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Ursula Bässe: Von Hamburg nach Coadjuthen in Ostpreußen 1943

Dieser Eintrag stammt von Ursula Bässe (geb. Hoffmann, *1937) aus Hamburg, Juli 2010:

Meine Geburtsstadt Hamburg verbrennt im Feuersturm...
Hamburgs "schrecklichste Stunden".

Meine "Zeitgeschichte" beginnt in Hamburg-Hasselbrook, Ritterstr. 59. Am Samstag, dem 24. Juli 1943, lastet drückende Hitze auf Hamburg. Der Abend bringt nur wenig Abkühlung. Kurz nach Mitternacht - um 0.33 Uhr - zerschneidet das Heulen der Sirenen die bruttige Stille: Fliegeralarm! Es fallen die ersten Bomben auf die Hansestadt. Die Bomber (Royal Air Force) hatten den Auftrag, die alte Hansestadt Hamburg bis auf den Grund zu zerstören, und zwar im vollsten Ausmaß ihrer Fähigkeiten und Möglichkeiten!

Die Stadt hatte sich gewappnet, so gut es ging, gegen diese Gefahr. Aber... die Elbe ließ sich nicht tarnen. Im Mondlicht lag sie wie ein silberglänzender Wegweiser unter den Bomberpiloten, denen der Turm der neugotischen Nikolaikirche - Mitte des 19. Jahrhunderts nach Plänen des englischen Architekten Gilbert Scott errichtet - als Orientierungs- und Zielpunkt diente. "Gomorrha" wurde dieser Angriff auf Hamburg genannt.

Meterhoch lodernde Flammen, die mit unvorstellbarer Zerstörungswut Gebäude zugrunde richten, Menschen in Ruinen, die ihre letzten Habseligkeiten in Sicherheit bringen. "Feuersturm" als Folge der Angriffe durch die britische Luftwaffe. In seiner Geschichte des Zweiten Weltkriegs schrieb Winston Churchill, der britische Kriegspremier: "Die vier Angriffe auf Hamburg zwischen dem 24. Juli und dem 3. August verursachten die gründlichste Zerstörung, die eine so große Stadt je in so kurzer Zeit erlebt hatte." Es war dies eher eine Untertreibung. In Wahrheit erlebten Hamburg und seine 1,7 Millionen Einwohner ein nicht-atomares Hiroshima.

Wir, meine Mutter und wir vier kleinen Mädchen, überstanden diese Bombennacht!

Am nächsten Tag mussten wir laut Anordnung Hamburg verlassen. Aus Sicherheitsgründen für die Kinder, hieß es. Ein späteres Verlassen der Stadt wurde in Frage gestellt! Sollten die Elbrücken zerstört sein, würde es keine Möglichkeit geben, die Stadt zu verlassen. Meine Mutter wollte versuchen, zu ihrer Schwester nach Belgern an der Elbe zu gelangen. Jedes Kind bekam einen Rucksack auf den Rücken, bis auf meine Schwester Inge, die mit Gelbsucht im Krankenhaus lag (die Rucksäcke waren schon für den Ernstfall im voraus gepackt). Inhalt: Wäsche, Schuhe, Bekleidung, persönliche Papiere und eine Rolle/Wolldecke mit Tragegriff.

Am nächsten Tag in der Frühe stand ein Taxi vor der Tür. Meine Mutter war ins Krankenhaus gelaufen und hatte heimlich unsere Schwester Inge geholt. Heimlich, weil ihre Krankheit, Gelbsucht, ja ansteckend war, aber ohne ihre Tochter Inge wollte mein Mutter Hamburg nicht verlassen. Mit dem Kind (im Nachthemd) auf dem Arm rannte sie über die Straßen bis zum wartenden Taxi. Im Taxi saßen wir, meine Schwester Margot, Anneliese und ich, und warteten auf ihre Ankunft. Anschließend ging die Fahrt mit dem Taxi und einer Sondergenehmigung über die Elbbrücken (diese waren für Zivilisten schon gesperrt).

In Hamburg-Harburg sollte die Fahrt mit der Eisenbahn fortgesetzt werden. Auch die fahrenden Züge wurden bombardiert! Würden wir einen Zug bekommen? Aber wohin und wie weit wird er uns bringen können? Zwei Tage nach unserer Flucht aus Hamburg wurde auch unsere Wohnung bis auf die Grundmauern zerstört! Unsere unbekannte Rucksack-Wanderung durch die Kriegstage nahm ihren Anfang!

Der Aufenthalt bei Tante und Onkel (Bürgermeister von Belgern) gestaltete sich schwierig - plötzlich waren 5 Personen mehr im Haus! Ich wurde in Belgern an der Elbe eingeschult... der Onkel wollte es so. Nach kurzem Aufenthalt verließen wir Belgern, und meine Mutter, die aus dem Memelland stammte, glaubte uns dort in Sicherheit bringen zu können. Erneut beginnt eine Rucksackreise... diesmal in das sehr ferne Ostpreußen. Unser Ziel war Coadjuthen: "An der Sziesze blauen Fluten liegt das schöne Coadjuthen." Dieses kleine Verschen weckt heute noch bei so manchem der Erlebnisgeneration Erinnerungen an diesen Ort. Dort, wo das Flüsschen Sziesze aus seinem litauischen Quellgebiet kommend die litauisch-deutsche Grenze überquert hat, liegt nur ca. 3 km von dieser Grenze entfernt Koadjuthen, das bis Ende des 18. Jh. ausschließlich mit "C", also Coadjuthen, geschrieben wurde. Es war ein freundlicher Kirch- und Marktort, der beinahe städtischen Charakter trug: die Häuser waren massiv, ein großer Marktplatz war vorhanden und er besaß ein Postamt, einen Arzt, eine Apotheke, zwei Drogerien, zwei Bäckereien, eine Fleischerei sowie 13 Kaufläden mit Gastwirtschaften und Filialen der Kreissparkasse und der Raiffeisenkasse.

Dort wurde meine Mutter geboren und ihr Vater, mein Großvater, lebte noch dort! Ein sehr strenger Mann, der aber bereit ist, uns für einige Zeit ein Ersatzheim anzubieten. Meine Mutter hatte den Vater nach ihrem 18. Geburtstag wegen seiner "Strenge" verlassen. Es war sehr mutig von ihr, ihn jetzt um Hilfe zu bitten. Jetzt in der Not musste diese vergangene Zeit vergessen werden. Aber wie ich später erfuhr, wurde meine Mutter immer noch als Kind angesehen und mit Strenge bedacht.

Seine Mahlzeiten nahm er allein ein, gut versorgt durch eine Haushälterin. Meine Mutter versorgte uns Kinder in der im Nebenhaus liegenden Wohnung. Brot wurde von der Haushälterin gebacken, das wir auch bekamen. Fleisch und Gemüse war reichlich vorhanden. Ich staunte über die Üppigkeit. Mit meinen damals 6 Jahren begriff ich die Zusammenhänge noch nicht. (Unsere Mutter hat uns erst sehr viel später über ihr Elternhaus berichtet). Es gab ein Ereignis, das uns alle überraschte! Eines Morgens kam die Haushälterin zu uns und sagte, dass ich bitte zum Großvater kommen möchte. Natürlich bin ich sofort mit ihr gegangen. Der Großvater saß beim Frühstück und bat mich Platz zu nehmen und mit ihm zu frühstücken. Was war wohl passiert? Ich sollte es sofort erfahren. "Du bist sehr mutig", sagte er zu mir, "und das gefällt mir!"

Vor einigen Tagen hatten wir eine Begegnung auf dem Grundstück. Großvater, sein Schäferhund und ich... und weil ich vor dem Schäferhund und dem strengen Großvater Angst hatte, sagte ich "du und der Hund, die müssen runter vom Hof"!!!! Es muss ihm wirklich imponiert haben. Noch 20 Jahre später erzählte er in seinem Bekanntenkreis diese Geschichte. Die Folge dieses Ereignisses war: Ich musste mit dem Großvater täglich gemeinsam die Mahlzeiten einnehmen.

Für uns Stadtkinder gab es viel zu entdecken. Die Tiere auf dem Hof, Blumenbeete und Gemüseanbau. Mich begeisterte auch der Fluss, die Sziesze (litauisch: Šyša - deutsch ausgesprochen = Schiesche), die am Grundstück des Großvaters vorbeifloss. Die Sziesze ist ein wasserreicher Fluss. Eines Tages wollte ich mit meiner Schwester Alli (Anneliese) dort Fische fangen, so mit Stöckchen, natürlich ohne Schnur, wie Kinder das so machen.

Bei dieser Aktion stand ich auf einer Grassode am Ufer der Schiesche, die nach kurzer Zeit abbrach und mich in die Strömung der Schiesche riss. Meine Schwester Alli, die nur 1 1/2 Jahre älter ist als ich rannte sofort los, um Hilfe zu holen. In der Nähe gab es einen Holzschuppen in dem befand sich eine Heißmangel. Meine Mutter war dort mit der Wäsche beschäftigt. Wie meine Mutter mir später erzählte hörte sie schon von weitem das ängstliche Geschrei meiner Schwester. Beide rannten wieder zum Ufer der Schiesche zurück. Ich war schon abgetrieben bis zur Brücke, die am Ortseingang war. Meine Mutter erzählte mir, dass ich ein unglaublich guten Schutzengel gehabt habe. Ich hatte ein Kleid an und dieses hatte sich mit Luft gefüllt. Sie sah mich im Wasser treiben. Der Kopf, Arme und Beine waren unter Wasser. Der Rücken aufgeblasen durch das Luft gefüllte Kleid waren zu sehen und dadurch konnte sie mich an der Brücke aus dem Wasser retten. Meine Mutter und meine Schwester Alli bekamen eine kräftige Erkältung durch ihre Rettungsaktion. Ich, es ist kaum zu glauben, war ohne Blessuren davon gekommen. Es war ein Wunder!

Meine Mutter, meine Schwester und mein "Schutzengel" haben mir das Leben gerettet.

DANKE...!

Diese Holzbrücke über der Schiesche hat meine Mutter noch einmal in Angst und Schrecken versetzt, wie sie mir erzählte. Sie hörte Pferdehufe auf der Holzbrücke... wer da wohl kommt? Sie ging an das Fenster und schaute hinaus und der Schlag traf sie... ein Pferd vom Großvater und oben drauf "ich", die Hände in der Mähne des Pferdes mit stolzem Gesichtsausdruck! Ich muss mir dieses (mit Sicherheit gutmütige) Pferd auf der Pferdekoppel gegriffen haben. Wie ich als kleines Mädchen auf dieses große Pferd gekommen bin? Keiner weiß es, ich auch nicht.

Langsam wurde es Winter. Meine Schwester Alli und ich gingen hier in Coadjuthen zur Grundschule und mussten jeden Tag (als Abkürzung) über den Friedhof. Im Schnee machte er einen romantischen Eindruck. Nur Alli hatte immer etwas Angst. Die beiden Großen mussten, ich glaube, nach Heydekrug zur Schule gehen. Meine Schwester Inge, die Älteste, wollte mit uns ein kleines Weihnachtsmärchen einstudieren. Es sollte ein Dankeschön für unsere Mutter, für den Großvater und seine Haushälterin, die uns Kinder immer sehr verwöhnte, werden. Die Aufführung sollte "Heilig Abend" sein. Sie hatte auch einen Titel erfunden: "SCHNEEFLÖCKCHEN IM WEIHNACHTSWALD". Wochenlang wurden von uns Wattebällchen auf Bindfäden gezogen und daraus Netze gemacht, die wir nach ihrer Anweisung überhängen mussten. Tannenbäumchen holten wir aus Großvaters Wald. An viel mehr kann ich mich leider nicht mehr erinnern. Bestimmt haben wir auch schöne Weihnachtslieder gesungen. Es gab eine große Enttäuschung. Der Großvater kam nicht! Wir Kinder waren natürlich enttäuscht! Unsere Mutter hat es aber sehr gut verstanden, mit uns noch einen gemütliche Weihnachtsabend zu verbringen.

Der Winter 1943/44 war für uns Kinder ein wunderbares Erlebnis. Auch das Frühjahr und der Sommer (Reise an die Nehrung) konnten wir mit viel Freude erleben. Aber dann im Herbst, war alles wieder vorbei! Die russische Front rückte immer näher... bald waren auch schon Schüsse zu hören. Keiner der Erwachsenen konnte sich vorstellen, dass die Gefahr für die Bevölkerung immer größer wurde. Unser Großvater bekam im August einen Warnhinweis, nach eingehender Beratung mit unserer Mutter stand der Entschluss fest! Rucksäcke packen und auf dem schnellsten Weg Coadjuthen verlassen. Bereits am 11. Oktober rückten die Russen nach einem Panzergefecht in den Ort ein, der zunächst kaum zerstört war. Die litauischen Neusiedler richteten dann jedoch bedeutende Zerstörungen an, indem sie nach und nach die unbewohnten Gehöfte abrissen und verheizten. Einige alteingesessene Familien, die auf der Flucht überrollt wurden, mussten nach Koadjuthen zurückkehren. Im März 1949 wurden die Familien Kestenus (4 Personen), Pieper (3 Personen) und Pokallnischkies (2 Personen) nach Sibirien verschleppt.

Meinem Großvater gelang auf abenteuerliche Weise die Flucht in den Westen. 


 

 

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