> Zeitzeugen

Wolfgang Findeisen: Jugend im Dritten Reich

Dieser Eintrag stammt von Wolfgang Findeisen (1926-2015) aus Eschborn. (findeisen-eschborn@t-online.de), 02.01.2000:


Sommer 1934: Mit meinen Freunden spiele ich (8) in der Maillebahn, der Allee, die zum Schloß Pillnitz führt. Auf der Laubegaster Straße kommt Herr Wiesner, ein Gärtnergeselle, auf seinem Fahrrad. "Warum hat Herr Wiesner einen grünweißen Sachsenwimpel an seinem Rad und keinen Hakenkreuzwimpel" fragt einer der Jungen.
"Weil er ein Kommunist ist", sage ich.
Später nimmt mich Horst Qu. (10) zur Seite: "Du weißt doch, daß Herr Wiesner kein Kommunist ist. Wenn ich das der Polizei melde, was du gesagt hast, wirst du eingesperrt. Aber wenn du mich mit deinem Roller fahren läßt, sage ich es nicht. Deinen Eltern darfst du nichts erzählen, sonst sage ich es doch."

Natürlich verspreche ich ihm das. Ein ganzes Jahr lang erpreßt mich Horst. Er braucht nur zu sagen "du weißt schon", und er bekommt den Roller, oder die Bonbons, oder 5 Pfennige, die ich in der Tasche habe. Erst nach einem Jahr bekommt meine Mutter das zufällig mit und ich beichte. Sie beruhigt mich: Kinder werden nicht eingesperrt. Horst Qu. ist im Krieg gefallen.

Volksschule Pillnitz: Unsere erste Lehrerin 1932, ein älteres Fräulein, hat den Spitznamen "Schlampe", weil sie zerrissene Strümpfe an hat oder der Unterrock schaut vor. Nach einem Jahr wird sie pensioniert. Der nächste Lehrer ist Herr Mai, ein Alkoholiker. Oft kommt er nicht oder zu spät zum Unterricht. Herr Grenz übernimmt die Klasse im 3. Schuljahr 1935. Er hat große Mühe mit uns, denn wir haben in den ersten beiden Jahren kaum was gelernt. Aber schon bald wird er zur Wehrmacht einberufen, die ab 1935 aufgebaut wird. Seine besten Schüler bekommen ein Foto von ihm in Uniform mit Widmung; ich habe es heute noch.

Ostern 1936 komme ich auf das Realgymnasium Blasewitz. Mit der Straßenbahn fährt man 20 Minuten bis zum Kömerplatz Loschwitz, läuft dann über das "Blaue Wunder", die berühmte Elbebrücke, der auch der Krieg nichts anhaben konnte, und weiter zur Kretschmerstraße. Man könnte auch am Körnerplatz in den Autobus umsteigen, der direkt zur Schule fährt, aber das wäre ein teurerer Fahrschein.

Nicht alle unsere Lehrer sind Nazis. "Ossi" Oskar Halfter, unser Musiklehrer, grüßt zwar zu Beginn der Stunde mit hochgestrecktem Arm, weil das die Vorschrift ist, sagt aber nur "Heil" und nie "Heil Hitler". Später erklärt er uns, daß der zweite Teil der deutschen Nationalhymne "Die Fahne hoch" falsch ist. Die Melodie geht nach unten, wenn die Fahne hoch gehen soll. Halfter konnte bis Kriegsende unterrichten und war einer der ganz wenigen Lehrer, die auch danach bleiben konnten.
In unserer Schule, die bald in "Schillerschule Blasewitz" umbenannt wurde, waren Sprüche an die Wand gemalt worden. "Nichtswürdig ist die Nation, die nicht ihr alles freudig setzt an ihre Ehre (Friedrich Schiller)". Im Klassenzimmer hing neben dem Hitlerbild sein Spruch: "Ihr sollt sein: Hart wie Kruppstahl, zäh wie Leder und flink wie Windhunde".

1936, mit 10 Jahren, wurde ich ein Pimpf, Angehöriger des "Jungvolks in der deutschen Hitlerjugend". Mittwoch abend hatten wir "Heimabend", Sonnabend nachmittag und oft Sonntag hatten wir "Dienst". Wir lernten die Nazilieder, wie "Es zittern die morschen Knochen der Welt vor dem großen Krieg - wir werden weiter marschieren, wenn alles in Scherben fällt, denn heute gehört uns Deutschland, und morgen die ganze Welt". Übrigens wurde 1943 im Krieg das Wort "gehört" ersetzt mit "da hört"! Wir lernten exerzieren, wie später auf dem Kasernenhof, machten Fahrtenspiele, lernten Karte lesen. Schon damals begann planmäßig die Vorbereitung auf den Krieg, während Hitler in seinen Reden, die auch in die Schulaula übertragen wurden, immer wieder auf seine Friedensliebe hinwies.

1938 marschierten die deutschen Truppen zuerst in Österreich, später in der Tschechoslowakei ein. Im Radio und in der Wochenschau im Kino hörten wir Hitler in Linz mit "der größten Vollzugsmeldung seines Lebens: Ich habe meine Heimat in das Großdeutsche Reich geführt". In der Schule mußten wir Landkarten mit den neuen Grenzen zeichnen, Presseberichte und Bilder in eine Mappe kleben. Es ist fast ein Wunder, daß wir trotzdem das schulische Pensum schafften.

November 1938: Die Synagogen brennen. An vielen Geschäften in der Prager Straße hängen Schilder "In der Arisierung begriffen" - meist wußte wir nicht, daß diese Geschäfte Juden gehört hatten. Mein Vater läßt sich am Postplatz die Haare schneiden. Der Friseur, er stammt aus Böhmen, ist ein strammer SA-Mann. Er erzählt uns, daß er seinen entsetzten Kunden sagt, die Juden hätten ihre Synagogen selbst angezündet. Wenn er das mit genügender Überzeugungskraft erklärt, wird ihm das sogar geglaubt, lacht er.

August 1939: Mein Vater wird als Soldat nach Königsbrück eingezogen, seine zahnärztliche Praxis ist plötzlich verwaist. Die Patienten kommen trotzdem und wollen wissen, wie sie weiter behandelt werden. Meine Mutter hat zwar seit 1928 einen Führerschein, ist aber nie mehr Auto gefahren. Unseren alten Fiat kann sie allein gar nicht in Gang setzen, aber ich kann das mit meinen 13 1/2Jahren. Wir fahren mehrmals die Woche nach Königsbrück zu meinem Vater, um alles zu klären. Ende August wird "Verdunklung" angeordnet, auch die Autoscheinwerfer müssen zu einem schmalen Schlitz verdunkelt werden. Meine Mutter kann bei Dunkelheit nicht gut sehen, ich dirigiere.

Am 1. September bricht der Krieg aus, ich glaube das aber nicht. Hitler hatte in seiner Rede davon gesprochen, daß die Polen den Reichssender Gleiwitz in Oberschlesien überfallen hätten, "seit 5 Uhr schießen wir zurück". Aber das Wort Krieg hat er doch nicht gesagt? Meine Mutter fährt aber sofort mit mir zum Postscheckamt in Dresden, um das Bargeld abzuheben. Ob sie Angst hatte, bald nichts mehr zu bekommen? Sie hatte wohl noch das Ende des 1. Weltkrieges in Erinnerung.
Kurz darauf bekam meine Mutter einen jungen Dentisten, der nicht Soldat werden mußte, als Vertreter in die Praxis. Im Frühsommer 1940 wurde mein Vater entlassen - 1943 mußte er wieder einrücken, dann mit immerhin 49 Jahren. Er kam erst im Winter 1946/1947 aus britischer Gefangenschaft in Ägypten zurück.

1940 wurde ich 14 und damit in die "Hitlerjugend" übemommen. Weil ich mich weniger für Exerzieren und Schießübungen interessierte, meldete ich mich zur Motor-HJ. Ausbilder von der Motor-SA ließen uns Motoren zerlegen und erklärten uns den Unterschied zwischen 2Takt- und 4-Taktmotor. An eine Diskussion erinnere ich mich. Wir fragten, was mit den Fußgängern geschieht, wenn nach dem Sieg ("nach dem Krieg" durfte man nicht sagen) alle Leute Volkswagen bekommen sollten. "Die paar Fußgänger fahren wir einfach tot!", meinte der Ausbilder. Bei schönem Wetter durften wir sogar auf Kleinmotorrädern üben, was uns viel Spaß machte, und den Führerschein 4 machen.

Der Kriegsbeginn hatte noch eine andere Wirkung: Nicht nur mein Vater (44 und Teilnehmer des 1. Weltkrieges mit schweren Verwundungen), sondern auch alle jüngeren Lehrer wurden Soldat. Dafür wurden bereits pensionierte Lehrer wieder zum Schuldienst berufen. Im Sommer mußten wir Erntehilfe beim Bauern machen. Das anfängliche Fähnchenstecken auf den großen Landkarten, die den Vormarsch der deutschen Truppen anzeigten, wurde bald eingestellt. Dafür mußten wir im enorm kalten Winter 1942/1943 Wollhandschuhe und Pelzsachen für unsere Soldaten in Rußland sammeln. In diesem Winter hatten wir auch über 6 Wochen "Kohleferien". Sogar die Elbe war wochenlang zugefroren.

Im Februar 1943 wurden die Geburtsjahrgänge 1926 und 1927 als Luftwaffenhelfer zur Heimatflak eingezogen. Unsere Uniform glich im Anfang einer HJ-Uniform, was uns nicht gefiel. Mit Genehmigung unserer Ausbilder entfernten wir die Hakenkreuz-Armbinden und brachten dafür Luftwaffenadler an der Uniform an. Morgens hatten wir Schule, die Lehrer kamen zu uns in die Stellung auf der Dresdener Vogelwiese; manchmal schickte der Spieß sie wieder nach Hause, "meine Jungs müssen schlafen, haben heute Nacht bei Voralarm an den Geschützen gestanden". Nachmittags war Ausbildung an der russischen Beute-8,8 cm-Flak, nachts oft Bereitschaftsdienst, wenn Voralann kam. Während meiner Zeit als Luftwaffenhelfer bis Herbst 1943 feuerten wir keinen einzigen Schuß ab, niemand dachte damals im Emst daran, daß Dresden das Ziel eines Großangriffs werden würde. Im Herbst 1943 kam meine Einberufung zum Reichsarbeitsdienst, einer Vorbereitungszeit für den Wehrdienst.

Im März 1944 wurde ich zur Luftwaffe nach Eger eingezogen. Die Grundausbildung erfolgte in Douai in Nordfrankreich und in Auxerre, südlich von Paris. Zu dieser Zeit bereiteten die Alliierten die Invasion in der Normandie vor, indem sie die Bahnhöfe als Nachschublinien bombardierten und mit Tieffliegern angriffen. Wir wurden dann zum Entladen der beschädigten Waggons kommandiert. Bei einem Tieffliegerangriff auf den Bahnhof von Arras wurde ein Kamerad wenige Meter neben mir durch einen Bombensplitter getötet.

Ich hatte gehofft, Flieger zu werden. Aber im Sommer 1944 war die Luftwaffe derart minimiert worden, daß keine Piloten mehr ausgebildet wurden. Ich wurde zur 5. Fallschirmjägerdivision nach Gardelegen in der Mark versetzt. Diese Division wurde als die "falschen Jäger" bezeichnet, es wurden keine Fallschirmabsprünge mehr geübt. Wir waren eine Infantrietruppe in Luftwaffenuniform. Durch meine Ausbildung bei der Flak wurde ich zur Fallschirm-Artillerie kommandiert. Wir hatten 12-cm-Granatwerfer, wie schon bei der Flak russische Beutegeräte. Im Dezember 1944 begann die Rundstedt-Offensive im Westen. Wir wurden per Bahn von Gardelegen nach Erdorf bei Trier befördert. Die Fahrt dauert 3 Wochen, weil die Bahnstrecke ständig repariert werden mußte. Von Erdorf ging es per LKW nach Nordluxemburg. An der belgischen Grenze, nahe Bastogne, wurden wir das erste Mal Weihnachen 1944 eingesetzt. Am 1. Feiertag mußten wir vor einem US-Panzerangriff fliehen. Schon wenige Tage darauf kam ich in US-Gefangenschaft, für mich war der Krieg zu Ende.

Die ersten Monate in Frankreich waren grausam: Kälte und Hunger. Später kam ich nach Le Havre, den einzigen Nachschubhafen, den die Amerikaner so erobert hatten, daß er für den Nachschub verwendet werden konnte. Ich arbeitete als Lagerarbeiter, lernte Kran und Schiffwinde zu bedienen, und vervollkommnete mein Englisch so weit, daß ich bald Dolmetscher spielen konnte. Als zum Kriegsende Mai 1945 die französischen Hafenarbeiter streikten - sie wollten nicht mehr nachts und sonntags arbeiten - übergaben die Amerikaner den ganzen Hafen an ihre deutschen Kriegsgefangenen. Plötzlich wurden wir reichlich verpflegt, bekamen Zigaretten und Tabak, auch Musikinstrumente für die Lagerkapelle.

Nur drei Sachen hatten wir nicht: Kein Geld, kein Alkohol und keine Frauen. Aus Zucker und Hefe und mittels selbst gebastelten Destilliergeräten machten wir uns einen entsetzlichen Fusel - nur einmal, denn uns wurde furchtbar schlecht.

Den Tag des Waffenstillstandes erlebte ich in Le Havre mit stundenlangem Heulen der Schiffssirenen, Maschinengewehrschüssen in die Luft, keinem Gang zur Arbeit (dafür mußten wir im Lager Löcher graben und diese dann wieder zuschütten, für uns sollte ja kein Feiertag sein). Bis Herbst 1946 arbeitete ich dort als Dolmetscher und Motorpool-Dispatcher.

Schon kurz nach dem Eintreffen im Lager Le Havre durften wir zum ersten Male nach Hause schreiben. Auch anschließend bekamen wir jeden Monat ein Rot-Kreuz-Briefformular und genaue Anweisungen, was wir nicht schreiben durften. Bis Weihnachten 1945 bekamen wir aber keine Post von daheim. Auch meine Mutter berichtete später, daß sie erst kurz vor Weihnachten meine erste Post bekam. Von meinem Bruder, der in französischer Gefangenschaft war, kam erst nach Weihnachten Post, von meinem Vater erst im März 1946. Nach und nach bekam sie aber alle Briefe, die ich geschrieben hatte.
Die Postausgabe jeden Tag erzeugte freudige und traurige Gesichter: Leben meine Angehörigen noch? Wie geht es daheim? - Später erfuhr ich, daß die Alliierten bewußt als Strafe für die Deutschen alle Post zurückgehalten hatten. Die Genfer Konvention bestimmt lediglich, daß Kriegsgefangene schreiben dürfen; über den Transport der Briefe wird nichts ausgesagt.

Im August 1946 begann der Transport Richtung Heimat. Am ersten Tag ging es bis per Sattelschlepper-LKW nach Compiègne, dann per Bahn weiter über Saarbrücken bis nach Babenhausen bei Darmstadt. Dort wurden erstmals die Nazis aussortiert.
Ein gut deutsch sprechender US-Offizier (ich glaube, es war Henry Kissinger, der spätere US-Außenminister) stand "auf dem Balkon der Reichskanzelei", wie er sagte, in Wirklichkeit auf einem Kasernenbalkon, und begrüßte uns mit folgenden Worten: "Im Namen der Lagerleitung soll ich Sie auf das herzlichste hier begrüßen, bis ich Ihnen den Schädel einschlage. Sie sind alle Lügner und Fragebogenfälscher. Ich gebe Ihnen eine letzte Chance: Wer sich zur Fälschung bekennt, kann vortreten, und kommt ohne Strafe weg. Die anderen rennen im Laufschritt um das Lager herum, bis sie tot umfallen."

Zwischendurch ließ er uns immer mal wieder vor seiner "Reichskanzelei" antreten, appellierte an unsere mangelnde Kameradschaft, daß alle darunter leiden mußten, weil einige zu feig waren, sich zu bekennen. Aber man habe in Berlin alle Unterlagen erbeutet, kein Nazi hätte eine Chance, durchzukommen. Er hatte mit seiner Methode, wie er uns nach ca. 5 Stunden sagte, großen Erfolg. Einige hundert Leute meldeten sich als Fragebogenfälscher, mehr als er erwartet hatte. Denen wurde zur Strafe die Haare geschoren, sie bekamen drei Tage lang nichts zu essen.

Kurz darauf wurden diejenigen entlassen, deren Heimat in der US- und britischen Besatzungszone lagen. Wer aus der Sowjetzone stammte, kam nach dem Lager Marburg, und wurde nach 14 Tagen über Eisenach zum "Quarantänelager" Leipzig transportiert. Dort wurden alle Offiziere aussortiert, die in ein sowjetisches Lager kamen, wir anderen durften endlich heim.

Dresden im Herbst 1946: Der Hauptbahnhof lag - wie die ganze Dresdner Altstadt - immer noch in Trümmern. Ich stieg am Neustädter Bahnhof aus dem Zug. Per Straßenbahn fuhr ich nach Hostervitz. Zuhause öffnete ein fremdes Mädchen die Tür, mehrere Familien waren in unserem Haus einquartiert worden. Meine Mutter und meine Schwester waren erst nicht daheim, die Wiedersehensfreude war groß. Alle Mitglieder unserer Familie hatte den Krieg überlebt, nun hatten wir die Nachkriegszeit zu meistern.

lo