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German Historical Museum
 
  Kino im Zeughaus

 

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  ARTUR BRAUNER

 

ARTUR BRAUNER

Mich gibt’s nur einmal nennt Artur Brauner 1976 seine literarische Rückblende auf den bisherigen Lebensweg. Wer wird ihm da widersprechen wollen? Brauners Arbeit als Produzent stellt bis heute eine Leistung dar, die in der deutschen Filmgeschichte ihresgleichen sucht. In über 60 Jahren produziert seine CCC („Central Cinema Company“) über 250 Kinofilme, darunter Filme, die Stars wie Sonja Ziemann und Caterina Valente entdecken. Die Reihe ARTUR BRAUNER, die immerhin 25 Filme umfasst, stellt verschiedene Facetten von Brauners Œuvre vor: die Orientierung an den Konjunkturen des Unterhaltungsfilms, das kontinuierliche Interesse an Filmen über die Shoah, die Arbeit mit Remigranten wie Fritz Lang und Robert Siodmak, der Faible für zeitnahe Problemfilme und Geschichten über Berlin, die Bereitschaft zur internationalen Ko- und Großproduktion. Am 1. August 2008 wird Artur Brauner 90 Jahre alt. Die Filmreihe ARTUR BRAUNER darf auch als eine Hommage verstanden werden.

 

ARTUR BRAUNER
Die Ratten
BRD 1955, R: Robert Siodmak, B: nach dem Theaterstück von Gerhart Hauptmann, D: Maria Schell, Curd Jürgens, Heidemarie Hatheyer, Gustav Knuth, 97’

Ein Leuchtturm im deutschen Film der 50er Jahre. Selten gelang es so überzeugend, einen ernsten Stoff, künstlerische Ambitionen und populäres Starkino miteinander zu versöhnen wie in Die Ratten. Die aus dem Osten geflüchtete Pauline strandet auf der Durchreise in den Westen im Berlin der Nachkriegszeit. Pauline ist hochschwanger und trifft Anna, die sich ein Kind wünscht und ihr daher ein Geschäft vorschlägt. Anna hilft Pauline, wenn diese ihr das neugeborene Kind überlässt. Doch nach der Geburt will Pauline ihre Zusage nicht einhalten. Das Drama der Verzweiflung und Sehnsucht mündet in Mord und Irrsinn.
Mit der Regie betraut Artur Brauner den aus Hollywood zurückgekehrten Robert Siodmak, der 25 Jahre nach seinem genialen Debüt mit Menschen am Sonntag wieder zum Hoffnungsträger des deutschen Films aufsteigt. Siodmak inszeniert Gerhart Hauptmanns Geschichte eines Menschenhandels im Stil des Film Noir. Wortkarg wandeln die Menschen durch eine Stadt voller Schatten, getrieben von falschen Hoffnungen und einer schwer lastenden Vergangenheit. Wucht und Härte des Films werden durch die großartige Besetzung noch verstärkt. Vor allem Maria Schell in der Rolle des verschreckten und verstörten Flüchtlingsmädchens ragt heraus. 1955 wurden Die Ratten auf der Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet.

Vortrag zur Eröffnung der Filmreihe: Philipp Stiasny

am 2.7.2008 um 20.00 Uhr

 

 

ARTUR BRAUNER
Scala – total verrückt
BRD 1958, R: Erik Ode, D: Claus Biederstaedt, Germaine Damar, Erich Winn, Violetta Ferrari, Rudolf Platte, Grethe Weiser, 97’

Scala – total verrückt erweckt einen mythischen Ort Berlins zu neuem Leben. Die Scala, gelegen unweit des Wittenbergplatzes, war ein Tempel des Vergnügens, in dem zwischen 1920 und 1944 die berühmtesten Varietékünstler auftraten: Tänzer und Zauberer, Clowns und Akrobaten. In den Zwanziger Jahren galt die von jüdischen Geschäftsleuten gegründete Scala als Inbegriff des liberalen Geistes, der Weltoffenheit und Unterhaltung auf höchstem Niveau. Auch nach 1933 wurde das mittlerweile „arisierte“ Haus weiter betrieben. Bis zu seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg sollte es einen Schein der Normalität aufrechterhalten.
Eingebettet in die Liebesgeschichte zwischen einem Revuegirl und einem Reederei-Erben erinnert Scala – total verrückt auf charmante Weise an die große Zeit dieses Varietétheaters. Geschildert wird das Leben hinter und auf der Bühne: „Artistische Nummern internationalen Formats, Zauberer, Spaßmacher und Sängerinnen wirbeln über die Bühne, immer wieder überstrahlt von dem exakten, elektrisierenden Rhythmus der prächtig gewachsenen Tiller-Girls. Bei soviel Schwung und Tempo spielt die Rahmenhandlung nur eine untergeordnete Rolle. (...) Ein rechter Spaß für den kurzweiligen Start ins neue Jahr.“ (E. Brandt, Filmblätter, 9.1.1959)

am 5.7.2008 um 19.00 Uhr

 

 

ARTUR BRAUNER
Morituri
D (West) 1948, R: Eugen York, Ausstattung: Hermann Warm, D: Lotte Koch, Winnie Markus, Hilde Körber, Carl-Heinz Schroth, Klaus Kinski, 88’

Artur Brauners zweiter Film wäre beinahe auch sein letzter gewesen. Morituri, gedreht nach Brauners eigenen Erlebnissen, kam zur falschen Zeit in die Kinos: ein Film wider das Vergessen, ein fordernder, bedrückender Film. Er berichtet von einer Gruppe von KZ-Häftlingen, denen die Flucht aus einem Lager in Polen gelingt und die sich im Wald verstecken. Dort hungern sie und leben unter ständiger Furcht vor deutschen Patrouillen. Erst als die deutsch-sowjetische Front an ihnen vorbei zieht, sind sie gerettet. Dezidiert wendet sich Morituri gegen den Krieg und tritt ein für Frieden und Solidarität unter den Opfern. Die Täter haben dagegen kein Gesicht.
Morituri entstand unter äußerst schwierigen Bedingungen. Umso eindrucksvoller sind die kontrastreiche Bildsprache, die expressiven Massenszenen und die Bemühungen um einen harten, dokumentarischen Realismus. Besonders ausdrucksstark ist eine Szene, in der die ausgehungerten Menschen im Wald über halbrohes Fleisch herfallen und sich in einen Rausch hineintanzen. Dem Publikum war das alles zuviel, es wollte den Film nicht sehen. Für Brauner bedeutete Morituri daher ein finanzielles Desaster. Die Schulden belasteten seine Firma über Jahre. Freilich hatte Brauner den Misserfolg des Films kommen sehen: „Ich drehte ihn trotzdem. Weil ich spürte, daß ich ihn einfach drehen mußte. Es gibt im Leben Situationen, in denen man weiß: das mußt du tun, obwohl es absolut wider jede Vernunft ist, aber wenn du es nicht tust, wirst du es dein Leben lang bereuen. (...) Gelernt habe ich allerdings – leider, leider -, daß ein Kino in erster Linie ein Stätte der Unterhaltung sein sollte und keine Stätte der Vergangenheitsbewältigung.“ (Artur Brauner, Mich gibt’s nur einmal, 1976)

am 6.7.2008 um 19.00 Uhr

 

 

ARTUR BRAUNER
X 312 – Flug zur Hölle
BRD/E 1971, R: Jess Franco (Jesús Franco Manera), B: Art Bernd (Artur Brauner), D: Thomas Hunter, Gila von Weitershausen, Fernando Sancho, Siegfried Schürenberg, Howard Vernon, Paul Muller, 87’

Ein schmutziger, kleiner Katastrophenfilm, inszeniert vom Großmeister des abseitigen Kinos, dem Spanier Jess Franco. Im brasilianischen Urwald stürzt ein Flugzeug ab, und die Überlebenden versuchen, auf eigene Faust die nächste bewohnte Siedlung zu erreichen. Doch Gangster sind ihnen auf den Fersen, und die Eingeborenen führen auch nicht nur Gutes im Schilde. Beim „Evangelischen Film-Beobachter“ findet derlei Kino ab 18 Jahren kein Erbarmen: „Da werden Kopfjäger aufgeboten, die den Kreis der Verunglückten dezimieren, da muß eine wilde Banditenhorde auf die von einem Passagier gestohlenen und mitgeführten Juwelen Jagd machen, da dürfen schließlich in Situationen von haarsträubender Gefahr zwei Damen aus Lesbos vorführen, was sie können. (...) Wegen der unerquicklichen Mischung von ‚Sex and Crime’ abzulehnen.“ (28.8.1971)
Der Regisseur Jess Franco ist in den 60er und 70er Jahren ein Vagabund, der für alle möglichen Produzenten meist schnell und billig seine Filme dreht: Krimis und Agentendramen, erotische Thriller und Sexfilme. Achtmal arbeitet Franco in dieser Zeit auch mit Artur Brauner zusammen. Für ihn entstehen neben X 312 – Flug zur Hölle auch zwei höchst skurrile Wallace-Adaptionen: schludrig, delirierend, unvergesslich. Der seriösen Kritik gilt Franco als ein Verrückter, der sein Talent verschleudert und einem irrwitzigen Dilettantismus frönt. Seine Anhänger schätzen Franco dagegen als einen „grandiosen Pulp-Surrealisten und Cinemanen“, „einen auteur und poète maudit des erotischen Horrorkinos“ (Hans Schifferle, Süddeutsche Zeitung, 27.7.2000). Heute erweisen ihm Regisseure wie Pedro Almodóvar und Quentin Tarantino ihre Referenz.

am 6.7.2008 um 21.00 Uhr

 

 

ARTUR BRAUNER
Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe
IT/BRD 1969, R: Dario Argento, B: nach einem Roman von Bryan Edgar Wallace, M: Ennio Morricone, D: Tony Musante, Eva Renzi, Enrico Maria Salerno, Suzy Kendall, Werner Peters, Mario Adorf, 94’

Das brillante Regiedebüt von Dario Argento, der in den 70er Jahren zum besten Fachmann für Thriller und Horrorfilm in Europa aufsteigt. Viele Motive, die sein weiteres Schaffen bestimmen, finden sich bereits in diesem blutigen Giallo: Ein Schriftsteller wird in Rom Zeuge eines Mordanschlags und gerät ins Fadenkreuz eines Serienkillers, der es auf junge Frauen abgesehen hat. Da die Polizei im Dunkeln tappt, stellt der Schriftsteller selbst Ermittlungen an. Sie konfrontieren ihn mit seinem unvollständigen Erinnerungsvermögen, rätselhaften Bildern und Geräuschen, die er nicht identifizieren kann. Währenddessen mordet der Unbekannte weiter.
Mit Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe legt Argento den Grundstein seiner Karriere als Regisseur. Schon hier beweist er sein Können in beunruhigenden Ton-Bild-Montagen, sein Gefühl für Schock und Suspense und seinen visuellen Einfallsreichtum. Stilistisch orientiert er sich an seinen Vorbildern Alfred Hitchcock und Mario Bava, aber ebenso am deutschen Expressionismus. Dass Argento auch über Humor verfügt, zeigt eine unübertroffene Szene, in der Mario Adorf einen sonderbaren Maler spielt und seinem Gast eine gebratene Katze serviert.

Einführung: Philipp Stiasny

am 8.7.2008 um 20.00 Uhr

 

 

ARTUR BRAUNER
Liebling der Götter
BRD 1960, R: Gottfried Reinhardt, D: Ruth Leuwerik, Peter van Eyck, Hannelore Schroth, Robert Graf, Willy Fritsch, Harry Meyer, 107’

Das Lebensglück einer Frau zerbricht im Konflikt mit einer unmenschlichen Politik. Darauf basiert Liebling der Götter, das Drama der jungen und quicklebendigen Schauspielerin Renate Müller, die ab 1930 mit Charme, Intelligenz und Tatkraft die Herzen des Kinopublikums im Sturm erobert. Doch Renate Müller verliebt sich in einen hohen jüdischen Beamten, der nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten aus Deutschland fliehen muss. Goebbels verwehrt dem bereits kränklichen Star die Ausreise, der danach zusammenbricht und 1937 im Alter von 33 Jahren in einem Berliner Sanatorium stirbt.
Nachdem Artur Brauner bereits 1953 mit Die Privatsekretärin eine der populärsten Komödien von Renate Müller wiederverfilmt hatte, erinnert er mit Liebling der Götter erneut an die Glanzzeit des deutschen Films vor 1933 und an ihr gewaltsames Ende im „Dritten Reich“. Untrennbar sind hier das Melodram und die Zeitgeschichte miteinander verknüpft. Gottfried Reinhardt, der von Brauner aus Hollywood nach Berlin zurückgeholte Sohn der Theaterlegende Max Reinhardt, besetzt die Rolle der Renate Müller gegen den Strich mit Ruth Leuwerik: „Daß Gottfried Reinhardt (...) diese Schauspielerin, dies Liebkind der Nation, zum Typus machte, indem er sie, so wie sie in das grausame Mahlwerk der politischen Mühle geriet, darstellte, indem er die Toten aufweckte, die Dämonen wieder in Marsch setzte und unsere Lähmung, Schwäche und Feigheit offenbarte: das ist schon dankenswert. (...) Hier spielt die Zeit uns wieder ihre Dissonanzen ins Ohr – nicht kräftig genug, zugegeben, nicht ausreichend grell, alles richtig. Aber immerhin – wir horchen auf. Und das ist wertvoll genug in einer Zeit, die gern vergessen möchte.“ (Georg Ramseger, Die Welt, 23.4.1960)

Einführung: Johannes von Moltke

am 9.7.2008 um 20.00 Uhr

 

 

ARTUR BRAUNER
Mädchen hinter Gittern
BRD 1949, R: Alfred Braun, K: Fritz Arno Wagner, D: Petra Peters, Richard Häussler, Alice Treff, 85’

Von Beginn an widmet sich Artur Brauner immer wieder dem Genre des zeitnahen Problemfilms mit kriminalistischem Einschlag. In Mädchen hinter Gittern entgeht die minderjährige Ursula nur knapp einer Zuchthausstrafe wegen versuchten Raubmordes. Stattdessen schickt man sie in ein Fürsorgeheim, wo sie unter grausamen Erziehungs- und Disziplinierungsmethoden zu leiden hat. In der seelenlosen Anstalt herrschen verkrustete Strukturen und das Gebot der Härte und Strenge.
Einige Filmkritiker vermuten, das soziale Thema sei nur ein Vorwand für Verführungs- und Verkommenheitsszenen. Doch der Film, der bei den Festspielen in Venedig ein Ehren-Diplom erhält, leistet mehr. „Das Große dieses Films ist, daß er weniger Unterhaltung als Zeitdokument, weniger Film als erlebtes Leben ist, und so unmerklich die Schwelle von der Traumfabrik zur nüchternen Wirklichkeit überschritt, so daß jeder unmittelbar angesprochen und an dem Geschehen beteiligt wird. Neben seinem hohen künstlerischen Stand liegt die Kraft des Films daher nicht so sehr in der Dynamik der Handlung als in dem angerührten, brennend aktuellen Problem der verwahrlosten Jugend von heute – in weiterem Sinne damit dem Problem unserer heutigen Gesellschaft. Damit ist ein Zeitdokument geschaffen, das Anspruch erhebt, von jedem gesehen und durchdacht zu werden.“ (Filmblätter, 25.11.1949)

am 12.7.2008 um 19.00 Uhr

 

 

ARTUR BRAUNER
Der achte Wochentag
BRD/PL 1958, R: Aleksander Ford, D: Sonja Ziemann, Zbigniew Cybulski, Ilse Steppat, Bum Krüger, 84’

Deutsch-polnische Koproduktionen sind in den 50er Jahren keineswegs alltäglich. Und alles andere als alltäglich ist auch das Resultat der Zusammenarbeit im Fall von Der achte Wochentag. Dabei nimmt der Film doch gerade das Alltagsleben in den Blick – allerdings auf ungemütliche, bedrückende Weise. Der angehende Architekt Piotr und seine Freundin, die Philosophiestudentin Agnieszka, sehnen sich in Warschau nach einem Ort, den sie für sich haben, an dem sie ungestört sind und sich lieben können. Doch es herrschen Wohnungsnot und Mangel, und die Leute, die zwischen den Ruinen leben, meinen es schlecht mit dem Liebespaar. Als sich Agnieszka in betrunkenem Zustand im Bett eines Journalisten mit schickem Appartement wieder findet, scheint ihre Liebe am Ende.
Aleksander Ford inszeniert das düstere Drama zweier junger Menschen, die nur im Traum den Zwängen des Alltags entfliehen, im Stile jener „schwarzen“ Filmpoesie nach französischem Vorbild, wie sie in Polen zur gleichen Zeit Andrzej Wajda berühmt macht. Die herausragenden Hauptdarsteller sind Sonja Ziemann, die sich hier aus der Umklammerung des deutschen Heimatfilms befreit, und Zbigniew Cybulski, der wenig später als polnischer James Dean gefeiert wird. Der polnischen Regierung war der Film zu radikal, weshalb er beim Festival in Venedig als deutscher Beitrag lief: „Hier wird kraß realistisch ein grauenhaftes Nachkriegspolen geschildert, in dem man um keinen Preis leben möchte. Mit unerträglichen Wohnverhältnissen und zumeist recht unsympathischen Menschen. Nur eine kurze Episode, die in dem Schwarzweißfilm in bunten Farbaufnahmen eingefügt ist, zeigt Lebensoptimismus: als nämlich das Liebespaar versehentlich nachts in einem Warenhaus eingesperrt ist, und in der bunten Welt der vielen schönen ausgestellten Waren eine Art Traum vom Glück erlebt. Hier hat auch die Kamera wunderbare Arbeit geleistet, der auch vielfach Stimmungen gelangen wie Gemälde von Meisterhand.“ (Der Tag, 27.8.1958)

am 13.7.2008 um 19.00 Uhr

 

 

ARTUR BRAUNER
Die Hölle von Manitoba
BRD/E 1965, R: Sheldon Reynolds, D: Lex Barker, Pierre Brice, Marianne Koch, Hans Nielsen, 93’

Mitte der 60er Jahre ebbt die Flut der familientauglichen Karl May-Filme allmählich ab, zu der auch Artur Brauner kräftig beigetragen hat. Die Italo-Western präsentieren stattdessen ein neues, raues und blutverschmiertes Bild des Wilden Westens mit einsamen und zynisch gewordenen Helden. Die Hölle von Manitoba steht zwischen diesen europäischen Ausformungen des Westerns und besinnt sich auf amerikanische Vorbilder. Zwei bezahlte Revolverhelden, beides Verlorene und Einzelgänger, sorgen in einem Städtchen eher beiläufig und widerwillig für Recht und Ordnung. Eigentlich sollen sie gegeneinander kämpfen, doch sie tun sich zusammen, schießen sich den Weg frei und erledigen die Rowdys. Dann reiten sie wieder von dannen ins Nirgendwo.
Die Hölle von Manitoba ist ein bemerkenswerter Film auch deshalb, weil die beiden populären Hauptdarsteller hier einmal ihren sonstigen Rollenklischees entwischen. „Artur Brauner war gut beraten, als er dem Amerikaner Sheldon Reynolds die Inszenierung der deutsch-spanischen Coproduktion Die Hölle von Manitoba übertrug. Reynolds (...) hat hier einen europäischen Western gedreht, der seinem Genre alle Ehre macht. (...) Die geschickt und wirkungssicher konstruierte Geschichte bringt zwei Idole auf die deutsche Leinwand, die so souverän von der Regie geführt worden sind, daß die schauspielerische Wandlung schier verblüfft: Lex Barker und Pierre Brice.“ (Hans Jürgen Weber, Film-Echo/Filmwoche, 18.8.1965)

am 13.7.2008 um 21.00 Uhr

 

 

ARTUR BRAUNER
Zeugin aus der Hölle
BRD/JU 1965/67, R: Živorad Mitrović, D: Irene Papas, Heinz Drache, Daniel Gélin, Werner Peters, 83’

Zwanzig Jahre nach Kriegsende soll die Jüdin Lea Weiss, eine ehemalige Gefangene des Frauen-KZ Struthof, im Prozess gegen ihre Peiniger aussagen. Doch die Frau weigert sich. Die Erlebnisse im KZ haben Lea Weiss traumatisiert und die Erinnerungen verfolgen sie. Im KZ wurde sie sterilisiert, musste im Lagerbordell arbeiten und war die Geliebte eines furchtbaren SS-Arztes. Nun setzen sowohl der Ankläger wie der Verteidiger dieses Arztes Lea Weiss unter Druck. Sie erhält Drohanrufe und fühlt sich gefangen in ihrer Angst.
Mit Zeugin aus der Hölle greift Artur Brauner ein in die Debatte über die Verbrechen des „Dritten Reichs“ und den gesellschaftlichen Umgang mit ihnen. Er will erschüttern und die nicht verheilenden seelischen und körperlichen Verwundungen eines Opfers in den Blick rücken. Dabei scheut der Film nicht vor publikumswirksamen Effekten zurück, er setzt auf Spannung und emotionale Ansprache. „Die Bürger der Bundesrepublik werden immer wieder mit Prozessen gegen KZ-Verbrecher konfrontiert. Viele sagen und schreiben, daß man die Vergangenheit endlich begraben sollte. Dieser Tendenz versucht dieser Film gewissermaßen als ein ‚optischer Aufruf’ zu Zivilcourage und Bekennermut entgegenzutreten. (...) Schauspielerisch ist der Film hervorragend. Vor allem Irene Papas, die große griechische Schauspielerin, gestaltet in der Rolle der Jüdin die kreatürliche Angst glaubhaft, und ihr Freitod ist der logische Schluß einer Entwicklung, deren Anfang in ihrer Verhaftung lag.“ (Evangelischer Film-Beobachter, 11.11.1967)

am 18.7.2008 um 19.00 Uhr

 

 

ARTUR BRAUNER
Das Geheimnis des gelben Grabes
IT/BRD/JU 1971, R: Armando Crispino, B: nach einer Erzählung von Bryan Edgar Wallace, M: Riz Ortolani, D: Alex Cord, Samantha Eggar, John Marley, Horst Frank, Enzo Tarascio, Nadja Tiller, 99’

Bei seinen Ausgrabungen stößt ein Archäologe auf das Grab eines Etruskers und findet darin Bilder des Todesgottes Tuchulcha. Damit beginnt eine Serie grausamer Morde an Liebespaaren. Zunächst sprechen alle Indizien gegen den Archäologen. Dem Film-Dienst behagte der erst ab 18 Jahren freigegebene Giallo überhaupt nicht: „Versatzstücke von Horrorfilm, Krimi und Psycho-Schocker werden wahllos durcheinander gemixt. (...) Die neurotischen Charaktere der Hauptfiguren interessieren vielleicht einen Psychiater, der Zuschauer wird durch die Verquickung von mythischen Sagen und Psychoanalyse verwirrt und gelangweilt.“ (12.6.1973). Tatsächlich weist die Geschichte einige seltsame Brüche auf. Doch Das Geheimnis des gelben Grabes entlohnt dies mit Nervenkitzel und bizarren Momenten: Eine Verfolgungsjagd im zerbeulten VW-Käfer gerät zum ebenso denkwürdigen Spektakel wie Horst Franks Auftritt als homosexueller Tanzchoreograph.
Das Geheimnis des gelben Grabes markiert das Ende eines Kapitels der deutschen Filmgeschichte. Mit diesem Titel tritt das Genre der Edgar Wallace-Filme vom aktiven Dienst auf der Leinwand ab, und die Fernseh-Krimis füllen die Lücke. Im Gegensatz zu den früheren Filmen, in denen kauzige Ermittler im nebligen England durch kalte Schlösser schreiten, spielen Artur Brauners Adaptionen des jüngeren Bryan Edgar Wallace im Italien der Gegenwart. Die Verbrechen sind blutiger und brutaler, ihre Inszenierung ist greller und mit dem modernen Psychothriller näher verwandt als mit den Schmunzel- und Schauerstücken der Vorjahre.

am 18.7.2008 um 21.00 Uhr

 

 

ARTUR BRAUNER
Hier bin ich - hier bleib ich
BRD 1958, R: Werner Jacobs, K: Göran Strindberg, D: Caterina Valente, Hans Holt, Ruth Stephan, Paul Henckels, Bill Haley, 99’

Revue- und Schlagerfilme bilden in den 50er Jahren einen wichtigen Teil in Artur Brauners Sortiment. Sein konkurrenzloser Star heißt hier Caterina Valente. Mit ihr dreht Brauner fünf Filme. Sie singt, tanzt, steppt und verbreitet internationales Flair. Die Ginger Rogers des deutschen Kinos wirbelt umher; sie ist fröhlich, charmant, unverbraucht. In Hier bin ich – hier bleib ich spielt Caterina Valente ein Pariser Kneipenmädchen, das auf dem Finanzamt erfährt, dass sie einem Aktenvermerk zufolge mit einem Schlossherrn verheiratet ist. So platzt sie aus heiterem Himmel in die feine Gesellschaft eines Barons, den sie schließlich nach amourösem Hin und Her nicht nur als rechtmäßigen, sondern auch von Herzen geliebten Gatten akzeptiert. Einen kuriosen Gastauftritt hat der amerikanische Rock’n’Roll-Sänger Bill Haley, der in einer Fernsehschau zu sehen ist.
Ein paar Jahre später sind die großen Zeiten des Revue- und Schlagerfilms schon Geschichte: „Alle Kultiviertheit, der ganze geballte gute Geschmack konnte das Genre nicht retten. Die Aufgaben des Revue- und Schlagerfilms übernahm (...) das Fernsehen. Peter Alexander und Caterina Valente, Peter Kraus und Conny Froboess, die Girls vom Ballett und die Jungs von der Schülerband – sie alle wanderten ab ins Samstagabendprogramm des deutschen Fernsehens.“ (Claudius Seidl, Der deutsche Film der fünfziger Jahre, 1987).

am 19.7.2008 um 19.00 Uhr

 

 

ARTUR BRAUNER
Freddy und das Lied der Prärie
BRD/JU 1964, R: Sobey Martin, D: Freddy Quinn, Mamie van Doren, Beba Lonćar, Ric Battaglia, 101’

Die Welle der deutschen Western trägt auch den einsamen, singenden Seemann Freddy Quinn hinaus in die Weiten der Prärie. Als schwarz gekleideter Revolverheld hilft er den Bedrängten und bekämpft brutale Banditen, er schießt und reitet, und zwischendurch singt er wehmütige Lieder. Freilich dürfen nicht nur schöne Pferde in die Nähe des Helden. Vielmehr wird, auf dass die Erotik nicht zu kurz komme, die amerikanische Sexbombe Mamie van Doren angeheuert, um dem Hamburger Jungen die Seite zu wärmen. Freddy und das Lied der Prärie präsentiert eine recht schräge Mischung aus Western und Musikfilm, die die lieb gewonnenen Klischees des Genres zugleich zitiert und gelegentlich parodistisch verbiegt.
Für Artur Brauner ging mit Freddy und das Lied der Prärie ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung. Schon immer wollte er einen Film mit dem beliebten Schlagerstar drehen: „Was ich erreichen will, das erreiche ich, und eines Tages machten wir zusammen Freddy und das Lied der Prärie. Die Prärie lag in Jugoslawien, ein ideales Filmland, aber zu dieser Zeit schon nicht mehr so ideal, weil alle Welt dort drehte, und so was liftet die Preise. Die Kalkulation belief sich auf sage und schreibe 1,7 Millionen Mark. Freddy und ich kamen uns bei den Dreharbeiten näher. Eigentlich war er ein patenter Kerl, athletisch gebaut, fit bis in die Zehenspitzen und so schrecklich vital: Manchmal hatte man das Gefühl, er könnte vor Kraft nicht laufen.“ (Artur Brauner, Mich gibt’s nur einmal, 1976)

am 19.7.2008 um 21.00 Uhr

 

 

ARTUR BRAUNER
Am Tag als der Regen kam
BRD 1959, R: Gerd Oswald, K: Karl Löb, M: Martin Böttcher, D: Mario Adorf, Christian Wolff, Gerd Fröbe, Corny Collins, Elke Sommer, 89’

Ein schwarzer Krimi auf den Straßen Westberlins, angesiedelt zwischen den Symbolen des Wiederaufbaus und den Ruinen im Grenzbereich. Angelehnt an die heiß diskutierte Geschichte der Münchner Pantherbande erzählt Am Tag als der Regen kam von jugendlichen Gangstern, die Autos stehlen, Einbrüche begehen und einen bewaffneten Überfall planen. Diese Jungs von der Strasse wollen ihren Teil vom Wirtschaftswunder abbekommen, sie handeln rasch, kühl, skrupellos. Schnelle Motorräder und Geld, flotte Mädchen und Rock’n’Roll: Das ist das Leben dieser Desperados. Erst als die Bestrafung eines Aussteigers, der mit seiner aus dem Osten geflüchteten Freundin abhauen will, zu einem Mord führt, bricht die Bande auseinander.
Der aus Berlin gebürtige, im amerikanischen Exil aufgewachsene Gerd Oswald, Sohn des großen Regisseurs Richard Oswald, inszeniert Am Tag als der Regen kam nicht als romantische Gangsterballade, sondern als Zeitstück in kantigem Schwarzweiß. Dessen unsentimentaler Blick richtet sich auf die schönen Oberflächen wie auf die Düsternis dahinter. Der im schnellen und billigen B-Film geschulte Regisseur kann dabei auch auf großartige Schauspieler vertrauen: Mario Adorf als ebenso autoritärer wie diabolisch schmeichelnder Bandenchef und Gerd Fröbe als heruntergekommener Arzt. „Der ganze Film ist von einer Sparsamkeit der Szenen, von der man wünschte, daß sie sich stilbildend erweise (...). Er nähert sich damit französischen Vorbildern dieses Genres in ihrer Echtheit von Milieu und Atmosphäre. Brillante Kameraarbeit: Karl Löb. Er fotografierte viel Halbdunkel, aber nirgends zerfließen die Konturen, und ein harter Schnitt entspricht dem harten Stoff.“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3.12.1959)

Einführung: Philipp Stiasny

am 20.7.2008 um 19.00 Uhr

 

 

ARTUR BRAUNER
Ein Toter sucht seinen Mörder
BRD/GB 1962, R: Freddie Francis, B: nach einem Roman von Curt Siodmak, D: Peter van Eyck, Anne Heywood, Cecil Parker, Bernard Lee, Ellen Schwiers, Dieter Borsche, 84’

Ein reicher Industrieller wird das Opfer eines dubiosen Flugzeugabsturzes. Schwer verletzt bringt man ihn in das Labor eines Chirurgen, dem es gelingt, das Gehirn des Industriellen herauszuoperieren und in einem Serum am Leben zu erhalten. Doch das Gehirn bemächtigt sich des Arztes, der zum Rächer des Industriellen wird. Eine Serie von Morden beginnt.
Ab Ende der 50er Jahre vermischen sich in den Mabuse-Filmen und Edgar Wallace-Adaptionen das Krimi- und das Horrorgenre. Diese zugkräftige Mixtur bestimmt einen erheblichen Teil des deutschen Kinoprogramms im folgenden Jahrzehnt. Vielfach entstehen diese Filme als europäische Koproduktionen und knüpfen an recht unterschiedliche Traditionen des Filmemachens an. So auch Ein Toter sucht seinen Mörder, die bereits vierte Verfilmung des Romans Donovan’s Brain von Curt Siodmak. Siodmak hatte diesen Klassiker der fantastischen Literatur 1942 im amerikanischen Exil verfasst. Für Freddie Francis ist es erst seine zweite Regiearbeit. Nachdem er zuvor schon als Kameramann zu Oscar-Ehren gekommen war, prägt Francis in den 60er und 70er Jahren den britischen Horrorfilm. Danach wechselt er wieder hinter die Kamera und rundet sein bizarres Lebenswerk als kongenialer Bildgestalter von Martin Scorsese und David Lynch ab.

am 20.7.2008 um 21.00 Uhr

 

 

ARTUR BRAUNER
Hitlerjunge Salomon
BRD/F 1990, R: Agnieszka Holland, B: nach den Erinnerungen von Salomon Perel, M: Zbigniew Preisner, D: Salomon Perel, Marco Hofschneider, René Hofschneider, Piotr Kozlowski, Julie Delpy, Hanns Zischler, 113’

Über kaum einen anderen Film von Artur Brauner wurde in Deutschland so kontrovers diskutiert wie über Hitlerjunge Salomon. Er erzählt die authentische, aber beinahe unglaubliche Überlebensgeschichte des Salomon Perel, der 1938 nach den antijüdischen Pogromen in Deutschland mit seinen Eltern ins polnische Lodz und nach dem Überfall der Wehrmacht auf Polen weiter nach Russland flieht und Unterschlupf in einem Waisenhaus findet. Als ihn 1941 deutsche Soldaten gefangen nehmen, gibt er sich als Deutscher zu erkennen, verdeckt aber seine jüdische Herkunft. Er leistet Übersetzungsdienste in einer Wehrmachtskompanie. 1942 wird er in eine nationalsozialistische Eliteschule geschickt und als „ostbaltischer Arier“ im Rassenkundeunterricht vorgeführt. Er überlebt das Kriegsende als Soldat im Volkssturm und wandert 1948 nach Israel aus.
Hitlerjunge Salomon ist das schmerzvolle und zugleich groteske Drama eines verfolgten Juden, der seine Identität verleugnen muss. Zur Tarnung schlüpft er in die Haut eines Feindes und wird dadurch in eine schizophrene Lage hinein gedrängt. Agnieszka Holland inszeniert die Geschichte in einer Mischung aus Wahrheitstreue und Effekthascherei, tiefem Ernst und melodramatischem Gefühlskino. Gertrud Koch bemerkte dazu: „Die mythische Struktur der fortdauernden Rettung durch Eingebung und Glück verwandelt die grauenhafte Geschichte einer Selbstaufgabe in rettender Absicht in ein soziales Märchen, durch das der reine Tor unbeschadet hindurchgehen kann. Im Rahmen dieser mythischen Struktur, die am Ende noch triumphal durch den Auftritt des Bruders gerundet wird, entlastet Holland ganz eindeutig vom Problem der Überlebensschuld, unter der die meisten Überlebenden zu leiden haben. Sie schafft damit einen neuen Typus von Filmhelden: dem Überlebenskünstler will sie ein Denkmal setzen, nicht den Millionen Toten.“ (Frankfurter Rundschau, 30.1.1992)

am 22.7.2008 um 20.00 Uhr

 

 

ARTUR BRAUNER
Die 1000 Augen des Dr. Mabuse
BRD/IT/F 1960, R: Fritz Lang, D: Peter van Eyck, Dawn Addams, Gerd Fröbe, Werner Peters, Howard Vernon, 104’

Für Artur Brauner wird ein Traum wahr, als der seit Kindertagen von ihm verehrte Fritz Lang aus Amerika nach Deutschland zurückkehrt. In den Jahren 1958 und 1959 dreht Lang für Brauner zuerst ein farbenprächtiges, zweiteiliges Remake von Das indische Grabmal und dann – nach 27 Jahren Pause – einen neuen Mabuse-Film. Der geniale Verbrecher beherrscht nun ein von den Nazis gebautes Luxushotel, in dem jedes Zimmer durch Kameras heimlich überwacht werden kann. Nichts bleibt Mabuse verborgen; sein Machtzentrum ist ein Raum voller Monitore. Wie ein Regisseur steuert Mabuse das Handeln der Hotelgäste, um in den Besitz der Atombombe zu gelangen und sich so die Welt zu unterwerfen. Er spiegelt den Gästen falsche Realitäten vor, inszeniert Morde und Verzweiflungstaten. Er ist der Herr über Vorstellungsbilder und Gedanken.
Beim Publikum ist der Thriller mit seinen Finten und Fallstricken ein schöner Erfolg. Brauner lässt ihm daher eine ganze Serie von Mabuse-Filmen folgen, mit denen er den Edgar Wallace-Krimis von Horst Wendlandt Paroli bietet. Viele Kritiker betrachten Die 1000 Augen des Dr. Mabuse dagegen als traurigen Schlusspunkt einer großen Karriere und als Kannibalisierung eines selbst geschaffenen Mythos. Enno Patalas erkennt später aber, wie sehr sich der kühle, stets skeptische Analytiker Lang in der Wahl seiner Themen und Motive treu geblieben war: „Unentwegt kippt in Langs letztem Film eine Perspektive um in die nächste, entlarvt sich dem zweiten Blick der Schein, dem der erste verfallen war, aus einer Sicht, auf die wiederum auch kein Verlaß ist. Jede Sequenz ist in die voraufgehende verhakt, beantwortet sie auf irgendeine verquere Weise, ironisch, brutal, manchmal kalauernd. Auch die Tausend Augen zeigen Glanz und Katastrophe der Konstruktion. Sie sind die Inszenierung einer Inszenierung und davon, wie diese von einem bestimmten Punkt an, der blinden Stelle des Systems, in sich zurückläuft und sich aufhebt.“ (Peter W. Jansen (Hg.), Fritz Lang, 1976)

am 23.7.2008 um 20.00 Uhr

 

 

ARTUR BRAUNER
Kampf um Rom
BRD/IT 1968/1969, R: Robert Siodmak, B: nach dem Roman von Felix Dahn, K: Richard Angst, D: Laurence Harvey, Orson Welles, Sylva Koscina, Harriett Andersson, Honor Blackman, Teil 1: 103, Teil 2: 84’

Die Konkurrenz des Fernsehens macht dem Kino immer mehr zu schaffen. Die Zuschauerzahlen brechen in den späten 50er Jahren ein. Als Antwort auf die Krise dreht Hollywood aufwändige Monumentalfilme wie Ben Hur, Spartacus und Cleopatra. Diese Blockbuster demonstrieren, was das Erlebnis im Kino vom kleinen Schwarzweiß-Fernseher daheim unterscheidet. Sie verfügen über riesige Budgets, bieten die größten Stars auf, dazu Massenszenen und prächtige Kulissen, sie protzen mit Farbe, Cinemascope und schwelgender Orchestermusik. Mit den beiden Zweiteilern Die Nibelungen (1966/1967) und Kampf um Rom leistet auch Artur Brauner seinen Beitrag zum Monumentalfilm: Es sind seine teuersten Produktionen und kosten 5,5 und 8 Millionen Mark. Die prominente Besetzung von Kampf um Rom zeigt, dass Brauner den internationalen Markt im Auge hat.
Kampf um Rom erzählt vom Sieg und Untergang der ostgotischen Herrscher im Italien des 5. und 6. Jahrhunderts. Nach dem Tod Theoderichs des Großen entbrennt zwischen seinen Töchtern der Streit um den Thron. Der listige Vertreter Roms bringt Ostgoten und Byzantiner gegeneinander auf und zettelt einen Krieg an. Der zweite Teil des Films schildert den Sieg der Byzantiner. Eingebunden in die historischen Ereignisse sind Mord und Verrat, melodramatische Verwicklungen, Intrigen und Machtkämpfe. Im Mittelpunkt stehen freilich hassende Frauen und heldenhafte Männer und das Spektakel der Schlachten. Den zahlreichen Kritikern entgegnete Friedrich Luft weise: „Kunsterwartung wäre hier falsch am Platze, Hohn unangebracht. Bei solchen Kolossalfilmen soll imponiert und Rache genommen werden an der häuslichen Flimmerscheibe. Soviel auf einmal kann die nicht, soviel Aufwand zu treiben, auch wenn das Fernsehen das Geld zum Fenster hinaus scheffelt, vermag es noch nicht. (...) Hier soll man nur schwelgen wollen – oder kopfschüttelnd schweigen.“ (Die Welt, 21.12.1968)

am 25.7.2008 um 19.00 Uhr (Teil 1)
am 25.7.2008 um 21.00 Uhr (Teil 2)

 

 

ARTUR BRAUNER
Hotel Adlon
BRD 1955, R: Josef von Baky, B: Emil Burri, Johannes Mario Simmel, K: Fritz Arno Wagner, D: Nelly Borgeaud, Sebastian Fischer, Werner Hinz, René Deltgen, Nadja Tiller, 100’

Filme über Berlin gehören zum festen Bestandteil von Brauners Produktionspalette. In Hotel Adlon dient die Geschichte des weltberühmten Hotels dazu, eine Chronik Berlins und zugleich von ganz Deutschland aus der Perspektive eines zentralen Gebäudes und seiner illustren Gäste vorzulegen. Die Liebesgeschichte zweier Hotelangestellter hält die Episoden dieser Chronik zusammen. Erzählt wird von den Festen Kaiser Wilhelms, vom Charleston-Fieber und von schönen Juwelendieben in den Zwanziger Jahren, von Demonstrationen vor dem Brandenburger Tor und marschierenden SA-Trupps, von Diplomaten und Spionen in der Zeit des „Dritten Reichs“.
Zum Schluss liegt das Hotel in Trümmern, und eine ganze Epoche geht zu Ende. All das schildert Hotel Adlon in mal distanzierter, fast dokumentarischer Manier, mal emotional packend und nicht ohne Wehmut. Die Spaltung der Stadt prägte die Dreharbeiten: „Es gehört zu den Tragikomödien unserer Zeit, daß das Brandenburger Tor, das noch immer das Wahrzeichen Berlins ist, nicht Kronzeuge dieser Handlung sein kann, die sich in seiner unmittelbaren Nachbarschaft abspielt. So mußte der imposante Langhans-Bau in Westberlin nachgebildet werden. Auf dem Platz vor dem Olympiastadion errichtete der Architekt Rolf Zehetbauer das Tor mit minutiöser Genauigkeit, gekrönt mit einer Kopie der Quadriga. Vom Stadionausgang gesehen zur Linken wurde die Fassade des Adlon bis zum ersten Stock errichtet, das weite Terrain in dem rechten Winkel gibt den Pariser Platz. Die Bauten sind täglich Anziehungspunkt einer schaulustigen Menschenmenge.“ (Telegraf, 5.6.1955)

Einführung: Jeanpaul Goergen

am 26.7.2008 um 19.00 Uhr

 

 

ARTUR BRAUNER
Charlotte
BRD/NL 1980, R: Frans Weisz, D: Birgit Doll, Derek Jacobi, Elisabeth Trissenaar, Brigitte Horney, 95’

Die ergreifende Lebensgeschichte der Künstlerin Charlotte Salomon (1917-1943), die als Jüdin vor dem nationalsozialistischen Terror nach Frankreich flüchtet, später entdeckt und in Auschwitz ermordet wird. Charlotte reiht sich in Artur Brauners Filme über den Holocaust und das Schicksal einzelner Juden ein. Brauner zielt hier nicht auf das große Publikum, sondern sieht seine Aufgabe im Erinnern und Bewahren. Der Regisseur Frans Weisz wählt dafür eine Dramaturgie, die melodramatische Elemente einbindet und mit langen Rückblenden arbeitet. In der Hauptrolle gibt Birgit Doll eine bewegende Leistung ab, die Charlotte den Bayerischen Filmpreis bescherte. Die Lyrikerin und Drehbuchautorin Judith Herzberg, selbst eine Verfolgte der Nationalsozialisten, betonte, dass es ihr nicht um die Darstellung des Terrorregimes am Schicksal eines Einzelnen gegangen sei: „Vielmehr gälte der Film der besonderen Art der Lebensbewältigung einer jungen Frau, die in dem Versuch, ihr eigenes Leben selbst in unzähligen Gouachen nachzuzeichnen, in dem Zyklus ‚Leben oder Theater?’ ein einzigartiges Kunstwerk geschaffen hat.“ (Gabriele Riedle, Die Tageszeitung, 5.6.1986)

am 26.7.2008 um 21.00 Uhr

 

 

ARTUR BRAUNER
Lebensborn
BRD 1961, R: Werner Klingler, D: Maria Perschy, Joachim Hansen, Harry Meyen, Emmerich Schrenk, 87’

Das „Dritte Reich“ als Ort der sexuellen Perversion. Basierend auf einem Illustriertenbericht von Will Berthold bereitet Lebensborn ein geheim gehaltenes Kapitel des nationalsozialistischen Rassenfanatismus auf. In den Lebensbornen sollten SS-Angehörige und Soldaten ohne Einfluss auf die Partnerwahl mit BDM-Mädchen erbbiologisch perfekte Kinder zeugen. Vor diesem Hintergrund schildert der Film den seelischen Konflikt eines Liebespaares im Räderwerk der Zuchtanstalt, er erzählt vom Verlust falscher Ideale und von Befehlsverweigerung, von Flucht und gnadenloser Bestrafung.
Schon bevor die Arbeiten an Lebensborn abgeschlossen sind, erregt der Film die Gemüter. Ihm wird vorgeworfen, die angekündigte Aufklärung über die erzwungene Paarung nur als Vorwand zu benutzen und tatsächlich die Lüsternheit des Publikums zu befriedigen. Der Bewältigung einer unbewältigten Vergangenheit sei der Film nicht dienlich. Auch die melodramatische Erzählweise und die Fokussierung auf das Leid eines im Grunde rein gebliebenen Liebespaares werden stark kritisiert. Der Evangelische Film-Beobachter hält dagegen: „Es ist nicht einzusehen, warum es gerade geschmacklos sein soll, derartige die Würde des Menschen mißachtende Vorgänge, die unserer politischen Vergangenheit zumindest tendenziell angehören, zu zeigen, während sich gegen die Vielzahl der Verbrecher- und Hurenballaden, gegen die Vielzahl der Kriegsfilme dieser Einwand nicht erhebt. Man kann sich nicht ganz des Eindrucks erwehren, daß ein derartig deutlicher Hinweis auf die Konsequenzen der Rassenidiotie, die einmal in einschlägigen Lehrbüchern zu finden war und an Universitäten gelehrt wurde, unbequem ist.“ (21.1.1961)

am 27.7.2008 um 19.00 Uhr

 

 

ARTUR BRAUNER
Sherlock Holmes und das Halsband des Todes
BRD/F/GB/IT 1962, R: Terence Fisher, B: Curt Siodmak, nach Motiven von Arthur Conan Doyle, K: Richard Angst, D: Christopher Lee, Senta Berger, Hans Söhnker, Hans Nielsen, Thorley Walters, Ivan Desny, 87’

Statt eines Fischs hängt eine Leiche am Angelhaken. Sherlock Holmes und Dr. Watson werden auf den Fall angesetzt und kommen dem Archäologen Professor Moriarty auf die Spur, der ein unbezahlbares, uraltes Halsband von Kleopatra in seinen Besitz bringen will. Vor Mord schreckt er nicht zurück. Zwischen Holmes und dem Professor entbrennt ein Kampf um das Schmuckstück. Zunächst vertraut der Detektiv ganz auf seine geniale Kombinationsgabe, bevor er dann doch in Ganovenmontur in Londons Kanalisation hinabsteigen muss.
Für Sherlock Holmes und das Halsband des Todes gewinnt Artur Brauner illustre Mitarbeiter, darunter den britischen Horror-Experten Terence Fisher vom Hammer-Studio, dessen von erotischem Flair umwehten Dracula-Darsteller Christopher Lee sowie Curt Siodmak als Drehbuchautor mit einem Renommee für fantastische Gruselgeschichten. Gemeinsam kreieren sie im Spandauer CCC-Studio einen stimmungsvollen Sherlock Holmes-Film, der neben spannenden Verwicklungen Raum lässt für mysteriöse Momente sowie komische und selbstironische Szenen.

am 27.7.2008 um 21.00 Uhr

 

 

ARTUR BRAUNER
Zu Freiwild verdammt
BRD/PL 1984, R: Jerzy Hoffman, B: nach einem Stoff von Art Bernd (Artur Brauner), D: Sharon Brauner, Anna Dymna, Günter Lamprecht, Mathieu Carrière, 101’

Die Odyssee eines jüdischen Mädchens durch Polen während des Zweiten Weltkriegs. Nur knapp entgeht die zwölfjährige Ruth der Erschießung ihrer jüdischen Gemeinde nach dem Einmarsch der Deutschen. Sie verliert ihre Mutter und flüchtet zu ihrer Tante nach Warschau, erlebt die Räumung des Ghettos, kommt dann in einem Frauenkloster unter und nimmt eine christliche Identität an. Als deutsche Soldaten das Kloster durchsuchen und mehrere versteckte jüdische Kinder finden, muss Ruth weiter flüchten... Zu Freiwild verdammt entsteht nach einem Stoff von Artur Brauner, der eigene Erlebnisse verarbeitet. Die Hauptrolle spielt Brauners Nichte Sharon. Erneut realisiert Brauner einen Film aus persönlichen und nicht aus kommerziellen Gründen. Nicht sein Gespür für den Markt hat sich verändert, sondern seine Prioritäten, wie Claudia Dillmann-Kühn schreibt: „Im Publikum, dessen Nachfrage nach seichten Filmen der CCC lange Jahre volle Kassen bescherte, hat sich Brauner selten geirrt. So produziert er nun, am Ende seiner Laufbahn wie einst mit Morituri an deren Beginn, bewußt für sich und gegen die Nachfrage, wiewohl er die Hoffnung nicht aufgibt, einem seiner Filme möge sie noch einmal gelingen, die Symbiose von kommerziellem Erfolg und künstlerischer Anerkennung.“ (Artur Brauner und die CCC, 1990)

am 29.7.2008 um 20.00 Uhr

 

 

ARTUR BRAUNER
Der brave Soldat Schwejk
BRD 1960, R: Axel von Ambesser, B: nach dem Roman von Jaroslav Hasek, K: Richard Angst, D: Heinz Rühmann, Ernst Stankovski, Ursula von Borsody, Senta Berger, 96’

Die satirische Geschichte eines kleinen Mannes, der sich durch die Fährnisse des großen Welt- und Heldentheaters mogelt. Gegen seinen Willen macht man den ebenso naiven wie schlauen Hundefänger Schwejk aus Böhmen zum Soldaten. Als Bursche eines Offiziers wird er in erotische Eskapaden verwickelt, als Spion verdächtigt und zum Tode verurteilt. So entspannt sich ein Reigen absurder Situationen vor dem gar nicht so lustigen Hintergrund des Ersten Weltkriegs. Heinz Rühmann spielt diesen Schwejk mit Liebe, Witz und ironischem Augenzwinkern. Es ist die Rolle seines Lebens. Artur Brauer zählt den Schwejk zu seinen liebsten Filmen.

am 30.7.2008 um 20.00 Uhr

 

 

 
 
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