> Zeitzeugen

Ursula Bässe: Von Coadjuthen nach Hamburg 1944

Dieser Eintrag stammt von Ursula Bässe (geb. Hoffmann, *1937) aus Hamburg, Juli 2010:

Meine Mutter floh nach dem "Feuersturm" über Hamburg 1943 mit meinen drei Schwestern und mir zu ihrem Vater nach Coadjuthen in Ostpreußen. Als die Russen immer näher kamen, verließen wir den Ort im August 1944. Meine Mutter spannte ein Pferd vor eine Kutsche und los ging es nach Stonischken. Coadjuthen hatte keinen Bahnanschluss. Das Dorf liegt an der Tilsiter Chaussee auf halbem Wege zwischen Pogegen und Heydekrug. Doch 14 km südlich lag die Bahnstation Stonischken an der Strecke Tilsit-Memel, wohin es eine Busverbindung gab. Pferd und Kutsche wurden vom Großvater wieder zurück geholt. Er wollte Coadjuthen nicht verlassen. Von Stonischken ging es mit dem letzten Zug nach Memel. In Memel bekamen wir den letzten Zug Richtung Westen. Wohin, das konnte keiner sagen! "Ziel unbekannt"!

Die Geschichte hat uns gelehrt, dass wir ein unglaublich großes Glück gehabt haben! 1944 im Oktober sollen Memel und das Memelland von deutscher Zivilbevölkerung geräumt werden, doch der Räumungsbefehl kommt zu spät: Die letzte Flucht im Kreis Memel beginnt am 08.10.1944. Im Süden bricht die Rote Armee am 09.10.1944 bei Heydekrug durch. Die Brücke über den Rußstrom bei Ruß wird von deutschen Pionieren gesprengt: Daraufhin gelingt Tausenden Memelländern die Flucht nicht mehr, einige retten sich über das Haff und die Kurische Nehrung. Fluchtberichte aus dem Memelland erzählen von unsagbarem Leid.

Der Zug war natürlich total überfüllt. Mütter mit 4 kleinen Kindern, so wie es bei meiner Mutter der Fall war, bekamen Hilfe so gut es ging. 2 Sitzplätze für Erwachsene war im Zug Luxus. Wir fuhren Tag und Nacht. Unterbrochen wurden die Fahrten durch Bombenangriffe auch durch Tiefflieger aus der Luft. Damals wurde noch mit Dampflokomotiven gefahren. Diese wurden bei einem Angriff vom Zug abgekoppelt, so das der Eindruck entsteht, dass es sich um einen abgestellten Zug handelt. Am Tage waren wir auf zwei Sitzplätze verteilt. In der Nacht lagen die großen Geschwister im Gepäcknetz. Ich lag hinter dem Rücken meiner Mutter auf ihrem Sitzplatz... das bedeutete für sie viele Nächte auf der Sitzbankkante!!

Ich wurde oft gefragt, ob ich traumatische Erinnerungen aus dieser Zeit habe. NEIN! Meine Mutter hat uns immer das Gefühl totaler Geborgenheit vermittelt! In dankbarer Erinnerung, denke ich sehr oft an sie zurück. Ich kann mich noch an ein Ereignis in Berlin erinnern. Unser Zug fuhr in den überfüllten Bahnhof ein. Wir wurden aufgefordert, die Abteilfenster runter zu lassen und die Hände durch das Fenster zu strecken. Auf dem Bahnsteig gingen Helferinnen mit BUTTERBROT-PÄCKCHEN, in Pergamentpapier verpackt, von Abteil- zu Abteilfenster und legten in die ausgestreckten Hände je ein Päckchen. Auch wir wurden damit versorgt. Aber nicht alle hatten das Glück! Fliegeralarm beendete diese Hilfsaktion abrupt.

Der Zug wurde schnell aus dem Bahnhof gezogen. Die Dampflokomotive abgekoppelt! Wir standen auf freien Geleisen. Saßen im Zug und konnten nur hoffen, dass uns keine Bombe trifft. Endlich wieder Ruhe am Himmel und unsere Fahrt ging weiter...

Gelandet sind wir im August 1944 in Reichenberg im Sudetenland.

Am Bahnhof von Reichenberg bekamen wir ein Wohnung zugeteilt, die ohne Einrichtung war. Am nächsten Tag ging unsere Mutter mit uns in ein Einrichtungsgeschäft und kaufte das Nötigste. Unser Aufenthalt war allerdings von kurzer Dauer, von August 1944 bis Februar 1945. Meine Mutter wollte nach Hamburg zurück. Das ging aber nur, wenn man einen Wohnsitz nachweisen konnte. Ansonsten galt man als "Buttenhamburger" (musste auf Wohnsitz warten). Da Hamburg zerstört war, konnte das Jahre dauern! Erneut musste meine Mutter wieder betteln. Diesmal bei ihrer Mutter, die außerhalb von Hamburg ein Wochenendhaus besaß. Meine Tante aus Belgern/Elbe war auch schon zu ihr geflüchtet. Wir durften auch kommen! In diesem kleinen Wochenendhaus lebten nun (statt 2 Personen) 4 Erwachsene und 6 Kinder.

Bevor wir aber Reichenberg verließen, zeigte unsere Mutter uns noch den Jeschken. Dieser Berg war vom Stadtzentrum zu sehen. Könnte mir vorstellen, das es das Wahrzeichen dieser Stadt war und ist. Es wurde eine große Wanderung, bis wir den Gipfel erreichten. Ein kurzer Besuch meines Vaters, der jetzt in Italien stationiert war, fand auch noch statt. 6 Monate besuchten wir in Reichenberg die Schule.

Eines Tages ging es los - "Heimwärts"! Reichenberg-Bad Schandau-Torgau/Elbe-Hamburg. In Torgau erlebten wir nochmals einen Fliegerangriff. Angekommen in Hamburg, meiner Heimatstadt... wir waren trotz aller Wohnraumenge überglücklich. Wie schon bekannt, hatten wir nur unsere Rucksäcke. Auf das andere Gepäck mussten wir monatelang warten.

Für uns Kinder war die Zeit bei der Großmutter sehr schön... es gab den Garten, mit Blumen, Obst und Gemüse. Auch hier gab es noch hin und wieder Fliegerangriffe, die wir im Garten, in einem kleinen Erdbunker, erlebten. Der Aufenthalt bei der Großmutter dauerte wohl noch 2 Jahre, bis wir eine Wehrmachtsbaracke zugeteilt bekamen. Ein neues ZUHAUSE begann... mühsam, aber Mama machte es recht bald gemütlich!

Die Menschen ließen sich ebenso wenig entmutigen wie die Natur. "Die unverzagte Stadt", so hat der Schriftsteller Otto Erich Kiesel Hamburg genannt. Noch nach jeder Verheerung ist es wieder auferstanden, wie Hans Leip - der Dichter der Lili Marleen - es 1943 in seinem Lied im Schutt beschworen hat: "Und als ich über die Ferne kam, / Schutt, nichts als Schutt, als ich über die tote Ferne kam, / da sah ich die tote Stadt von fern / und sah sie aufleuchten wie einen Stern / und sah ihre Not und Trübsal vergehn / und sah die Erschlagene auferstehn, schöner, als ich sie je gesehn."

"Nur wer um das Gestern weiß, ist in der Lage, Lehren aus diesem schrecklichen Krieg zu ziehen und sich dafür einzusetzen, dass sich solche Ereignisse, nicht wiederholen."

Stadtteilarchiv Hamburg-Hamm

Dies ist meine Geschichte "EINE MUTTER MIT VIER KLEINEN TÖCHTERN"

lo