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Werner Mork: 8. Mai 1945 Als Wehrmachtssoldat in Tschechien

Dieser Eintrag stammt von Werner Mork (*1921) aus Kronach, Februar 2010:

Das Ende des Zweiten Weltkrieges erlebte ich als Wehrmachtssoldat in Tschechien. Ende April 1945 hatte sich mein Regiment in der Gegend um Trebitsch gesammelt. Mit den noch vorhandenen Fahrzeugen hatten wir uns in eine Art von Wagenburg eingeigelt. Der Grund war die sehr kritisch gewordene Situation infolge der jetzt überall auftauchenden und angreifenden tschechischen Partisanenverbände. Wir hatten es jetzt mit zwei Gegnern zu tun. Die tschechischen "Freiheitskämpfer" waren sehr aktiv geworden, sie waren nun neben den Russen ein zusätzlicher Schrecken für uns. Wir alle lebten in einer sehr gespannten Atmosphäre, begleitet von einem unguten Gefühl großer Unsicherheit, auch von einer grenzenlosen Verlassenheit. Was würde nun geschehen? Es war das eine etwas seltsame und wohl auch gespenstische Situation, dass eine militärische Einheit, d.h. der Rest eines Regiments, in diesem Gelände auf freiem Feld biwakierte und dabei anscheinend voll und ganz sich selber überlassen war. Es bestanden keine Verbindungen mehr, wir erhielten keine Befehle mehr, wir kamen uns hilflos und verlassen vor. Es entstand eine Art von Mutlosigkeit mit dem miesen Gefühl, dass wir nun wohl den Russen endgültig ausgeliefert seien. Aber für noch größer hielten wir die Gefahr, vorher von den Tschechen umgebracht zu werden, nur würden wir es denen nicht leicht machen. Wir würden uns dann wirklich bis zu letzten Patrone verteidigen, nicht kampflos aufgeben; lebend sollten die uns nicht in ihre Hände bekommen, darüber herrschte bei uns Einigkeit.

Wir hatten eine große Angst, und unser Denken drehte sich nur noch um das, was uns in den nächsten Tagen bevorstünde, was mit uns in der Tschechei geschieht, in der wir uns wie in einem Kessel befanden, der nun ringsum dicht gemacht wurde. Doch dann war plötzlich das Ende des Krieges da. Der neue "Führer" des Rest-Reiches, Großadmiral Karl Dönitz, gab die "Bedingungslose Kapitulation" des Reiches und der Wehrmacht bekannt. Vom Himmel über uns kamen aus russischen Flugzeugen jetzt keine Bomben mehr auf uns hernieder, sondern Flugblätter mit der Mitteilung der Kapitulation und eine Anweisung darüber, wie wir uns beim Inkrafttreten des Waffenstillstands zu verhalten hätten.

Am 8. Mai 1945 war das Ende da. Der Krieg war endlich vorbei. Jahre voller Vernichtung von Menschen und von Eigentum waren vergangen, was würde nun auf uns, die Deutschen, zukommen? Wie würde ich nun mein erhalten gebliebenes Leben gestalten können? Würde es dazu überhaupt noch gute Möglichkeiten geben? Was würde mein Schicksal sein, nachdem ich mich im September 1939 als Kriegsfreiwilliger gemeldet hatte? Wie froh und glücklich musste ich sein, dass ich die vielen Jahre überlebt hatte, dass ich nicht verwundet worden war, dass ich kein Krüppel war. Ich war zwar gesundheitlich sehr angeschlagen, aber ich war am Leben. Ich hatte überlebt als ein stinknormaler kleiner Landser, ohne besonderen Rang, nur ein Obergefreiter ohne eigens Dazutun und ohne jede Art von Auszeichnungen. Ein Nichts dieser Wehrmacht wollte jetzt nur noch nach Hause, wollte versuchen, im Frieden endlich eine reale Existenz aufzubauen, eine Familie und ein Heim zu haben, um dann den Wahn des Krieges langsam zu vergessen, aber mitzuhelfen am Neuaufbau eines demokratischen und sozialistischen Staates, der für alle Zeiten vom Wahn des Krieges geheilt sein würde. Als ein in diesem Kriege zum Pazifisten gewordener deutscher Jüngling schwor ich mir selber, niemals wieder Soldat zu werden. Und ich armer Tor hoffte, dass Millionen anderer Menschen in allen Ländern sich nach diesem Wahnsinn nicht anders verhalten würden. Mein utopisches Denken hatte mich noch nicht verlassen, das trug ich in mir in der festen Überzeugung, dass in dieser doch wirklich neuen Zeit, die Vernunft endlich Einkehr halten würde in allen Nationen, allen Völkern, allen Menschen gleich welcher Rasse und Hautfarbe.

Frieden sollte nun sein, doch zuvor mussten die Soldaten erst noch in Gefangenschaft marschieren, der direkte Weg mal so ganz einfach nach Hause, den gab es nicht. Dieser Traum war und blieb dann für sehr viele nicht nur ein lange anhaltender Traum, der führte für viele noch zum Tod trotz des beendeten Krieges.

Nach der Bekanntgabe der Kapitulation wurden wir zusammengerufen, und der Kommandeur hielt an den Rest seines Regiments eine Ansprache. Zu Anfang entband er alle anwesenden Soldaten von dem Eid, den sie einmal dem "Führer" geleistet hatten. Dann verkündete der Noch-Kommandeur, dass es ab sofort jedem freistünde, dahin zu gehen, wohin er wolle. Nur äußerte er in dem Zusammenhang Bedenken dahingehend, ob der Einzelne das wohl schaffen könne, so ganz alleine in der nun auch feindlichen Tschechei, den Weg in die Heimat zu finden. Die tschechischen Kämpfer würden sicher keinen deutschen Soldaten als Einzelgänger so einfach ziehen lassen. Er würde daher empfehlen, zusammen zu bleiben und gemeinsam zu versuchen, den Weg in Richtung deutsche Grenze anzutreten unter Mitnahme der dazu erforderlichen Fahrzeuge wie auch der leichten Waffen -weg von den Russen und hin zu den Amerikanern. Nach dieser Ansprache gab es dann eine schon direkt demokratische Abstimmung. Alle stimmten für den Vorschlag vom Kommandeur, der er noch immer war und auch blieb. Seiner Meinung war es am besten, über Iglau nach Pilsen zu kommen, weil dort schon die Amerikaner waren und die "russische Gefahr" nicht mehr gegeben sei. Auch hierzu gaben die Anwesenden ihre Zustimmung, ein völlig neues Gefühl beim Kommiss.

Am Himmel erschienen immer wieder russische Flugzeuge, die aber nichts weiteres taten, als Flugblätter abzuwerfen mit dem Hinweis, dass der Waffenstillstand um 24 Uhr in Kraft tritt, dass die deutschen Soldaten in ihren jetzigen Stellungen zu verbleiben, die Waffen niederzulegen und die Ankunft russischer Einheiten abzuwarten hätten. Wer nach 24 Uhr noch mit der Waffe in der Hand angetroffen würde, auf den träfe die Haager Landkriegsordnung nicht mehr zu, der sei kein Soldat mehr, sondern ein Partisan, der als solcher "behandelt" werden würde, d.h. er würde erschossen werden.

Trotz dieser Flugblätter dachte aber keiner daran, den russischen Anordnungen Folge zu leisten. Statt dessen setzten wir uns in Marsch Richtung Iglau. Als wir sie abends erreichten, kamen wir in eine lichterloh brennende Stadt, die aber dennoch durchfahren werden musste, wenn wir auf dem geplanten Weg weiterkommen wollten. Es wurde beschlossen, mit Vollgas durch das brennende Iglau zu rasen. Das wurde eine Höllenfahrt, aber wir schafften es trotz Brand, Trümmer, umkippender Leitungsmasten und vieler anderer Hindernisse an das andere Ende der Stadt zu kommen, und konnten nun versuchen, auf dem geplanten Weg weiterzukommen.

Inzwischen war es Tag geworden, und an diesem Tag, dem 9. Mai 1945 ergab sich für uns ein gespenstisches Bild. Seit 24 Uhr herrschte Waffenstillstand, aber wir und andere Einheiten fuhren trotz der russischen Anweisungen auf einer tschechischen Landstraße in die Richtung, wo Pilsen liegen sollte. Das gespenstische dabei war, dass wir regelrecht "begleitet" wurden von russischen Panzern, die nur unweit von der Straße entfernt über das Gelände fuhren. Die machten aber keinerlei Versuche, uns zu behindern oder gar zu beschießen. Wir waren darüber schon sehr verwundert, aber wir wussten noch nichts von der vereinbarten Demarkationslinie, die den amerikanischen Bereich in der Tschechei von dem russischen Bereich trennte. Wir wussten auch nichts von unserem Glück, uns rein zufällig im amerikanischen Bereich zu befinden. So ergab sich das gespenstische Bild, dass nur ca. 100 Meter von einander getrennt Deutsche und Russen durch die Tschechei rollten und sich in keiner Weise kriegerisch betätigten. Die Panzer, vor denen wir noch gestern eine Heidenangst gehabt hatten, waren nun unsere friedlichen "Begleiter".

Wir kamen in einen Ort, in dem wir uns plötzlich einer Sperre von bewaffneten Tschechen gegenübersahen. Mit Waffengewalt wurden wir von diesen gezwungen, unter ihrer Eskorte auf den Marktplatz des Ortes zu fahren. Eine Gegenwehr war nicht möglich, weil wir dann sofort von den Tschechen "umgelegt" worden wären. Und in Erkenntnis dieser Sachlage hatte der Chef verboten, von den Waffen Gebrauch zu machen. Auf dem Marktplatz angekommen, standen wir einer immer größer werdenden Menschenmenge gegenüber, die ganz klar eine drohende Haltung uns gegenüber einnahm. Dabei entdeckten sie das Ritterkreuz am Halse des Kommandeurs, welches da noch immer hing, trotz Führertod und dem darauf befindlichen Hakenkreuz. Als die Menge diesen Orden und dazu auch die anderen Auszeichnungen auf seiner Uniform bemerkte, wollte sie ihn aus seinem Kübelwagen ziehen und ihn unter dem tosenden Gebrüll der fanatisierten Menge unverzüglich aufhängen. Was nun geschah, verlief alles in einem irren Tempo. Am Balkon eines Hauses hing plötzlich ein Seil, und die geifernden Menschen wollten das Aufhängen des Nazis erleben. Aber auch die anderen "Faschisten", das waren wir, sollten umgebracht werden.

Fassungslos erlebten wir Soldaten die rasende Meute, der wir hilflos ausgeliefert waren. Nichts konnten wir tun, als nur noch auf unser Schicksal, auf unseren Tod zu warten. Unser Chef war schon fast aus dem PKW herausgezerrt und man wollte ihm die Schlinge um den Hals legen und am Balkon aufhängen, als plötzlich Schüsse über den Platz peitschten. Es waren MG-Schüsse über die Köpfe der Menge hinweg in Richtung auf das Haus, an dessen Balkon das Seil befestigt war. Und wir, die deutschen Soldaten, wurden gerettet von amerikanischen Soldaten, die mit einem Jeep und einem Schützenpanzer auf Patrouillenfahrt in diesen Ort gekommen waren und hier mit diesem unwürdigen "Schauspiel" konfrontiert wurden. Sie machten dem grausigen Spuk ein Ende, was aber den Tschechen nicht recht war. Nun entstand ein heftiger und wütender Disput. Die Tschechen fühlten sich um ihre "Beute" betrogen, sie hatten uns lynchen wollen und wurden nun von den Amis daran gehindert. Die Amis ließen sich auf nichts ein, sie erklärten uns als ihre Gefangenen. Auch der "letzte" Versuch der Tschechen scheiterte, als sie zumindest den "faschistischen" Ritterkreuzträger umbringen wollten. Sie mussten nun zusehen, wie die Amis unsere Fahrzeuge in ihre Mitte nahmen, vorne der Jeep und am Ende der Kolonne der Schützenpanzer, der seine MGs noch auf die johlende Menge gerichtet hielt. Dann setzte sich die Kolonne in Bewegung, jetzt hatten wir amerikanischen Begleitschutz. Die Amis brachten uns nach Tabor, wo sich ein großes Auffanglager der Amis befand, in dem bereits sehr viele deutsche Soldaten als Kriegsgefangene der Amerikaner waren.


lo