Kino im Zeughaus

 

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DIKTATUR UND ALLTAG


 

DIKTATUR UND ALLTAG

Ende März eröffnet im Deutschen Historischen Museum eine Ausstellung, die nach den Lebensverhältnissen und Lebensweisen der Bürgerinnen und Bürger in der DDR fragt. Das Zeughauskino begleitet diese Ausstellung bis Ende Mai mit einer umfangreichen Retrospektive der ostdeutschen Filmproduktion. Auf dem Spielplan stehen überwiegend Filme der Deutsche Film-Aktiengesellschaft (DEFA), aber auch einige unabhängig produzierte Super 8-Filme sowie zwei Arbeiten, die an der Potsdamer Hochschule für Film und Fernsehen entstanden sind. Die Retrospektive konzentriert sich auf fiktionale und dokumentarische Filme, die Gegenwartsbilder vom Leben und Arbeiten in der DDR entwerfen und die von den Spannungen erzählen, die zwischen den eigenen, individuellen und den vorgegebenen, parteipolitischen Vorstellungen bestehen konnten. Dabei orientiert sich die Filmauswahl an neuralgischen Ereignissen der DDR-Geschichte: dem Arbeiteraufstand im Juni 1953, dem Bau der Mauer 1961, den Beschlüssen des 11. Plenums des ZK der SED 1965, der Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976 sowie dem Fall der Mauer 1989. In der Filmgeschichte der DDR haben diese Ereignisse und die mit ihnen verknüpften Konflikte ihre Spuren hinterlassen. Nicht unmittelbar und meistens abhängig von kulturpolitischen Entscheidungen, doch überraschend häufig mit einem Blick für die Reibungen, die das alltägliche Leben und Arbeiten in der DDR bereithalten konnte.

 

Diktatur und Alltag
Karla
DDR 1965 / 1990, R: Herrmann Zschoche, D: Jutta Hoffmann, Jürgen Hentsch, Hans-Hardt Hardtloff, Inge Keller, Rolf Hoppe, 123’

Wie fast die gesamte DEFA-Jahresproduktion geriet auch Herrmann Zschoches Film Karla 1965 in die Mühlen des 11. Plenums des ZK der SED. Unter der Leitung von Erich Honecker war die ursprünglich als Wirtschaftsforum konzipierte Tagung zu einer Generaldebatte zur Kulturpolitik umfunktioniert worden: Durch die Politik Chruschtschows in der UdSSR ausgelöste Hoffnungen auf eine Liberalisierung auch in der DDR erfuhren eine deutliche Abfuhr. Durch das Verbot von mehr als zehn Gegenwartsfilmen geriet die DEFA in eine Identitätskrise, von der sie sich nie mehr erholen sollte.
Karla erzählt (Buch: Ulrich Plenzdorf) die Geschichte einer Desillusionierung und das Aufbegehren dagegen. Die Titelheldin (Jutta Hoffmann) wird nach ihrem Hochschulabschluss als Lehrerin in die mecklenburgische Provinz „delegiert“. Sie versucht hier zunächst mit Begeisterung, das angelernte Wissen in die Praxis umzusetzen, scheitert aber bald an den vorgefundenen Zwängen. Fast scheint es, als würde sich auch Karla den Gegebenheiten unterordnen. Erschrocken über den eigenen Opportunismus, lehnt sich die junge Lehrerin gegen die allgemeine Zufriedenheit auf. Die Konsequenz lässt in Form einer neuerlichen Zwangsversetzung nicht lange auf sich warten.

Einführung am 01.04.: Günter Agde

am 01.04.2007 um 18.30 Uhr
am 04.04.2007 um 20.00 Uhr

 

 

 

Diktatur und Alltag
Wenn ich erst zur Schule geh'
DDR 1961, R: Winfried Junge, 14’
Nach einem Jahr – Beobachtungen in einer 1. Klasse
DDR 1962, R: Winfried Junge, 14’
Elf Jahre alt
DDR 1966, R: Winfried Junge, 29’

1958 schließt Winfried Junge die erst wenige Jahre vorher gegründete „Deutsche Hochschule für Filmkunst“ mit einem Diplom im Fach Dramaturgie ab. Als gerade einmal 25-jähriger kommt er 1960 in die „Gruppe Gass“ und beginnt dort als Dokumentarfilmregisseur zu arbeiten. Karl Gass ist es auch, der ihn motiviert, jenes Projekt in Angriff zu nehmen, das später als weltweit umfassendste Langzeitbeobachtung in die Filmgeschichte eingehen wird. „Du solltest eine in unserem Land heranwachsende Generation mit der Kamera vom Schulbeginn an begleiten und zwar so lange, bis deren Kinder wieder in die Schule kommen, das kann 20 bis 25 Jahre dauern.“, fordert Gass seinen Schüler Junge auf. Dieser macht sich umgehend ans Werk und sucht das Dorf Golzow im Oderbruch, in der Nähe von Frankfurt (Oder) als Basis für seinen filmischen Zyklus aus.
Bis heute sind diese „Lebensläufe“ auf neunzehn Folgen angewachsen. Die ersten drei Teile zeigen den Übergang der Golzower Kinder vom Kindergarten zur Einschulung, ihre Gewöhnung an Lernalltag und Politisierung sowie erste zwischenmenschliche Positionsbestimmungen. Und sie zeigen auch, wie die Kinder lernen, mit der Kamera zu leben. „Elfjährige sind kleine Erwachsene, die eine Meinung über sich haben. Die große Ursprünglichkeit und reizvolle Ungehemmtheit unserer ABC-Schützen ist einem bewussten Sich-Produzieren und gut gemeinten Uns-Zuspielen gewichen.“ (Winfried Junge: Lebensläufe – Die Kinder von Golzow, 2004)

am 01.04.2007 um 21.00 Uhr
am 06.04.2007 um 21.00 Uhr

 

 

 

Diktatur und Alltag
So viele Träume
DDR 1986, R: Heiner Carow, D: Jutta Wachowiak, Dagmar Manzel, Peter René Lüdicke, Gudrun Okras, 86’

Lebenskrise einer 50-jährigen: Die sich mit ihrer Arbeit als Hebamme, einem jüngeren Lebensgefährten und ihrem behinderten Sohn scheinbar harmonisch im Alltag eingerichtete Christine gerät in einen Zustand tiefer Verunsicherung. Während einer Zugfahrt glaubt sie in einer jungen Frau die eigene Tochter zu erkennen, die sie vor vielen Jahren verlassen hat. Die Begegnung zwingt sie zu einer Revision ihrer bisherigen Welt- und Selbstsicht.
Wie in früheren Filmen (Die Legende von Paul und Paula) gewährt Heiner Carow seiner Heldin in für DEFA-Verhältnisse seltenem Umfang Raum für Träume und Phantasien. Immer wieder wird die konventionelle Handlung verlassen, bricht die Kamera (Peter Ziesche) zu schwelgerischen Bildreisen auf, schwenkt das Buch (Wolfram Witt) auf erzählerische Nebengleise. „Mich interessieren Träume. Es sind Versuche, in das Innere einer Person einzudringen. Ein Mensch besteht ja nicht nur aus dem, wie er handelt und was er tut, sondern auch aus seinen Ängsten und Sehnsüchten. Das können Träume erfassen. Eigentlich wünsche ich mir klare, überschaubare Geschichten. Aber während der Arbeit merkten wir, dass wir die Träume brauchten, um den Figuren und auch dem Zeitgefühl gerecht zu werden.“ (Heiner Carow im Gespräch mit Erika Richter, Sonntag 17, 1986)

am 03.04.2007 um 20.00 Uhr
am 08.04.2007 um 19.00 Uhr

 

 

 

Diktatur und Alltag
Wenn man vierzehn ist
DDR 1969, R: Winfried Junge, 36’
Die Prüfung – Chronik einer Schulklasse
DDR 1971, R: Winfried Junge, 20’
Ich sprach mit einem Mädchen
DDR 1975, R: Winfried Junge, 30’

Die Folgen 3 bis 6 der Langzeitbeobachtung Lebensläufe setzen ein mit der rituellen Aufnahme in die Welt der Erwachsenen, führen über den Abschluss der 10. Klasse und münden schließlich in die Beobachtung bei Eintritt und Bewährung der einstigen Schulanfänger ins Berufsleben.
In Wenn man vierzehn ist steht die Jugendweihe im Mittelpunkt: die im „Gelöbnis“ kollektiv gesprochenen Treueschwüre auf den Sozialismus, die voraus gegangenen Besuche der Schulklasse in Betrieben und Gedenkstätten. Neben diesen DDR-weit normierten, biografischen Eckpunkten formulieren sich jedoch auch individuelle Lebensentwürfe, werden die privaten Hoffnungen einzelner Jugendlicher deutlich. Die Prüfung – Chronik einer Schulklasse fokussiert Vorbereitung und Durchführung des wichtigen Schulabschlusses, überdurchschnittliche Leistungen stehen neben eher enttäuschenden. Eingerahmt wird das Geschehen von Impressionen der letzten Klassenfeier, die zeitlich hinter dem Prüfungstermin liegt, die Helden also jenseits ihrer Aufregungen zeigt. An der Schnittstelle zwischen schulischem Reglement und bevor stehender Berufsausbildung wird Verunsicherung ebenso spürbar wie wachsendes Selbstbewusstsein.
In Ich sprach mit einem Mädchen konzentriert sich Winfried Junges Beobachtung erstmals auf eine einzelne, ehemalige Schülerin. Marieluise arbeitet inzwischen als Chemielaborantin, erzählt selbstbewusst von ihrem Alltag, ihren Ansprüchen und Defiziten.

am 07.04.2007 um 19.00 Uhr
am 13.4.2007 um 21.00 Uhr

 

 

 

Diktatur und Alltag
Der geteilte Himmel
DDR 1964, R: Konrad Wolf, D: Eberhard Esche, Renate Blume, Hilmar Thate, 114’

Der nach dem gleichnamigen Roman von Christa Wolf entstandene Spielfilm verknüpft eine Liebesgeschichte mit den Folgen der Manifestierung der innerdeutschen Teilung. Rita (Renate Blume) kehrt nach einem psychischen Zusammenbruch an den Ort ihrer Kindheit zurück. Hier vergegenwärtigt der Film in einer langen Rückblende noch einmal die beiden vergangenen Jahre zwischen 1960 und August 1961. Ihre leidenschaftliche Liebe zum Chemiker Manfred (Eberhard Esche), der nach bitteren beruflichen Enttäuschungen keine Zukunft mehr in der DDR sah, erlebt eine kritische Bestandsaufnahme. Während eines Besuchs bei Manfred in West-Berlin realisiert sie, wie weit sie sich bereits innerlich von ihm entfernt hat. Der Entschluss, ihm nicht ins andere Deutschland zu folgen, verfestigt sich.
Der in großen Teilen in Halle an der Saale gedrehte Film überzeugt durch seine expressive Cinemascope-Kamera (Werner Bergmann), vor allem aber durch die differenzierte Personenzeichnung, die jede Vorverurteilung umgeht. Nach dem 11. Plenum wäre Der geteilte Himmel mit Sicherheit nicht mehr zu realisieren gewesen. So lässt der Film ahnen, was bei der DEFA an Entwicklungen noch möglich gewesen wäre. „Wer diesen ostdeutschen Film gesehen hat, der weiß, dass es den ernstzunehmenden westdeutschen Film nicht gibt.“ (Friedich Hitzer, Filmkritik 12, 1964)

am 07.04.2007 um 21.00 Uhr
am 11.04.2007 um 20.00 Uhr

 

 

 

Diktatur und Alltag
Dr. med. Sommer II
DDR 1970, R: Lothar Warneke, D: Werner Tietze, Juliane Koren, Martin Flörchinger, 90’

Der frisch von der Universität an eine Klinik kommende Arzt Dr. Sommer sieht sich in seinem anfänglichen Enthusiasmus mit zahlreichen beruflichen und zwischenmenschlichen Problemen konfrontiert. Dank seiner offenen und bestimmten Art vermag er, die auftretenden Schwierigkeiten zu bewältigen. Dieses vom Arzt praktizierte Problembewusstsein deckt sich auffällig mit den Idealen des Filmemachers. Warnekes Gegenwartsstoff ist von Optimismus getragen – Konflikte werden nicht verschwiegen, jedoch als prinzipiell lösbar beschrieben. In seinem zweiten Spielfilm versuchte der Regisseur vor allem durch nüchternen Dokumentarismus, positiv auf gesellschaftliche Prozesse einzuwirken. Möglichst viele Szenen wurden an Originalschauplätzen gedreht, wirkliche Krankenhausmitarbeiter wirkten als Statisten mit. „Wir als noch relativ junge Leute wollten den jungen Leuten, die rings um uns in der Gesellschaft waren, Mut machen, dass sie sich zu sich selbst bekennen, dass sie ihre eigenen Gedanken zu verwirklichen versuchen und nicht ängstlich schauen, was die Altvorderen machen und wie sie das nachmachen können. Sich zu verwirklichen, war ja sozusagen die große Metapher in dem Film.“ (Lothar Warneke: Die Schönheit dieser Welt, 2005)

am 08.04.2007 um 21.00 Uhr
am 13.04.2007 um 19.00 Uhr

 

 

 

Diktatur und Alltag
Märkische Trilogie, Teil 1: Märkische Ziegel
DDR 1988, R: Volker Koepp, 32’
Märkische Trilogie, Teil 2: Märkische Heide, märkischer Sand
DDR 1990, R: Volker Koepp, 58’

Märkische Ziegel: Ein Jahr vor dem Zusammenbruch der DDR wandte sich Dokumentarfilmer Volker Koepp der märkischen Kleinstadt Zehdenick und ihrer hundertjährigen Ziegelei-Tradition zu. Hier fand er Spuren der Vergangenheit, die weit bis in die Gegenwart und darüber hinaus weisen. Mit Ziegeln aus der Mark wurde zur Gründerzeit halb Berlin errichtet, später die NS-Prunkbauten Albert Speers oder in den 1950er Jahren die symbolträchtigen Häuser entlang der Stalinallee. Koepp spricht vor Ort mit Passanten und Ziegeleiarbeitern, sein Kameramann Thomas Plenert fängt Bilder der angehalten wirkenden Zeit ein. Auf dem Marktplatz in Zehdenick singt ein Männerchor: „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin.“
Märkische Heide, märkischer Sand: Als Koepp und Plenert im Herbst 1989 nach Zehdenick und zur dortigen Ziegelei zurückkehren, ahnen sie nicht, dass sie den Zusammenbruch der DDR aus dem märkischen Blickwinkel heraus filmen werden. Etwas unaufgeregter, doch nicht weniger folgenschwer, vollziehen sich hier die Veränderungen, versuchen sich die Einwohner im Ruppiner Land mit den neuen Gegebenheiten zurechtzufinden. Den Filmemachern gelingt es, die politischen Veränderungen ebenso präzise einzufangen wie die dem gegenüber teilnahms- und zeitlose Schönheit der Landschaft. „Koepps Film aber ist auch ein außergewöhnlicher Dokumentarfilm: nüchtern und poetisch zugleich, zeigt er sich voller Anteilnahme seinen Personen gegenüber – wenn er sie auch manchmal der Lächerlichkeit preisgeben muss.“ (Rudolf Woresch, epd-Film 5, 1990)

am 10.04.2007um 20.00 Uhr
am 15.04.2007 um 21.00 Uhr

 

 

 

Diktatur und Alltag
Die Mauer
DDR 1990, R: Jürgen Böttcher, 100’

Die Mauer ist ein bleibendes Demontage-Protokoll der deutsch-deutschen Grenze in Berlin und gleichzeitig ein Requiem auf jenes Land, mit dem der Filmemacher und Maler Jürgen Böttcher 40 Jahre lang in inniger Hass-Liebe verbunden war. Japanische Touristen knipsen sie, türkische Kinder brechen Brocken aus ihr heraus und verkaufen diese, unzählige Kamerateams aus aller Welt nutzen sie als pittoreske Kulisse: „Die Mauer“, die im offiziellen Sprachgebrauch der DDR gern als „antifaschistischer Schutzwall“ verklärt wurde. Böttcher und sein Kameramann Thomas Plenert zeichnen die vielfältigen Aktivitäten am ehemaligen Todesstreifen in phänomenologischer Manier auf, wissend, dass jede Wertung in diesem Moment die Stärke und Einmaligkeit der Bilder zerstören würde. Die Mauer ist übervoll von metaphorischen, aber nie gesucht wirkenden Momenten. Der einzige zeitgeschichtliche Kommentar besteht in einer Projektion von Archivmaterial auf ein Mauersegment: Die tausendfach gesehenen Bilder aus dem zeitlichen Umfeld des 13. August 1961 werden dadurch nicht nur erträglich, sie bekommen durch die verblüffende Konstellation auch eine ganz neue Dimension. Das monströse Bauwerk inmitten von Berlin - mehr als 25 Jahre lang Sinnbild des Kalten Kriegs in Europa und der Welt - wird durch den Kunstgriff des Regisseurs zur Leinwand seiner eigenen Geschichte.

am 14.04.2007 um 19.00 Uhr
am 21.04.2007 um 21.00 Uhr

 

 

 

Diktatur und Alltag
Der Mann, der nach der Oma kam
DDR 1972, R: Roland Oehme, D: Winfried Glatzeder, Rolf Herricht, Marita Böhme, 93’

DEFA-Komödienspezialist Roland Oehme hat sich nach dem im Modemilieu angesiedelten Mit mir nicht, Madam (1969) an einer Art Emanzipations-Lustspiel versucht. Der nach einem Buch von Eulenspiegel-Autorin Renate Holland-Moritz entstandene Film wirft die Frage auf, wer sich denn eigentlich um die Kinder viel beschäftigter Eltern kümmert, wenn die Großmutter für diese Aufgabe ausfällt. Im vorliegenden Fall verweigert eine Oma den Dienst der Enkelbetreuung, weil sie selbst noch einmal heiratet. Das genervte Ehepaar Piesold stürzt ins Chaos, schaltet aber dann eine Anzeige. Zur allgemeinen Überraschung meldet sich für den Job ein junger, gut aussehender Mann namens Graffunda (Winfried Glatzeder). Sofort spinnen sich im Umfeld jede Menge Gerüchte. Auch Herr Piesold selbst (Rolf Herricht) vermutet im mutmaßlichen Babysitter den Liebhaber seiner Frau. Bald finden alle Verwechselungen und Unterstellungen eine nüchterne Aufklärung: Graffunda arbeitet an einer Dissertation über die Gleichberechtigung der Frau und betreibt Grundlagenforschung.
Die mit Rollenklischees recht geschickt spielende Komödie war an den Kinokassen der DDR so erfolgreich, dass sie sogar den alljährlichen Indianerfilm auf Platz Zwei der nationalen Rangliste verwies.

am 14.04.2007 um 21.00 Uhr
am 21.04.2007 um 19.00 Uhr

 

 

 

Diktatur und Alltag
In Sachen H. und acht Anderer
DDR 1972, R: Richard Cohn-Vossen, 30’
Einmal in der Woche schrei'n
DDR 1981, R: Günter Jordan, 15’
Sonnabend, Sonntag, Montag früh
DDR 1980, R: Hannes Schönemann, Beta SP, 45’

Renitente und unangepasste Jugendliche gehörten zu jenen Randgruppen der DDR-Gesellschaft, die gemeinhin als „untypisch“ eingestuft wurden und die mithin als untauglich für Filmstoffe galten. Drei dokumentarische Kurzfilme zeigen, dass es in der DEFA auch immer Stimmen gab, die sich dieser sonst ausgeblendeten Wirklichkeit widmeten.
In Sachen H. und acht Anderer von Richard Cohn-Vossen (1972) zeigt eine Gruppe Jugendlicher vor dem Richter, die auf dem Kollwitzplatz Männern auflauerten, um diese zu berauben. Zum Tabu der Jugendkriminalität kam in diesem Film das der Homosexualität, er ist „einer der wichtigsten DEFA-Dokumentarfilme der 70er Jahre, fast eine Sensation.“ (Martin Mundt, Neues Deutschland, 18.11.1996)
Günter Jordans Einmal in der Woche schrei'n (1981) porträtiert Jungen und Mädchen auf dem Helmholtz-Platz, die sich bewusst den Freizeitangeboten der FDJ entziehen. Folgerichtig wurde Jordans Film verboten und erst 1989 für öffentliche Aufführungen freigegeben.
Unmut bei der Kulturbürokratie erregte auch Hannes Schönemann mit seinem erstaunlich souveränen Studentenfilm Sonnabend, Sonntag, Montag früh (1980): Seine in der nordostdeutschen Provinz porträtierten Jugendlichen entsprachen so wenig dem offiziellen Wunschdenken, dass der Film für öffentliche Vorführungen keine Zulassung erhielt und sein Urheber fortan unter Beobachtung gestellt wurde.

am 15.04.2007 um 19.00 Uhr
am 27.04.2007 um 21.00 Uhr

 

 

 

Diktatur und Alltag
Bankett für Achilles
DDR 1975, R: Roland Gräf, D: Erwin Geschonneck, Elsa Grube-Deister, Gert Gütschow, Jutta Wachowiak, 89’

Der verdiente Chemiearbeiter und Meister Karl Achilles (Erwin Geschonneck) geht in Rente. Ihm zu Ehren wird ein Bankett ausgerichtet. Karl nutzt die Gelegenheit, um mit seinen Kollegen hart ins Gericht zu gehen. Vor allem gegenüber seinem Jugendfreund Walura, inzwischen Betriebsleiter und eitler Nutzer eines Wolga samt Chauffeur, redet er unerwartet offen.
Ungewöhnlich an Bankett für Achilles ist aus heutiger Sicht vor allem die Offenheit, mit der sich der aus dem aktiven Berufsleben verabschiedende Achilles äußert. Dem Alten wird offenbar eine gewisse Narrenfreiheit eingeräumt, die dieser auch weidlich nutzt. Neben der Kritik an Arbeitsabläufen im Betrieb spricht der Film auch erstmals die ökologischen Verheerungen der chemischen Industrie und das elementare, dabei stets individuelle Problem des Alterns an. „Bilder der kargen Industrielandschaft des Bitterfelder Reviers und der Blick in die Gesichter der von ihr geprägten Menschen – davon lebt dieser Film. Seine Wirkung verdankt er neben der ganz den Intentionen der Regie folgenden Kameraarbeit von Jürgen Lenz und der genau akzentuierten Musik Gerhard Rosenfelds vor allem dem Hauptdarsteller Erwin Geschonneck. Nach vielen DEFA-Enttäuschungen ein Lichtblick aus Babelsberg.“ (Heinz Kersten: So viele Träume, 1996)

am 18.04.2007 um 20.00 Uhr
am 22.04.2007 um 21.00 Uhr

 

 

 

Diktatur und Alltag
Schlösser und Katen, 1. Teil: Der krumme Anton
DDR 1957, R: Kurt Maetzig, D: Raimund Schelcher, Karla Runkehl, Erwin Geschonneck, Harry Hindemith, Helga Göring, Ekkehard Schall, 103’

Nach dem propagandistischem Doppel-Monumentalfilm Ernst Thälmann – Sohn seiner Klasse (1954) und Ernst Thälmann – Führer seiner Klasse (1955) nahm DEFA-Mitbegründer Kurt Maetzig mit Schlösser und Katen erneut einen Großauftrag an. Diesmal fiel seine Arbeit jedoch weit weniger demagogisch aus. In dem zweiteiligen Epos schildert er mit Drehbuchautor Kurt Barthel (KuBa) die Geschichte eines mecklenburgischen Fleckens namens Holzendorf zwischen den Jahren 1945 und 1953. Im Mittelpunkt des ersten Teils stehen als Folgen des Kriegsendes die Flucht der Junker und die Bodenreform. Dabei gelingt es Regie und Drehbuch über große Strecken, die bekannten historischen Umwälzungen glaubhaft mit individuellen Schicksalen zu verknüpfen und dadurch weitgehend unterhaltsam zu illustrieren. Der wegen seines Buckels „Krummer Anton“ genannte, ehemalige gräfliche Kutscher Anton Zuck (Raimund Schelcher) hütet ein Geheimnis: Seine Ziehtochter Annegret ist ein illegitimes Kind des Großgrundbesitzers und soll zu ihrer Hochzeit mit 5000 Mark und diversen Sachwerten ausgestattet werden. Annegret indes ahnt nichts von ihrer „edlen Abstammung“, verliebt sich in den Schlosser Heinz. „Sie, der Bankert des Grafen, will dem jungen Genossen, nicht wie Gelumpe am Hals hängen. Das Mädchen verlässt Holzendorf, sagt seiner Liebe adieu.“ (Progress-Illustrierte 1956)

am 20.04.2007 um 19.00 Uhr
am 25.04.2007 um 20.00 Uhr

 

 

 

Diktatur und Alltag
Schlösser und Katen, 2. Teil: Annegrets Heimkehr
DDR 1957, R: Kurt Maetzig, D: Raimund Schelcher, Karla Runkehl, Erwin Geschonneck, Harry Hindemith, Helga Göring, Ekkehard Schall, 100’

Im zweiten Teil von Schlösser und Katen setzen sich zunächst die Intrigen um Annegret fort. Als diplomierte Zootechnikerin kehrt sie ins heimatliche Holzendorf zurück - ein Kind im Arm. Ihr Ansehen bei den Bauern sinkt dadurch weiter: Sie ist nicht nur uneheliches Kind des Grafen, sie hat selbst einen vaterlosen Sohn ausgetragen, stört die ländliche Ruhe zudem mit wenig willkommenen Neuerungsmethoden in der Viehzucht. Mehr und mehr stellt sich jedoch der Widerstreit um Annegret als symbolischer Kampf zwischen den Kräften des Alten und des Neuen heraus. Zuletzt zeigt sich, dass sich auch in Holzendorf der Siegeszug der sozialistischen Landwirtschaft nicht aufhalten lässt. „Überzeugte Funktionäre richten die Kleinmütigen auf, und wenn am Ende ein sowjetischer Mähdrescher die Ernte einfährt, ist nicht nur das Plansoll erfüllt, sondern auch der Sinn für eine Zusammenlegung der Felder- und Produktionseinheiten gestiftet.“ (Lexikon des internationalen Films)

am 20.04.2007 um 21.00 Uhr
am 27.04.2007 um 19.00 Uhr

 

 

 

Diktatur und Alltag
Märkische Trilogie, Teil 3: Märkische Gesellschaft mbH
DDR 1991, R: Volker Koepp, 75’

Im Jahr Eins des wiedervereinigten Deutschland machen sich Regisseur Volker Koepp und Kameramann Thomas Plenert noch einmal nach Zehdenick auf, um den Spuren der märkischen Ziegelindustrie nachzugehen und ihre Trilogie abzuschließen. „Märkische Gesellschaft mbH ist die wohl entspannenste Chronik des letzten Jahres der DDR.“ (Wilhelm Roth, epd Film 7, 1991) Bereits der Titel verrät, dass die Ziegelei nun privatisiert ist – bei genauerer Recherche erweisen sich die Eigentumsverhältnisse jedoch als durchaus unscharf. Gearbeitet wird hier jedenfalls kaum mehr. Eine zufällige Passantin behauptet, sie sei Miteigentümerin des Komplexes, weil sie vor 1945 Aktien am Unternehmen gekauft habe. Sie sei zwar von der Bundesregierung entschädigt worden, spricht die Rentnerin, aber das meiste hätten ja die Juden bekommen. „Ihr seid doch keine Juden?“, fragt sie drohend die Filmemacher. „Nach diesem Blick in die Abgründe einer Seele plaudert sie munter weiter. Ihr Auftritt ist ein Glücksfall für einen Dokumentaristen. Die Art und Weise, wie er genutzt wurde, spricht für Volker Koepp und das Filmteam.“ (Wilhelm Roth, epd Film 7, 1991)

am 22.04.2007 um 19.00 Uhr

 

 

 

Diktatur und Alltag
Turbine 1
DDR 1953, R: Joop Huisken, 25’
Ofenbauer
DDR 1962, R: Jürgen Böttcher, 15’
Stars
DDR 1963, R: Jürgen Böttcher, 20’
Wäscherinnen
DDR 1972, R: Jürgen Böttcher, 20’
Rangierer
DDR 1984, R: Jürgen Böttcher, 25’

Das Programm vereint fünf Dokumentationen aus der realsozialistischen Arbeitswelt der DDR. Dabei zeigt sich, dass innerhalb der formal-inhaltlichen Maßgaben durchaus Bewegungsfreiräume mit innovativem Potential vorhanden waren. Davon zeugt vor allem das Œuvre Jürgen Böttchers.
Turbine 1 des aus Amsterdam stammenden Joop Huisken zeigt den Wettlauf um die Reparatur eines für das Kraftwerk in Zschornewitz wichtigen Aggregats. Statt wie politische Propaganda wirkt der Film eher wie eine Sportreportage. Böttchers Ofenbauer ist diesem Sujet verwandt, verrät aber schon die spätere Meisterschaft des Dokumentaristen, Vorgänge und Menschen innerhalb von komplexen Zusammenhängen zu beobachten, dabei auf verbale Erklärungen weitgehend zu verzichten. In Stars, dem Gruppenporträt mehrerer Glühlampen-Arbeiterinnen bei NARVA, entwickelt er seinen Stil ebenso fort wie im REWATEX-Film Wäscherinnen, fast zehn Jahre später entstanden. Rangierer zeigt Jürgen Böttcher im Zenit seines Schaffens: „Ein Film wie ein Gedicht, wie ein Musikstück. Die Originaltöne - Metall schlägt auf Metall, vereinzelte menschliche Stimmen, Geräusche von Maschinen und Motoren - bilden dabei einen Soundtrack aus konkreter Musik. Das intuitive Zusammenspiel zwischen Regie/Böttcher und Kamera/Plenert überträgt sich unmittelbar auf den Zuschauer, produziert einmalige Bilder und Sequenzen.“ (Claus Löser, Jahrbuch der DEFA-Stiftung, 2000)

Einführung am 28.04.: Britta Hartmann

am 28.04.2007 um 19.00
am 04.05.2007 um 19.00 Uhr

 

 

 

Diktatur und Alltag
Solo Sunny
DDR 1980, R: Konrad Wolf, D: Renate Krößner, Alexander Lang, Dieter Montag, Klaus Brasch, Heide Kipp, 105’

Ingrid Sommer alias Sunny (Renate Krößner) wohnt mitten im Prenzlauer Berg - kein Ort für Romantik, sondern einer zum Leben, so gut es eben geht: der Putz fällt von den Wänden, Tauben nisten im Gemäuer, denunzierende Nachbarn, gegenüber im Seitenflügel ein Spanner. Sunny will raus hier, glaubt, als Sängerin Karriere machen zu können. Doch statt der großen weiten Welt bieten sich ihr nur heruntergekommene Ballsäle in der Provinz nebst desinteressiertem Publikum. Auch ihre Begleitband „Tornados“ hat schon bessere Zeiten gesehen. Die Liebe zu einem introvertierten Aushilfs-Saxophonisten (Alexander Lang) scheint neue Hoffnung zu bringen - aber auch diese Episode mündet in neuerliche Enttäuschung. Nach einer tiefen Sinnkrise setzt Sunny noch einmal zu einem Neuanfang an.
Solo Sunny ist einer derjenigen DEFA-Filme, mit denen so etwas wie ein Anschluss an die Weltfilmkunst greifbar schien - eine Ausnahmeerscheinung. Noch heute besticht der Film durch seine geschliffenen Dialoge (Wolfgang Kohlhaase) und die genaue Alltagsbeschreibung. „Man müsste etwas ganz anderes machen…“, wiederholt ein resignierter Musiker immer mal wieder, ohne auch nur einen Augenblick selbst daran zu glauben. Und beschreibt damit treffend die Agonie der DDR-Gesellschaft zu Beginn der 80er Jahre.

Einführung am 06.05.: Jörg Schweinitz

am 28.04.2007 um 21.00 Uhr
am 06.05. 2007um 18.30 Uhr

 

 

 

Diktatur und Alltag
Erinnerung an eine Landschaft - Für Manuela
DDR 1984, R: Kurt Tetzlaff, 84’

Kurt Tetzlaffs abendfüllende Dokumentation über die verheerenden Folgen des Braunkohletagebaus steht bis heute als Ausnahmeerscheinung des nicht-narrativen Films in der DDR. Das Thema war wegen der prekären Rohstoffsituation in Ostdeutschland besonders brisant: Wegen fehlender Alternativen zur eigentlich ineffektiven Braunkohle als Energielieferant wurden landschaftlicher Kahlschlag und die Vernichtung von historischer Bausubstanz billigend in Kauf genommen, der Umzug der heimatlos Gewordenen in Plattenbauten im Gegenzug als „Verbesserung der Lebensverhältnisse“ gepriesen. Tetzlaff und seine Kameramänner Karl Faber und Eberhard Geick arbeiteten vier Jahre an ihrer Chronik, belichteten Tausende Meter Filmmaterial. Obwohl im Film auch positive Zeichen gesetzt werden, überwiegt doch ein massiver Eindruck von Verlust und Trauer. „Wegen der geringen Kopienzahl lief Erinnerung an eine Landschaft fast ausschließlich in organisierten Veranstaltungen. Tausende Meter Restmaterial, darunter wertvolle Dokumente, die für später bewahrt werden sollten, wurden ohne Wissen der Filmemacher vernichtet. Nachforschungen blieben bis heute erfolglos.“ (Elke Schieber, Schwarzweiß und Farbe, 1996) Das Thema indes bleibt aktuell.

am 29.04.2007 um 19.00 Uhr
am 11.05.2007 um 19.00 Uhr

 

 

 

Diktatur und Alltag
Berlin, Ecke Schönhauser...
DDR 1957, R: Gerhard Klein, D: Ekkehard Schall, Ilse Pagé, Harry Engel, Ernst-Georg Schwill, Helga Göring, 80’

Mit dem Titel seines dritten Spielfilms benennt Gerhard Klein auch gleich den wichtigsten Schauplatz. Die maßgeblichen Szenen sind im Ost-Berliner Prenzlauer Berg angesiedelt. Hier, inmitten des alten Arbeiterbezirks, trifft sich unter dem Viadukt der Hochbahn allabendlich eine Gruppe Jugendlicher, hört Musik, tanzt dazu, übt sich im Kräftemessen und Flirten. Als eines Abends aus der Gruppe heraus eine Straßenlaterne zerstört wird, greift die Polizei ein. Die Jugendlichen werden vernommen, dann aber mit ermahnenden Worten wieder entlassen. Der Vorfall gerät zum Anlass einer Differenzierung innerhalb der Gruppe. Während Karl-Heinz als Anstifter des Steinwurfs mehr und mehr sein Heil im Westen und dunklen Geschäften sucht, kommt der junge Arbeiter Dieter zunehmend über sich selbst ins Grübeln; er findet seinen Platz in der Wirklichkeit, nicht zuletzt wegen seiner Liebe zu Angela. „Kohle“, an dem die Geldstrafe wegen Rowdytums hängen bleibt, flüchtet vor den Schlägen seines Stiefvaters lieber ins Reich der Illusionen; so oft er kann, verbringt er seine Zeit in den nahen Kinos West-Berlins. Durch die Auseinanderentwicklung der einstigen Freunde spitzt sich die Situation zu, Entscheidungen werden unaufschiebbar - so wie früher wird es nie wieder sein.

am 29.04.2007 um 21.00 Uhr
am 05.05.2007 um 19.00 Uhr

 

 

 

Diktatur und Alltag
flüstern und SCHREIEN – Ein Rockreport
DDR 1988, R: Dieter Schumann, Jochen Wissotzki, 120’

Als im Oktober 1988 der Dokumentarfilm flüstern und SCHREIEN in die ostdeutschen Kinos kommt, hat die DDR noch ein Jahr bis zum Fall der Mauer vor sich. Die Jugendpolitik fällt widersprüchlich aus: Einerseits dominieren weiterhin die noch aus den 1950er Jahren stammenden Parolen und Indoktrinationen, andererseits gibt es Anzeichen, der massenhaften mentalen Abkehr der Jugendlichen von „ihrem Land“ Gesten der Toleranz entgegenzusetzen. Die volkseigene Mode versuchte, sich westlichen Trends anzugleichen, im Radio lief plötzlich Musik, die eben noch auf dem Index gestanden hatte.
flüstern und SCHREIEN gehört in das Umfeld dieser „Rettungsversuche“. Ursprünglich als Porträt von wenig renitenten Formationen wie Silly geplant, fanden dann unangepasste Bands wie Aljoscha Rompes Feeling B oder Sandow Einzug in den Film und verhalfen ihm zu musikalischer und szenischer Originalität. Kurze Zeit vorher war es undenkbar gewesen, Jugendliche zu filmen, die auch nur annähernd wie Punks aussahen. Sie riskierten sogar, verhaftet und in den Westen abgeschoben zu werden. Nun wurden sie als zwar skurrile, doch zu akzeptierende Teile der aktuellen DDR-Gesellschaft porträtiert.

am 06.05.2007 um 21.00 Uhr
am 11.05.2007 um 21.00 Uhr

 

 

 

Diktatur und Alltag
Erscheinen Pflicht
DDR 1984, R: Helmut Dziuba, D: Vivian Hansjohr, Lissy Tempelhof, Peter Sodann, Alfred Müller, Uwe Kockisch, 75'

In diesem nach einem Buch von Gerhard Holz-Baumert entstandenen Spielfilm sieht sich das Mädchen Elisabeth nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters mit elementaren Fragestellungen konfrontiert. Die 16-jährige Oberschülerin aus wohlbehütetem Haus befragt sich und ihre Umwelt nach der Rolle des Einzelnen in einer Gesellschaft, in der alles reguliert scheint. Das Bild ihres Vaters, eines wohl bezahlten und dekorierten Funktionärs, erfährt vorsichtige Differenzierungen.
Erscheinen Pflicht ist sicher kein explizit kritischer oder gar subversiver Film – er versucht lediglich, einen sensibleren Umgang mit nachrückenden Generationen einzufordern. Wie neuralgisch die Funktionäre auf ein solches Ansinnen reagierten, zeigen die Eingriffe ins Drehbuch: Dziuba musste Dialogzeilen streichen („Auf deine Partei scheiß ich!“), Konflikte wurden entschärft. Selbst die geglättete und gekürzte Fassung trieb linientreue Zuschauer noch zur Rage: „Der Absturz beginnt während einer Vorführung in der Parteihochschule der SED in Berlin, als einer der Professoren demonstrativ den Raum verlässt. Nach Aussagen von Dozenten der Hochschule habe dieser sofort Verbindung zu Erich Honecker und Margot Honecker sowie zu Egon Krenz aufgenommen.“ (Elke Schieber, Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg, 1994)

am 12.05.2007 um 19.00 Uhr
am 13.05.2007 um 21.00 Uhr

 

 

 

Diktatur und Alltag
Das Fahrrad
DDR 1982, R: Evelyn Schmidt, D: Heidemarie Schneider, Roman Kaminski, Heidrun Bartholomäus, 90’

Das Fahrrad zeichnet das Bild einer nicht eben glücklichen, allein stehenden 30-jährigen Frau. Susanne verdingt sich als ungelernte Arbeiterin, sitzt in ihrer Freizeit in einer tristen Diskothek, bringt ihr Kind mehr schlecht als recht durchs Leben. Zwischenzeitlich scheint sich die Perspektive einer Partnerschaft anzudeuten, doch auch diese scheitert. Als sie in finanzielle Nöte gerät, lässt sie sich auf einen Versicherungsbetrug ein, der sie umgehend mit der Staatsanwaltschaft konfrontiert. Dennoch scheint Susanne aus ihren durchweg negativen Erlebnissen Energie für einen Reifungsprozess ziehen zu können.
Evelyn Schmidt war Meisterschülerin von Konrad Wolf und eine der wenigen ostdeutschen Filmemacherinnen überhaupt. „Die Studioleitung, die Das Fahrrad zunächst als gelungenen Sprung einer Debütantin zum zweiten Film gelobt hatte, zog sich im Verlauf der staatlichen Zulassungsprozedur von dieser Arbeit zurück. Einladungen der Regisseurin mit dem Film nach Wien, London oder anderswo lehnte die Hauptverwaltung Film mit Begründungen ab wie: Solche schlechten Filme zeigen wir im Ausland nicht. Ohne Scheu allerdings verkaufte man den Film ans Zweite Deutsche Fernsehen der BRD, das ihn 1985 zeigte, wonach, wie häufig in der DDR, sein Ansehen bei Zuschauern und Kritikern stieg.“ (Elke Schieber, Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg, 1994)

am 13.05.2007 um 19.00 Uhr
am 18.05.2007 um 21.00 Uhr

 

 

 

Diktatur und Alltag
Gegenbilder. Filmische Subversion in der DDR 1980 - 1989
DDR 1980 bis 1989, R: diverse, 100’

Dass es in der Spätphase der DDR neben den offiziellen Bilderfabriken von Babelsberg und Adlershof auch eine lebendige filmische Subkultur gegeben hat, ist noch immer weithin unbekannt. Erst nach 1976, nach dem so genannten „Biermann-Schock“, der endlich zu einer Zäsur unter den linken Intellektuellen der DDR geführt hat, konnte es zur Bildung einer authentischen Gegenkultur kommen. Es trat eine völlig neue Künstlergeneration in die Halb- Öffentlichkeit. Man gab sich nicht länger der Illusion hin, von innen heraus die vorgefundene Gesellschaft ändern zu können, quasi auf die Potenzen eines „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ zu setzen. Stattdessen schuf man sich eine eigene Wirklichkeit, produzierte "Gegenbilder". Es waren zunächst Maler, die Ende der 70er Jahre das brachliegende Medium des Super-8-Films für sich entdeckten. Mittels der eigentlich für Urlaubsaufnahmen vorgesehenen sowjetischen „Quarz“-Kamera machten sie sich daran, ihre Ausdrucksskalen zu erweitern. Gezeigt werden Arbeiten u.a. von Cornelia Schleime, Thomas Werner, Claus Löser, Gino Hahnemann und Thomas Frydetzki.

Einführung: Claus Löser

am 18.05.2007 um 19.00 Uhr

 

 

 

Diktatur und Alltag
Hinter den Fenstern
DDR 1982, R: Petra Tschörtner, Beta SP, 43’
Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann?
DDR 1989, R: Helke Misselwitz, 50’

Das Programm zeigt zwei Dokumentarfilme von Frauen, die sich unspektakulär und doch sehr genau Lebensbereichen zuwenden, die vorher nur selten als filmenswert eingestuft worden waren. Zwischen den Arbeiten der beiden einstigen Kommilitoninnen liegen sieben Jahre mit tief greifenden Veränderungen.
Als Petra Tschörtner 1982 ihren Diplomfilm Hinter den Fenstern an der Babelsberger Filmhochschule vorlegt, betritt sie damit noch ungewohntes Terrain. „Ein anonymer Neubaublock offenbart sich als vielgestaltiges Kaleidoskop menschlicher Hoffnungen und Enttäuschungen. Durch die aufgeschlossene Position der Filmemacherin zu ihren Gesprächspartnern ergeben sich immer wieder überraschende Einblicke in das Selbstverständnis durchschnittlicher DDR-Mentalität.“ (DEFA-Dokumentarfilme 1946 – 1992) Die sensible filmische Beobachtung von drei jungen Paaren wurde 1983 in Oberhausen mit einem der Hauptpreise prämiert.
Sieben Jahre später dreht Helke Misselwitz ihre Dokumentation Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann? – das Porträt einer privaten Kohlenhandlung im Prenzlauer Berg. Nach ihrem programmatischen Film Winter adé gilt sie als eine der wichtigsten filmischen Stimmen des sich nunmehr in Auflösung befindlichen Landes. „Ein schönes, manchmal skurriles Dokument über Berliner Arbeiter, ohne Phrasen von Klassenkampf und theoretischem Überbau. Eine filmische Korrektur dessen, was im Allgemeinen für wert befunden wurde, im Porträt gezeigt zu werden.“ (Elke Schieber, Schwarzweiß und Farbe, 1996)

am 19.05.2007 um 19.00 Uhr
am 25.05.2007 um 21.00 Uhr

 

 

 

Diktatur und Alltag
Die Legende von Paul und Paula   
DDR 1973, R: Heiner Carow, D: Angelica Domröse, Winfried Glatzeder, Fred Delmare, Rolf Ludwig, 106'

Wenn es in der DDR jemals so etwas wie einen Kultfilm gegeben hat, dann ganz ohne Zweifel den 1973 von Heiner Carow gedrehten Die Legende von Paul und Paula! Der Film bündelt in sich verschiedene Einflüsse und Augenblicksstimmungen, die sich genau zur rechten Zeit am richtigen Ort entfalteten. Ulrich Plenzdorfs Drehbuch, das die Respektlosigkeit seines begeistert aufgenommenen Stücks Die neuen Leiden des jungen W. aufgriff, der Charme der beiden Hauptdarsteller Angelica Domröse und Winfried Glatzeder, die ungewöhnliche, mit Traumsequenzen durchsetzte Regie Carows, die Musik von Peter Gotthardt und die Bildgestaltung Jürgen Brauers verbanden sich mit den Sehnsüchten der Zuschauer nach einer offeneren, weniger verkrampften gesellschaftlichen Atmosphäre. Auch wenn sich die durch den XIII. Parteitag der SED geweckten Hoffnungen auf Liberalisierung wenig später als Illusion entpuppten, so bleibt doch dieser Film als authentisches Dokument einer letzten innenpolitischen Aufbruchstimmung bestehen. Die Liebesgeschichte um Paul und Paula, die sich trotz aller inneren und äußeren Widerstände zu ihrer Zweisamkeit durchkämpfen, erweist sich bis zum heutigen Tag als erstaunlich nachhaltig.

am 25.05.2007 um 19.00 Uhr
am 26.05.2007 um 21.00 Uhr

 

 

 

Diktatur und Alltag
Mädchen in Wittstock
DDR 1974, R: Volker Koepp, 20'
Wieder in Wittstock
DDR 1976, R: Volker Koepp, 22'
Wittstock III
DDR 1978, R: Volker Koepp, 32'

Neben dem von Winfried und Barbara Junge abgefilmten Golzow im Oderbruch und dem Städtchen Zehdenick im jetzigen Landkreis Oberhavel gehört Wittstock in der Priegnitz, ebenfalls nördlich von Berlin, zu den am meisten von der DEFA dokumentierten Orten Ostdeutschlands. 1974 begann Volker Koepp mit seiner Langzeitbeobachtung in der Kleinstadt, die heute vor allem durch das gleichnamige Autobahndreieck auf der Strecke nach Hamburg und Rostock bekannt ist. 1968 wurde hier das VEB Obertrikotagenwerk „Ernst Lück“ gegründet, von dessen 2600 Mitarbeitern mehr als 80 Prozent weiblich waren. Folgerichtig heißt die erste Folge von Koepps Zyklus dann auch Mädchen in Wittstock. Sie zeigt frisch im Werk eingestellte Arbeiterinnen, die sich gerade erst mit ihrer Umgebung und untereinander vertraut machen. In den nächsten zwei Kapiteln kristallisieren sich einige Frauen aus der Belegschaft heraus, die von den Filmemachern intensiver mit der Kamera begleitet werden. Als Ergebnis der Studie steht ein großartiges, sich über 25 Jahre und sieben Filme erstreckendes ethnologisches Dokument, das von individuellen Schicksalen ebenso spricht wie es von übergreifenden sozialen und wirtschaftlichen Verwerfungen Aufschluss gibt.

am 26.05.2007 um 19.00 Uhr
am 27.05.2007 um 21.00 Uhr

 

 

 

Diktatur und Alltag
Denk bloß nicht, ich heule
DDR 1965 / 1990, R: Frank Vogel, D: Peter Reusse, Anne-Kathrein Kretzschmar, Helga Göring, Jutta Hoffmann, 91'

Ein weiterer, 1965 vom „Kahlschlag“ erfasster Verbotsfilm der DEFA, der erst 1990 seine Uraufführung erlebte. Frank Vogels auch visuell überaus aufregend gestalteter Film (Kamera: Günter Ost) führt in die Erlebniswelt eines Oberschülers im geschichtsträchtigen Weimar. Peter (Peter Reusse) wird nach dem Tod seines Vaters wegen Aufmüpfigkeit von der Schule geworfen. Obwohl er sich später darum bemüht, das Abitur nachzuholen, bleiben für ihn die Tore der sozialistischen Bildungspolitik verschlossen. Angesichts der massiven Vorurteile machen sich in ihm Hilflosigkeit, Resignation und schließlich Zorn breit. „Ein formal außergewöhnlich dichter, hervorragend gespielter Film, der ebenso kritisch wie ambitioniert zur Diskussion über die Bedeutung des Einzelnen in der sozialistischen Gesellschaft herausfordert.“ (film-dienst) Ganz anders sahen dies die Funktionäre auf dem 11. Plenum des ZK der SED: „Da ist zum Beispiel der Film Denk bloss nicht, ich heule. Wir Genossen im Sekretariat des Zentralrats haben uns diesen Film angesehen. Es ist ein Film gegen uns, gegen unsere Partei, gegen unsere Republik und gegen unsere Jugend.“ (Horst Schumann, Erster Sekretär des Zentralrats der FDJ 1965)

am 27.05.2007 um 19.00 Uhr
am 30.05.2007 um 20.00 Uhr

 

 

 

 

 
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