemacht. Ich selbst war erstaunt darüber, was meine Mutter alles einpackte und meinte: "Man braucht das doch nicht alles mitnehmen, in Deutschland gibt es doch alles!" Die Erfahrungen meiner Mutter aus dem 1. Weltkrieg haben ihr recht gegeben. Wir waren froh, als Mutter im Lager das mitgebrachte Brot und Rauchfleisch auspackte.

Der Abreisetag war ungwiß. Die Bekanntgabe erfolgte 24 Stunden vorher. In dieser Zeit musste das Umsiedlungsgepäck von 50 kg je Person und das Handgepäck zum Bahnhof gebracht werden. Endlich kam der Tag der Abreise. Am 02. November 1940 durften wir als eine der letzten Familien abreisen. Wir wurden von deutschen Soldaten mit einem Sanitätswagen abgeholt. Unser restliches Gepäck und auch die Nähmaschine meines Vaters wurden eingeladen. Nur der Hund blieb bei den gerade eingetroffenen Nachbewohnern zurück. Gerne hätten wir ihn mitgenommen, aber das ging ja nicht. Eine ganze Weile lief er dem Auto nach, bis er merkte dass er zurückbleiben musste.

Neun Tage ging die Bahnfahrt in Viehwagons durch fast menschenleeres Gebiet an die polnische Grenze, auf dem Weg "Heim ins Reich". Am Grenzbahnhof Przemysl wurden wir von Rot-Kreuz-Schwestern mit warmem Tee empfangen. Unter dem Empfangskomitee befanden sich auch junge Soldaten aus Rosch, die bereits im Deutschen Reich Dienst taten und eigens für diese Begrüßung beurlaubt wurden. Anschließend wurden wir zum Eintopfessen eingeladen.

Dann ging es weiter in einem Personenzug nach Breslau und mit Bussen ins Lager Kirschalle. Wir bekamen ein Zimmer im 2.Stock zugewiesen, das für einige Zeit unser zu Hause sein sollte. Im Allgemeinen verlief das Lagerleben recht harmonisch. Die mitgebrachten Lebensmittel mussten in der Gemeinschaftsküche abgegeben werden. Mit Bussen wurden wir zur Einbürgerungskommission nach Trebniz ins Ursulinenkloster gebracht. Hier wurde genauestens geprüft ob wir tatsächlich deutscher Abstammung waren. Da meine Eltern nachweisen, dass sie deutsche Vorfahren hatten, war für uns die Einbürgerung kein Problem mehr. Nach Erfassung aller Ahnendaten erhielten wir die deutsche Staatsbürgerschaft, einen Ausweis und eine Staatsbürgerurkunde sowie eine Tätowierung der Blutgruppe an der Innenseite des linken Oberarmes, die mir später fast zum Verhängnis wurde, wenn sie nicht über Nacht in der Gefangenschaft in Heilbronn auf unerklärliche Weise verschwunden wäre, denn kein Mensch hätte mir geglaubt, dass ich nicht bei der Waffen-SS gewesen war. Dann ging es wieder zurück ins Lager. Am nächsten Tag kam dann die Musterungskommission ins Lager. Die gewollte und ungewollte Musterung fing an. Wie war das mit der freiwilligen Musterung? Der Lagerleiter holte die jungen Männer alle zusammen, machte die Tür zum Saal auf und befahl allen einzutreten. Dies nannte man dann "freiwillige Musterung". Mein Bruder Robert wurde gemustert und sofort eingezogen. Er ist 1944 als Unterscharführer in Monte Casino in Italien gefallen.

Obwohl wir wussten, dass wir nicht immer im Lager bleiben konnten, hat uns Breslau sehr gut gefallen und wir fühlten uns dort schon heimisch. Doch wieder mussten wir unser Habseligkeiten verpacken und uns auf den Abtransport vorbereiten. Wieder kamen grüne Busse und brachten uns zum Bahnhof. Mit der Reichsbahn wurden wir Richtung Osten zum Lager Buschlinie nach Lodz gebracht. Obwohl dort die Zimmer groß waren, war es sehr eng, denn wir wurden zusammen mit zwei weiteren Familien einquartiert. Dann kam der Aufruf zur Ansiedelung. Wir sollten in einem Vorort von Lodz in ein polnisches Haus einziehen. Dorthin brachte uns die Ansiedlungskommission. Beim Eintritt in das für uns vorgesehene Haus erschrak mein Vater sehr. Der Kaffee stand noch auf dem Tisch und der Wecker rasselte. Als mein Vater fragte, wer hier gewohnt hat, erwiderten die einweisenden Leute: " Das geht Sie nichts an!" Auf sein Drängen, eine richtige Antwort zu erhalten, sagten sie: "Man hat hier Polen herausgeholt." Mein Vater lehnte eine solche Vorgehensweise ab und wäre deshalb beinahe der Willkür der Sicherheitskräfte ausgeliefert gewesen, wenn nicht sein ehem. Schulfreund, ein Jurist ihn davor bewahrt hätte. Wir wurden deshalb nicht angesiedelt und erhielten eine Wohnung in der Stadtmitte von Lodz. Dort fand mein Vater eine Anstellung im Luftwaffenbekleidungsamt. In Lodz, wie auch schon in Breslau versuchte ich die Schulbildung fortzusetzen. Danach meldete ich mich freiwillig zur Offizierslaufbahn an und wurde nach bestandener Aufnahmeprüfung gleich zum RAD und anschließend zu den Pionieren eingezogen. Nach der Grundausbildung kam ich auf die Unteroffiziersschule nach Breisach am Rhein. So entkam ich der verheerenden Ereignisse der Flucht meiner Familie, die abermals vor der Roten Armee flüchten mussten. Während der Flucht kam mein dritter Bruder zur Welt. Bei einem Luftangriff auf den Flüchtlingstreck verlohr meine Mutter meinen Bruder. Später wurde er ihr durch Zufall von einem nachfolgenden deutschen Soldaten zurückgebracht, der ihn im Straßengraben gefunden hatte.

Am 5. August 1944 wurde ich an der Ostfront bei Sanok verwundet und landete schließlich nach kurzer russischer Kriegsgefangenschaft in einem Lazarett in Berlin. Mit einer Genesungskompanie kam ich nach Heilbronn und weiter nach Geislingen. Dort kam ich bei den Amerikanern noch viereinhalb Monate in Kriegsgefangenschaft. Im Sommer 1945 wurde ich als Schwerkriegsbeschädigter vorzeitig nach Ulm entlassen. Ich hatte weder Geld noch Arbeit, wollte mich aber in Ulm niederlassen und so bewarb ich mich bei den Ulmer Verkehrsbetrieben als Straßenbahnschaffner.

Eigentlich wollte ich Bauingenieur werden, aber es fehlte halt am Geld. Meine Eltern, die ich inzwischen durch den Suchdienst des Roten Kreuzes wiedergefunden hatte, konnten mich nicht unterstützen. So habe ich nebenberuflich als Versicherungskaufmann angefangen und später den Beruf hauptberuflich ausgeübt. Im Januar 1949 habe ich meine Frau Grete geheiratet, die aus Ulm stammte. Aus dieser Ehe entsprangen 3 Kinder. Zwei Töchter und ein Sohn. Einige Jahre später machte ich mich selbstständig und baute ein Haus indem ich 1967 dann mein eigens Versicherungsbüro einrichtete, das heute von meinem Sohn geführt wird.

Zu den heute noch lebenden Buchenlanddeutschen im Bezirksverband Ulm besteht ein reger Kontakt und so war es für mich und meine Frau auch selbstverständlich, an der Einrichtung der Heimatstuben in der Ulmer Donaubastion mitzuarbeiten.

lo