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Walther Pauer: Briefe von Walther Pauer aus Krieg und Kriegsgefangenschaft 1914-1919

Dieser Beitrag stammt von: Irmgard Engelhardt aus Konstanz April 2014

Mein Vater Walther Pauer (1. April 1887 - 20. November 1971) aus Regensburg nahm 1913 eine Konstrukteursstelle an der Technischen Hochschule in Dresden bei dem damals bekannten Maschinenbauingenieur Professor Adolph Nägel an. Nach Beginn des Krieges rückte er am 1.8.1914 als Leutnant der Reserve zum 11. Bayerischen Infanterieregiment des III. Bayerischen Armeekorps ein. Innerhalb weniger Tage befand er sich als Zugführer im Krieg an der Westfront. Nach zweimaliger Verwundung 1914 war er um St. Mihiel im Einsatz. Im April 1916 wurde er zum Oberleutnant befördert und als Kompanieführer erlebte er den vergeblichen Durchbruch und die Katastrophe von Verdun mit. Dort geriet er am 3. August 1916 bei Fleury in französische Gefangenschaft. Es folgte eine dreieinhalbjährige Kriegsgefangenschaft in verschiedenen Lagern, aus der er erst im Februar 1920 entlassen wurde. Anschließend war mein Vater wieder an der TH Dresden tätig, wo er 1920 promovierte und 1921 habilitierte. 1933 wurde er als ordentlicher Professor an das Institut für Wärmetechnik und Wärmewirtschaft berufen, das er fortan leitete. Von 1946 bis 1952 wurde mein Vater unfreiwillig als Spezialist in die Sowjetunion verbracht zusammen mit unserer Mutter und uns sechs Kindern. Nach der Rückkehr nach Dresden führte er das Institut für Energiewirtschaft an der Technischen Universität bis zu seiner Emeritierung 1958. Das von meinem Vater seit 1925 betreute Heizkraftwerk der TU heißt seit 2004 Walther-Pauer-Bau.

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Regensburg, 8. Nov. 1914

Sehr geehrter Herr Professor!

Auch den heutigen Brief kann ich leider nicht von französischen Boden absenden, da auch die zweite Periode meiner Feldzugstätigkeit nur von kurzer Dauer war. Ich erhielt in der Nacht vom 10. auf 11. November (es ist wohl Oktober gemeint! I.E.) einen Infanterieschuß, der 4 Zehen des linken Fußes verletzte. Ich war zunächst drei Wochen in einer Klinik in Freiburg i. Br. und bin seit letztem Freitag hier in Regensburg bei meinen Eltern. Die Heilung hat in letzter Zeit gute Fortschritte gemacht, ich kann bereits wieder mit einem Stock gehen, doch wird es wohl noch längere Zeit dauern, bis ich wieder Felddienst machen kann, da die Knochen von 2 Zehen ziemlich stark zersplittert waren. Vor Neujahr werde ich wohl kaum wieder ins Feld kommen. Alles in allem genommen kann ich aber doch von großem Glück sagen, daß ich wieder mit einer Verletzung davongekommen bin, die keinerlei dauernden Schaden nach sich zieht.

Die kurzen Wochen, die ich im Felde verbringen konnte, haben mir doch wieder eine Fülle von interessanten Erlebnissen gebracht. Ich kam gerade noch dazu, die Einnahme des Sperrforts Camps des Romains wenn auch nicht selbst mitzumachen, so doch wenigstens mitzuerleben. Wie wir da hineinkamen, das ist eigentlich jedem, der dabei war, heute ein Rätsel. Das Fort war artilleristisch noch keineswegs niedergekämpft, die Mehrzahl der Wallgeschütze, der Grabenstreiche, Maschinengewehre und Revolverkanonen waren vollkommen intakt, und dennoch konnten 8 Kompagnien Infanterie und eine Pionierkompagnie das Fort, das die Franzosen für uneinnehmbar hielten, in einer Nacht ohne vorhergehende Belagerung stürmen. Die Besetzung, die einen weit besseren Eindruck machte als die französischen Feldtruppen, scheint durch das vorhergehende Feuer unserer 28 cm Küstenbatterie vollkommen demoralisiert und zu energischem Widerstand unfähig geworden zu sein.

Leider ging es bei den übrigen Sperrforts nicht so glatt. Die Franzosen hatten, durch den Fall des wichtigsten Forts gewitzigt, große Infanteriemassen herangezogen, die den schwachen Kräften, die auf unserer Seite zwischen Foul und Verdun verfügbar sind, eine Annäherung auf Sturmnähe nicht gestatten, obwohl die Mehrzahl der Forts durch die ausgezeichneten 30,5 cm österreichischen Motorbatterien zusammengeschossen sind. Der weitere Vormarsch, der außerdem durch die ausgedehnten Waldungen sehr erschwert wäre, wurde daher eingestellt, und wir befestigten die eingenommenen Stellungen. Ich führte während dieser Zeit eine Kompagnie wie die meisten anderen Reserveleutnants, denn das Offizierskorps unseres Regiments ist furchtbar zusammengeschmolzen; nur ganz wenige Offiziere sind noch nicht verwundet, mehr wie einen Offizier hat keine Kompagnie mehr. Wir machten uns also westlich von St. Mihiel eine sehr schöne Verteidigungsstellung, bauten Unterstände, Beobachtungsstände, Schützen- und Deckungsgräben und freuten uns darauf, daß sich die Franzosen auch an unserer Stellung die Köpfe so einrennen würden wie bei unserem Nachbarregiment, bei dem eine französische Infanteriebrigade auf 50 m an unsere Schützengräben heranprallte und einen Verlust von 1400 Toten erlitt, während so ziemlich der ganze Rest sich ergab. So gut ging es uns allerdings nicht, es zeigten sich lediglich in der Ortschaft Bislée, die 3 km vor unserer Stellung lag, französische Patrouillen, die durch einen nächtlichen Überfall durch 2 Kompagnien, darunter auch meiner, hinausgeworfen werden sollten. Leider kam es anders. Wir kamen bis etwa 100 m an die Ortschaft, wurden dann von sehr starkem Infanteriefeuer empfangen, versuchten zu stürmen und sahen uns überraschenderweise vor sehr starken Drahthindernissen, die 10 m vor den feindlichen Schützengräben gezogen waren. Der ganze Ortsrand war in bekannt raffinierter Weise (Schützen auf den Bäumen, Flankierungsgräben etc. ) zur Verteidigung hergerichtet und zwar nicht von Patrouillen, sondern, wie ich später erfuhr, von etwa 1 Bataillon. Als wir die Drahthindernisse zu zerstören versuchten, erhielt ich einen Schuß in den Fuß. Glücklicherweise sind die Franzosen nicht so schneidig als sie schlau sind. Sie strecken immer nur das Gewehr aus dem Graben und knallen los, so daß die Gefahr getroffen zu werden, selbst in allernächster Nähe nicht sehr groß ist. Nur so ist es zu erklären, daß wir die beiden Kompagnien  mit etwa 20 Mann Verlust - größtenteils Leichtverwundete - wieder zurückbrachten. Leider bin ich nun wieder auf lange Wochen außer Gefecht gesetzt, doch erhielt ich wenigstens als Pflaster das eiserne Kreuz. In einigen Wochen hoffe ich vielleicht wieder leichten Garnisonsdienst machen zu können.

Auf der Heimreise hatte ich in Nürnberg Aufenthalt und telephonierte Herrn Röttgen an, der mich um Ihre Adresse frug. Er will sich demnächst wegen des Gleichstrompatents an Sie wenden, da die Einspruchsfrist gegen den Vorentscheid bald abläuft. Ich hatte den Eindruck, daß die MAN den Unterschied zwischen der von ihr vorgebrachten Patentbegründung und der von Herrn Professor schriftlich vorgebrachten immer noch nicht ganz einsieht, konnte aber leider in der Eile auch keinen Aufschluß geben, da mir die Frage nach dieser Sache nach den Ereignissen der letzten Monate etwas überraschend kam, so daß ich nicht gleich vollkommen im Bilde war. Herr Röttgen wird sich jedenfalls demnächst an Sie wenden. Wenn ich in dieser Sache irgenwie dienlich sein kann, bin ich dazu natürlich gerne bereit, Zeit genug habe ich jetzt. Ich hoffe, in etwa 14 Tagen bis 3 Wochen auch wieder so weit zu sein, daß ich nach Nürnberg reisen könnte, wenn dies Herr Professor für erforderlich hielten. Versuchsresultate der Gleichstrommaschine interessieren mich nach wie vor, zumal jetzt jedenfalls Zeit wäre, sich damit zu beschäftigen.

Ich fange jetzt wieder an, mich mit der Zwischendampfsache zu beschäftigen, doch gelingt es mir noch nicht, mich recht zu konzentrieren, ich höre immer noch Kugeln pfeifen und Granaten krachen, es dauert wohl noch einige Zeit, bis die Nerven mit diesen Eindrücken fertig werden.

Indem ich hoffe, daß es Ihnen, sehr geehrter Herr Professor, gut geht, bin ich mit den besten Grüßen

Ihr ergebenster Walther Pauer.

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St.Mihiel, 25.2.15, Gefechtsstelle "Hölle"

Sehr geehrter Herr Professor!

Entschuldigen Sie, wenn ich längere Zeit nichts mehr von mir hören ließ, die letzten Wochen sind bei mir ziemlich ereignislos, dafür aber umso arbeitsreicher vergangen. Anfangs Januar war ich wieder soweit hergestellt, daß ich Garnisonsdienst machen konnte. Es gibt beim Ersatzbataillon sehr viel zu arbeiten. Am 20. Januar bekam jede Kompagnie 100 Rekruten Jahrgang 1915, die in 6-8 Wochen ausgebildet werden sollen, aber wohl noch nicht so bald ins Feld kommen werden. Die Leute sind äußerst willig und von einem Feuereifer beseelt, aber leider ist ein Teil den ungeheuren körperlichen Anstrengungen, die die jetzige rasche Ausbildung an sie stellt, nicht gewachsen, etwa 10 - 15% werden wohl im Laufe der Ausbildung ausscheiden müssen.

Anfang Februar hatte sich mein Befinden soweit gebessert, daß ich wieder felddiensttauglich erklärt wurde. Ich kann auch tatsächlich den Dienst im jetzigen Stellungskampf leichter machen als die anstrengenden Felddienstübungen mit den Rekruten, da mir längeres Gehen immer noch schwer fällt. Zu meiner größten Freude kam ich wieder zu meinem alten Regiment. Am 17. 2. ging's wieder an die Front, das Regiment steht im Wesentlichen noch immer an der nämlichen Stelle wie im September, bei dem jetzt in der ganzen Welt bekannten Städtchen St. Mihiel. Man wird daheim leicht ungeduldig, wenn so scheinbar gar nichts weiter geht, und wenn jede Monatsbilanz nur mit ein paar genommenen Schützengräben abschließt. Man kann sich nicht recht vorstellen, was eigentlich unsere Truppen draußen tun und wie sie die Zeit totschlagen. Ich war auf's äußerste überrascht über die großen Veränderungen, die seit Oktober vor sich gegangen waren. Durch Errichtung einer Vollspurbahn von Chambley nach Vigneulles ist es möglich, 20 km näher an die Front heranzukommen. In Vigneulles ist ein großer Güterbahnhof mit weiten Rampenanlagen, Lagerhäusern und so weiter errichtet. Man hat so gar nicht den Eindruck, als sollte das alles nur für wenige Monate erbaut sein, so dauerhaft sind alle Gebäude. Von Vigneulles sind noch 16 km bis St. Mihiel. Der Weg ist am Tag ziemlich unangenehm, da er ständig von französischer Artillerie bestrichen wird. In den Wäldern bei Chaillon sind inzwischen ganz neue Waldstädte entstanden, die Quartiere von Regimentern, in deren Gebiet keine Ortschaften sind. Die einzelnen Baracken sind sehr schön eingerichtet und haben gegenüber den Ortschaften den großen Vorteil, daß sie für Artillerie ziemlich unerreichbar sind.

Die Verteidigung der vorgeschobenen Brückenkopfstellung bei St. Mihiel obliegt dem 6. und 11. bayr. Inf.Regiment. Die Stellung galt früher als sehr gefährdet, da sie von drei Seiten her unter feindlichem Artilleriefeuer liegt; sie ist jedoch besonders unter Ausnutzung des Forts Camp des Romains außerordentlich stark ausgebaut worden. Die Franzosen machten ein einzigesmal einen ernsthaften Versuch die Stellung der Sechser, die über die Maas vorgeschoben ist, zu nehmen. Das sollen allerdings sehr unangenehme Tage gewesen sein. Es wurden aus allen französischen zwischen Toul und Verdun liegenden Regimentern etwa 4 Freiwilligenregimenter gebildet. Außerdem wurde außerordentlich starke Artillerie zusammengezogen, die am 16. Nov. nachm. auf das 6. Regiment einen derartigen Feuerüberfall eröffnete, daß über der ganzen Stellung jenseits der Maas eine undurchdringliche Rauchwolke lagerte und die vordersten Schützengräben, die glücklicherweise nur ganz schwach besetzt waren, vollkommen verschüttet wurden. Es gelang den Franzosen auch, Teile von Chauvoncourt zu besetzen, infolge von Sperrfeuer unserer Artillerie konnten sie jedoch nicht entsprechende Unterstützungen nachbringen, und sie wurden an den beiden folgenden Tagen mit dem Bayonett und mit Handgranaten wieder herausgeworfen. Die ganze Sache hat den Franzosen über 1500 Tote gekostet, während auf unserer Seite die Verluste einschließlich der Verwundeten nur 200 Mann betrugen.

Seit diesen Tagen herrscht im allgemeinen Ruhe, da die Franzosen, nach der Aussage von Gefangenen ihre Leute unter dem Eindruck dieser furchtbaren Verluste - die Toten liegen heute noch vor der Front - nicht mehr aus den Schützengräben herausbringen. Sie haben die Gewehre eingespannt und ziehen sie von unten mittels eines Strickes ab. Der eigentliche beunruhigende Teil ist die französische Artillerie. Besonders gern schießt sie nach St. Mihiel und das ist natürlich unangenehm, da man Kellerwohnungen doch nur ungern aufsucht, sich vielmehr in noch nicht zerschossenen Gebäuden häuslich einrichtet. Was in den letzten Monaten in St. Mihiel alles geleistet wurde, ist wirklich erstaunlich. Ein Reserveleutnant hat mit primitivsten Mitteln ein Elektrizitätswerk eingerichtet, an dem 2000 Lampen hängen, wir haben eine Badeanstalt und in vielen Quartieren Warmwasserversorgung. In der ganzen Stadt herrscht mustergültige Ordnung und Sauberkeit, wie sie die Franzosen wohl nicht gewohnt waren. Das Verhältnis mit der Bevölkerung ist ein sehr gutes, auch ist ihr Los kein unangenehmes, franz. Offiziersdamen leben von dem, was sie von den Feldküchen erhalten. Die Stellungen des 11. Regiments gehen von der Maas bei Chauvoncourt über das Camp des Romains und Ailly bis in die Mitte zwischen Ailly und Aprémont und sind nunmehr großenteils vorzüglich ausgebaut. Große heizbare Unterstände aus Wellblech und mit Eisenbahnschienen eingedeckt, teilweise sogar aus Eisenbeton, so daß sie Volltreffer bis zu 15 cm aushalten. In die größeren Unterstände bekommen wir jetzt sogar Beleuchtung durch Akkumulatoren, da es, obwohl in St. M. eine Kerzenfabrik eingerichtet wurde, nicht möglich ist, den ganzen Bedarf hiervon zu decken. Natürlich ist die Stellung mit allen verfügbaren Mitteln gesichert: Drahthindernisse, Astverhaue, Wolfsgruben, Tretminen u.s.w. Das ist aber auch sehr notwendig, denn die Besetzung ist äußerst schwach. Viele Leute, die sich über einen vom Gegner eroberten Schützengraben aufregen, würden dies begreiflicher finden, wenn sie wüßten, daß vielleicht alle 50 m ein Doppelposten steht und daß eine Tiefengliederung so gut wie nicht vorhanden ist. Unser Bataillon hat 3 Komp. (die Bat. sind mit Rücksicht auf die Gliederung der Stellung sehr verschieden stark, 2-6 Komp.) und besetzt die Stellung mit 1 Komp., 1 Komp. arbeitet nachts, während 1 Komp. ruht. Da nun von der Wachkomp. außerdem noch Feldwachen und Patrouillen abzugeben sind, bleibt für die Besetzung der Stellung recht wenig übrig. Wir sind immer 2 Nächte u. 1 Tag in Stellung, 2 Tage u. 1 Nacht in St. M. Da wir gegen alle Witterungseinflüsse bestens geschützt sind, ist der Dienst lang nicht mehr so anstrengend wie im September und Oktober.

Auch mit Offizieren ist das Regiment nunmehr weit besser versehen. Jede Komp. hat außer dem Führer im allgemeinen noch 2 Leutnants, allerdings fast durchweg unbeförderte Herren, die jedoch durch den 6-monatlichen Kampf aufs beste geschult sind.

Ich führe nunmehr die 6. Komp. und habe sehr angenehme dienstliche Verhältnisse. Hoffentlich bleibt's dabei, ich bin einer der jüngsten Komp.Führer, und falls noch ältere Herren zum Regiment kommen, wäre es nicht ausgeschlossen, daß ich weichen müßte.

Wie lange der Krieg noch dauert, läßt sich heraußen noch weniger sagen als zuhause, da man von den übrigen Teilen der Front recht wenig weiß. Die allgemeine Ansicht ist die, daß die Entscheidung zunächst im Osten fallen muß, daß im Falle eines günstigen Ausganges der dortigen Operationen, Frankreich wohl nicht mehr allzu viel machen könnte. Doch was wird mit England werden? Die Stimmung ist allgemein vorzüglich, das schließt jedoch nicht aus, daß man der gegenwärtigen Art der Kriegsführung herzlich satt ist und ein Friedensschluß in nicht allzu weiter Ferne jedem erwünscht käme.

Ich hoffe, daß es Ihnen, sehr geehrter Herr Professor, gut geht und daß sich Ihre Tätigkeit nunmehr auch in etwas ruhigere Bahnen gelenkt hat. Mit den besten Grüßen bin ich

Ihr ergebenster Walther Pauer

III. bayr. Armeekorps, 6. Div.,11.b. Inf.Reg., 6.Komp.

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9. 7. 16

Sehr geehrter Herr Professor!

Nach längerer Zeit möchte ich doch wieder einmal ein Lebenszeichen geben und hoffe, daß auch Sie dasselbe gut antrifft. Die schönen Zeiten in St. Mihiel sind für mich schon gut einige Wochen vorüber, und wir haben in der Zwischenzeit zum Wanderstab gegriffen. Auch in meiner jetzigen Stellung hab ich es im allgemeinen recht gut getroffen, wenn dieselbe auch dem Brennpunkt der gegenwärtigen Ereignisse wesentlich näher liegt und daher viel unter Artilleriefeuer zu leiden hat. Doch sind meine dienstlichen Verhältnisse recht angenehm, neben den anstrengenden Tagen als Komp.Führer in vorderster Linie kommen solche, in denen ich den stolzen Titel "Vorpostenkommandeur" führe, einer Würde, bei der Annehmlichkeiten und Arbeit in umgekehrtem Verhältnis stehen. Eine sehr hübsch eingerichtete Wohnung, herrlicher Ausblick, der vielfach an das Vorgebirge erinnert, ein Forellenbach mit Badegelegenheiten, gute Verpflegung, kurz und gut diese Tage haben die nämliche Wirkung wie eine Sommerfrische, und wenn nicht die manchmal stark eisenhaltige Luft wäre, könnte man vergessen, daß man nicht im Urlaub ist. Im Juni sollte ich nämlich Urlaub bekommen, ebenso an einem Gaskurs in Berlin teilnehmen, allein diese freudigen Aussichten sind mit manchen anderen zu Wasser geworden.

Wir werden in den nächsten Wochen voraussichtlich sehr schweren Zeiten entgegengehen, und wenn wir die Zukunftsaussichten an Hand der Wahrscheinlichkeitsrechnung prüfen und dabei Koeffizienten zu Grunde legen, die bei anderen Truppen in ähnlicher Lage erprobt wurden, so wären sie sehr trübe. Nichtsdestoweniger ist die Stimmung bei uns vorzüglich und nach monatelanger Maurerarbeit sind wir froh, daß uns endlich einmal Aussicht vorhanden ist, an entscheidenden Ereignissen mitzuwirken. All das Friedensmäßige, das persönlich Unerquickliche, das sich bei so langer unbefriedigender Tätigkeit einschleicht, wird da rasch über Bord geworfen, das Bestreben, sich das Leben künstlich schwerer zu machen als es ist, wird rasch überflüssig.

Wir alle haben das Gefühl, daß die Häufung der gegenwärtigen Ereignisse uns endlich die Entscheidung bringen muß, im Norden scheint es weit besser zu gehen als man zu hoffen wagte, der Eindruck, den wir aus ziemlicher Nähe von den Ereignissen bei Verdun haben ist, daß die Lage für die Franzosen eine äußerst kritische geworden ist, und daß uns vielleicht nur noch wenige Wochen von dem Zusammenbruch trennen. Die letzten Tage müssen den Franzosen bei dem Versuch Thiaumont wieder zu nehmen geradezu vernichtende Verluste gebracht haben, man hört von sehr gut unterrichteter Seite, daß ihre Angriffstruppen 80% des Bestandes verloren haben, der Kampf dort hat Formen angenommen, die eine längere Fortdauer ausschließen. Auch im Osten scheint der Lage das Bedrohliche genommen zu sein, wenn auch die Österreicher schwer gelitten haben.

Nun hoffen wir das Beste. Vielleicht kann ich Ihnen, sehr geehrter Herr Professor, in einigen Wochen berichten, daß auch wir unser redlich Teil zum letzten entscheidenden Schritt mit beigetragen haben. In der Hoffnung bald Nachricht von Ihnen zu erhalten bin ich

Ihr ergebenster Walther Pauer.

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Oberleutnant d. R. Pauer

Dépot d'Officiers prisonniers de guerre Nr.53

Montoire (Loir et Cher), France, 20. August 16

Liebe Eltern! Hoffentlich habt Ihr meine Karte aus Souilly vom 9.8.16 erhalten, die Euch aus der peinigenden Ungewißheit erlöst hat. Seit gestern sind wir im Offizierslager in Montoire in der Nähe von Orléans und sind nunmehr in geregelte Verhältnisse gekommen. Auch eine Reihe von anderen Offizieren meines Regiments sind hier, von denen Ihr wohl in Regensburg erfahren werdet. Ich bitte meine gegenwärtige Adresse mitzuteilen an: (die folgenden Zeilen sind herausgeschnitten.)

Mit Verpflegung sind wir hier gut und ausreichend versehen, können uns auch alles Notwendige kaufen, Ihr braucht mir also in dieser Hinsicht nichts zu senden. Dagegen sieht es natürlich mit der Bekleidung schlecht aus. Ihr könnt mir 1-Pfund-Feldpostpakete und 10-Pfund-Pakete schicken, die etwas länger brauchen, größere Pakete durch das rote Kreuz. Zunächst brauche ich notwendig: Toilettenartikel (Nagelschere, Rasierapparat, Borsilpuder, Zahnpasta, engen Kamm, Bürste) dann einige Socken, eine Unterhose, ein paar Hemden, blaue lange Hose, Leinenrock, Hausschuhe.) Veranlaßt Zusendung meines Gepäcks aus dem Felde in die Heimat. (Zahlmeister Kregler II/11). An Büchern brauche ich möglichst bald: Schüle, Technische Thermodynamik I. Teil (Trockenzimmer), Mollier, Neue Tabellen und Diagramme für Wasserdampf, außerdem bitte ich Schüle II. Teil zu kaufen. Aus allen Büchern alle stenographischen Notizen entfernen, den Paketen absolut nichts Schriftliches beilegen. Schickt außerdem meinen Rechenschieber und einige gute Bleistifte sowie einen Block kariertes Schreibpapier (großes Format). Ich hoffe hier ordentlich arbeiten zu können. Mit meinem hiesigen Gehalt hoffe ich auszukommen, hoffe, daß mein Zivilgehalt nunmehr wieder beginnt, den ich Euch dann zuwenden kann. Karten und Briefe könnt Ihr jederzeit schreiben, natürlich nichts Militärisches, bitte hauptsächlich Nachrichten von Bekannten u.s.w. Edith wird wohl auch noch in Regensburg sein, ich habe an ihrem Geburtstag viel an sie gedacht, konnte aber nicht schreiben. Für heute Schluß.

Mit herzlichen Grüßen Euer dankbarer Sohn Walther

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Montoire, 3. Sept.16

Liebe Eltern! Vorallem wieder die Nachricht, daß es mir gut geht. Ich hoffe, daß Ihr inzwischen sichere Nachricht von mir erhalten habt, und ich rechne damit, Ende dieses Monats von Euch die ersten Mitteilungen zu bekommen. Wir können jeden Sonntag schreiben und zwar abwechselnd einen Brief oder zwei Karten. Beförderungszeit 14 Tage bis drei Wochen. Pakete, besonders kleine zu 1 u. 2 Pfund, kommen oft schon nach 6 - 8 Tagen an. Im allgemeinen funktioniert die Postverbindung sehr gut. Das hiesige Leben ist sehr geregelt und die Zeit vergeht verhältnismäßig rasch. Wir stehen zwischen 6 und 7 Uhr auf, dann turnen die meisten 1/2 Stunde, dann Frühstück und Appell. Vormittags arbeitet man, 12 Uhr Mittagessen, Nachmittags wieder Arbeit, meist tuen sich mehrere zusammen, um Sprachen oder sonst etwas zu treiben. 5 - 7 Uhr Turnspiele, dann Abendessen, um 9 Uhr geht's zu Bett. Ich habe mich ordentlich hinter meine Arbeit über Zwischendampfentnahme gemacht und hoffe nach Eintreffen der erbetenen Bücher gut weiterzukommen, jetzt hält mich der Mangel daran natürlich noch stark auf. Im Folgenden stelle ich nochmals alle die Sachen zusammen, um deren allmähliche Übersendung ich Euch bitte, falls ein Brief oder Karte verloren gegangen sein sollte.

1. Toilettengegenstände: Haarbürste, enger Kamm, Nagelschere, Rasierapparat mit Klingen, Borsilpuder, Waschlappen, 2 Handtücher.

Uniformen: gute Felduniform, Feldmütze, lange blaue Hose, Stiefletten (die ich im Feld hatte), Hausschuhe, grauer Mantel, blaue Litewka (womöglich mit bequemen Kragen, mit weißem Ersatzkragen). An Wäsche etwa 3 Hemden (Leinen), 3 Unterhosen, 2 Nachthemden, 6 Paar Socken, 6 Taschentücher, 1 oder 2 meiner Netzhemden, Einsätze für Hosenträger.

 Die Übersendung einer Reihe von Sachen, wie des Mantels, eilen gar nicht, wartet ab, bis meine Militärkiste aus dem Felde zurückkommt, sollte dies zu lange dauern, so moniert bei Zahlmeister Kregler oder meinem Feldwebel Wagner. Für möglichst baldige Übersendung der Bücher wäre ich Euch sehr dankbar. Ich schreibe sie in der Reihenfolge ihrer Wichtigkeit: Schüle, Thermodynamik 1. u. 2. Band, die durch Prof. Dr. Nußelt vermittelten Bücher (hauptsächlich über Zwischendampfentnahme und Thermodynamik) ein oder der andere Band von Föppl (Trockenzimmer), englische Grammatik von Deutschbein. Schickt mir im allgemeinem keine Bücher, die nach 1914 erschienen sind, da sie lange bei der Zensur liegen bleiben, ebenso vermeidet jede Verpackung in Nationalfarben u.s.w. An Lebensmitteln brauche ich im allgemeinem nichts, da man hier das Notwendige kaufen kann, etwas Marmelade wäre mir zur Aufbesserung des Frühstücks manchmal willkommen, sie ist hier bedeutend teurer, Butter dagegen billig (1/2 Pfund 1 fr. 10). Mit meinem Gehalt (150 fr.) davon für Verpflegung und Unterkunft ab 60 Francs komme ich aus, man hat natürlich besonders am Anfang viele Ausgaben. Ja nicht zu vergessen bitte ich den Rechenschieber, solltet Ihr ihn nicht finden, bitte ich einen zu kaufen (Etwa 15 cm. System Rietz mit Kubikwurzel- und logarithmischer Skala). Grüßt alle Bekannten, ich kann natürlich an sie nicht schreiben, besonders gelegentlich Georg, Rubner u. Bertholdt, mit dem ich zuletzt sehr viel zusammen war. In der Hoffnung bald etwas von Euch zu hören bin ich mit den herzlichsten Grüßen an Euch und Edith.

Euer dankbarer Sohn Walther

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Montoire, 24. 10. 16.

Liebe Eltern! Der nachfolgende Brief ist im wesentlichen schon am 16. 10. geschrieben, ich bekam ihn aber heute wieder zurück, weil er mit Tinte geschrieben war. Heute erhielt ich Paket Nr. 9 mit Mantel, Litewka, Zeichenmaterialien und Keks in bestem Zustand, und ich danke Euch für alles herzlichst. Ich bin sehr froh, daß der Mantel u.s.w. nicht verloren ging. Nunmehr der Brief vom 16.

Soeben gelange ich in den Besitz Eures lieben Briefs vom 25. Sept. Nr 3, für den ich Euch herzlich danke. Außerdem habe ich auch Paket  Nr 6 u. 7 in bester Verfassung erhalten. Es scheint bisher weder Brief noch Paket verloren gegangen zu sein. Mit der Aushändigung des letzten Pakets hatte ich Schwierigkeiten, da die Widmung auf den Arbeiten von Prof. Dr. Nußelt als schriftliche Mitteilung aufgefaßt wurde, schließlich erhielt ich die beiden Hefte, die Widmung wurde aber weggeschnitten. Ein Inhaltsverzeichnis den Paketen beizulegen ist ziemlich zwecklos, da ich es doch nicht bekomme. Auch werden alle Schachteln, Umhüllungen, Einwickelpapier u.s.w. zurückbehalten, bitte also immer nur ganz billige Sachen zu verwenden und auf Ausstattung keinen Wert zu legen.

Unser bisheriges Leben kann ich Euch brieflich nicht eingehend schildern. In unserem Zimmer sind wir zu 16; alle Berufe (1 aktiver Hauptmann, Gymnasialprofessor, Gymnasiasten, Bankbeamte, Studenten usf.) sowie alle Stämme von den Holsteinern und Polen bis zu den Bayern sind vertreten. Auch einige Ingenieure sind im Lager, mit denen ich viel zusammen arbeite, doch kommt man recht wenig vorwärts, da man nirgends die richtige Ruhe dazu hat. Nun zur Beantwortung Eurer Fragen. Mein Diener Jäger wurde mit mir gefangen genommen und kam in ein Mannschaftslager, näheres weiß ich nicht. Habe ich Euch schon geschrieben, daß Brockesch am 2. August gefallen ist? Er hat sich in den letzten schwierigen Wochen überaus gut bewährt, es war mir leider nicht mehr möglich, seine Eltern zu benachrichtigen.

Nun kommt wieder der übliche Wunschzettel. Ich bitte den Mitgliedsbeitrag an den Verein deutscher Ingenieure (20 M) für 1917 zu bezahlen, ich glaube, er ist am 1. Nov. fällig. Adresse und Postscheckformular findet Ihr wohl in einer der letzten Nummern. Die Zeitschrift selbst schickt mir nicht, ich hätte wahrscheinlich Schwierigkeiten mit der Aushändigung. Dagegen bitte ich auf die Sonderabzüge aus folgenden Fachgebieten zu abonnieren, die seit Juli 1916 erschienen sind, und mir von Zeit zu Zeit zu senden.: Dampfkessel, Dampfmaschinen, Gebläse, Kondensationsanlagen, Mechanik und Verbrennungskraftanlagen. Wenn noch vorrätig, bitte ich auch Sonderabdruck über die Missong-Dampfmaschine mit Dampfentnahme (erschienen 1914) zu bestellen. Ihr schickt am besten 10 - 20 M an die Redaktion Berlin N. W. 7 Sommerstr. 4a und erhaltet dann bis zur Erschöpfung des Betrages alle Hefte. Da ihr Inhalt rein wissenschaftlich ist, bekomme ich sie ausgehändigt. Bestellt sie unter meinem Namen, da ich sie als Mitglied um den halben Preis bekomme. Außerdem bitte ich, mir einen ganz billigen Zirkel, Länge etwa 12 cm, zum Abgreifen von Längen von Diagrammen u.s.w. zu besorgen. Die nicht auffindbaren Bücher sind jedenfalls in Dresden. Ich schreibe gelegentlich direkt an Dipl. Ing. Irlaften. Eine Decke, die ich im Felde hatte, sowie ein kleines Kissen kann ich gut brauchen. Lt. Gallwitzer ist hier, er läßt Herrn Hofrat Fanner bestens grüßen. Von Edith, Menzels u. Walther Fischer bekam ich diese Woche Briefe, dankt ihnen allen in meinem Namen bestens, es ist mir unmöglich, ihnen selbst zu schreiben, gelegentlich such ich es nachzuholen. Alle anderen, die sich nach mir erkundigen, grüßt herzlichst von mir, jeden Tag, an dem man einen Brief aus der Heimat erhält, ist ein Festtag. Schreibt bitte die Briefe einseitig, sie kommen in letzter Zeit immer stark zerschnitten an. Eure hab ich in ganzem Zustand erhalten.

Mit den herzlichsten Grüßen bin ich Euer dankbarer Sohn Walther.

(Anmerk. Mutter Betty: Erhalten den 18. Nov. 1916)

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La Courtine (Lager A) 6. Oktober 19

Sehr geehrter Herr Professor!

Den überraschenden Lagerwechsel, den wir Ende August  durchzumachen hatten, konnte ich Ihnen bisher nur durch eine kurze Karte mitteilen und hoffe, daß diese richtig in Ihren Besitz kam. Nunmehr hat auch das Wintersemester wieder begonnen, ohne daß wir in die Heimat gekommen wären; doch nach den Ereignissen der letzten Tage, der Ratifizierung durch die französische Kammer, scheinen mir die Aussichten für einen baldigen Abtransport etwas besser zu sein. Das hiesige Lager scheint tatsächlich eine Art Konzentrationslager zu sein, doch, nachdem wir nunmehr über ein Jahr konzentriert werden, ist einem der Glaube, daß darauf die Heimkehr folgt, allmählich verloren gegangen. Das hiesige Lager ist ein Truppenübungsplatz und ganz ähnlich eingerichtet wie auch unsere neueren Truppenübungsplätze. Wir wohnen in solid gebauten Steinkasernen und haben ziemlich ausreichenden Platz zur Bewegung; in zwei nebeneinander befindlichen Lagern sind etwas über 1000 Offiziere untergebracht, ein weiteres Lager wird demnächst erwartet, dann geht allerdings die Belegung in eine Kompression über. Die ganze Umgebung ist typische Heidelandschaft, ziemlich regellose Hügelketten mit Heidekraut und Ginster bewachsen, dazwischen hübsche Täler mit Buchen- und Eichenwäldern. Die ganze Gegend ist sehr schwach bevölkert, in der Nähe nur ein Ort mit typischer Übungsplatzbevölkerung, die aber mit Beginn des Winters großenteils abwandern soll. Der Winter ist überhaupt ein Schreckgespenst, dem wir hoffentlich auskommen. Schon jetzt ist es empfindlich kalt, das Lager liegt etwa 800 m hoch, die elektrische Beleuchtung besteht in sehr bescheidenen rotglühenden Birnen, so daß Lesen unmöglich. Die Heizaussichten sind bisher nicht viel besser. Die Beschäftigung ist dementsprechend. Man macht sich so viel als möglich Bewegung, um sich warm zu halten, die Arbeit ist meist auf wenige Stunden beschränkt. Ich habe jetzt einen Kurs über Dampfmaschinensteuerungen für 6 Studenten des Maschinen-baues, darunter einem der Dresdener Hochschule, aufgemacht, hauptsächlich auch, um mich selbst wieder mit diesem Gebiet etwas eingehender zu beschäftigen; denn alle Gedanken gehen eben immer nachhause, drängen darauf, endlich wieder eine geregelte, nutzbringende Beschäftigung zu finden. Hoffentlich gehen nunmehr unsere Wünsche bald in Erfüllung.

Indem ich bitte, alle bekannten Herren bestens zu grüßen, bin ich mit den besten Empfehlungen

Euer Hochwohlgeboren ergebenster

Walther Pauer.

(beantwortet 28. 12. 1919  A.N.)

 

 

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