> Zeitzeugen

Werner Viehs: Flüchtlingsdrama und Kämpfe in Ostpreußen 1945

Dieser Eintrag von Werner Viehs (*1924) aus Bad Homburg (werner@viehs.de) von März 2011 stammt aus dem: Biografie-Wettbewerb Was für ein Leben! Der Text ist ein Auszug aus dem Buch: "Mein Jahrhundert"

Ich machte 1944 meine U-Boot-Ausbildung in Pillau. Unerwartet wurden wir am 10. Januar 1945 ausgeschifft, wir sollten bei der Einschiffung der Flüchtlinge helfen. In Pillau war die Pier verstopft, es bewegte sich nicht mehr viel. Verlassene Wagen und Gespanne versperrten die Wege. Flüchtlinge mit weniger Gepäck lassen sich besser durchschleusen. Wir versuchten zu ordnen - schwierig - es blieb nur ein Versuch. Es war ein Chaos, - ein ungeordnetes Gewimmel von Menschen, Pferden, sonstigem Getier, Wagen, Flüchtlingsgut, Kisten und Kasten. Es war ein heilloses, nicht-übersehbares Durcheinander. Wie viele Flüchtlinge und Verwundete auf der "Robert Ley" werden es gewesen sein? Ich schätze ungefähr 4-fache Belegung, ca. 6.000 Menschen. Der größte Teil der Ausbildungs-Offiziere blieb an Bord. Später erfahre ich, am 23. Januar 1945 verließen sie Pillau. Konvoi-Zusammenstellung in Gotenhafen. Sie sind durchgekommen. Die "Wilhelm Gustloff" handelte eigenmächtig und wenig gesichert, langsamer Alleinfahrer, am 30. Januar 1945 vor Stolpmünde torpediert.

Wir waren feldmarschmäßig ausgerüstet. Bei den Waffen handelte es sich vornehmlich um französische oder holländische Beutestücke, d.h. 30 Jahre alte Technik. Gegen die Kälte schützte nur der feldgraue Mantel. - Nachts schliefen wir in unseren Zeltbahnen. Wir waren in einer alten Zitadelle vorübergehend einquartiert. Gott sei Dank: "vorübergehend", denn eine Woche später flog sie in die Luft und mit ihr ein Teil von Pillau. Soldaten setzten sich ab. Wehe wer ergriffen wurde. Ich sah an zwei Laternen Erhängte mit einem Plakat über Feigheit. Der Gauleiter Koch von Ostpreußen ließ Jagd veranstalten auf solche, die fern ihrer Truppe waren.

Mitte Januar 1945 bezogen wir in Fischhausen Stellung am zugefrorenen Haff. Der Russe sollte auf der anderen Seite in Heiligenbeil sein!? Schweres Kriegsgerät (Panzer) hielt das Eis nicht aus. Nur leicht ausgerüstete Infanterie konnte rüber kommen. Diesem Zustand verdanken wir, dass die schmale Nehrung noch ein ¼ Jahr in unserer Hand den einzigen Fluchtweg offen hielt. Am 06. April 1945 werde ich als Verwundeter noch hierüber zum Hafen Pillau transportiert.

Ich war bei einem Erkundungs-Spähtrupp dabei. Auf der anderen Seite gab es noch ein paar deutsche Brückenköpfe und Nester. War hinter uns das Samland noch frei? Wie weit war Masuren besetzt? Ein Brückenkopf soll noch im Kurland bestehen. Was man uns sagte, war zu wenig oder stimmte nicht. Wer weiß überhaupt etwas? Überall war der Russe durchgebrochen. Es gibt wahrscheinlich nur eine Fluchtrichtung: Ostsee!

Ich war 20 ¾ Jahre alt. Ich war einer der Ältesten. Nachts Bewegung auf dem Eis. Schaukelndes Licht. Russen?! Wir lassen sie näher kommen. Erste Schüsse fallen. Es ist ein Flüchtlings-Treck! Es ist (Gott sei Dank) nichts nennenswertes passiert. Wir hören erste Schreckensmeldungen von der anderen Seite. Der Treck irrt schon seit Tagen, teilweise zwischen den Fronten, auf dem Frischen Haff herum. Sie hatten sich bis in die jenseits des Königsberger Seekanals gelegene Bucht von Fischhausen verlaufen. Jetzt haben sie es geschafft. Bis zu den rettenden Schiffen von Pillau sind es nur noch ca. 15 km. Sie müssen einen Winkel schlagen nach Süden, danach Westen.

Die Straßen sind vereist, schmal, verstopft. Am Rande: Wracks, Tote, Tier-Kadaver. Wir hacken die in unserer Nähe liegenden, festgefrorenen Toten vom Eis ab und beerdigen sie nur wenige Zentimeter tief. Der eisige und harte Boden lässt nicht mehr zu. Ich muss brechen. Wir haben Durchfall. Ich knabbere Holzkohle vom offenen Feuer. Herumirrende, halbverhungerte Pferde werden auf dem Eis erschossen. Unübersehbare Kuh-Herden werden von "Landsern" geführt. Blöken….. Es gibt kein Futter…. Ich fühle mich elend. Überall sterben. Dazwischen letzte Flüchtlinge mit ihren Trecks.

Wir nehmen Rücksicht. Militär hat normal Vorrang. Wir bewegen uns im Raum Fischhausen, Metgeten, Serappen, Juditten, Königsberg. Wir wissen nicht immer genau wo wir sind. Keine Karten. Die Dörfer sind verlassen. Was ich sehe: ein reiches, verlassenes Ostpreußen, tote Zivilisten, tote Russen. Ich habe meine Waffen gewechselt. Wenn wir in Bewegung waren, hatte ich eine Russische MP mit Trommeln. Im "Loch" ein altes Flieger-MG 15 mit Trommeln. Die Trommeln sind schwer, aber dicht gegen Schnee und Schmutz. Beide Waffen sind gut und schossen verdreckt noch störfrei.

Zwischen Juditten und Königsberg liegen wir in Erdlöchern dem Russen gegenüber. Unsere Kampfkraft: mäßige Infanterie-Ausbildung, schlechte Waffen, unzureichende Kleidung, keine Erfahrung, müde, strapaziert. Wir waren noch die Besten, im Vergleich zu unseren Nachbarn. Das war Volkssturm und Hitlerjungen, mit vollkommen unzulänglicher Ausbildung und Bewaffnung.

Die ganze Front schlief. In Gefahr zu sein, war alltäglich. Ich erhielt einen Schuss durch Mütze und Kragen. Oh !!! Erste Erfahrungen. Der Russe war da, aber man hörte und sah nichts. Doch plötzlich machten beide Seiten Jagd auf ein Kaninchen, dass zwischen den Fronten lief. Es war fast wie eine Verbindung, wie eine sportliche Disziplin. Durch dieses unüberlegte, naive Verhalten verrieten wir nur unsere Stellung. Abends gab es Musik und Propaganda vom Russen. Es war eine Abwechselung, die teils neugierig, sogar wechselnd dankbar oder mit viel Verärgerung aufgenommen wurde. "Kommt rüber, hier gibt es Erbsen mit Speck!" Letzte Gelegenheit der Umklammerung und dem Tod zu entgehen. Veranstalter war: das Nationalkomitee 'Freies Deutschland'. Hierzu gehören die Gefangenen: General der Artillerie Walther von Seydlitz und seine Offiziere, sowie die späteren Machthaber der Ostzone und DDR: Wilhelm Pick, Walter Ulbricht, u. .s. w. Ich ordne sie nicht als "Freiheitskämpfer" ein. Sie gehören nicht in die Anerkennungs-Reihe: "20. Juli 1944 / von Stauffenberg".

Im Schützen-Loch lese ich : 'Im Westen nichts neues' und 'Vom Zarenadler zur roten Fahne'. Beide Bücher waren verboten. Ich fand sie beim Ortsgruppen-Leiter. Es gibt keine bessere Kulisse oder Umgebung, diese Bücher zu lesen. Ich hatte hierdurch Schwierigkeiten bei Vorgesetzten. Anfang April 1945 sind wir 3-4 km hinter der Front in Ruhe. Für den allabendlichen russischen Aufklärer, der die unmöglichsten Namen hatte - "Nähmaschine, U.v.D." - haben wir zum 'Sportschießen' Leuchtspur-Munition im MG. Das wird später mein Verhängnis.

Unser Essen: Fischfang im Teich mit Handgranate oder Gewehr. Eine Kuh kostete eine Zigarette. Es gab ja genug. Wer schlachtet wie und womit die Kuh? "Hole das MG". Wir sind zu dritt. Die Bratpfanne steht nicht still. Unterkunft: ein alter russischer Unterstand, ca. 2 Monate alt. Zum Jahreswechsel waren die Russen schon mal hier. Mehrere Baumstamm-Lagen, kreuz und quer, gut versteift. Nur durch Volltreffer zu knacken. Die Russen verstehen etwas von Bunkerbau.

4. April 1945 abends. Alarm! - Der Russe ist durchgebrochen. - Nach vorn! - Lücke schließen. Ich bin unruhig. Hinten im Kochgeschirr klappert der Löffel. Was ist heute mit mir los? Schon über 2 Stunden laufen wir im Dunkel. Wo sind wir? Verlaufen! "Alarm! Germanski!", schreit es neben uns. Wir sind in einen russischen Panzer-Aufmarsch geraten. Vor uns ist ein Bach mit einer ca. 3 Meter hohen Böschung. Man kann nichts sehen. Ich gebe Feuerstöße mit dem MG sehr flach ins Dunkel hinein. Die Erde spritzt auf. Zu flach. Alles heulende Querschläger. Gut erkennbar, denn ich hatte ja die Leuchtspur vom "Nähmaschinenschießen" im Magazin. Ich denke nur: "Das deprimiert, jetzt haltet die Köpfe unten". Aber auch vom Russen gut erkennbar. Hinter dem MG ragte mein ganzer Oberkörper gewinkelt aus der Böschung heraus (Mein Glück im Unglück). 2. oder 3. Granatwerfer-Schuss vom Russen saß. Ich bin getroffen. Ich rutsche runter bis zum Bauch ins Wasser. Die Einschussstellen brennen heiß, das Wasser ist eisig. Der Spreng-Kegel hatte nur die unteren Körperteile innerhalb der winkeligen Böschung getroffen. "Mutter .... !"

Ich bin wechselnd ohne Besinnung und wieder voll wach. Der Bach verläuft schräg zur deutschen Linie. Später werde ich von hier zurück geholt. Ein 18-jähriger Matrosen-Gefreiter aus Aachen u. a. war es. Ich hörte eine Woche später, dass eine Granate ihm am selben Tage beide Beine zerschlug. Auf der Bahre an der Pier in Pillau riefen es mir Verwundete zu. Wie hieß er? Reinge? Er war aus der 3. Gruppe, 2. Kompanie. Ich verdanke ihm mein Leben! Ich hatte aufgegeben!

Meine Verbandspäckchen hatte ich nicht mehr herausgeholt. Schwere, faustgroße Granatsplitter-Verletzung linker Oberschenkel, viele kleine Granat-Splitter innenseitig an den Beinen, Streifschuss linker Oberarm, Stecksplitter rechter Arm. Erster Notverband ca. 2 Stunden später hinter der Front. Am späten Vormittag des 5. April 1945 werde ich mit 6 bis 8 weiteren Verwundeten auf einem Pferdekarren zum Haupt-Verbands-Platz transportiert. Nachmittags Operation. Abends aufwachen. Ringsherum Lärm und Bewegung. Ich habe nur noch Hemd, Koppel, Pistole. Ich will nichts mehr von diesem Krieg wissen.

Ich liege in der Nacht auf einer Bahre in einem Hausflur. Wahrscheinlich störe ich den Durchgang. "Soll der auch raus?" Ich komme in den Lazarettzug. Die Fahrt von Königsberg nach Pillau von ca. 40 bis 50 km Bahnlinie, verläuft in großem Bogen um den nördlichen Teil des Haffs. Ungefähr bei Seerappen, im mittleren Teil der Strecke, stoppt der Zug mehrmals. Der Russe ist dicht dabei und beschießt die Strecke. Müssen wir umkehren ? Der Russe lässt durch! Wir sind "verbrieft" der letzte Zug. Nach uns kam keiner mehr. 2-3 Stunden später, am 06. April 1945, 6.oo Uhr beginnt die russische End-Offensive auf Königsberg und das Samland. Bei Fischhausen haben wir es geschafft und fahren über die schmale Nehrung die letzten 15 km weiter nach Pillau. Mit der "Albert Jensen" verlasse ich diesen Ort.


lo