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Werner Frischholz: Letzte Kriegstage in Norddeutschland und Dänemark

Dieser Eintrag stammt von Werner Frischholz (*1927) aus Hamburg, Juli 2002:


Von vielen Seiten bin ich wiederholt aufgefordert worden, meine Erlebnisse aus den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges aufzuschreiben. Ich hielt das nie für notwendig und auch nicht für wichtig: Meine Erlebnisse waren in keiner Weise anders, als die vieler tausend Soldaten oder Zivilisten. Ich hatte auch keine größeren Abenteuer oder Todesgefahren zu überstehen. Dazu kommt, daß in der Zwischenzeit ein halbes Jahrhundert vergangen ist. Sich noch einmal in die Situation von damals zu versetzen, ohne später gewonnene Einsichten nachträglich einzufügen, ist nicht ganz einfach.

Heute bleibt doch nur noch demütig anzuerkennen, daß eine Mischung aus Angst und Pflichtgefühl uns alle in der Tat zu Helfern des Hitlerschen Krieges hat werden lassen. Inzwischen haben meine Überlegungen aber nun doch dazu geführt, daß ein Festhalten, auch wenn diese Erlebnisse nicht spektakulär sind, für die Nachwelt aber vielleicht doch Anregungen bieten, gründlicher über das "Tausendjährige Reich" nachzudenken. Letztendlich werden ja auch die, die noch aus persönlichen Erlebnissen darüber berichten können immer weniger.

Das Kriegsende - bzw. die letzten Tage des Krieges - begannen für mich Ende März 1945. Bis zu dieser Zeit befand ich mich - seit knapp einem Jahr - in der Fischbeker Heide, oberhalb der Segelfliegerschule, bei einer 8,8 cm Flak-Batterie des RAD (Reichsarbeitsdienst). Wenige Tage vorher war ich gerade 18 Jahre alt (jung) geworden. Bis in diese letzten Märztage glaubten wir noch alle an die immer wieder propagierte Wunderwaffe und damit an eine Wende des Kriegsgeschehens. Als 1933 Eingeschulter hatte ich doch nichts anderes gelernt, als fest an das "Tausendjährige Reich" zu glauben.

Erst als unsere Kanonen auf dem Fischbeker Berg in den letzten Märztagen abgebaut und auf bereits schon länger vorbereitete Betonsockel links und rechts der Buxtehuder Straße, als Panzerabwehrkanonen wieder aufgebaut wurden, begann auch bei mir ein vorsichtiges, von Tag zu Tag intensiver werdendes Nachdenken über den Krieg und die Zukunft. Zwar war das Umsetzen der Geschütze aus meinem damaligen Verständnis logisch, hatte doch die Munition schon seit Jahresbeginn kaum noch für alle Kanonen auf dem Berg für die Luftabwehr gereicht. Aber mit Flak-Kanonen Panzer zu beschießen, das war nun wirklich nur noch Notwehr.

Zu dieser Zeit wußten wir natürlich von den ständigen Luftangriffen auf Hamburg und Berlin und auch, daß Harburg nicht verschont geblieben ist. Wie es aber wirklich in Harburg aussah, davon hatten wir keine Ahnung, wir kamen ja aus unserer Stellung fast nie mehr raus. In Harburg - genauer gesagt in Sinstorf, in der Flak-Kaserne - bin ich zuletzt August/September 1944 gewesen. Harburg hatte da zwar auch schon einiges abbekommen, aber das Leben - so mein Eindruck - lief doch noch in geordneten Bahnen. Von Neugraben hatte ich auch so gut wie nichts gesehen, wenn man einmal vom Bahnhof absieht. Das einzige, was mir gut in Erinnerung geblieben ist, ist die Gaststätte "Heidekrug". Sie konnten wir - verbotenerweise - auf Schleichwegen erreichen, ohne die Wache passieren zu müssen.

Nachdem unsere Kanonen längs der Buxtehuder Straße montiert waren, wurde natürlich das Funkmeßgerät der Batterie und seine Bedienung, zu der ich auch gehörte, nicht mehr gebraucht. Wir wurden deshalb in die Kaserne nach Sinstorf geschickt. Weil man uns da aber auch nicht haben wollte, versetzte man uns kurzerhand zur Infanterie. Wo allerdings genau die Einheit zu finden war, bei der wir uns melden sollten, konnte man uns in Sinstorf auch nicht sagen. Also machten wir uns erst einmal auf die Suche. Das heißt, wir fragten uns quer durch den noch nicht besetzten Rest Norddeutschlands, ohne uns allerdings übermäßig zu beeilen. Wir hatten ja einen ordnungsgemäßen Marschbefehl und die "Kettenhunde" (so nannte man die deutschen Militärpolizisten) konnten uns meist auch nicht sagen, in welche Richtung wir uns weiter bewegen sollten. Es hat, soweit ich mich erinnern kann, sechs oder sieben Tage gedauert, bis wir in der Graf-Golz-Kaserne in Lübek "endlich" die gesuchte Einheit fanden. In Lübek empfing uns ein heilloses Durcheinander. In der Kaserne lag nur noch eine Kompanie, so erfuhren wir, diese bestand aber aus 16 oder 18 Zügen, ganz genau konnte das auch niemand sagen. Täglich, so klärte man uns auf, würde einer der Züge abkommandiert an die Front, meist nach Berlin.

Schon auf unserem recht abenteuerlichen Weg nach Lübek haben wir, manchmal auch laut, über den "Endsieg" nachgedacht, wenn auch immer noch mit der gebotenen Vorsicht. Das Chaos in Lübek hat uns aber vollends davon überzeugt, daß wir schon einige Zeit mißbraucht und verar... worden waren. Für mich war jetzt - erst jetzt - klar, daß der Endsieg - für die Alliierten - kurz bevor stand. Es kam für mich deshalb ab sofort nur noch darauf an, möglichst mit heilen Knochen zu überleben. Nur noch dieser Gedanke bestimmte für mich und einen Kameraden aus Friedrichskoog, der sich mir angeschlossen hatte, unser Handeln. Überlegungen darüber, ob das bevorstehende Kriegsende Befreiung oder Niederlage bedeuten würde, haben uns nicht gestreift. Wir hatten ja ausreichend damit zu tun, unser Überleben zu organisieren.

Ich hatte schon erwähnt, daß täglich ein Zug abkommandiert wurde. Jeden Morgen wurde der Zug aufgerufen. Weil wir nicht genau wußten, welchem Zug wir zugeteilt worden waren, erschienen wir täglich zum Appell. Nach dem Abzählen hieß es dann meist: "Packen und Marschverpflegung für drei Tage fassen". Um 14 Uhr wieder antreten, dann steht ein Zug bereit, der sie nach Berlin bringt. Weil aber Berlin in unseren Überlebensplanungen nicht vorkam, haben wir uns, nachdem wir Marschverpflegung gefaßt hatten, irgendwo im weitläufigen Kasernengelände bis zum nächsten Morgen verkrümelt. Wir hatten herausgefunden, daß einige es schon seit mehreren Wochen so machten und nie aufgefallen waren. Wir trieben dieses Spielchen aber nur einige Tage bis wir einen Transport nach Dänemark zu fassen hatten. Dänemark paßte gut in unsere Überlebenspläne, dort wurde nicht geschossen und Bombenangriffe gab es auch nicht, dabei blieben wir.

Nach sechs Tagen, länger als angenommen, hatten wir unser Ziel, Farsö, ein kleines Städtchen in Nordjütland am Ufer des Limfjordes, erreicht. Gut zwei Wochen dauerte diese fast friedliche Herrlichkeit, die wir mit Schießübungen und anderem Unfug verbrachten, bis es auch uns erwischen sollte.

Nach einer "notwendigen" Entlausung in Aarhus - vorher hatten wir keine, aber nachher - sollten wir doch noch nach Berlin verfrachtet werden, um nun "endlich" den Krieg zu "gewinnen". In Aarhus fielen uns die vielen ungewohnten Freudentänze und der Jubel der Dänen auf. Das konnte unmöglich etwas mit Entlausung zu tun haben. Auf den Plakaten entzifferten wir dann endlich, daß unser "geliebter" Führer den Heldentod gestorben sei. Wir begriffen sehr schnell - ob alle weiß ich nicht - daß dieser "schöne" Krieg nun endlich in den letzten Zügen lag. Bei der damals "überschwenglichen" Freundschaft der Dänen zu uns bedeutete das, zu versuchen, möglichst schnell und ohne Blessuren den bereitstehenden Transportzug zu erreichen.

Wir haben es tatsächlich geschafft, nicht nur den Zug, sondern auch das rettende Ufer, die deutsche Grenze nämlich zu erreichen. Allerdings mußten wir bei dem dänischen Lokführer mit "sanfter Gewalt" etwas nachhelfen, damit er uns nicht einfach auf freier Strecke stehen ließ. Die dänischen Lokführer waren nämlich gegenüber den Deutschen sehr genau. Wenn ihre Arbeitszeit zu Ende war, machten sie Feierabend und ließen den Zug stehen, ganz egal wo er gerade war.

Kurz nachdem unser Zug die deutsche Grenze passiert hatte, wir brauchten dafür 3 Tage, erfuhren wir, daß der Krieg zu Ende sei.

Natürlich waren wir traurig, nun nicht mehr für unseren "geliebten Führer" kämpfen zu dürfen. Der erste längere Aufenthalt auf deutschem Gebiet war, - diesmal mit einem deutschen Lokführer - Schleswig. Weil aber die drei oder vier Engländer, die inzwischen Schleswig besetzt hatten, mit uns nichts anzufangen wußten, wurden wir nach Rendsburg weitergeschickt. Dort empfing uns eine inzwischen verdoppelte Besatzungsmacht, es waren bestimmt sieben oder acht Engländer. Trotz guten Zuredens wollten die aber partuot unsere Waffen, vor allem die Panzerfäuste, die wir immer noch mit uns herumschleppten, nicht haben. Wir hatten den Eindruck, vor den Panzerfäusten hatten sie mehr Respekt als vor uns. Die Engländer verpaßten uns weiße Armbinden mit dem Aufdruck "Polizei" und schickten uns, samt Waffen in den Rendsburger Kanalhafen als Hafenwache. Sie schärften uns - mit viel Schwierigkeiten - ein, niemanden, vor allem keine Ausländer, auch keine Engländer, in den Hafen zu lassen. Dieser erste Nachkriegsjob gefiel mir ausgezeichnet. Zwei Stunden Wache, sechs Stunden frei, dazu gut gefüllte Lager mit Dingen, die wir nur noch vom Hörensagen kannten, war durchaus erträglich. Das einzig negative an diesem Job war die Bezahlung. Leider dauerte er nur vier Wochen. Dann "durften" wir endlich unsere Waffen abgeben und mußten den Marsch in ein Gefangenenlager am Selenter See, mit gut gefüllten Rucksäcken aus den Lagern des Hafens, antreten.

Ich hatte eingangs darauf verwiesen, daß es schwer ist, die Erlebnisse der letzten Kriegstage aufzuschreiben, ohne inzwischen gewonnene Einsichten und Erfahrungen einfließen zu lassen. Ich weiß auch, daß es mir nicht ganz gelungen ist und auch, daß ich einiges glossiert wiedergegeben habe. Damals habe ich diese Tage allerdings keineswegs lustig oder als Glosse empfunden, ganz im Gegenteil. Aber wer kann schon aus seiner Haut und wer hat schon seine Gedanken im Griff?

lo