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Werner Viehs: U-Boot-Ausbildung in Gotenhafen und Pillau 1944

Dieser Eintrag von Werner Viehs (*1924) aus Bad Homburg (werner@viehs.de) von März 2011 stammt aus dem: Biografie-Wettbewerb Was für ein Leben! Der Text ist ein Auszug aus dem Buch: "Mein Jahrhundert"

Nach meiner Ausbildung bei der Kriegsmarine auf Norderney kam ich am 20. Juli 1944 in Gotenhafen / Gdingen zur Ausbildung in der 2. U-Boots-Lehr-Division auf der Wilhelm Gustloff an. Da standen wir vor dem Schiff, dass nun ein ¼ Jahr unser zuhause sein wird. Wir ahnten noch nicht, dass es dieses Schiff in einem halben Jahr nicht mehr geben würde.

Unsere Ausbilder waren junge Offiziere, die bereits einen oder mehrere U-Boots-Einsätze in der Vorzeit gefahren sind. Sie waren verhaltensmäßig in Ordnung und zugänglich. In der Regel herrscht in einem Schul- und Ausbildungs-Betrieb etwas mehr der Kasernen-Umgang. Es blieb mir nicht verborgen, sie sind gegen Hitler eingestellt. Zumindest waren sie nicht für ihn. Ich nahm gelegentlich Worte auf, die es erkennen ließen. Es waren nicht nur politische Witze, die man halblaut erzählte. Ehemalige HJ-Führer hatten es nicht leicht und bekamen es zu spüren. Einer von denen arrangierte das Geburtstags-Geschenk für den Ausbilder: eine bronzefarbene Führerkopf-Büste aus Gips. Zufällig sah ich, wie sie nachfolgend durch ein Bullauge, das zu öffnen war, mit den entsprechenden Worten versenkt wurde. Danach hatten die "Fähnleinführer" ganz ´verschis...`. In Gotenhafen und Pillau saßen einige Offiziere und Marinesoldaten im Gefängnis. Sie wurden beschuldigt, am "Hitlerputsch" beteiligt gewesen zu sein. Wir verstanden es noch nicht und reagierten zurückhaltend.

Auf "Teng"-Wache (Knast) hatte ich mit einigen nur kurze Verbindung. Es war immer eine Aufsicht oder Kontrolle in der Nähe. Die Inhaftierten waren doch ganz normal in ihrer Verhaltensweise. Ein Ober-Gefreiter mit U-Boots-Abzeichen war dabei. Ich hatte auch den Eindruck, dass nicht jeder diesen Wach-Bereich erhielt. Warum ich? Waren die vordem gesprochenen Worte ein Test? Hielt die Marine, soweit möglich, etwas deckend die Hand darüber? Der Marine wurde ja immer noch das revolutionäre Verhalten zum Ende des Ersten Weltkrieges nachgetragen. Erst später kamen bei mir solche Gedanken auf. Ich denke auch an die Situation und das widerstrebende Verhalten der Marine im Mai 1945 in Neustadt.

Die Ausbildung auf der "Wilhelm Gustloff" bestand aus:

a.) Verfestigungen von Gelerntem der Vorzeit,

z.B. morsen, blinken, signalisieren. seemännische Tätigkeiten,

Kutter pullen, u. s. w.

b.) Übungen auf Simultan- Anlagen, (Zentrale, Tauchtopf)

c.) praktischer Umgang in der Ostsee mit U-Boot und Torpedo.

d.) Fähnrich-Vorlehrgang auf der "Cap Arcona" mit Themen zu

Stellung und Verhalten eines Offiziers. Aufgabe, Pflicht, Kompetenz.

Die weitere Ausbildung bei der 1. U-Boots-Lehr-Division auf der "Robert Ley" in Pillau war ähnlich, jedoch nicht so umfangreich und intensiv. Wir waren eigentlich fertig ausgebildet für den U-Boot-Einsatz. Die 'Wilhelm Gustloff' war besser gepflegt als die "Robert Ley". Vielleicht ist es eine nichtberechtigte, subjektive Meinung. Auf der "Wilhelm Gustloff" war ich auf dem besseren, oberen Promenadendeck und hier auf der "Robert Ley" landseitig im A-Deck untergebracht. Auf den Schiffen waren unsere Wohn- und Ess- Räume. Hier machten wir Schulungen und Trocken-Übungen. Für unsere Praxis waren drei U-Boote da.

An einen August-Morgen 1944 in der Ostsee, Danziger Bucht, kamen wir zum ersten Mal auf das Boot. Die Zeiten vorher hatten wir im "Marine-Verfahren" unsere Lektionen eingepaukt bekommen und auch gelernt. An der Simultan-Anlage war geprobt worden bis alles wie im Schlaf und ohne Nachdenken ging. Ich war bevorzugt am Höhen-/Tiefenruder eingesetzt. Warum? Ich weiß es nicht. Vielleicht Zufall oder technische Berufs-Auswahl durch den LI (Leitenden Ingenieur). Meine vielseitige Ausbildung der letzten 2 Jahre erlaubte den Einsatz an vielen Stellen des Bootes.

Warum hat die Marine nur Leute über 1,75 Meter Größe genommen? Mit meinen 1,80 m habe ich mir viele blaue Flecke eingehandelt. Die Besatzung rutschte die Leiter herunter und war in sehenswerter Sekundenschnelle auf Station. Ich saß auf einem Tellersitz rechts am achternen Höhenruder. Links neben mir das "vordere Höhenruder". Hinter uns stand der LI (Leitender Ingenieur). An Deck wurde abgelegt. Wir fuhren über Wasser aus dem Hafen. "Alarm! Einsteigen! Auf Gefechts-Station! Tauchen!" Der Deckel klappte zu. Die Diesel-Maschine schaltete ab und wurde abgekoppelt. Die Zu- und Abluftventile wurden geschlossen, die Treibstoff- Zufuhr unterbrochen. Die batterie-getriebene E-Maschine startete und wurde auf die Antriebswelle geschaltet. Über Lautsprecher kamen von den verschiedenen Stationen die Bereitschafts-Meldungen. Der LI hatte den "Christbaum" im Visier, d.h. das Tableau mit den vielen Signallampen. Bei Grün, waren alle Öffnungen zu. Bei den nachfolgenden Befehlen wurden von vorn nach achtern die Flutklappen der Tauchzellen geöffnet.

Mit unseren U-Booten durchfuhren wir die Danziger Bucht. Die hatte in 2-5 km Küsten-Entfernung Tiefen von 70 bis 90 Meter. Diese Tiefen nehmen eine Breite von ca.20 km ein. Vor Gotenhafen und Pillau lagen diese Tiefen in ca. 10 km Küsten-Entfernung. Zentral ging es in den Keller bis ca. 120 m Tiefe. Die Danziger Bucht war also ein ideales Ausbildungsgebiet für Tauchübungen mit dem Boot.

Der U-Boots-Betrieb ging im Herbst 1944 vorerst weiter, als wenn nichts wäre, doch der Russe kam näher. Nach Weihnachten verstärkten sich die Flüchtlingstrecks in Pillau. Plötzlich war unsere U-Boots-Betrieb zu Ende. Unerwartet wurden wir am 10. Januar 1945 ausgeschifft. Die feldgraue Uniform der Marine-Artillerie wurde angezogen. Die Seesäcke wurden gestopft und in einem Lagerschuppen deponiert. Es sollte nur eine kurzzeitige Angelegenheit sein: Wir helfen bei der Einschiffung der Flüchtlinge.


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