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Werner Mork: Vormarsch der Roten Armee an der Oder 1945

Dieser Eintrag stammt von Werner Mork (*1921) aus Kronach, Februar 2010:

Im Januar und Februar 1945 war ich als Wehrmachtssoldat an der Oder eingesetzt, in einem zusammengewürfelten Haufen, in dem die Mehrheit kaum noch richtig einsatzfähig war. Aber immerhin war es ein Haufen, der aus erfahrenen Soldaten bestand. Auf dem anderen Ufer hatte sich die russische Infanterie eingegraben, und dahinter waren Artillerie, Granatwerfer, Stalin-Orgeln und Panzerkanonen massiert aufgestellt. Die russischen Schlachtflieger sorgten dafür, dass die schweren Bodenwaffen unsere armseligen Schützenlöcher sturmreif schießen konnten.

Unsere Ausstattung bezog sich nur auf leichte Waffen, wie den Karabiner 98 K, einige Maschinenpistolen vorwiegend bei den Gruppen- u. Zugführern und einige leichte Maschinengewehre des Typs MG-42. Wie damit die Russen und vor allem ihre Panzer aufgehalten werden sollten, das war uns ein Rätsel, auch wenn es hieß, es seien in Kürze deutsche Panzer zu erwarten, nur kamen die aber nicht mehr bei uns an. Was noch kam, das waren Panzerfäuste, in einer kleinen Stückzahl, und mit denen war nicht viel anzufangen. Es war zwar die Rede davon, dass es eine Division gibt, der wir angehören würden, aber davon war nichts zu merken. Die Kommandogewalt lag in den Händen einiger Leutnants, die sich aber anscheinend mehr auf die doch erfahreneren Unteroffiziere und Feldwebel verließen und keinen eigenen Mut und eigene Verantwortung zeigten. Außer einigen Sprüchen hatten sie nichts zu bieten, und die lauteten nach dem immer gleichen Motto, die Stellung wird gehalten um "jeden Preis", bis zur letzten Patrone. So wie es der GRÖFAZ auch immer befohlen hatte.

Doch das alles nutzte nichts: Die Russen kamen über die Oder, auch bei uns in Steinau, und wir, die Landser, zogen uns zurück, ob nun mit oder ohne Anweisung von "oben". Wenn erkannt wurde, dass die Lage wirklich hoffnungslos war, dann gab es von irgendeinem der Vorgesetzten den Befehl zum geordneten Rückzug, bis zum nächsten Punkt, wo wir versuchten, uns neu einzugraben. Und meistens war es so, dass schon die russischen Panzer, die so berühmten T 34, die immer wieder Angst und Schrecken verbreiteten, in Sichtweite heran gekommen waren bevor wir uns eingegraben hatten. Hinter diesen Panzern kam dann in dichten Scharen russische Infanterie, und das alles wirkte manchmal so, als ob das eine Art von Spaziergang war, bei dem die Russen mit einem brüllenden "Urrä" heran rückten, und vom einstmals stolzen deutschen Hurra nichts mehr zu hören war.

Wir setzten uns Richtung Glogau ab, als wir in einem kleinen Dorf halt machten, das von den deutschen Bewohnern über Nacht in aller Eile verlassen worden war. Wir hatten uns verteilt in die leerstehenden Häuser, die Nacht dort verbracht und in den verlassenen Wohnungen nach Lebensmitteln gesucht, was kein plündern war, sondern der notwendigen Selbstversorgung diente, weil wir kaum noch mit Verpflegung ausreichend versorgt wurden. Die Nacht war einigermaßen schlafend verbracht worden, und wir hofften, wenigstens einige Stunden ungestörter Ruhe haben zu können. Doch bereits in den frühen Morgenstunden meldeten die vorgeschobenen Posten bzw. Wachen, dass sich russische Infanterie im Schutze der Nacht vorgearbeitet hatte bis an den Ortsrand, und das auch Panzergeräusche zu hören seien. Angeblich sollten sogar etliche Panzer am Dorf vorbei in einem großen Bogen um uns herum schon weit voraus sein. Das konnte nun für uns bedeuten: wir sind verloren, wir müssen uns ergeben oder umkommen oder aber eine ziemlich aussichtslose Gegenwehr gegen die Russen beginnen, ohne schweren Waffen, nur mit unseren Karabinern und einigen Maschinenpistolen. Unsere Aussichten dabei zu überleben, waren sehr gering, fast unmöglich. Bei dieser "Gewissheit" brach aber keine Panik aus. Irgendwie wurde das alles von uns sehr fatalistisch hingenommen, dieses nun wohl unvermeidbare Soldatenschicksal. Wir kannten unsere Lage, wir wussten, dass wir keine Hilfe zu erwaren hatten und mussten nun sehen, wie wir mit dieser beschissenen Situation am besten fertig werden würden.

Wir begannen, uns auf diese Unabänderlichkeit vorzubereiten. Dazu gehörte auch die Vernichtung der persönlichen Habe, die wir noch bei uns trugen. Auch ich nahm nun Abschied von vielen Dingen, die ich die ganzen Jahre bei mir getragen hatte. Briefe, Fotos und sonstige Erinnerungen an einstmals schöne Zeiten wurden vernichtet, auch meine kleine Kamera, die ich mir die ganzen Jahre erhalten hatte, die sollte kein Russe in die Hände bekommen. Sie hatte mich treu begeleitet, nun war es aus und vorbei damit. Alles an privatem Besitz wurde von uns in die Feuerstelle des Hauses geworfen und verbrannt. Behalten wurde nur das Soldbuch, das auch in einer Gefangenschaft für die eigenen Personalien wichtig war, die Erkennungsmarke und der Ehering. Versucht werden sollte auch, die Armbanduhr zu behalten. Zu diesem Zweck wurden Ring und Uhr am Körper versteckt, in der Hoffnung, dass die Russen sie da nicht finden würden!! Wenn auch keine Panik entstanden war, so herrschte doch eine schon verzweifelte Untergangsstimmung, in der ein jeder nun in seinem Inneren Schluss machte mit seinem Leben. Was jetzt kommen würde, konnte nur das Ende sein, das Ende unseres Daseins, denn die Gefangenschaft würden wir nicht lebend überstehen. Ich hatte mich also von allem getrennt, was mir noch immer lieb und teuer gewesen war, nicht im Sinn von Geld, sondern im Sinn des von mir gelebten und geliebten Lebens. Ich nahm Abschied von allem, was mir einmal viel bedeutet hatte, dabei bewegten mich viele sehr wehmütige Gefühle. Was uns in diesem Haus noch bewegte, das war eine Wut über die eigene Ohnmacht, mit der wir machtlos waren gegenüber dem, was uns nun erwarten würde, aber auch eine furchtbare Wut auf unsere Führung, die uns an diesen Nullpunkt gebracht hatte.

Als wir nur noch von sehr trüben Gedanken erfüllt waren, kam die Nachricht, die Häuser würden anscheinend von den Russen mit großer Vorsicht umgangen, aber sicher nur so lange, bis die ganze Einheit eingetroffen sei. Wir konnten nun nicht länger warten, sondern mussten sofort versuchen, uns aus der Einschließung zu befreien. In der Not greift man zu jedem Strohhalm, und wir meinten, den Versuch zu wagen und auszubrechen aus der Umklammerung, die in Kürze eine vollkommene sein würde. Ganz leise und äußerst vorsichtig, in Reihe hintereinander schlichen wir aus dem Haus und durch die Gärten hin zum anderen Ortsrand. Es gelang uns, unbemerkt von den Russen dorthin zu kommen, und dann auch weiter über das freie Feld aus der Sicht - und Schussweite der russischen Infanterie zu gelangen. Nach einer Weile stießen wir dann auf deutsche Einheiten, die sich darüber wunderten, dass wir noch durch gekommen waren. Auf einer leichten Anhöhe fingen deren Landser an, sich einzugraben, und wir wurden von dem zuständigen Einheitsführer nicht nur aufgehalten, sondern auch von ihm gleich seinem Haufen zugeordnet. Wir waren für ihn eine willkommene Verstärkung.

Es sollte eine "Stellung" aufgebaut werden, um die Russen (wieder einmal) aufzuhalten auf ihrem Weg nach Glogau, die vom "Führer" urplötzlich zur Festung erklärt worden war. Viele Städte wurden ganz einfach zu einer Festung erklärt und mussten laut Führerbefehl gehalten werden! Diese "Festungen" wurden dann von den Russen so lange belagert, bis sie aufgeben mussten. Damit wurden zwar russische Einheiten gebunden, aber hinderte nicht den Vormarsch der russischen Armeen. Ein hoffnungsloser Versuch, der aber dennoch an einigen Stellen russische Truppen daran hinderte, die Stadt sofort zu erobern, was dann schon als Erfolg des Führerbefehls angesehen wurde. Die Festung Glogau war nun eingeschlossen und sollte langsam zermürbt werden. Einen direkten Angriff ersparten sich die Russen. Dafür war ihnen diese "Festung" nicht wichtig genug, im Gegensatz zu der deutschen Führung. Dieser Wahn sollte noch viele Opfer in dieser Stadt kosten, die als "Festung" den Vormarsch der Russen nicht hatte aufhalten können.

Nach all den Kriegsjahren, die ich zuerst in Frankreich und dann in Afrika und im Süden Europas verbracht hatte, war ich nun, zum Ende des Krieges noch ein Vaterlandsverteidiger im Osten geworden, im Einsatz gegen die Russen. Es schien so, als ob mir nichts erspart bleiben sollte und ich mein "Kennenlernen" unserer Feinde auch noch auf die Russen "ausweiten" durfte. Und ich habe noch einiges von all dem in mir aufnehmen müssen, mit viel Angst und viel Schrecken, bis hin zur Verzweiflung, in der ich nicht mehr weiter wollte. Auf diese, sehr unangenehme Art "erweiterte" sich mein Bild vom Krieg Deutschlands gegen fast die ganze Welt, auch das von unseren "Feinden", die mir auf diese Weise "näher" bekannt wurden. Nun war auch ich im Osten gelandet und wusste nicht, wie es weitergehen würde, wie und ob ich überhaupt noch aus dem Desaster heraus kommen würde. An einen Einsatz im Osten hatte ich wirklich nicht mehr gedacht, aber nun saß ich drin im "Endkampf" des Großdeutschen Reiches.

Auf meinen "Wegen" durch die schlesischen Lande habe ich auch das grenzenlose Elend der deutschen Flüchtlinge kennen gelernt, die Not der armen Menschen, die wirklich über Nacht ihr Hab und Gut hatten zurück lassen müssen auf ihrer Flucht vor den anrückenden Russen. Ich erlebte viele, viele Trecks, die sehr mühselig versuchten, den rettenden Weg in den Westen zu finden, in der Annahme, das würde die Rettung sein für Greise, Frauen und Kinder, die mit den Trecks unterwegs waren. Die einen noch mit Pferd und Wagen, und die anderen mühselig zu Fuß. In Schnee und bitterer Kälte waren sie losgezogen und versuchten nun, in Nässe und Sturm voranzukommen, über Straßen, die keine mehr waren, tagsüber immer wieder den Angriffen der russischen Schlachtflieger ausgesetzt, beschossen mit Bordwaffen und mit Splitterbomben beworfen. Nicht selten wurden sie auch ziemlich rücksichtslos beiseite gedrängt von deutschen Einheiten, die ihren Weg suchten, selten nur noch nach vorne, sondern fast nur noch nach hinten. Die Straßen waren gesäumt von zerschossenen Fahrzeugen, toten Pferden und von toten Menschen, die einfach liegengelassen wurden, weil es keine Möglichkeiten gab, sie mitzunehmen oder zumindest noch zu begraben. Es waren Menschen jeden Alters vom Säugling bis zum Greis bzw. der Greisin. Für Tote hatten die Flüchtenden auch keinen Platz, die waren nur (noch) Ballast und hinderlich für die weitere Flucht. Schlimm war aber das oft brutale, gemeine und schäbige Verhalten vieler deutscher Soldaten, die oft sehr gewalttätig gegen die eigenen Landsleute vorgingen, da konnte bei den Deutschen keine Rede mehr sein von Menschlichkeit, es regierte nur noch die Unmenschlichkeit. Es war das ein Bild des Jammers und des Schreckens, das diese Elendszüge boten mit den verzweifelten Menschen, die sich auf einer doch fast hoffnungslosen Flucht befanden. Es waren im ganzen deutschen Osten Millionen von Menschen, die auf der Flucht waren und von denen so viele umkamen in dem grenzenlosen Elend der Trecks.

Uns Soldaten an der Ostfront erschien es als eine ganz besondere Pflicht, trotz aller Wut und aller Schwierigkeiten, den Russen einen hinhaltenden Widerstand zu leisten, bis die noch freien Gebiete im Reich von den West-Alliierten besetzt sein würden. Es ging nicht mehr um einen deutschen Sieg, es ging im Osten nur noch darum, die Russen nicht noch weiter Richtung Westen kommen zu lassen. Sicher wird es heute als sonderbar erscheinen, dass die kriegsmüden Soldaten im Osten so verbissen weiterkämpften und nicht kapitulierten in einer Lage, die doch allen als hoffnungslos erschien. Aber das weitere Vordringen der Russen sollte verhindert werden. Neben diesem Grund gab es aber einen noch sehr viel wesentlicheren, und der hatte seine Ursache darin, dass die deutschen Soldaten im Osten nicht nur hörten, sondern vielfach auch erlebten, was von den russischen Soldaten bei ihrem Vordringen an Gräueltaten begangen wurde. Das war jetzt nicht mehr der Auswuchs einer Propaganda, das war jetzt erschütternde Tatsache geworden, wenn bei einem "erfolgreichen" Gegenstoß die Gräuel sichtbar wurden, was auch mir nicht erspart bleiben sollte.

Die Rache, zu der Ilja Ehrenburg die russischen Soldaten aufgerufen hatte, war eine grausame, eine unmenschliche Rache, für die kein Verständnis aufgebracht werden konnte. Diese Art von Rache erzeugte nur wieder Gegenrache, und die fiel dann sehr schlimm aus, wenn sich eine "Gelegenheit" dafür bot. Bei den deutschen Soldaten, die russische Unmenschlichkeiten zu Gesicht bekamen, steigerte sich dann eine unheimliche Wut auf die Russen - und das ohne Ausnahme. Diese Wut war es, die den Widerstand der deutschen Soldaten immer wieder anheizte. Diese Wut war es aber auch, die es den militärischen Befehlshabern ermöglichte, auch die unsinnigsten Befehle noch an "den Mann" zu bringen und den/die deutschen Soldaten noch immer als ihr Menschenmaterial zu gebrauchen und zu missbrauchen. Den Zwiespalt der Gefühle habe ich auch mitmachen müssen, als ich einige Zeit später geschändete weibliche Leichen entdeckte. Da gab es in mir einen Moment, wo ich mich selber auch hätte vergessen können.


lo