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Wolfgang Bohnes: Als Hitler-Junge zum Reichsarbeitsdienst

Dieser Eintrag stammt von Wolfgang Bohnes (*1928 ) aus Bad Waldsee , Juli 2007 :

Die alliierte Invasion an der Westfront hatte die Kriegslage verändert und amerikanische und französische Truppen marschieren in Paris ein, da wurde ich, einige Tage vor meinem 16. Geburtstag, am 16.9.44 mit einer HJ-Gruppe zum Stellungsbau an die Nordseeküste abkommandiert. Über Nacht mußten wir unsere Sachen packen und uns am nächsten Vormittag zur Verabschiedung auf dem Marktplatz in Eutin einfinden. Nach einigen markigen Sprüchen über Heimatverteidigung und Endsieg wurden wir mit Tornister, Hacken und Spaten auf Lkws verfrachtet und über Plön, Kiel, Rendsburg, Schleswig, Flensburg nach Enge im Kreis Südtondern (Bannbefehlsstelle Haubold) in die Unterkunft III gefahren. Wir sind bei einem kleineren Bauern am Ende der Dorfstraße, rechter Hand, einquartiert und liegen in einem Kuhstall auf Stroh. Wie die Rinder pennen wir vor der stinkenden Jaucherinne, aber da wir von der täglichen Schufterei sehr müde sind, löst sich auch das Problem.

Auf der westlichen Seite der Landstraße von Husum nach Niebüll, bei der Ortschaft Sande, bauen wir den Friesenwall. An die sechshundert Mann heben mit Spaten und Hacke - quer durch Felder und Wiesen - einen Panzergraben von mehr als zwei Metern Tiefe und einer Sohlenbreite von einem halben Meter aus. Er zieht sich kilometerlang durch die ebene Landschaft, überall wird gehackt und geschaufelt und wir müssen eine bestimmte Meterzahl täglich ausheben, was zu unterschiedlichem Druck auf die einzelnen Gruppen führt. Die Oberschüler waren für die schwere Arbeit nur bedingt tauglich und der Leistungsdruck führte zu Sticheleien, wodurch ich mir beinahe eine Tracht Prügel eingefangen hätte. Nachdem wir beim Arbeiten an den Stellungs-Gräben von englischen Jagdflugzeugen beschossen wurden, bekamen wir einige schwere Maschinengewehre, die einfach auf einem Holzpfahl, der im Boden eingegraben war, montiert wurden. Für diese MG wurde eine Gruppe Freiwilliger gesucht, die dann von einem Soldaten an der Waffe eingewiesen wurde. Es kam aber, Gott sei Dank, nicht mehr zum Einsatz.

Ich werde als landwirtschaftlicher Experte zum Abernten der von uns abgesteckten Felder eingesetzt und beaufsichtige die Arbeit der Helfer. Es sind noch große Felder mit Runkelrüben, Karotten und Zuckerrüben im Boden und alles muß mit Handarbeit geerntet werden. Bei Regen und Wind stehen wir auf den nassen und matschigen Feldern und beladen die Wagen der Bauern. An meinem Geburtstag, im Oktober 1944, bin ich dort in einen tiefen Wassergraben gerutscht, ich war tropfnaß und ging in den Stall, um meine Sachen zu trocknen. In dem dunklen Stall gab es weder einen Ofen noch sonst ein warmes Plätzchen. Die Tiere waren noch auf den Weiden und es wurde allmählich Zeit, daß wir ihnen die Ställe freimachten. Waschen und Pflegen konnten wir uns am Brunnen hinterm Haus, und manchem war es auch dort zu kalt und es gab halt eine Katzenwäsche.

In der Unterkunft gab es einen Stubenältesten, der täglich eingeteilt wurde und für die organisatorischen Dinge verantwortlich war. Ein Kaffeeholer wird zur Gulaschkanone in das Dorf geschickt und bringt eine Kanne Muckefuck, damit wir etwas Warmes zu trinken haben. Gegen Abend wurde in der Dorfmitte in der "Bannbefehlsstelle" unsere Tagesverpflegung verteilt. Für die medizinische Versorgung war eine Krankenschwester stationiert. Da die Verpflegung recht dürftig und mager war, haben ein Kumpel und ich eine Betteltour unternommen und bei einem Müller nach Brot oder sonst was Eßbarem gefragt, aber da war nichts zu erben. Beim Weggehen sahen wir etwas Helles oben über der Haustür, dort lag auf einem Fensterbrett ein weißes, eingewickeltes Päckchen. Wir haben später, im Dunkeln das Päckchen mit einer Stange heruntergestoßen und hatten so für einige Tage einen würzigen Schafskäse als Zusatzverpflegung.

Der "Friesenwall" war nun soweit beendet. Wir machten unser Gepäck fertig, und so wie wir kamen sind wir nach dem Erntedankfest aus dem Dorf abgefahren und haben den Rindern und Schafen die Ställe freigemacht. In Eutin wurden wir noch kurz verabschiedet und alle eilten nach Hause. Als ich beim Schleuter ankam, lag für die kommende Woche mein Einberufungsbefehl zum Wehrertüchtigungslager (WE-Lager) auf dem Tisch. Ich konnte gerade noch meine restlichen Sachen zusammenpacken und mit dem Zug nach Duisburg zurück fahren. Mein Vater wurde Ende September zur Luftwaffe eingezogen, die technischen Büros der Firma DEMAG wurden in Kevelaer zugemacht und meine Mutter war wieder in Duisburg in unserer Wohnung.

Im Wehrertüchtigungslager

Nach kurzem Aufenthalt fuhr ich am 25.10.44 wieder zurück und kam nach 36stündiger Fahrt nach Gudendorf über Meldorf in das WE-Lager II/6. Wir sind mit fast 500 Hitler-Jungen in diesem großen Barackenlager untergebracht. Das Lager wird von der Waffen-SS geleitet und es herrscht eine strenge Disziplin. Wir werden in graue Uniformen gesteckt und auf die einzelnen Baracken und Stuben verteilt. Ich bin in Stube 13, die mit fünfzehn Mann belegt ist. Mit dreißig Mann sind wir in der Motor-HJ und werden neben der vormilitärischen Grundausbildung am Motorrad geschult. Unser Ausbilder in der Fahrschule, Obergefreiter Rothermund, der uns die Funktion eines Vergasers erklärte, schimpfte bei unseren ersten Fahrversuchen mit einer 125er DKW mit Fußgangschaltung, wenn wir zum Anhalten nur die Bremsen und nicht auch die Kupplung betätigten und dann die Maschine abwürgten. Aber nach einer Weile durften wir auf die Straße nach St. Michaelisdonn fahren. Es war ein regnerischer November, die Straßen waren glatt und rutschig, aber sonst war kaum jemand auf der Straße zu sehen und wir kamen alle heil zurück. Leichte Geländefahrten bildeten den Abschluß der Ausbildung, und mit dem Motorsportabzeichen und dem Führerschein Klasse Vier erhielt ich noch den Kriegskraftfahrschein.

Während der Grundausbildung im Geländedienst mußte man nach Landkarten und Kompaß marschieren, die Karten einnorden, Marschzahl und Richtungen festlegen und Nachtmarsch und nächtlichen Spähtrupp gehen. Exerzieren und Strammstehen, Liegestütz und Häschen Hüpf gehörten ebenso zu unseren Übungen wie den Bahndamm rauf und runter robben, wobei die drei letzten alles noch einmal wiederholen müssen. Als Mutprobe wird ein Sprung in eine tiefe,nicht einsehbare Sandgrube gefordert. Wer ängstlich, zu kurz oder zaghaft springt, landet in einem Haufen Weißdorngestrüpp. Die Tage und Nächte waren mit allerlei Schikanen angefüllt, Gepäckmärsche von vielen Kilometern und Dauerlaufübungen bis zum Umfallen. Es war auch schon recht kalt geworden, der Boden war gefroren und wir hatten alle die Schnauze voll. Am 25.11.44 wurde ich aus dem WE-Lager entlassen und mußte mich gleich im RAD-Lager einfinden, denn ich hatte meinen Stellungsbefehl im WE-Lager erhalten.

Der Reichsarbeitsdienst

Ich kam als Arbeitsmann in die RAD-Abteilung 6/77 zum "Reichsarbeitsdienst" nach Leck in Schleswig. Wir waren einem nahegelegenen Fliegerhorst unterstellt und der Tagessold von 25 Pfennig wurde um eine Reichsmark aufgebessert, weil wir dort im Kriegseinsatz waren. Unsere Abteilung lag am Stadtrand von Leck, an der Bahnlinie Flensburg-Niebüll. Das RAD-Lager bestand aus verschiedenen Baracken. Am Eingang lag die Wachbaracke mit einer Arrestzelle, links die Baracke mit der Kleiderkammer und darin einige Stuben für die Arbeitsmänner, die in der Kleiderkammer, der Küche oder in der Ordonnanz arbeiteten. Rechts neben dem Eingang lag eine Munitions- und Waffenkammer mit einem betonierten Luftschutz- und Gasübungskeller. Daran anschließend, vor dem Exerzierplatz, lagen drei Mannschaftsbaracken mit je drei Stuben für je sechzehn Mann, anschließend kam die Küchenbaracke mit einem Speisesaal für alle Mannschaften, als Abschluß der freien Fläche lag am Ende vom Platz eine Abortbaracke mit Donnerbalken. Hinter der Küchenbaracke lagen die Waschbaracke und die kleineren Baracken der Offiziere und Ausbilder. Oberstfeldmeister Fergen war der Leiter unserer RAD-Abteilung, dann folgten die Dienstgrade Oberfeldmeister, Feldmeister, Unterfeldmeister, Truppführer, Vormänner und als letztes Glied die Arbeitsmänner.

Die Holzbaracken waren aus Fertigmontageteilen zusammengebaut und standen auf Holzpfählen, die im Boden versenkt waren. Der Wind blies durch die Spalten und Fugen des Holzbodens, die auch unser Wasch- und Putzwasser nach unten durchließen. Der Eingang war mit einem Windfang gegen die kalten Außentemperaturen gesichert, in der Raummitte stand ein hoher Kanonenofen, der nur abends kurz angeheizt wurde, denn das Brennmaterial war knapp. Auf beiden Seiten stehen Etagenbetten, dazwischen jeweils ein Doppelspind für unsere Wäsche. Uniform und Waffen, Stahlhelm und Gasmaske liegen oben drauf, am Fußende der Betten steht ein Schemel. Neben dem Windfang war ein Schrank angebaut für unser Kaffeegeschirr und die Kannen, Eimer und Besen. Am Fenster steht ein Tisch mit einer Schüssel voll Wasser drauf, damit im Brandfall etwas zum Löschen da ist.

Nachdem wir von der Kleiderkammer unsere Wäsche, Schuhe, Stiefel, Drillich und die zweite Garnitur mit Mantel und Wolldecken, Zeltplane und Bettzeug übernommen hatten, mußten wir alles sauber in den Spind einräumen. Die Strohsäcke auf den Betten mußten mit Stroh neu gefüllt und gestopft und mit der blaukarierten Bettwäsche überzogen und exakt und faltenfrei "gebaut" werden. Nachdem das alles getan war, ging es zum Abendessen, und alle hofften auf eine ruhige Nacht. Unsere Verpflegung war im Vergleich zum WE-Lager doppelt so gut. Neben der Wehrmachtsverpflegung es gab zusätzlich eine prima Jugendsonderverpflegung mit Kunsthonig und Margarine oder Wurst. Die Mittags- und Abendmahlzeiten wurden an langen Tischen in der Küchenbaracke eingenommen.

Morgens nach dem Wecken kam das Kommando "Kaffeeholer raustreten", dann ging einer mit einer Alu-Kanne zur Küchenbaracke und brachte heißen Kaffee, den wir dann mit unserer Tagesration Brot in der Stube aßen. Nach einem Trillerpfeifen-Signal geht pro Stube ein Arbeitsmann vor die Türe, und nach dem Kommando "Abzählen" brüllt man in numerisch aufsteigender Reihenfolge seine Stubennummer. Nach Kommando werden dann die Befehle an die Arbeitsmänner in den Stuben weitergeleitet, zum Beispiel "Kaffeeholer raustreten" oder "Raustreten zum Waschen" oder "Raustreten zur Flaggenparade". So wurde der tägliche Dienst mit Trillerpfeife und lauten Kommandos in den Stuben und auf dem Exerzierplatz durchgeführt.

Die ersten sechs Wochen der Grundausbildung waren recht hart, wir wurden geschliffen und gedrillt. Einen Monat später wurden wir am 24.12. - an Heiligabend - vereidigt. Es war ein recht kalter Tag und wir standen über eine Stunde in Reih und Glied auf dem Appellplatz zur Vereidigung. Plötzlich fiel da und dort einer stocksteif nach vorne um und wurde von den Sanitätern weggetragen. Innerhalb einer dreiviertel Stunde sind sechs Mann ohnmächtig geworden. Das war direkt unheimlich: in der feierlichen Stille fällt jemand aus der Reihe um, niemand rührt sich und keiner kann eine helfende Hand reichen. Aber es ging ja um "Führer, Volk und Vaterland" und nicht um einen Menschen.

Wir haben heute unseren ersten Ausgang und sind gespannt auf die kleine Stadt und das Kino. Stolz wie Oskar zeigen wir uns mit der erdbraunen Uniform und dem wadenlangen Mantel. Nach einem reichhaltigen Essen mit Schweinebraten, Rotkohl, Salzkartoffeln, Soße und einer Flasche Bier haben wir an Heilig Abend die Weihnachtsbescherung bekommen: einen Teller voll Plätzchen, 23 Zigaretten, ein halbes Päckchen Tabak, fünf Tütchen Bonbon, einen Kamm und Zahnpasta. Es war noch ein lustiger Abend mit Gesang und guter Laune. Der erste Weihnachtstag brachte eine noch größere Überraschung. Nach der Grundausbildung werde ich als Ordonnanz in der Schreibstube eingesetzt und bin nun mit drei Kameraden, einem von der Küche und zwei von der Kleiderkammer, in einer extra Stube in der Kleiderkammerbaracke untergebracht.

Der Küchenjunge wird in aller Frühe von der Wache geweckt, damit er in der Küchenbaracke die Kaffeekessel anheizen kann. Am Morgen des ersten Weihnachtsfeiertages kommt er nach kurzer Zeit wieder zurück, weckt uns drei und führt uns in die Küche und die Speisekammer - doch was wir da sehen, ist unfaßbar. Der für heute gekochte Pudding, der in Suppenterrinen gefüllt auf dem Boden der Speisekammer zum Erkalten aufgestellt war, war mit Kot und Urin beschmutzt, die Terrinen umgeworfen und ihr Inhalt an Boden und Wänden verschmiert. Das gab noch einen riesigen Wirbel und es hieß, die Truppführer und Feldmeister hätten nach was Trinkbarem gesucht und in ihrem Rausch die Terrinen als Nachttöpfe benutzt!

Bombenurlaub

Kurz nach Neujahr erhielt ich am 4.1.45 eine vorgedruckte Postkarte aus Duisburg mit einer amtlichen Mitteilung über einen Bombenschaden an unserer Wohnung. Daraufhin bekam ich einen so genannten Bombenurlaub, um daheim nach dem rechten zu sehen. Gleichzeitig wurde ich als Kurier eingesetzt und habe von unserer Abteilung Wehrstammrollen nach Krefeld ins Wehrbezirkskommando gebracht. Für die Reise habe ich von der Kammer eine Ausgehuniform erhalten und einen "Arsch mit Griff" - das ist ein steifer Hut mit einem Schild an der Stirnseite wie bei einer Mütze. Der Truppführer macht noch persönlich eine Kleidungskontrolle und setzt den "A... mit Griff" gerade, den ich schon etwas schräg und salopp auf meinen Kopf gestülpt habe. So machte ich mich mit dem Zug auf die Reise nach Duisburg. Nach mehreren Fahrtunterbrechungen und siebzehn Stunden Fahrt bleiben wir endgültig kurz vor Duisburg am Ende einer Brücke auf den Gleisen stehen.

Der Duisburger Hauptbahnhof liegt im Bombenhagel und kann nicht angefahren werden. Kurz vor Mitternacht steige ich dann in Mühlheim-Speldorf aus und laufe die sieben Kilometer über die Duisburger- und Mühlheimerstraße zum Marientor. Nach dem Zoo am Kaiserberg lief ich nur noch durch brennende Häuserblocks, die Flammen lodern aus den leeren Fensterhöhlen und am rotglühenden Nachthimmel sprühen die Funken wie wilde Ungeheuer und scheinen alles zu verschlingen, was sich in den Weg stellen will. Die fast menschenleeren Straßen leuchten im Schein der Flammen, die Straßenbahnschienen ziehen eine silberfarbene Spur in der Straßenmitte und von beiden Seiten der einstürzenden Häuser fliegen Balken und Dachteile herunter und hindern mich am Weiterlaufen. Die Luft um mich herum glüht und ich kann nur noch in der Straßenmitte laufen. Mein Mantel ist trotz der eiskalten Januarnacht geöffnet, nur das Gesicht habe ich in dem weiten, großen Mantelkragen als Schutz vor der Hitze verborgen. So renne ich mehr als ich laufe zur Juliusstraße, in der Hoffnung, meine Mutter noch lebend anzutreffen.

Kurz nachdem ich in die Juliusstraße einbog, empfing mich ein penetranter Geruch wie in der Speisekammer beim RAD. Dann bemerkte ich auch den Dreck unter meinen Schuhen, der auf der Straße verspritzt lag. Ein Bombeneinschlag ein paar Meter neben unserem Hausgiebel landete in einer Abortgrube und hat den Unrat großflächig verteilt. Als ich dann in die offene Haustüre hineingehe und in unsere Wohnung komme, liegt Mutti mit ihren Kleidern auf dem Bett und weint. Sie ist ringsum von Scherben und umgestürzten Möbeln umgeben, die Fenster waren ohne Scheiben und der rötliche Nachthimmel warf ein bizarres, gespenstiges Licht auf die trostlosen Trümmer.

Da war guter Rat teuer und groß helfen konnte ich in der Nacht auch nicht mehr. Aber für meine Mutter war es eine große Freude und Trost, daß einer da war, der ihr zur Seite stand. Es war eiskalt in der Wohnung, der Rauch und Gestank der brennenden Häuser kroch mit einzelnen Schneeflocken durchmischt durch die Zimmer. In der Wohnung stand es nicht zum Besten, aber als der Dreck und die Scherben am nächsten Tag ausgeräumt und die Möbel wieder an ihrem Platz standen, sahen es schon nicht mehr so fürchterlich aus. Was ich mit den Fenstern und Roll-Läden, die in Fetzen herunter hingen, machen sollte, wußte ich noch nicht. Nach einigen Tagen war alles notdürftig mit Sperrholz und Pappe zugenagelt, so daß die Kälte - aber auch das Licht - draußen blieben.

Besuch bei meinem Bruder Hans in Köln.

Ich fuhr nach Krefeld weiter und brachte die Wehrstammrollen in das dortige Wehrbezirkskommando. Bei der Rückfahrt habe ich am Abend in Köln Halt gemacht und ging durch die dunkle, menschenleere und von Trümmern übersäte Stadt zu der ca. sechs Kilometer entfernten Flakstellung von Hans, nach Köln-Longerich. Ein Gang durch einen nächtlichen Friedhof kommt dem Gefühl sehr nahe, das man auf einem solchen Weg empfindet. Die Ruinen am Wegesrand gleichen riesigen überdimensionalen Grabsteinen. Die Trümmerberge ähneln frisch aufgeworfenen Gräbern, und Stille und Dunkelheit liegen wie ein Leichentuch über der toten Stadt.

Nach einigem Suchen habe ich am 13.1.45 meinen Bruder bei der Flakbatterie gefunden, und da kein Alarm gemeldet wurde, haben wir ein paar Stunden geplaudert, dabei habe ich die geheimen Lichtpausen der Me 262, dem modernste Düsenjäger der Welt, einsehen können. Hans hatte alle diese Unterlagen, um an seinem Funkmeßgerät Flugzeuge zu erkennen. Zwei Monate später kommt Hans in Gefangenschaft und wir sehen uns erst sechseinhalb Jahre später auf der Rheinbrücke in Breisach, zwischen Frankreich und Deutschland, wieder.

Am nächsten Tag (14.1.) will ich nach Leck zurückfahren, denn der Urlaub ist abgelaufen. Da es wieder einen Bombenangriff gegeben hatte, habe ich mir auf der Standortkommandantur drei Tage Nachurlaub geben lassen. Am Abfahrtstag fiel noch mein Zug aus, diese Verschiebung habe ich mir auf der Bahnhofskommandantur bestätigen lassen und fuhr erst vier Tage später ab (17.1.45). Auf dem Marschbefehl werden nämlich alle Abfahrten und Zwangspausen mit Dienststempel vermerkt, damit keiner Schmu treiben kann. Als ich dann am nächsten Mittag um dreizehn Uhr in der Abteilung ankam, gab es noch eine Standpauke wegen eigenmächtiger Urlaubsverlängerung.

Lauter Unfug

Mein Dienst geht wieder seinen gewohnten Gang, und da ich mich morgens nicht mehr bei der Flaggenparade einfinden muß und als Ordonnanz doch einige Freizügigkeiten genieße, reitet mich bald der Teufel. Wir sind wieder zum Wachdienst eingeteilt und nach der abendlichen Vergatterung gehe ich als Wachhabender auf die Wachstube. Einige von uns sind draußen beim Wacheschieben, die anderen haben sich schlafen gelegt. Ich dachte, jetzt kannst du mal den Vati in der Flak-Kaserne in Hamburg-Osdorf anrufen. Nach kurzem Warten hat das Fernamt eine Verbindung hergestellt und ich konnte meinem Vater einen kurzen Bericht über die Reise nach Duisburg und den Lazarett-Aufenthalt sagen. Als dann in der Verwaltung die Gebührenrechnung auf den Schreibtisch von Feldmeister Nissen landete, gab es peinliche Rückfragen. Da außer mir der größte Teil der Arbeitsmänner aus Hamburg stammten, fiel auf mich kein Verdacht und ich blieb ungeschoren.

Nach etwa einer Woche saß ich wieder in der Wachstube. Es war spät, schon gegen 23 Uhr, da rufe ich das etwa zwölf Kilometer entfernte Fernamt in Niebüll an und halte mit einer netten Stimme ein kleines Schwätzchen. Es dauerte nicht lange, da sagte das Fräulein vom Amt: "Wir haben Luftgefahr Fünfzehn!" - das heißt, feindliche Flieger sind im Anflug auf den norddeutschen Raum und es wird Voralarm gegeben. Damit war dann unser Gespräch beendet. Unbedacht und voreilig nehme ich unsere Handsirene und gebe dreimal langen Dauerton als Voralarm. Ich rufe nun über unser Feldtelefon den nahen Fliegerhorst an und frage nach der Luftlage. Dort war nichts von einem feindlichen Anflug bekannt. In meiner Verzweifelung griff ich wieder zur Sirene und gab Entwarnung, doch das Schicksal nahm schon seinen Lauf. Unser Chef, Oberstfeldmeister Fergen ließ sich mit dem Fliegerhorst verbinden und erfuhr, daß blinder Alarm gegeben wurde.

Das schrille, aufdringliche Läuten auf dem Schreibtisch in der dunklen Wachstube ließ nichts Gutes erahnen. Eine brüllende Stimme befiehlt: "Zum sofortigen Rapport in die Stube vom Oberstfeldmeister!". Ich setze den Stahlhelm auf, schultere mein Gewehr, laufe in seine Baracke und bleibe - Gewehr bei Fuß - nach der Türe im Raum stehen und mache Meldung über meine Eigenmächtigkeit. Er sitzt in der dunklen Stube in der gegenüberliegenden Ecke hinter seinem Schreibtisch, eine Petroleumlampe erleuchtet nur schwach den Raum. Dann kommt ein Donnerwetter und der Hinweis, daß ich mich morgen früh bei der Flaggenparade einzufinden habe.

Nach der Flaggenparade am nächsten Morgen stehen alle Arbeitsmänner und Ausbilder in Reih und Glied auf dem Exerzierplatz, da kommandiert der Oberstfeldmeister: "Arbeitsmann Bohnes, drei Schritte vortreten!" Rums, bums, da stand ich und die Stimme dröhnt weiter: "Ich verurteile den Arbeitsmann Bohnes zu 14tägiger Ausgangssperre wegen unerlaubten Alarmierens der Abteilung!" - das heißt, ich muß meine Ausgehuniform in der Kleiderkammer abgeben und laufe nun mit meinem Drillichzeug herum. Eine Unruhe ging durch die Mannschaft und später, als ich die tägliche Post in den Stuben verteilte, gab es zwar Fragen und Gelächter, doch von dem befürchteten "Heiligen Geist" blieb ich verschont.

Es waren gerade zehn Tage vergangen, da ließ ich durch meinen Kumpel auf der Kleiderkammer mir die Ausgehuniform besorgen. Von unserem Stubenfenster gelang ich direkt auf dem Weg zur Stadt. Es dauerte nicht lange und ich wurde am Abend im Kino entdeckt und wegen Übertretung meiner 14tägigen Ausgangssperre bei der Flaggenparade am nächsten Morgen zu drei Tagen "Bau" verknackt. Ich habe an diesem Morgen noch meinen Nachfolger eingearbeitet, die tägliche Post gestempelt und weggebracht, die ankommende Post sortiert und in den Stuben verteilt, danach meldete ich mich auf der Wache zum Arrest.


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