> Zeitzeugen

Werner Mork: Rückzug aus Italien 1944

Dieser Eintrag stammt von Werner Mork (*1921) aus Kronach, Juni 2006:

Nach einem Lazarettaufenthalt in Italien zu Jahresbeginn 1944 fand ich Verwendung als LKW-Fahrer. Diese wurden dringend benötigt, um den Nachschub für die Front am Monte Cassino zu sichern. Monte Cassino, das war das Tor zum Norden. Das wollten die einen geschlossen halten, und die anderen wollten es mit aller Macht offen machen. Es tobte ein schlimmer Stellungskrieg, bei dem das Kloster (noch) weitgehend geschont wurde.

Von deutscher Seite aus gesehen war das schon ein absurdes Spiel: Die deutschen Stellungen waren mickerige Löcher in dem bergigen Gesteinsgelände und boten nur wenig Schutz. Doch wenn nach Bomben und Granaten, nach schwerstem Trommelfeuer der Gegner einen Sturmangriff unternahm, dann geschah das Unfassbare, dass es noch immer einen heftigen Widerstand gab, dass aus ihren Löchern die Landser den Gegner wieder zurückschlugen. Das alles war Irrsinn total, aber Hitler und sein OB Kesselring verlangten das, und Montgomery auf der anderen Seite verhielt sich nicht anders. Dieser Wahnsinn kostete auf beiden Seiten Abertausende von Toten und Verwundeten. Erst am 18. Mai 1944 wurde Cassino von den Deutschen aufgegeben, und die Engländer hatten den Weg frei gen Norden, auch wenn sie auf diesem Weg noch sehr schwere Kämpfe durchzustehen hatten, er wurde ihnen nicht leicht gemacht, trotz ihrer gewaltigen Übermacht an Menschen und Material.

War das Kloster geschont worden, so kam der Tag, an dem die Alliierten einen furchtbaren Bombenangriff auf das Kloster direkt durchführten, einen völlig sinnlosen Angriff, weil in dem Kloster nicht ein einziger deutscher Soldat war. Das Kloster wurde vernichtet, aber das war kein Vorteil für den Gegner, der Kampf ging so lange weiter, bis er wirklich völlig aussichtslos geworden war für die deutschen Truppen, und die Herren Befehlshaber dem noch verbliebenen erbärmlichen Rest den Befehl zum Rückzug erteilten. Zu den Herren gehörte auch der Kommandeur meiner Divison, der 90. Division, der Generalleutnant Baade. Ich war nun LKW-Fahrer beim Divisions-Nachschub. Da gab es nicht mehr allzu viele Fahrzeuge, die waren schon Mangelware geworden infolge der vielen Ausfälle, vor allem durch die Jagdbomber. Meine Wartezeit musste ich damit verbringen, dass ich mit vielen anderen Landsern abends Verpflegung und Munition nach "vorne" bringen musste. Das war nicht mehr Aufgabe vom jeweiligen Tross einer Kompanie, das geschah jetzt "zentral", und dabei war es ziemlich einerlei, wer von den eingesetzten Landsern in den Genuss dieser Gaben kam. Bei dem Durcheinander war nur wichtig, dass überhaupt verpflegt und munitioniert werden konnte.

Ich musste mich beim Stab des Nachschubführers melden um den LKW zu übernehmen, mit dem ich wieder einmal als Fahrer tätig werden sollte. Das war ein "tolles Auto", dieser LKW aus italienischen Heeresbeständen. Es war das ein Fahrzeug der Marke "SPA", war schon wirklich uralt, denn der LKW er musste noch angelassen werden mit einer Handkurbel! Einen Anlasser der üblichen Art gab es nicht bei diesem Uralt-Auto. Die Handkurbel befand sich außerhalb vor dem Kühler und musste mit einem "besonderen Dreh" in Gang gesetzt werden, was nicht ungefährlich war, nämlich dann, wenn die mal zurückschlug. Dieser Schlitten hätte schon längst auf den Schrotthaufen gehört, aber die stolze Deutsche Wehrmacht nahm inzwischen alles, was sie kriegen konnte. Es gab keine Bestände mehr an eigenen Fahrzeugen aus denen hätte Ersatz gestellt werden können, zumindest nicht an der Front, woanders gab es noch gutes Material, das wurde aber schön festgehalten in Heeres-Kraftfahrparks weit hinter den Fronten, und im Reich.

Zu diesem tollen Automobil bekam ich auch noch einen Beifahrer, einen biederen aber braven Soldaten, der auf der schwäbischen Alb seine Heimat hatte. Er war eine treue Seele, ein guter Kamerad, schlicht in seinem Wesen aber zuverlässig, ein Pfundskerl, der sich in den auf uns zukommenden miesen Situationen prächtig verhalten hat. Leider haben sich unsere Wege trennen müssen, ohne das ich seine Heimatanschrift bekommen habe, und sein Name ist mir auch entfallen.

Was nun mit uns beiden und dem tollen "SPA" begann, war eine Art von ungewollter Odyssee, frei nach Art der Landser! Und bei dieser Art wollten wir beide zumindest versuchen, unsere eigene Haut zu retten bei dem, was jetzt als Folge der Aufgabe von Cassino sich auf wirklich breiter Front ergab: der Rückzug einer Armee, die keine neuen, festen Stellungen mehr aufbauen konnte bzw. nicht mehr langfristig hätte halten können. Nur der Herr Generalfeldmarschall Kesselring als getreuer Gefolgsmann seines Führers sah das natürlich ganz anders. Der machte weiter in Strategie und war vielleicht wirklich noch des Glaubens, es würde sich schon wieder anders ergeben, sah sich zwar wohl nicht mehr als Sieger, aber als der ebenbürtige Gegner, der einen ehrenvollen Frieden aushandeln könne, wenn es nicht mehr anders ginge.

Da waren wir nun, wir zwei Landser, ein inzwischen schon sehr stur gewordener Obergefreiter und ein nicht minder sturer Gefreiter, die über einen LKW "verfügten", mit dem sie für den Nachschub sorgen sollten, vor allem an Munition. Beides war nicht so gut, der LKW nicht und die möglichen Ladungen schon gar nicht. Es herrschte ein immer größer werdendes Durcheinander, und infolge der Absetzbewegungen war es schwer, die Stellungen zu erreichen, die uns vorgegeben wurden. Nicht nur wegen der immer stärker gewordenen Luftangriffe, jetzt auch in den Nächten, sondern auch, weil häufig der vorgegebene Anfahrpunkt nicht mehr erreichbar war, weil schon in Feindeshand oder schon aufgegeben worden war. Und die Munition auf unserem LKW, die wir nicht loswerden konnten, gab uns kein gutes Gefühl, auch deswegen, weil man uns gegenüber daraus ein ungutes Verhalten konstruieren konnte, mit u. U. sehr schlimmen disziplinarischen Maßnahmen gegen uns.

Bei allen sich ergebenden und vorhandenen Problemen, waren wir beide uns aber einig darüber, dass unser LKW ganz besonders ein Mittel für unsere eigenen Zwecke sein sollte. Wir wollten mit unserem LKW versuchen, auf etwas eigenen Wegen im Rahmen der allgemeinen Bewegungen Richtung Norden mitzuschwimmen, oder besser mitzufahren, jedenfalls solange, wie wir über Sprit verfügen können und uns das Fahrzeug nicht zusammengeschossen wird von denen, die über uns waren bei Tag und in der Nacht. Freiwillig wollten wir nicht auf dieses Rückzugsmittel verzichten, auch wenn es eine Klamotte war. Das war zwar ein nicht gutes Vorhaben im Sinne der "militärischen Notwendigkeiten", aber wir wollten doch versuchen, uns etwas nach unserem Gusto "rückwärts" zu bewegen und nicht "fest eingebunden" sein.

Der uns erteilte Auftrag lautete, Munition für die Artillerie zu transportieren von den Muni-Lagern zu den Stellungen der Batterien, soweit die Lager noch existierten und die Stellungen noch nicht geräumt waren. Situationen, die sich täglich ändern konnten, die aber meistens erst bekannt wurden, wenn es schon zu spät war, um noch Laden oder Abladen zu können. Das Fahren mit LKWs war tagsüber vollkommen unmöglich geworden, was zur Folge hatte, dass sich der Fahrzeugverkehr erst am Abend in Gang setzte, wobei dann alle versuchten, in der Nacht an ihr Ziel zu gelangen, ob nun nach vorne oder nach hinten. Wenn die Morgendämmerung kam, dann mussten alle möglichst schnell wieder von den Straßen verschwinden und eine gute Deckung suchen, weil dann die Jabos ihre totale Herrschaft ausübten. Die Straßen waren nachts fast hoffnungslos überfüllt, was dazu führte, dass viele Fahrzeuge, soweit sie nicht zu einer Kolonne gehörten, sich einen Weg über Nebenstraßen suchten, was aber wegen der Partisanen auch mit Risiken verbunden war.

Diese überfüllten Straßen waren aber nun auch nachts ein "beliebtes" Angriffsziel von Jabos und Nachtbombern geworden. Das war neu, das hatte es bis vor kurzem nicht gegeben. Die Alliierten waren jetzt nachts in der Luft unterwegs und erhellten die Nächte mit ihren "Tannenbäumen", warfen ihre Bomben ab und schossen gnadenlos mit ihren Bordwaffen auf Ziele, die sich ihnen in geballter Masse und völlig hilflos auf den Straßen präsentierten. Sie hätten blind drauflos halten können, sie hätten immer in dieser Massierung von Fahrzeugen und Menschen "beste Erfolge" erzielt. Aber mit dem Lichterglanz der Tannenbäume war natürlich nicht nur alles besser zu erkennen, es war auch alles besser zu vernichten. Und die dazu benutzte Leuchtspurmunition fand ihre Opfer immer wieder. In uns, die wir diesem Wahn ausgesetzt waren, herrschte eine unheimlich Wut, nicht nur über diese "feigen Angriffe", wie wir meinten, sondern noch mehr über das völlige Fehlen einer deutschen Abwehr. Die Flak mit ihren schweren Geschützen konnte zwar auf den Straßen so gut wie nichts unternehmen, aber mit leichten Waffen hätte der Einsatz von Flak sicher Erfolge erzielen können. Was aber nicht mehr vorhanden war, das war eine Abwehr durch deutsche Flugzeuge, durch deutsche Nachtjäger. Das erschien uns so, als ob es diese überhaupt nicht mehr geben würde. Und das versetzte uns verstärkt in eine heillose, aber hoffnungslose Wut. Dennoch bot der Schutz der Dunkelheit ein gewisses Maß an Sicherheit, besonders dann, wenn die Wetterlage für Flugzeuge ungünstig war, das war dann die Zeit, in der wie irrsinnig gefahren wurde, manchmal sogar mit Licht. Auch wenn die Feldgendarmerie tobte und jeden Fahrer belangen wollte. Wichtig war, dass gefahren werden konnte, vor allem von den Nachschubfahrzeugen, die mit Munition und Verpflegung nach vorne durchkommen wollten, wo sie dringend erwartet wurden. Chaotische Zustände gab es auf den Straßen, wenn bei den nächtlichen Angriffen LKW's mit Munition oder Benzin getroffen wurden. Bis dann die Straße einigermaßen wieder geräumt war, verging kostbare Zeit und es konnte passieren, dass es in den frühen Morgenstunden nicht mehr reichte, noch von der Straße herunterzukommen. Dann hatten die ersten Jabos ein wohlgefülltes Schlachtfeld vor sich, in das sie reinhalten konnten, wodurch am Tage ein Chaos entstand, das viele Opfer kostete.

Bei all dem hatte ich nun das "Vergnügen", mit meinem Tobruk-Trauma dabei zu sein. Mit der noch immer vorhandenen panischen Angst vor den Flugzeugen. Aber es half nichts, ich musste fahren, ich musste die Munition transportieren. Dabei lernte ich, dass Ari-Munition auf einem LKW nur dann gefährlich sein soll, wenn die Granaten komplett mit den dazugehörigen Kartuschen versehen sind. Ohne die sollten sie (angeblich) ziemlich ungefährlich sein, nur wollte ich mich darauf nicht unbedingt verlassen. Bei meinen Ladungen war es aber so, dass die Granaten von den Kartuschen getrennt gelagert waren. Angeblich würden die dann bei einem Treffer "nur" brennen, aber ich traute dem nicht, ich war eher überzeugt, dass in einem solchen Fall die gesamte Ladung uns um die Ohren fliegen würde.

Abend für Abend ging es los mit den entsprechenden Fahrbefehlen, um entweder zu laden, oder bei Erreichen einer Batterie zu entladen. Es war direkt "bewundernswert", wie trotz aller Schwierigkeiten es immer wieder klappte, dass die eigene zuständige Dienststelle aufgefunden wurde, dass es dort immer noch Fahrbefehle gab, dass auch Ladungen und Entladungen noch möglich waren, auch wenn es nun doch immer kritischer wurde und Ladungen nicht mehr an ihr Ziel kamen.

Es war der Monat März 1944, in dem wir zwei mit unserem tollen Automobil laufend unterwegs waren, um wieder Munition zu transportieren, was mir aber lieber war, als Benzin fahren zu müssen. Aber auf unserem LKW lagerte, schön versteckt, ein 200 Liter Fass gefüllt mit kostbarem Benzin. Bei einer "passenden" Gelegenheit hatten wir dieses Fass für uns organisiert als unsere eigene "Rückzug-Reserve". Dieses kostbare Gut lag unter der geladenen Ari-Munition auf dem Boden des LKWs! Das waren 200 Liter, die unseren Rückzug auch noch dann ermöglichen sollten, wenn es Sprit nicht mehr geben sollte, womit gerechnet werden musste, auch weil immer wieder Benzinlager gesprengt wurden, die nicht in die Hände der Alliierten fallen sollten. Da war so ein illegal "besorgter" Vorrat schon sehr wichtig, ein wirklich kostbares Gut, das u. U. auch lebensrettend sein konnte.

Das Fahren wurde immer kritischer und schwieriger, weil es immer öfter geschah, dass die angegebenen Stellungen nicht mehr existierten oder gerade geräumt wurden. Die Ladung konnte nicht mehr abgeladen werden, und es gab auch keinen "Zuständigen" mehr, der uns etwas hätte bescheinigen können. Das war dann sehr unangenehm, weil daraus die bewussten unguten Folgen entstehen könnten. Das Fehlen eines Belegs über erfolgtes Abladen und über die stattgefundene Übernahme der Ladung konnte zu der Unterstellung führen, die Ladung irgendwo einfach abgekippt zu haben, aber auch dazu, dass bewusst falsche Strecken gefahren worden waren. Auf diese Vermutungen, auch wenn sie nicht im Detail nachgeprüft waren, standen sehr harte Strafen, auch die Vorführung vor ein Kriegsgericht.

Den Alliierten war es im März 1944 noch nicht gelungen, eine einheitliche Front herzustellen vom Thyrrenischen Meer bis zur Adria, trotzdem Cassino gefallen war und somit die Basis für eine durchgehende Frontbreite sich ergeben hatte. Der Widerstand der deutschen Truppen war noch immer ein sehr großer, verblüffend für den/die Gegner. Das lag daran, dass vorwiegend Elitetruppen im Einsatz waren, bestehend aus Fallschirmjägern, Einheiten der Waffen-SS und der Luftlandedivision "Hermann Göring." Diese Verbände bestanden ausschließlich aus Freiwilligen, die sich auch 1943 und 1944 noch immer meldeten und zu solchen anerkannten Elite-Einheiten wollten. Diese jungen Kerle waren fanatische Kämpfer, die sich bedingungslos einsetzten, auch wenn die Lage noch so mies war. Diese Einheiten waren in der Mitte der deutschen Front, jetzt nördlich von Cassino, das wirkliche Rückgrat der dort eingesetzten deutschen Einheiten. Das waren die Soldaten, auf die sich der Herr Kesselring voll verlassen konnte, auch bei unsinnigsten Befehlen. Es muss offen gesagt werden, dass es einen Unterschied gab zwischen den "normalen" Soldaten der Heeres-Einheiten, die als durchweg ältere Soldaten sich anders verhielten als die so oft bedenkenlos draufgängerischen Freiwilligen der Elite-Einheiten. Auch die Offiziere verhielten sich durchweg anders als die "Kameraden" dieser Verbände.

Das heißt aber nicht, dass man sich bei den Heeres-Einheiten feige verhielt, man verhielt sich nur sehr viel bewusster und vorsichtiger. Es wurde nicht so fanatisch und besinnungslos gekämpft, wie bei diesen Elite-Einheiten, die von einem Kampfgeist erfüllt waren, der uns alten Soldaten im Heer schon zi emlich fremd geworden war. Das führte auch zu gewissen Spannungen zwischen den eingesetzten Verbänden, wenn sie gemischt an der Front eingesetzt wurden. Das betraf dann auch die mögliche Befehlsgewalt in einem Abschnitt, wo "man" sich von Heeres-Offizieren nichts sagen lassen wollte. Es war schon erstaunlich, dass trotz der unguten Entwicklung an allen Fronten, nach dem Desaster von Stalingrad und dem Verlust von Afrika, sich noch immer blutjunge Freiwillige meldeten, die zu den Einheiten wollten mit den großen Verlusten. Ihnen kam dabei nicht zu Bewusstsein, dass sie dort regelrecht verheizt würden, weil sie nur an den kritischsten Stellen eingesetzt wurden. Je jünger diese Verbände waren, desto fanatischer kämpften sie.

Mit diesem ungebrochenen Zustrom, der stärker geworden war als zuvor, konnte die "Führung" noch lange ihren Krieg führen, es gab genug "Menschenmaterial", das bereit war, sich freiwillig zum Kämpfen und zum Sterben zur Verfügung zu stellen. Von denen war keiner mit Gewalt und unter Zwang eingezogen worden, sie alle hatte sich völlig freiwillig gemeldet. Wenn man über diese Zeit redet und schreibt, dann sollte man dieses Phänomen so betrachten, wie es wirklich war. Es ist nun einmal so, dass es diese bereitwillige Freiwilligkeit gab, weil diese jungen Menschen davon überzeugt waren, dass dieser Krieg ein Schicksalskampf des deutschen Volkes war. Ein Krieg, in dem es um das Sein oder Nichtsein der Nation ging, dass das Volk nicht im Stich gelassen werden darf. Der Kampf für das Vaterland war notwendiger denn je, auch wenn nun das Sterben weitaus eher der Fall war als je zuvor.

Das war natürlich zu einem Teil dem Geist der NS-Erziehung zuzuschreiben, aber es war das auch zu einem sehr großen Teil dem nationalen Geist zuzuordnen, der noch immer fest verwurzelt war im deutschen Volk, auch bei denen, die 1938 als Österreicher deutsche Volksgenossen wurden, wie auch bei all denen, die in den vergangenen Jahren "Heim ins Reich" geführt worden waren. Und keiner hinderte diese jungen Menschen in ihrem Wahn, dass nun sie an die Front müssten, um besonders jetzt dem bedrängten Vaterland zur Verfügung zu stehen, auch wenn dabei gestorben werden musste, was gewisser war, als überleben zu können.

Das war die Zeit, in der die Großoffensive der Alliierten begann, die uns alle das große Fürchten lehrte. Am 10. Mai 1944 war es, als die 5. US-Armee und die 8.britische Armee ihre Offensive am Garigliano begannen, die dann am 18. Mai 1944 zum völligen Rückzug aus dem Gebiet des Monte Cassino führte. Nun stießen die Alliierten auf wirklich breiter Front in Richtung Norden vor. Die Folge davon war ein fast hemmungsloser Rückzug aller deutschen Verbände, teilweise sogar in einer echten Kopflosigkeit. Es war das eine gewaltige Kraft, mit der die Alliierten zu Lande und in der Luft ihre massierten Angriffe führten. Unterstützt wurden diese auch noch durch die ungehindert auf dem Meer befindlichen Kriegsschiffe der Alliierten.

Der Rückzug über die ganze Breite des italienischen Festlandes war nicht mehr als planvoll zu bezeichnen, der wirkte eher als planlos und hilflos. Von einem Aufbau möglicher Auffangstellungen konnte kaum noch die Rede sein. Wenn, dann hielt solch eine Stellung nur kurze Zeit, dann war sie von Bomben und Granaten zerstört, und Panzer und Infanterie zogen weiter gen Norden. Als dann am 4. Juni 1944 die Alliierten siegreich in Rom einzogen, da gab es keine möglichen Sperrriegel, keine fest zusammenhängende Front mehr. Das war dann auch die Zeit, in der die Partisanen ihren verstärkten Kampf gegen die Deutschen führten, gegen Truppen, die jetzt sehr geschwächt waren und selbst den Partisanen gegenüber nur sehr begrenzte Möglichkeiten hatten, sich zur Wehr zu setzen.

In diesem jetzt großen Durcheinander, in diesem Rückzug-Wirrwarr steckten nun wir beiden, der Schwabe und der Bremer, mit einem Uralt-LKW voller Ari-Munition, die wir nirgendwo mehr loswerden konnten. Es gelang auch beim besten Willen nicht mehr, weil alle Versuche, auf den Frontleitstellen etwas in Erfahrung zu bringen über mögliche Ari-Stellungen, scheiterten, weil alles nur noch im ständigen Stellungswechsel unterwegs war. Wir mussten aber besonders jetzt darauf achten, dass wir alle notwendigen Bescheinigungen von den jeweiligen Dienststellen bekamen. Wie wichtig das war, sollte sich noch herausstellen.

Das Fahren in der Nacht war so schwierig geworden, dass große Strecken kaum noch gefahren werden konnten. Dabei wurde es nun wichtiger denn je, schon in den frühen Morgenstunden Ausschau zu halten nach einer möglichst guten Deckungsmöglichkeit, die auch eine Tarnung für den LKW bot gegen mögliche Fliegersicht. Aus diesem Dilemma entwickelte sich dann bei uns, wie auch bei den meisten anderen, die da unterwegs waren ohne eigene Einheit, ein fast privater Rückzug. Wir waren uns weitgehend nun selber überlassen, wir hatten keine für uns zuständige Dienststelle mehr, jedenfalls fanden wir sie nicht mehr, aber dennoch wollten wir schon wieder den DINAFÜ (Divisionsnachschubführer) unserer Division erreichen, weil wir sonst als fahnenflüchtig gelten könnten.

Es gab jetzt auch keine geregelte Verpflegung mehr, was dazu führte, dass der Generalfeldmarschall Kesselring einen Befehl an "seine" Truppen erließ, dass die deutschen Truppen sich ab sofort weitgehend aus den Beständen des Landes selber zu versorgen hätten. Der gesicherte Nachschub an Verpflegung war nicht mehr gegeben, also musste nun aus den zivilen Beständen und Vorräten der Italiener eine eigene Versorgung erfolgen, soweit etwas vorhanden war. Nun wurde also fleißig "requiriert", wobei besonders die Landwirtschaft heimgesucht wurde. Dabei wurde aber häufig so eigenmächtig vorgegangen, dass das schon an Plünderung grenzte. Requirierung gegen Geld bzw. entsprechende Papiere fand kaum statt. Ziemlich rücksichtslos wurde der Befehl von Kesselring in die Tat umgesetzt, auch nach dem Motto: "Geschieht diesen verdammten Itakern doch völlig zu recht, warum haben die uns auch verraten."

Auch wir hatten Hunger und mussten nun versuchen, auf unserem Trip irgendwie an Verpflegung zu kommen. Dabei kam ich zu der Meinung, dass wir uns von den eigentlichen Rückzugstraßen doch etwas abseits halten sollten, weil wir dann eher an Verpflegung kommen würden, als auf der Hauptroute. Mit Hilfe der Straßenkarte versuchte ich unseren Weg festzulegen, wobei aber darauf zu achten war, bei einer Kontrolle durch die "Kettenhunde" nicht unangenehm aufzufallen, denn die waren auch beim Rückzug sehr "fleißig". Die waren sehr aktiv! Auf Nebenstraßen würden wir auch wohl schneller vorankommen, bessere Deckungsmöglichkeiten finden und vielleicht auch unseren Stab auftreiben, weil doch irgendwo mal wieder das taktische Zeichen unserer Division auftauchen müsste. Wichtig war, dafür zu sorgen, dass der Fahrbefehl immer mit den erforderlichen Stempeln und Bescheinigungen versehen wurde, auf jeder Kommandantur, die dafür zuständig war. Dieses Stück Papier war unsere Lebensversicherung dem DINAFÜ wie auch den "Kettenhunden" gegenüber, ein wichtiger Nachweis darüber, dass wir uns nicht unerlaubt von der Truppe entfernt hatten, dass wir ordnungsgemäß unterwegs waren.

Waren wir nachts einigermaßen gut aus dem üblichen Schlamassel herausgekommen, dann versuchten wir, möglichst weit von der Straße entfernt liegende Bauerngehöfte anzufahren, um dann auf dem Gelände eines solchen Hofes den LKW gut getarnt abzustellen, wobei eine Scheune die beste Unterstellmöglichkeit war. Dann versuchten wir auch, uns selber zu reinigen und etwas zu schlafen, damit wir am Abend wieder fahrtüchtig waren. Für die erforderliche Eigen-Versorgung hatten wir uns eine kleine Menagerie zugelegt. Auf den vielfach verlassenen Höfen konnten wir uns mit Kleinvieh versorgen, was uns zuerst verwunderte, dann aber nicht mehr, weil viele Bewohner sich in die Berge verzogen hatten, um dort die Kämpfe abzuwarten und dann wieder zurückzukehren, oder sie hielten sich bei den Partisanen auf. Das waren vorwiegend Hühner für die wir inmitten der Muni-Kisten einen improvisierten "Hühnerstall" erbaut hatten. Dann waren wir an herrenlose Schafe mit Lämmern geraten, von denen wir auch einige auf dem LKW unterbrachten. Aber diese Art von "Tierhaltung" und das notwendige Schlachten wurden uns doch ziemlich lästig und bei einer passenden Gelegenheit tauschten wir Vieh gegen Käse und Maisbrot bei einem Landwirt, der sich noch in seinem Haus befand. Es waren nicht alle Höfe verlassen, und wir kamen auch auf solche, auf denen die Familien komplett vorhanden waren, auch wenn wir manchmal das ungute Gefühl hatten, die dazu gehörigen Männer seien nicht vorhanden, und dann dachten wir an die Partisanen.

Mit meinen Sprachkenntnissen versuchte ich mich einigermaßen zu verständigen und die Bewohner davon zu überzeugen, dass wir nichts Böses im Sinn hatten, dass wir uns nur in Ruhe bis zum Abend bei ihnen aufhalten wollten. Dabei kam es aber auch zu unguten Erlebnissen, die wir weniger den Italienern als deutschen Soldaten zu verdanken hatten: An einem dieser Tage waren wir am frühen Morgen auf einen bewohnten Hof gekommen, wo wir, nachdem ich um die Erlaubnis gebeten hatte den Wagen unterzustellen, von den Bewohnern sehr freundlich aufgenommen wurden. Nachdem wir uns gewaschen hatten, wollten wir im LKW einige Stunden schlafen, aber die Leute auf dem Hof boten uns dafür einen Raum im eigenen Haus an, wo wir uns dann, mit unseren Wolldecken versehen, auf dem Fußboden niederlegten. Das war zwar nicht ganz ohne Gefahr, wussten wir doch nicht, ob es echte Freundlichkeit war oder ob nicht die Partisanen uns besuchen würden. Aber wir waren hundemüde, wir wollten schlafen und nicht an noch mehr Gefahr denken.

Als wir da so "schön" schlummerten, hörten wir plötzlich einen großen Lärm und ängstliches Schreien von weiblichen Stimmen. Wir standen auf, um nachzusehen, was die Ursache war. Was wir dann sahen, war gar nicht schön. Ein deutscher Unteroffizier und ein Gefreiter waren in das Haus eingedrungen und forderten mit vorgehaltener Pistole von den Bewohnern die Herausgabe von Geld und Schmuck. Mich packte eine furchtbare Wut über diese Lumpen, ich ergriff meinen Karabiner, den wir beide immer bei uns hatten, schlich von hinten an diese "Kameraden" heran, die uns noch nicht bemerkt hatten, und forderte dann unter Rückendeckung meines tapferen Schwaben die Eindringlinge auf, die Pistolen einzustecken, andernfalls ich unverzüglich von meiner entsicherten Waffe Gebrauch machen würde. Die beiden waren sehr überrascht und versuchten ihr Verhalten damit zu "erklären", dass sie von den Bewohnern bedroht worden seien, was völliger Unsinn war. Es gab dann eine heftige, sehr lautstarke Auseinandersetzung, in der wir Sieger blieben, nicht zuletzt deswegen, weil ich frech erklärte, dass mein Kamerad und ich das Vorkommando sind für in Kürze eintreffende Feldjäger, die in diesem Haus Quartier beziehen werden.

Frechheit siegt oftmals, und eine gute Lüge kann u. U. viel bewirken, wie auch in diesem Fall. Diese "Helden" zogen schleunigst ab von dannen, und der Hof war wieder frei von solchen Kreaturen. Dass das aber keine Seltenheit war, das lernten wir dann immer wieder kennen, es gab viele deutsche Soldaten, die ihren Privatkrieg führten mit Plünderungen bei den Einwohnern, was dann zu harten und auch brutalen Maßnahmen der Partisanen führte, worüber sich keiner zu wundern brauchte.

Nach dem Rausschmiss dieser "Krieger" wurden wir von den Bewohnern des Hauses wie Helden gefeiert. Unter Tränen wurde uns gedankt dafür, dass wir sie beschützt hätten. Zur Belohnung wurde uns dann zur Mittagszeit ein direkt üppiges Mahl aufgetischt, wozu der beste Wein des Hauses aus dem Keller geholt wurde. Wir waren gute Freunde des Hauses geworden, und am Abend ließ man uns nur schweren Herzens ziehen bzw. fahren, aber da gab es keine andere Möglichkeit, wir mussten weiter fahren, ohne dabei aber ein festes Ziel zu haben.

    lo