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Werner Weber: Bericht über die letzten Kriegstage im Mühlental von Wernigerode

Dieser Eintrag stammt von Werner Weber (*1929 ) aus Halberstadt , Juli 2003 :

Mittwoch, der 11. April 1945

Es ist die Nacht vom Dienstag, dem 10. April 1945 zu Mittwoch, den 11. April. Vom Friederikental, diesem idyllischen Seitental im oberen Nöschenrode aus sieht man gegen 22°° Uhr, wenn man in nordwestlicher Richtung in den Nachthimmel blickt, Feuerfontänen mit nachfolgenden starken Explosionen. Vor den heranrückenden Kampftruppen der Amerikaner werden Munitionslager der Produktionsstätten hinter dem Huy (Wilhelmshall) und im Schimmer Wald gesprengt. Ein schauerliches und gespenstisches Bild wie ich mich erinnere.Zur gleichen Zeit, so der Geschichtsschreibung nach, gab es Gespräche des Bürgermeisters von Wernigerode, Herrn v. Fresenius mit dem Obersten Gustav Petri, der am 9. April mit seinen, ihm verbliebenen, Leuten "rückwärtiger Dienste" in Wernigerode eingerückt war. Sein Quartier hatte Petri im "Haus Sonneck" im Mühlental (wenige hundert Meter von der Storchmühle in Richtung Stadt entfernt, genommen. Seine Soldaten quartierte er im "Stadtgarten" ein. Petris Auftrag bestand zunächst darin, zurückgehende deutsche Einheiten, auch Einzelpersonen und Gruppen über Hasserode und Nöschenrode der 11. deutschen Armee zur Verteidigung der "Festung Harz" zuzuführen. Bürgermeister v. Fresenius hat nachweislich versucht, in den Gesprächen, Petri davon zu überzeugen, die Stadt Wernigerode nicht in die Hauptkampflinie einzubeziehen. Petri war, nach einem telefonischen Lagebericht an seinen Dienstvorgesetzten Oberst Linemann, der sich in Andreasberg aufhielt, als ranghöchster Offizier in Wernigerode zu der Zeit telefonisch zum "Kampfkommandanten" ernannt worden und sollte nun auch diese Stadt "verteidigen" was er ablehnte. Diese Ablehnung führte schließlich dazu dass Petri am 11. April verhaftet und bei Elend im Harz noch am gleichen Tage vom Wachzug der 11. Armee erschossen wurde. Am Marktbrunnen erinnert eine Plakette an diesen "Retter" der Stadt und auch eine Strasse trägt seinen Namen.

Am 11. April dann wurde am frühen Nachmittag gegen 14°° Uhr 30 Min. auf dem Theobaldifriedhof in Nöschenrode, dem Teil der Schlossgemeinde (das ist der am Wald liegende Teil des Friedhofes), Frau Auguste Weber, die Großmutter des Autors und verstorbenen Ehefrau des Holzhauermeisters Wilhelm Weber, beigesetzt. Sie war im 66. Lebensjahr verstorben und hatte im Voigststieg gelebt. Pfarrer Kroneberg sprach gerade, an die Tote und die relativ große Trauergesellschaft gewandt, die letzten Worte des Trostes, als plötzlich Granatbeschuss alle aufschreckte und die "Veranstaltung" sprengte. Der eilig herabgelassene Sarg wurde erst Tage später mit Erde bedeckt.

Eben zu dieser Zeit rückten die amerikanischen Kampftruppen an und man erzählte später in der Bevölkerung, dass Rudolf Kindermann und der Chefarzt der Chirurgie des Krankenhauses Dr. Moldenschardt, diesen Truppen mit weißer Fahne entgegen gegangen seien um einen Panzerbeschuss zu verhindern und die Stadt kampflos zu übergeben. Ich kann die Wahrhaftigkeit dieser Aussage nicht belegen, aber vieles deutet wohl darauf hin dass es so gewesen sein könnte. Der Beschuss war auch nur durch zwei oder drei Detonationen wahrnehmbar und hat auf die Stadt selbst nicht mehr stattgefunden. Es wurde dann im Verlaufe des Nachmittags und den weiteren Tagen auf die Zugänge in den Harz (Nöschenrode und Hasserode) geschossen.Wenn es aber mit der Handlung von R. Kindermann und Dr. Moldenschardt sich so verhalten hat, dann hätten diese einen größer Würdigung um die mutige Aktion schon geschichtlich verdient!

Jedenfalls zerstob die Trauergemeinde, die Auguste Weber das letzte Geleit gegeben hatten. Etwa 50-60 Leute, liefen in aller Eile vom Theobaldifriedhof davon. Meistens nach Hause in die Stadt, nach Hasserode bzw. in unserem Fall ins Friederikental durch Bohlweg und den Wildmeisterweg. Zu Hause angekommen wurde so schnell es ging noch versucht, die Kellerfenster zu schützen und der Keller aufgesucht. Mit uns, meinen Eltern und mir, waren noch unsere "Evakuierte", Frau Lina Wohning aus Moers am Rhein und eine Verkäufern der Bäckerei Blumeier in der damaligen Kaiserstrasse von Nöschenrode. Wegen Granatbeschusses, der doch ziemlich dicht ans Haus reichte - nur etwa 200m entfernt schlugen Granaten ein, ohne allerdings bemerkenswerten Schaden anzurichten -, ging es doch noch in den nahe gelegenen Wald bis ins "Siebenbörner Tal". Von dort kehrten wir erst bei Einbruch der Dunkelheit zurück.

Donnerstag der 12. April 1945

Die Nacht war unruhig ob der Dinge die sich noch ereignen würden. In der Tat drangen in dieser Nacht, von den Anwohnern unbemerkt, Teile der 11. Armee, es waren Militärschüler der Offiziersnachwuchsschule Potsdam, von Elbingerode kommend ins Mühlental ein und gingen an der Westseite entlang des Mühlgrabens, Vogelsang ... bis zum "Holfelder Platz" vor, zogen sich aber bis zum Morgen wieder zurück auf die Höhe "Hartmanns Mühle". Ihre Ausrüstung und Bewaffnung bestand aus Fahrrädern und Panzerfäusten sowie Sturmgewehren. Sie waren verblendete und dadurch fanatische junge Männer die noch an "den Endsieg" in dieser aussichtslosen Situation glaubten und bereit waren für dieses aussichtslose Ziel zu kämpfen und zu sterben. Jedenfalls war dies der Eindruck den mein Vater hatte, als er diese Männer bei Hartmanns Mühle so gegen 10°° Uhr am 12. April aufsuchte. Im Interesse der Sicherheit unseres Hauses im Falle bewaffneter Vorgänge, wollte er mit ihnen darüber zu diskutieren, nicht zu kämpfen bzw. die Bevölkerung in jedem Fall zu verschonen. Von diesem Gespräch kam der Vater ganz entsetzt ob der Uneinsichtigkeit der Leute nach Hause zurück. Ich wirkte in der Zeit im Garten unseres Hauses und war dabei zu graben.

So verging der Vormittag bis dann so gegen 13°° Uhr etwa, lautes Motorengeräusch von Panzern (Typ Sherman) uns vor das Haus holte. Was da zu sehen war sah nicht hoffnungsvoll aus. Drei solcher Panzer als Konvoi mit aufgesessener Infanterie befuhr die Strasse des Mühlentals (heute B 242) vorsichtig. In Höhe der Hälfte zwischen Hartmanns Mühle und Hotel Waldmühle (heute steht dort auf der Westseite des Baches ein Tennishotel "Waldmühle") wurde gehalten und die Infanteristen begaben sich in Angriffsstellung hinter die schützenden Panzer. Dann begann die Fortsetzung der Fahrt und schon nach wenigen Metern begann eine wilde Schießerei. Das veranlasste uns natürlich wieder Schutz zu suchen im Keller. Bis es draußen wieder ruhig wurde und die Amerikaner ganz offensichtlich sich zurückgezogen hatten was am leiser werdenden Motorengeräusch deutlich vernehmen konnte. Es war aber ein Trugschluss zu glauben, nun sei erst einmal alles überstanden. Kurze Zeit später wurden wir gewahr, dass 6 solcher gepanzerten "Ungetüme", behängt mit Baumstämmen und Sandsäcken - dies wurde zum Schutz gegen sogenannte "Haftladungen", Sprengladungen gegen die Panzerung getan -, über die Wiesen fuhren und zurück kamen. Diesmal einer davon direkt in Richtung unseres Hauses was ich deutlich aus dem Badfenster schauend sehen konnte und weswegen wieder alle in den Keller flüchteten. In der Tat hielt der Panzer etwa ½ Meter neben unserem Haus. Die Stimmen der Besatzung waren deutlich zu hören und wir da im Keller zitterten alle vor Angst am ganzen Körper, doch nicht wissend was denn da auf uns wohl zukommen könnte. Eine Drehung des Turmes hätte dem Haus schon arge Zerstörungen zufügen können.

In kürzester Zeit wurde aus der Panzerkanone geschossen. Die Fensterscheiben barsten sofort. Wir waren also, sonst in als sicher gedachter territorialer Lage was Bombenangriffe und so etwas anging, jetzt und zu guter Letzt noch mitten in die Kampfhandlungen des Krieges geraten. Das alles war das schlimmste Gefühl dass mich jemals in meinem Leben erfasst hat, auch wegen der offensichtlichen Hilflosigkeit der Lage und Situation. Diese Angst, die wir durchmachten, kann man nicht beschreiben. Es erwies sich wohl nun als Glück, dass die deutsche Armee an dieser Stelle so schwach ausgerüstet und bewaffnet war. Mit MGs konnte man von der Waldmühle aus den Panzern nichts anhaben und die Panzerfäuste hatten eine zu geringe Reichweite. Ich weiß es nicht mehr wie lange die Schießerei andauerte. Man glaubt ja in solchen Momenten es sei ewig lang aber, wenn ich drüber nachdenke, so war es bestimmt nicht mehr als eine Stunde. Die Amerikaner zogen sich wieder zurück. Ob bei ihnen Verluste waren weiß ich nicht. Bei den Deutschen, wie wir später feststellten, war ein junger Leutnant gefallen. Er wurde zeitweilig am Eingang des Hotels Waldmühle begraben und erst Wochen später nach dem Krieg umgebettet. Unser Haus wies erhebliche Schäden auf. Der Eingangsbereich (Vorbau als Windfang) war um ca. 20 cm aus der richtigen Position verschoben, etliche Fensterscheiben waren zu Bruch gegangen und der Garten durch die Fahrspuren stark verwüstet. Mittlerweile war es vielleicht so gegen 17°° Uhr geworden. Vater und ich, wir beseitigten die am Haus entstandenen Schäden so gut es eben ging, bzw. vernagelten die kaputten Fenster.

Freitag der 13. (!) April 1945

Die Nacht war wieder sehr unruhig, wusste man doch nicht was uns denn noch bevorstand. Am Morgen des Freitags, auch noch der 13.(!), sahen wir auf der "Schnurrbartwiese" vor unserem Haus Erkennungszeichen für Flugzeuge ausgelegt. Das hatten offensichtlich die Amerikaner gemacht in der Absicht Flugzeuge zum Einsatz zu bringen. Gegen 9°° Uhr schon, wurden wir dann von einer deutschen Krankenschwester, die ganz in der Nähe mit ihren Eltern wohnte (die Tochter des Maklers Hartwig) und einem amerikanischen GI aufgefordert, in den nächsten zwei Stunden das Haus zu verlassen. Wir waren 4 Personen, hatten 1 Schwein, 3 Ziegen, ca. 20 Hühner, Enten und Gänse usw. Es war ja Krieg und unser Vater hat uns versorgungsmäßig kaum etwas von dem spüren lassen, darum allerdings auch dieses Stück "Selbstversorgung". Wohin mit alledem ohne es verlustig gehen zu müssen? Das war nun die Frage. Mit uns wurden gleichermaßen evakuiert: Das Nachbarhaus der Fam. Schökel (4 Personen), Die Mühle von Hartmanns (4 Personen). Die sogenannte "Hahnsche Villa" (ca. 20 Personen) und die "Städtischen Häuser im Mühlental (ca. 40 Personen). So mussten also etwa 70 Leute ihre Wohnung verlassen. Es entstand spontan eine bemerkenswerte Solidarität. Wir konnten unser Hab und Gut, vor allem die Tiere, bei Leuten unterbringen mit denen wir trotz der territorialen Nähe kaum sonst Kontakte hatten. An den Häusern am sogenannten "Floßplatz", hatten die Amis eine Kontrolle eingerichtet durch die wir mussten. Man wies uns ein in die Storchmühle, wenn wir nicht privat anders eine Unterkunft für uns organisieren könnten. Wie sich dann herausstellte hatte Rudolf Kindermann, ob freiwillig oder unter Zwang weiß ich nicht, den Saal der Storchmühle zur Verfügung gestellt, in dem die Menschen nun erst einmal Unterkunft fanden.

Wir gingen zu Freunden meiner Eltern, d. h. zu Frau Ratjen, er war Meister bei Thiel und Loeffler aber nun auch wie die meisten der Männer Soldat. Sie wohnte im Haus der Freifrau von Langermann in der Tiergartenstrasse. Dort wohnten wir nun. Hier gab es einen Plattenspieler den ich dann mit Beschlag belegte und unentwegt Platten der damaligen Zeit mit den Stars von damals, wie Zarah Leander, Herbert Ernst Groh usw. hörte. Die Frauen durften am Samstag noch einmal mit amerikanischer Bewachung oder auch amerikanischem Schutz in die Häuser um weitere Gegenstände zu holen. Da lagen in den Wäldern auch der Ostseite des Mühlentals, am Fenstermacherberg deutsche Soldaten die sogar diese Frauen, meine Mutter und Lina Wohning, beschossen haben. Der Amerikaner hat sich zu deren Schutz noch eingesetzt, indem er ihnen half sich in den Straßengraben zu werfen. Kein Ruhmesblatt für die deutsche Armee so kurz vor dem Untergang. Ich hielt mich auch sehr viel in der Storchmühle auf denn dort waren ja auch Freunde untergebracht. Hier habe ich auch Rudolf Kindermann an einem der Tage zwischen dem 14. April und dem 16. April gesehen. Er war verwundet. Es muss wohl am Samstag, dem 14. April gewesen sein, dass ein Mitglied der Wehrwolforganisation Rudolf Kindermann mit einer Pistole in den Arm angeschossen hat. Ich habe den Verletzten mit Arm in der Binde selbst gesehen. Offenbar war dies ein "Racheakt" der mit der Stadtübergabe im Zusammenhang zu sehen ist. Die Wehrwolforganisation war nämlich eine Verbindung von meist Hitlerjugendangehörigen oder auch der Waffen-SS. In den Anfängen der Besatzungszeit oder danach verübten diese Leute Überfälle oder sonstige die Besatzer schädigende Taten. Auch gegen Deutsche vergingen sie sich, wenn sie nach ihrem Verständnis glaubten, dass sie sich mit dem "Feind" verbündet hätten. Das lag nun hier im Fall von R. Kindermann vor.

Die weiteren Tage zwischen dem 13. und etwa dem 18. April 1945

Bei den Besuchen in der Storchmühle an diesen Tagen fiel auf, das die Amerikaner ständig mit Kanonen in Richtung Voigtstieg oder weiter schossen. Die Granaten, ohne dass das uns störte, pfiffen über unsere Köpfe hinweg. In Erinnerung habe ich aus dieser Zeit noch, dass auch das Brockenhotel abbrannte. Man konnte nachts den Feuerschein erkennen. Nach ein paar Tagen, es war vielleicht am Anfang der neuen Woche, also um den Montag, den 16. April herum kamen mehr amerikanische Truppen ins Mühlental und man spürte dass irgend etwas passieren würde. Auch in dem Haus in dem wir wohnten, also bei der Freifrau v. Langermann, wurde Quartier bezogen. So etwa 6 bis 8 Amis zogen ein. Mit meinem Schulenglisch nach 6 Jahren ging die Verständigung ganz gut. Ich hatte in der Zeit mehrfach mit diesen Kampftruppen Kontakt und muss ihnen doch sehr großen Respekt zollen. War ich noch ganz stur als wir evakuiert wurden am Kontrollpunkt Floßplatz, so wich diese meine konsequent ablehnende Haltung doch im Laufe der Zeit. Neugier und auch der Zwang der Situation machten mich vernünftiger. Auch der "Selbsterhaltungstrieb" kommt bei bestimmten Situationen zur Geltung. Z. B. stand ich am 14. April am Handwagen, den die Frauen noch gepackt und aus dem Kampfgebiet geholt hatten um beim Entladen aufzupassen dass Niemand etwas klaut. Plötzlich kam ein GI der schon mit vorgehaltene MP eine Jungen vor sich her trieb und verlangte dass auch ich mit ihm komme. Dieser GI wetterte ständig in typischem amerikanisch: "Yo are Hitler-Youth, damned Hitler-Youth!! I'll arrested you!!!" Ich antwortete dass ich kein Hitlerjunge sei, und verwies auf meinen Wehrpass in dem kein Bild in HJ - Uniform sein durfte. Noch nicht 16 Jahre alt (!), waren wir schon im März des Jahres gemustert worden und hatten demzufolge solchen "Pass". Ich zeigte ihm den Pass und er ließ mich nach vielleicht 200 Metern frei. So erkannte ich bald, dass es eben auch nützlich war, sich verständigen zu können auch mit den "Feinden" für die wir ja noch immer die Amis hielten.

Als dann die Kampftruppen im Haus der Freifrau v. Langermann wohnten, quasi gemeinsam mit uns, da war es häufig der Fall dass es zu Unterhaltungen kam. Auch wenn ich die Haltung der Amerikaner den Frauen gegenüber bei dem nochmaligen Aufsuchen unseres Hauses berücksichtige, dann muss ich sagen dass sie sich immer sehr kooperativ und fair verhalten haben. Das haben andere Deutsche von Kampftruppen anderer "Verbündeter" gegen Hitlerdeutschland ganz anders und viel spektakulärer ja sogar menschenfeindlicher erleben müssen.

Die Zeit ab 20. April 1945

Wann genau nach Tagesdatum wir in unser Haus zurück sind weiß ich nicht mehr. Am 20 April, gerade als der Verbrecher Adolf Hitler 56 Jahre alt wurde, kapitulierte die 11. deutsche Armee in der "Festung Harz". Die Amerikaner mit der 1. Armee in nördlicher Richtung und mit der 9. Armee südlich, hatten die Deutschen umzingelt und eingeschlossen so dass ein anderer Ausweg als die Aufgabe des sinnlosen Kampfes nicht blieb. 76 000 Mann der 11. deutschen Armee, deren Stab in Dreiannen Hohne saß, ergaben sich nach verlustreichen Kämpfen, alles sinnlose Opfer.

Also, dieses Ereignis wohl schon im Vorfeld brachte uns in den Tagen um meinen 16. Geburtstag wieder nach Hause. Ich kann das so sagen, weil wir die sich ergebenden deutschen Soldaten in langen Zügen mit erhobenen Händen haben ziehen sehen als wir schon wieder im Friederikental waren. Ein für uns furchtbarer Anblick und demütigend für die Betroffnen selbst. Dort in unserem Haus erwartete uns so manche Überraschung. Meine Eltern mit ihrem sehr großen Freundes- und Bekanntenkreis, hatten in den letzten Wochen vor dem Kriegsende einigen Geschäftsleuten davon, Platz zum Aufbewahren von Waren oder Material oder Maschinen und Geräten eingeräumt. Das befand sich überwiegend im Keller. Darin hatten Eindringlinge herumgewühlt und einer der Bekannten hatte, uns allen völlig unverständlich, auch ein Hitlerbild mit dabei in den "Vorräten". Dieses Bild empfing uns am Hauseingang quasi zur Begrüßung. Meine Mutter war außer sich, zumal sie von meinen beiden antifaschistisch eingestellten Elternteilen die radikalste Gegnerin des Faschismus war. Die Sache hatte keine Konsequenzen aber sie war trotzdem ärgerlich.

Dann waren die Wände des Kellers und einiger Zimmer mit Himbeersaft aus unseren Vorräten beschmutzt. Die Vandalen hatten die Flaschen einfach an die Wände geworfen. Kein schönes Bild. Aber das und die Einschüsse einer MG-Salve über die Hausfront sowie weitere geborstene Fensterscheiben waren eigentlich alles an Schäden. Inventar fehlte nicht, auch die zur Aufbewahrung übernommenen Gegenstände fanden wir vollständig vor. Das war um so wichtiger als ja auch eine Vertrauenssache gewesen war so etwas leisten zu wollen. Auch befanden sich darunter Wertobjekte die z. B. einem der Geschäftleute später zum Neuanfang nach der Währungsreform in der Bundesrepublik gereichen sollte. Damit, mit diesem letzten Akt des Dramas 2. Weltkrieg in Wernigerode und der Festung Harz hatten wir nun die schlimme Zeit und vor allem den Krieg in seiner für uns furchtbaren direkten Dramatik endlich überwunden.

Die Zeit bis zum 1. Juli 1945

Die Amerikaner verhielten sich nun als Besatzungsmacht. Wir versuchten so gut es eben ging, die am Haus entstandenen Schäden auszubessern und langsam begann sich das Leben wieder zu normalisieren. Wir mein Vater und ich suchten in den Wäldern nach Dingen, die die 11. deutsche Armee im Chaos des verlorenen Krieges und der Niederlage hinterlassen hatten und die brauchbar für uns waren. Große Mengen an Verpflegung z. B. und auch Gebrauchsgegenstände warten da zu holen.

Zunächst blieb die Amis etwa 4 Wochen. In dieser zeit belegten sie auch die Storchmühle als Offiziercasino. Dann wurden sie von den Engländern abgelöst, die ein wesentlich strafferes Regime einführten. Aber auch all das dauerte nur bis zum Ende Juni 1945. In Erfüllung der Jalta-Absprachen der Alliierten, die ja schon für die Zeit vom 17. Juli bis 02. August die "Potsdamer Konferenz" einberufen hatten, übernahmen am Montag, dem 01. Juli 1945 die Russen die Besatzungshoheit auf unserem Territorium.

In diesem Zusammenhang des Übergangs der macht auf die Rote Armee von den Engländern wird noch einmal Rudolf Kindermann interessant. Er nämlich veräußerte völlig überraschend das Inventar der Storchmühle so gut es in der kurzen Zeit weniger Tage überhaupt ging und wurde dann von den abreisenden Briten nach Hahnenklee mit LKWs mitgenommen. Man wertete in der Bevölkerung diese Leistung der Besatzungsmacht für einen Deutschen in der Form als Anerkennung für seine Dienste gegenüber Großbritannien in der Geheimdienstorganisation Sekret-Service.

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