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Willi Witte: "Der Führer hat euch schon heute zu den Waffen gerufen!" - Kriegserlebnisse in der Waffen SS

Dieser Eintrag stammt von Willi Witte (*1928) aus Westerland/Sylt, April 2001:

Am 08. 03. 1945 war das Lager und die Ausbildung zu Ende, und wir sollten wieder nach Hause. Das Gefühl lässt sich nicht überliefern, da musste man erlebt haben. Bannführer Moritzen nahm die Meldung des Ausbildungslagerabschlusses mit 1400 HJ-lern entgegen. Da sagte er dann: "Der Führer hat euch schon heute zu den Waffen gerufen!" Wir würden geschlossen der Waffen SS übergeben werden. Vorher sprach er noch davon, dass Deutschland in höchster Gefahr wäre.

Wir wurden dann aufgeteilt. 200 Mann nach Wien, 50 Mann Panzernahkampfbrigade nach Berlin, der Rest auf den Truppenübungsplatz Beneschau bei Prag. Nach dieser Nachricht gab es natürlich lange Gesichter und wohl auch so manche heimliche Träne. Da war natürlich nichts mehr mit nach Hause fahren und dann noch zur SS. Denn soweit ich mich erinnern kann, hatten alle bereits einen Wehrpass für das Heer, die Marine oder die Luftwaffe.

Die SS hatte uns im wahrsten Sinne des Wortes ohne eigene Zustimmung einfach kassiert. Man lud uns dann in Waggons in Richtung Kienstlag. Beim Aussteigen in Kienstlag sahen wir lauter SS Uniformen. Schon auf dem Bahnhof wurden wir in Kompanien aufgeteilt. Harald Koopmann und ich blieben in einer Kompanie. Dann ging es in die Quartiere. Tschechen gab es kaum noch auf dem Truppenübungsplatz. Es war alles verlassen und grausam öde. Zu allem Überfluss hatten wir auch noch einen Schneesturm. Wir lagen in dem Dorf Networschitz in einem kleinen Tal. In der ehemaligen Lederfabrik war eine Grossküche eingerichtet.

Ein Kino gab es da auch noch. Das war ständig mit Soldaten überfüllt. Wir kamen mit unserem Zug in die ehemalige Schule. Da waren Doppelbetten in den Klassen aufgestellt. Harald Koopmann war in einem anderen Zug und nicht bei uns. Bei mir im Zug waren Leute aus allen Ecken Deutschlands. Am nächsten Morgen gab es schon Gewehre. Das Eintätowieren der Blutgruppe unterm Arm liess auch nicht lange auf sich warten. Ausgebildet wurde noch in HJ Uniformen. Es war ein unwahrscheinlich harter und erbarmungsloser Schliff dort. Es wurde das Letzte bei der Ausbildung aus uns herausgeholt.

Am 12. 03. 1945 marschierte das ganze Regiment zur Vereidigung auf. Der Kommandant hielt eine Ansprache und liess durchblicken, dass wir an der Front eingesetzt werden sollten. Unser Regiment nannte sich: "Konepacki, Kampfgruppe Böhmen SS Division Hitlerjugend". Man nahm uns auch die Wehrpässe ab. Da kam dann auf irgend eine Seite der Stempel der SS mit unserem Namen und unserer Einheit rein.

Unsere Ausbildung ging erst noch weiter. An die Panzerbekämpfung kann ich mich noch genau erinnern. Wir sollten mit einer Tellermine auf einen schnell fahrenden Panzer springen und eine Haftmine am Turm befestigen. Das war gar nicht so leicht wie sich das anhört, denn man wollte auch nicht in die Ketten kommen.

Am 30. 03. 1945 war eine Grossübung. Zwei Tage waren wir unterwegs. Wir haben feste mit Platzpatronen geschossen. Es spielte sich alles in einer einmalig schönen Gegend ab. Aber für solche Betrachtungen war nicht viel Zeit. Danach, wieder im Quartier, wurden wir Feldgrau eingekleidet. Abends wurde der Ort in Alarmbereitschaft gesetzt, keiner durfte den Ort verlassen. Jeden Moment konnte der Befehl zum Abmarsch kommen. Wir bekamen auch scharfe Munition ausgehändigt.

Am 05. 04. 1945, 16.00 Uhr kam der Befehl zum Abmarsch. Vorher gab es noch mal Essen. Dann nahmen wir Waffen aller Art und die Notverpflegung in Empfang. Unsere Ausbilder blieben unsere Vorgesetzten. Es waren zum Teil hochdekorierte Leute, wie Ritterkreuzträger, dabei. Mit diesen Leuten war es besonders leicht auszukommen. Die hatten ja auch einiges an Schlamassel mitgemacht. Schlimmer waren die Fahnenjunker. Diese waren zum Teil unsere Gruppenführer, fanatisch und ehrgeizig. Unser Spiess, der auch mit zur Front kam, hatte sich während unserer Ausbildung mit seinem fast krankhaften Drill mehr als unbeliebt gemacht.

Wir wurden auf LKW mit Holzgasantrieb verladen und fuhren so schwer beladen in Richtung Front. Die Fahrt ging durch Böhmen, Niederdonau über Znaim Richtung Krems. Am 07. 04. 1945 abends bei Krems a.d. Donau wurden wir in die Frontlinie eingereiht. Wir mussten uns eingraben. Der Blick über die Donau war herlich. Drüben sollte schon der Russe sein. Ich habe aber keinen gesehen. Es fiel auch kein Schuss. Neben uns lag eine Einheit von ehemaligen Flak Soldaten (nur Infanterie). Das waren grösstenteils ältere Leute. Als sie uns sahen, schüttelten sie den Kopf und sagten: "Jungs, geht bloss nach Hause". Darauf wurde uns strengstens verboten mit denen zu sprechen.

Am Tag wurden wir aus den Löchern zurückgezogen. Nachts ging es wieder rein. Das ging in völliger Ruhe einige Tage gut. Am 16. 04. 1945 mussten wir wieder in unsere Autos steigen und fuhren Richtung Osten. Bei einem Dorf südöstlich Lan a.d. Thaya mussten wir uns als zweite Linie wieder eingraben. Ich hatte mein Loch mit meinem Kameraden noch nicht halbfertig, da wurden wir von unserem Zugführer (freiwillig) eingeteilt, einen schwer verwundeten Soldaten einer anderen Einheit nach hinten zu tragen. Wir waren vier Mann zum Tragen. Die Trage bestand nur aus einer Wolldecke. Diesem Soldaten war das ganze Bauchfell weggerissen worden. Zum Teil konnte man die Eingeweide schon sehen. Aber er lebte noch. Er war aber mehr ohnmächtig als wach.

Wir konnten auf unserem Weg voll vom Russen eingesehen werden, aber es fiel kein Schuss in unserer Richtung. Auf dem Rückweg wurden wir dann aber sogar von Granatwerfern beschossen. Wir vier kamen aber wieder wohlbehalten bei unserer Kompanie an. Das war allerdings unsere erste, äusserst kräftige Feuertaufe. Wir wurden nochmals auf dem Gelände neu verteilt. Mit zwei Gruppen lagen wir links neben der Strasse, die in ein kleines Dorf führte, auf halber Höhe eines Abhangs (Weinberg) in Stellung.

Einige Kameraden und ich lagen in einem Hohlweg. Nach oben hin durch eine ca. 2 m hohe Erdkante geschützt. Rechts von uns, ca. 15-20 m weiter, wo die anderen Gruppen lagen, hatte der Weg keine schützende Kante nach oben mehr. Da spielte sich dann die nächste Nacht eine Tragödie ab. Denn oberhalb, ca. 30 m entfernt von uns, hatte sich ein russisches SMG (Schweres Maschinengewehr) eingenistet. Dieses SMG hat in der Nacht fast die ganze Gruppe samt Gruppenführer getötet. Was richtig los war in der Nacht, konnten wir wegen der tiefen Dunkelheit aber nicht feststellen. Wir, die in der Vertiefung des Weges standen, waren vor den MG-Salven, die von oben kamen, absolut sicher. Bis zum Morgengrauen war das russische MG ausgeschaltet. Wir mussten uns um die verwundeten Kameraden, die rechts von uns gelegen hatten kümmern (Meist Hackenschüsse). Es hatten, wie bereits erwähnt, nur wenige überlebt.

Auf der anderen Seite der Straße, hinter einem Hügel, vom Dorf nicht einsehbar, lag unsere Restkompanie. Man teilte uns mit, dass wir auch dahin kommen sollten. Dazu mussten wir den Abhang runter und die Strasse überqueren, die voll von den Russen im Dorf einsehbar war. Zu allem Überfluss war da ein dichtes Gestrüpp (Hecke) vom Hohlweg aus, das nach unten mit Anlauf übersprungen werden mute (inkl. Gepäck!!). Alle kamen auch ohne getroffen zu werden gut rüber. Ich blieb beim Sprung in der Heckenkrone hängen und zappelte da oben wie ein Ertrinkender rum. Ich sah auch von da oben ein russisches MG-Nest etwa auf halber Strecke zwischen Dorf und uns. Glück für mich, die Russen waren alle tot. Nach vielem Zappeln kam ich dann doch frei. Solche Erlebnisse vergisst man nicht.

Unten bei der Kompanie hiess es dann, wir sollten bald das Dorf angreifen. Auch diese Zeit davor bleibt unvergessen. Das sind schlimme Stunden und Minuten vor einem Angriff. Das Warten ist nervtötend. Das Dorf einzunehmen war dann gar nicht so schwierig, wie vermutet. Wir hatten allerdings viel Schwierigkeiten mit unserer Gewehrmunition. Es waren lacküberzogene Eisenpatronenhülsen und die klebten nach einem Schuss immer einen kurzen Augenblick im Gewehrlauf fest. Das war nicht gerade beruhigend. Im Dorf durchkämmten wir dann alle Häuser, Scheunen usw. Auf der Strasse lag ein toter russischer Offizier mit gespaltenem Schädel. Dem nahm ich die Pistole ab. Da kam ein deutscher Wehrmachtsoffizier auf mich zu und verlangte die Pistole. Ich hatte auch so genug zu schleppen. In den Häusern war sehr viel geplündert worden. Ein Russe wurde noch von einem anderen Zug bei einem Überfall und der Misshandlung einer Frau erwischt. Den hat man gleich erschossen.

Ich hätte beinahe eine deutsche Frau erschossen. Aus einer von aussen verriegelten Kellertür sah ich, wie jemand durch ein Loch in der Tür von innen auf mich zielte. Ich habe sofort geschossen. Gott sei Dank daneben, denn es war eine Frau mit einem Stück Rohr, die sich nur bemerkbar machen wollte.

Die erzählte uns, dass der Russe auch einige Frauen mitgenommen hätte. Ich selbst bin einem Russen im Gefecht nie so nah gewesen, dass ich das Weisse in den Augen hätte sehen können. Auf so einen dann schiessen zu müssen, hätte mich wohl doch einige Überwindung gekostet. Aber die ständig sich überschlagenden Ereignisse, als auch neue Eindrücke, liessen uns nicht viel Zeit zum Nachdenken. Wir haben uns auch bald wieder aus dem Dorf zurück gezogen.

lo