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German Historical Museum
 
  Zeughauskino

 

Kino im Zeughaus | Programm | Programmarchiv

 

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  KASSANDRA

 

KASSANDRA

Am 19. November eröffnet das Deutsche Historische Museum unter dem Titel KASSANDRA. VISIONEN DES UNHEILS 1914 – 1945 eine Ausstellung, die sich mit der Rolle des Künstlers für die Kunst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, vor allem für die Kunst zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg auseinandersetzt. Phänomene des Visionären und des Mahnenden werden dabei im Mittelpunkt stehen. Das Zeughauskino begleitet diese Ausstellung mit einer Filmreihe zum Kino der Weimarer Republik. Deutungen dieser Epoche als einer symptomatischen, die gesellschaftlichen Ängste und Wünsche artikulierenden Filmkunst prägen die Filmgeschichtsschreibung zum Kino der Weimarer Republik bis heute. Die Filmreihe KASSANDRA lädt dazu ein, diese Zuschreibungen zu hinterfragen und zu überprüfen. Dabei werden mit Sicherheit nicht nur die Kassandrarufe deutscher Filmklassiker zu vernehmen sein, sondern auch ein Nachbeben unfassbarer Erfahrungen aus der Zeit des Ersten Weltkriegs. Im Rahmen der Filmreihe zeigt das Zeughauskino zahlreiche deutsche Stummfilme in restaurierter oder rekonstruierter Fassung, natürlich mit musikalischer Begleitung.

 

KASSANDRA
Nosferatu. Eine Symphonie des Grauens
D 1921, R: Friedrich Wilhelm Murnau, K: Fritz Arno Wagner, D: Max Schreck, Gustav von Wangenheim, Greta Schröder, Alexander Granach, 93’ restaurierte Fassung

Eine ebenso schöne wie unheimliche Reise ins Unbewusste, in das Reich der verdrängten Ängste und Wünsche. Der junge Hutter begibt sich ins ferne Transsylvanien, um dem Grafen Orlok ein Haus in seiner Heimatstadt Wisborg zu verkaufen. Dort angekommen, fällt der Blick des Grafen zufällig auf ein Bildnis von Hutters Braut Ellen. In Orlok – dem Vampir Nosferatu – erwacht die Gier nach Ellens Blut, und er eilt nach Wisborg. Wo er auftaucht, sterben die Menschen an der Pest. Diese Dracula-Geschichte inszeniert der geniale Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau als Gegensatz von Tag und Nacht, Licht und Schatten, von bürgerlicher Verklemmtheit und sexueller Unersättlichkeit. Am Ende hat Nosferatu seinen Schatten auf das Leben des Bürgers geworfen, sein Blut getrunken und Tod und Schrecken gebracht. Zwar stirbt der Vampir, doch wahre Erleichterung stellt sich nicht ein, denn aus dem Weiß des Lichts und dem Schwarz des Schattens ist ein großes Grau geworden. Zum Vorschein kommen das verbreitete Gefühl der Machtlosigkeit und ein dumpfer Fatalismus: Die Vision der Pest erinnert an die Grippeepidemie im Windschatten des Weltkrieges, die Millionen Menschenleben forderte. Zudem nähert sich die Gefahr im Film aus dem Osten: unsichtbar und umwälzend – wie das Schreckgespenst des Bolschewismus. Die Erfahrung des massenhaften Sterbens und die existenzielle Furcht vor einer schrecklichen Zukunft verbirgt Nosferatu zwar hinter einer historischen Erzählung, spürbar sind sie dennoch.

Klavierbegleitung: Günter A. Buchwald
Einführungsvortrag am 21.11.: Philipp Stiasny
am 21.11.2009 um 19.00 Uhr
am 22.11.2009 um 21.00 Uhr

 

 

KASSANDRA
Giftgas
D 1929, R: Michail Dubson, Sergej Eisenstein, D: Hans Stüwe, Lissi Arna, Alfred Abel, Fritz Kortner, ca. 83’ tschechische ZT (deutsch eingesprochen)

Der Kampf gegen den Gaskrieg der Zukunft steht in den 20er Jahren im Mittelpunkt der Anti-Kriegs-Bewegung. Als 1928 acht Menschen beim Unfall in einem illegalen Giftgasdepot in Hamburg umkommen und hunderte verletzt werden, gelangt das Thema Gaskrieg auch in den Blick der Öffentlichkeit. Peter Martin Lampel schreibt danach das aufsehenerregende Theaterstück Giftgas über Berlin, das auch die Grundlage des Films Giftgas bildet: Ein junger idealistischer Chemiker entdeckt eine Verbindung, die für die Herstellung eines wirksamen Düngemittels genauso wie für tödliches Giftgas verwendet werden kann. Gegen seinen Willen setzt die Leitung der chemischen Fabrik die Produktion von Giftgas durch und steigert so den Wert ihrer Aktien. Wenig später ereignet sich eine Katastrophe, die alles menschliche Leben auslöscht. In der Schlussvision, an deren Inszenierung Sergej Eisenstein mitwirkt, erheben sich die Toten des Ersten Weltkriegs und prangern den Einsatz von Giftgas an. Viele Kritiker bemängeln aber, dass diese starken Bilder in eine klischeehafte Geschichte eingebettet sind und melodramatische und gesellschaftliche Konflikte verquickt werden. Der Film, der von der pazifistischen Deutschen Liga für Menschenrechte gefördert wird, nötigt aber selbst seinen Gegnern Respekt ab: „Genau wie das bei den Russenfilmen der Fall ist, kann man auch hier die künstlerische Note keinesfalls leugnen. Die Darstellung muß, vom Gesichtspunkt der Tendenz betrachtet, als geradezu glänzend bezeichnet werden.“ (Fritz Olimsky, Berliner Börsen-Zeitung, 14.11.1929)

Klavierbegleitung: Günter A. Buchwald
am 21.11.2009 um 21.00 Uhr

 

 

KASSANDRA
Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt?
D 1932, R: Slatan Dudow, B: Bertolt Brecht, Ernst Ottwalt, M: Hanns Eisler, D: Hertha Thiele, Ernst Busch, Martha Wolter, 80’

Ein Arbeitsloser nimmt sich das Leben, eine zahlungsunfähige Familie muss ihre Wohnung räumen und in eine Zeltstadt ziehen, Kleinbürger ertränken ihren Kummer im Alkohol, junge Arbeiter organisieren ein sozialistisches Sportfest und erleben die stärkende Kraft der Solidarität. Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt? entsteht auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise im Kollektiv junger kommunistischer Künstler, unter ihnen Bertolt Brecht und Hanns Eisler. Sie mischen Spiel- und Dokumentarfilm, Alltagsbericht und Agitprop, Satire und revolutionäres Pathos. Zu sehen ist eine zerrissene Arbeiterklasse, deren ältere, mutlose Hälfte sich im Elend einrichtet, während die andere Hälfte, die sozialistische Jugend, sich parteipolitisch organisiert, Geist und Körper stählt und den Kampf für eine gerechtere Welt aufnimmt. Dem Film sind seine schwierigen Entstehungsbedingungen, der Mangel an Geld und Erfahrung und die dauernden Streitigkeiten mit der Zensurbehörde anzumerken. Auch ähnelt er zum Schluss einem Werbefilm für die Arbeitersportvereine, wobei sich die Aufmärsche der kommunistischen Jugend nicht sonderlich von denen der Nationalsozialisten unterscheiden. Was dennoch begeistert, sind der künstlerische Elan, das Verlangen nach einer radikal neuen Ästhetik und der unbedingte Wille, Filme politisch zu machen.

am 23.11.2009 um 21.00 Uhr
am 25.11.2009 um 20.00 Uhr

 

 

KASSANDRA
Das Testament des Dr. Mabuse
D 1933, R: Fritz Lang, B: Thea von Harbou, D: Rudolf Klein-Rogge, Oscar Beregi, Sr., Gustav Diessl, Otto Wernicke, Wera Liessem, ca. 118’

Eine Großstadt befindet sich im Würgegriff einer geheimen Verbrecherorganisation, die ausgeklügelte Einbrüche und Überfälle begeht, skrupellos mordet und Abweichler liquidiert. Licht ins Dunkel bringt erst die Spurensuche in einem Sanatorium, wo der legendäre Psychiater und Superverbrecher Dr. Mabuse als Patient einsitzt. Unheilbar wahnsinnig, geht von ihm noch eine böse Macht aus. Zehn Jahre nachdem Fritz Lang mit Dr. Mabuse, der Spieler (1922) ein düsteres Porträt der Nachkriegsjahre geschaffen hat, wendet er sich erneut dem Mabuse-Stoff zu und aktualisiert ihn mit den Möglichkeiten des Tonfilms für eine Gegenwart, die unter politischen Kämpfen und einem Bürgerkriegsphantasma leidet. Wieder stiftet Mabuse Chaos und sabotiert die staatliche Autorität. Er gleicht einem Terroristen, dessen Taten nur dem Zweck dienen, Angst und Schrecken zu säen. Die Mittel der Verführung, Telepathie und gewaltsame Drohung hat er auf geradezu technische Weise perfektioniert. Das Testament des Dr. Mabuse sollte kurz nach der nationalsozialistischen Machtergreifung in die Kinos kommen, doch die Zensurbehörde verbot den Film, weil die Darstellung schwerster Verbrechen die öffentliche Ordnung zu gefährden drohte. Einen Dämon wie Mabuse, dessen Geschichte untrennbar mit der soeben zerstörten Republik verknüpft war, auf der Leinwand zu sehen: Das war offenbar den neuen Machthabern selbst unheimlich.

am 28.11.2009 um 18.30 Uhr

 

 

KASSANDRA
Am Rande der Welt
D 1927, R: Karl Grune, K: Fritz Arno Wagner, D: Brigitte Helm, Wilhelm Dieterle, Jean Bradin, Albert Steinrück, ca. 84’  OF

Schon bevor Am Rande der Welt 1927 in die Kinos kommt, heißt es, dies sei der erste antimilitaristische, radikal-pazifistische Film aus Deutschland. Im Gewand eines Gleichnisses schildert er den Einbruch des Krieges in das friedliche Familienleben eines Müllers. Die Feinde besetzen die Mühle, der Sohn des Hauses übt heimlich Widerstand und wird verraten, ein Offizier der feindlichen Truppen und die Müllertochter verlieben sich ineinander. Am Ende brennt die Mühle ab, doch es keimt die Hoffnung, dass einmal wieder Friede werde.
Der Regisseur Karl Grune verzichtet ganz bewusst auf einen oberflächlichen Realismus und stilisiert Krieg, Hass und Zerstörungswut stattdessen als zeit- und ortloses Unglück. Die Soldaten tragen Fantasieuniformen und Gasmasken, allegorische Bilder und christliche Symbole prägen die Inszenierung. Nicht die kühle Erforschung von Kriegsursachen war hier Grunes Anliegen, sondern emotionale Ansprache und humanistischer Protest. Die Kritiker hatten dafür nichts übrig und verrissen Am Rande der Welt. Grune selbst distanzierte sich öffentlich von seinem Film, weil ihn die Produktionsfirma Ufa ohne seine Zustimmung in einer geänderten Version herausbrachte. So scheiterte dieser Versuch, im Spielfilm für pazifistische Ideen zu werben. Zu würdigen ist Am Rande der Welt gleichwohl als eine wichtige, künstlerisch bemerkenswerte Stellungnahme zu einem umstrittenen Thema und als ein Zeugnis vergangener Zukunftsängste und Hoffnungen.

Klavierbegleitung: Peter Gotthardt
am 29.11.2009 um 19.00 Uhr

 

 

KASSANDRA
Das Cabinet des Dr. Caligari
D 1920, R: Robert Wiene, Ausstattung: Walter Reimann, Walter Röhrig, Hermann Warm, D: Werner Krauß, Conrad Veidt, Lil Dagover, Friedrich Feher, Hans Heinrich von Twardowski, ca. 73’  restaurierte Fassung

Ein Psychothriller, der vom Chaos der Wahrnehmung und von seelischer Pein erzählt und die Grenze zwischen gesundem Verstand und wahnhafter Idee verschwimmen lässt. Auf einem Jahrmarkt präsentiert ein Schausteller namens Caligari dem Publikum den Somnambulen Cesare, der die Zukunft voraussagt. Nachts erwacht Cesare und begeht in Caligaris Auftrag furchtbare Morde. Die Spuren der Verbrechen führen in eine Irrenanstalt. Als Das Cabinet des Dr. Caligari 1920 in die Kinos kam, erwarb sich der Film schnell den Ruf des Revolutionären, weil die unheimlichen Vorgänge dem Zuschauer aus der Sicht eines Psychopathen erzählt werden. Die gemalten Kulissen im Stil des Expressionismus, in denen die Figuren wie Gefangene wirken, zeigen schräge Perspektiven, stürzende Linien, sich verengende Räume. Klaustrophobische Eindrücke drängen sich auf. Das künstlerische Experiment wurde ein beispielloser Erfolg: Das Cabinet des Dr. Caligari galt bald international als Aushängeschild einer neuen expressionistischen Filmkunst und drückte dem Horrorgenre seinen Stempel auf. Das verdankte er auch den kongenial agierenden Schauspielern Werner Krauß und Conrad Veidt. Die von ihnen so beunruhigend gestaltete Beziehung zwischen Arzt und Patient spiegelte dabei auch reale Ängste vor der Macht von Hypnose und Suggestion und erinnerte auf versteckte Weise an die Misshandlung nervenkranker Soldaten durch die Militärpsychiatrie im gerade beendeten Weltkrieg. „Das Kabinet des Dr. Caligari (...) stellt zum ersten Male die bildende Kunst ebenbürtig neben die darstellende und schweißt Bild und Bewegung zu einer Wirkungsharmonie zusammen. (...) Die Welt des Wahns nicht durch flackernde, huschende Visionen, sondern durch die ruhige, aber verzerrte Einstellung eines seelischen Blickes zu geben – das ist in Bildern von seltener körperlicher Geschlossenheit und Stimmungsschwere geglückt.“ (Wilhelm Meyer, Vossische Zeitung, 29.2.1920)

Klavierbegleitung: Peter Gotthardt
am 29.11.2009 um 21.00 Uhr

 

 

KASSANDRA
Nerven
D 1919, R: Robert Reinert, K: Helmar Lerski, D: Eduard von Winterstein, Lya Borré, Paul Bender, Erna Morena, 110’ engl. und dt. ZT, Beta SP

Nerven ist der wohl ungewöhnlichste und verwirrendste Film der unmittelbaren Nachkriegszeit und zudem das vergessene Gegenstück zu Das Cabinet des Dr. Caligari. Mit hohen künstlerischen Ambitionen, inhaltlich und formal eklektizistisch, wagt sich Nerven an eine breit angelegte Deutung der Gegenwartsprobleme, diagnostiziert eine kranke Gesellschaft, reflektiert das Eintreten für revolutionäre Ideale, die Rückbesinnung auf archaische Lebensformen und die Erlösung im christlichen Bekenntnis. Im Zentrum stehen ein erzkonservativer Fabrikbesitzer, seine linksradikale Schwester und ein Lehrer, der zur Einigung aufruft. Sie alle geraten im Verlauf des Films psychisch und moralisch an Grenzen, sie zerbrechen an eigenen Ansprüchen, verfallen dem Wahnsinn und leben voller Zweifel. Dabei bestimmen Träume und Ahnungen den Film genauso wie das aufwendig inszenierte Spektakel aufgebrachter Massen und entrückte Diskurse über Euthanasie, Vererbungslehre und Freikörperkultur. „Es handelt sich hier ebenso sehr um metaphysische Ideen, um philosophische Gedanken, wie um sozialpolitische Fragen, um ethische Grundprobleme und wirtschaftliche Auseinandersetzungen. Alles Menschliche wird in uns aufgewühlt, und in bildhafter, greifbar-plastischer Deutlichkeit zeigt uns Reinert all das Krankhafte und Verzerrte, das wir als Erbe des Krieges mit uns herumtragen.“ (Der Kinematograph, 31.12.1919)

Klavierbegleitung: Peter Gotthardt
Einführung: Philipp Stiasny
am 2.12.2009 um 20.00 Uhr

 

 

KASSANDRA
Metropolis
D 1926, R: Fritz Lang, B: Thea von Harbou, K: Karl Freund, Günther Rittau, Eugen Schüfftan, D: Brigitte Helm, Gustav Fröhlich, Alfred Abel, Rudolf Klein-Rogge, Heinrich George, 134’restaurierte Fassung

Futuristische Ikone, konservative Fiktion, technoide Gegenwelt: In Metropolis schuften die Arbeitermassen tief unter der Erde, um die Maschinen in Gang zu halten, während die Schönen und Reichen in den lichten Höhen der Oberstadt ein müßiges Leben, umgeben von modernster Technik, führen. Als sich der Sohn des Herrschers von Metropolis in Maria (Brigitte Helm), die Trösterin der unterdrückten Arbeiter, verliebt, lässt sein Vater vom Erfinder Rotwang einen weiblichen Roboter mit dem Aussehen Marias erschaffen. Dieser künstliche Doppelgänger wiegelt die Unzufriedenen auf und löst eine Orgie der Zerstörung und Gewalt aus. Sie endet erst, als sich die Vertreter der Unter- und der Oberstadt aussöhnen. Metropolis überzeugt zwar nicht als Abhandlung über die soziale Frage, als Alptraum dagegen sehr. Unbestreitbar ist seine epochale Bedeutung als Labor einer neuartigen Filmsprache und technischer Innovationen, als Meilenstein des Science Fiction und der Architektur- und Designgeschichte. „Technische und politische Revolution, Geschlechter- und Klassenkampf, das Joch der Eschatologie und der Terror instrumenteller Vernunft, Individuum und Masse, Mythos und Prognose, Enthusiasmus und Regression – all das eint Metropolis zu einem Pandämonium des zwanzigsten Jahrhunderts.“ (Dieter Bartetzko, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.1.2002)

Klavierbegleitung: Stephan von Bothmer
am 3.12.2009 um 20.00 Uhr
am 6.12.2009 um 18.30 Uhr

 

 

KASSANDRA
Alraune
D 1930, R: Richard Oswald, K: Günther Krampf, D: Brigitte Helm, Albert Bassermann, Harald Paulsen, Agnes Straub, 103’

Das Mädchen Alraune ist das Geschöpf eines gewissenlosen Forschers, entstanden durch die künstliche Befruchtung einer Prostituierten mit dem Samen eines gehenkten Mörders. Alraune entwickelt sich zu einem Vamp und treibt die Männer reihenweise in den Ruin, darunter auch den Forscher. Als sie sich in dessen Neffen verliebt, eskaliert der Konflikt. Die Geschichte von Hanns Heinz Ewers, die zu den Klassikern der fantastischen Literatur zählt, wurde schon im Stummfilm mehrfach bearbeitet. Richard Oswalds früher Tonfilm bringt dagegen eine wesentliche Neuerung und inszeniert den unheimlichen Stoff als eine Mischung aus Krimi und Melodram: Alraune, gespielt vom Ufa-Star Brigitte Helm, erscheint nicht länger als ein Dämon und als moralisch verwerfliche Figur. Vielmehr ist sie selbst ein Opfer: Sie gehört zugleich dem Mythos an und ist das Produkt einer modernen Wissenschaft, die aus zynischem Rationalismus und Ehrgeiz Leben und Zerstörung schafft. „Dem großen Brigitten-Kreis legt sich der Star in allen schimmernden Posen der Verführung vor die Kamera, mit Unschuldsmienen der Siebenzehnjährigen dazwischen, zeigt Fleischeslust, soweit das Gesetz es gestattet, macht die größten Undinenaugen, die heute die Leinwand beleben, tanzt und singt, daß nicht nur ihrem Onkel gruselgraust.“ (Ernst Jäger, Film-Kurier, 3.12.1930)

am 7.12.2009 um 21.00 Uhr

 

 

KASSANDRA
Dr. Mabuse, der Spieler
D 1922, R: Fritz Lang, K: Carl Hoffmann, D: Rudolf Klein-Rogge, Bernhard Goetzke, Aud Egede Nissen, Gertrude Welcker, Paul Richter, Alfred Abel; Teil 1: Der große Spieler – Ein Bild der Zeit, 155’; Teil 2: Inferno, ein Spiel von Menschen unserer Zeit, 115’   restaurierte Fassung

Das grelle Porträt einer Gesellschaft am Abgrund: Dr. Mabuse ist der böse Übermensch, ein Verkleidungskünstler und Verführer, ein Psychiater, Finanzjongleur und Räuberhauptmann. Um die Weltherrschaft zu erringen, stürzt Mabuse die Welt zuerst ins Chaos, untergräbt Wirtschaft, Politik und Geistesleben. Seine Mittel sind Entführung, Mord und Hypnose, er schickt Menschen in den Wahnsinn und macht sie zu willenlosen Werkzeugen. Nichts hält ihn auf, bis seine Leidenschaft für eine Frau entbrennt. Der Zweiteiler Dr. Mabuse, der Spieler ist ein Sensationsfilm wie kein anderer: Er modernisiert die Geschichten der Superverbrecher des frühen Kinos und prägt das Genre des Thrillers und des Gangsterfilms. Fritz Lang schafft mit Mabuse einen Mythos, der eine überzeitliche Dimension besitzt, aber auch die präzise Analyse einer ganz spezifischen geistigen Verfassung enthält. Gebündelt findet sich hier die Erfahrung von Weltkrieg, Revolution und Inflationszeit, von Machtlosigkeit und Verschwörungsangst. Die Kritiker waren sich einig: Dr. Mabuse, der Spieler war ein „Dokument unserer Zeit“, ein „Zeitarchiv“. „Zusammenballung von Tanz und Verbrechen, von Spielwut und Kokainseuche, von Jazz-Band und Razzia. Kein wesentliches Symptom der Nachkriegsjahre fehlt. Börsenmanöver, okkultistischer Schwindel, Straßenhandel und Prasserei, Schmuggel, Hypnose und Falschmünzerei, Expressionismus und Mord und Totschlag.“ (Eugen Tannenbaum, B.Z. am Mittag, 28.4.1922)

Klavierbegleitung: Stephan von Bothmer
am 9.12.2009 um 20.00 Uhr (Teil 1)
am 10.12.2009 um 20.00 Uhr (Teil 2)

 

 

KASSANDRA
Sodom und Gomorrha
A 1922, R: Mihaly Kertész (Michael Curtiz), Bauten: Julius von Borsody, K: Gustav Ucicky, D: Georg Reimers, Walter Slezak, Lucy Doraine, ca. 110’  restaurierte Fassung

Sodom und Gomorrha kontrastiert das Leben einer selbstvergessenen, morallosen und vollkommen materialistischen Generation in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg mit Beispielen aus biblischer Zeit. Im Mittelpunkt der Rahmenhandlung steht eine junge Frau, die zugunsten der Ehe mit einem Börsenkönig ihren Geliebten verlässt, ihn so in den Selbstmord treibt und sich danach im Milieu des Geldadels zu einem unersättlichen Vamp entwickelt. Mihaly Kertész, der sich in Hollywood später Michael Curtiz nannte und als Regisseur von Casablanca unsterblich wurde, schuf Sodom und Gomorrha im Stil eines amerikanischen Monumentalfilms: ein modernes Märchen von ungeheueren Ausmaßen, das teuerste Werk der österreichischen Filmgeschichte. Neben recht freizügigen Bildern von Laster und Unzucht stechen aufwendige Bauten und Massenszenen mit tausenden Komparsen hervor. Diese Massen des empörten Volkes erscheinen mal verführbar, mal bedrohlich, wenn sie etwa die Paläste der Fabrikherren stürmen wollen. In Deutschland ordnete die Zensurbehörde 1923 starke Kürzungen an, weil die Häufung von Revolutionären und Sowjetsoldaten, prunksüchtigen Kapitalisten und nach Rache dürstenden Arbeitern die öffentliche Ordnung zu gefährden drohte. Verboten wurde auch der Prolog: „Die Erde ist verwüstet, in Granattrichtern liegen zu hunderten die unbeerdigten Gefallenen; die Menschen sind verroht, das Morden geht weiter, obwohl der Krieg zu Ende ist.“

Klavierbegleitung: Peter Gotthardt
am 12.12.2009 um 19.00 Uhr

 

 

KASSANDRA
Mädchen in Uniform
D 1931, R: Leontine Sagan, Oberleitung: Carl Froelich, D: Dorothea Wieck, Hertha Thiele, Ellen Schwannecke, Emilia Unda, 89’

Der Zusammenprall zweier gegensätzlicher Erziehungsmodelle: In einem Internat für adlige Mädchen setzt die Oberin auf militärische Disziplin und preußische Zucht, um Soldatenkinder zu zukünftigen Soldatenmüttern zu formen. Nur eine junge Lehrerin zeigt Mitgefühl für die Sorgen der Schülerinnen, widerspricht der sadistischen Oberin und wird dafür umschwärmt. Als ihr ein Mädchen eine leidenschaftliche Liebeserklärung macht, kommt es zum Eklat. Mädchen in Uniform ist ein herausragender Film nicht allein wegen der deutlichen Kritik am Militarismus und dem Eintreten für eine humanistische Pädagogik. Auch als sensible Auseinandersetzung mit den Problemen von Jugendlichen, als Film mit ausschließlich weiblichen Schauspielern und als einzige Filmregie von Leontine Sagan nimmt er eine Sonderstellung ein. Neben dem Skandalthema der lesbischen Liebe trug zum populären Erfolg von Mädchen in Uniform bei, dass der Film unabhängig im Kollektiv produziert wurde. „Diese Arbeitsmethode hat sich schon beim ersten Mal außerordentlich bewährt. Einer der besten, saubersten, klarsten Filme des Jahres ist entstanden. (...) Manchmal, besonders in den Großaufnahmen, ist die Gefahr der sentimentalen Überbetonung nahe. Sonst aber ist alles schlagend, knapp, leicht, lebendig. Ein Film ohne einen einzigen männlichen Darsteller.“ (Herbert Ihering, Berliner Börsen-Courier, 28.11.1931)

am 12.12.2009 um 21.00 Uhr
am 19.12.2009 um 19.00 Uhr

 

 

KASSANDRA
Opium
D 1918, R: Robert Reinert, K: Helmar Lerski, D: Eduard von Winterstein, Hanna Ralph, Werner Krauß, Conrad Veidt, ca. 80’

Ein verstörendes Abenteuer in fernen Ländern, eine Begegnung mit Träumen, Ängsten und Visionen: In China erforscht ein englischer Professor die Auswirkungen des Opiumrausches und rettet eine junge Frau aus den Fängen eines Mannes, der ihm dafür ewige Rache schwört. Der Professor nimmt die Chinesin mit nach Europa, doch der Geist des Mannes verfolgt ihn und treibt ihn in den Wahnsinn. Der Wissenschaftler entgleitet dem geordneten Leben, wird in eine Heilanstalt eingeliefert und sucht nun selbst im Drogenrausch die Erfüllung von Lust und Begehren. Dem Europa der Wissenschaftler, Mediziner und der Ratio – eingefroren im Bild des Sanatoriums – stehen in Opium exotische Schauplätze im fernen Osten und freizügig inszenierte Drogenfantasien gegenüber: Ein ganzer Kontinent neuer Wahrnehmungen, fremd, geheimnisvoll und undurchdringbar, lockend, süß und gefährlich. Der große Bildschöpfer Robert Reinert mag damit gängige Moralvorstellungen bedient haben. In Opium zeigt er sich aber vor allem fasziniert von den Ausdrucksmöglichkeiten der Filmkunst, von fein komponierten Interieurs, verwegenen Mehrfachbelichtungen und dem Zauber des Exotischen. „Das Unwirkliche, Bodenlos-Phantastische kommt zu voller Entfaltung. (...) Und somit sehe ich in diesem Film (...) ein Werk, das eine Tat für die Entwicklung der Kinematographie genannt werden darf und muß.“ (Der Film, 15.2.1919)

Klavierbegleitung: Eunice Martins
am 14.12.2009 um 19.00 Uhr

 

 

KASSANDRA
Die Stadt ohne Juden
A 1924, R: Hans Karl Breslauer, Bauten: Julius von Borsody, D: Johannes Riemann, Karl Thema, Ann Milety, Eugen Neufeld, Hans Moser, ca. 82’  rekonstruierte Fassung

Im fiktiven Staat Utopia herrschen Arbeitslosigkeit, Hunger und Verzweiflung. Auf den Straßen demonstriert das Volk, der Handel leidet unter der Inflation, und in den Gaststätten hetzen Radikale gegen die Regierung. Ein Sündenbock muss her: die Juden. Auf Druck der Massen beschließt daher das Parlament deren Ausweisung. In einem tränenreichen Exodus müssen alle Juden das Land verlassen, Alte und Junge, Orthodoxe und Assimilierte. Familien und Liebespaare werden auseinandergerissen. Doch auch danach geht es mit Utopia weiter bergab. Schließlich soll das Parlament über die Rücknahme der Ausweisung abstimmen. Die Stadt ohne Juden basiert auf Hugo Bettauers gleichnamigem Bestseller von 1922, der im Österreich der Nachkriegsjahre spielt und den um sich greifenden Antisemitismus anprangert. Ganz so direkt geht der Film sein brisantes Thema nicht an. Er gibt sich das Aussehen einer bizarren, traumartigen Fantasie, angetrieben von humanistischen Werten, dabei schwankend zwischen bitterem Ernst und Übertreibung, zwischen realistischer Schilderung und expressionistischer Stilisierung. Mit zweijähriger Verspätung lief Die Stadt ohne Juden 1926 auch in Deutschland, angekündigt als „Das aktuellste Filmwerk der Saison“. Der Autor Hugo Bettauer war zu diesem Zeitpunkt schon tot; ein Hakenkreuzler hatte ihn 1925 ermordet. Die restaurierte Fassung des Filmarchiv Austria überliefert der Nachwelt eine höchst beklemmende Zukunftsvision.

Klavierbegleitung: Eunice Martins
Einführung: Philipp Stiasny
am 14.12.2009 um 21.00 Uhr

 

 

KASSANDRA
Die Rache des Homunculus
D 1916, R: Otto Rippert, B: Robert Reinert, K: Carl Hoffmann, D: Olaf Fønss, Theodor Loos, Friedrich Kühne, ca. 79’

Mitten im Ersten Weltkrieg entsteht in Deutschland der Film Homunculus über einen von Wissenschaftlern geschaffenen künstlichen Menschen, der – weil ihn niemand lieben kann – die Menschheit vernichten will. Im vierten Teil der ursprünglich sechsteiligen Serie hetzt der künstliche Mensch die Vertreter des Kapitals und die Masse der Arbeiter gegeneinander auf, schwingt sich auf zum Diktator und bekämpft seinen Kontrahenten Fredland, der die Entzweiung der Menschen durch Liebe heilen will. Homunculus, den der dänische Star und Frauenliebling Olaf Fønss dandyhaft und mit kühler erotischer Ausstrahlung spielt, ist ein einsam Suchender, der erst durch Enttäuschungen zum maßlosen Zerstörer wird, ein Genie, ein Verführer und Hypnotiseur. In diesem Film kommt alles zusammen: Science Fiction, Abenteuer, Detektivgeschichte und Untergangsvision. Sein Held steht Pate für den Superverbrecher Dr. Mabuse und die monströsen Roboterfrauen und Vamps in Metropolis und Alraune. „Als Bastard zwischen Ratio und Emotion, zwischen Macht und Volk, Sehnsucht und Gewalt, wirkt er wie ein Hamlet: Ein Zerrissener, der Herkunft beraubt, Projektionsfläche für all die anderen. Er ist zuallererst ein Geschöpf des Ersten Weltkriegs, der erstarrten Euphorie, der Zersplitterung, des kalten Grauens der Maschinenschlachten.“ (Hans Schifferle, Süddeutsche Zeitung, 30.3.1995)

Klavierbegleitung: Eunice Martins
am 19.12.2009 um 21.00 Uhr

 

 

KASSANDRA
Schatten
D 1923, R: Artur Robison, K: Fritz Arno Wagner, D: Fritz Kortner, Ruth Weyher, Gustav von Wangenheim, Alexander Granach, 85’

Ein Mann lädt den vermeintlichen Geliebten seiner Frau zusammen mit drei anderen Verehrern in sein Haus ein. Es wird getanzt, und eine Stimmung voller knisternder Erotik entsteht. Eifersüchtig wartet der Gastgeber auf ein Zeichen der Untreue seiner Frau. Da bittet ein Schattenspieler um Einlass. Er darf seine Kunst präsentieren und versetzt die Anwesenden mit seinem delikaten Schattenspiel in einen Trancezustand. In einer schrecklichen Vision führt er ihnen Sexualverbrechen und Mord und damit die eigenen erotischen Leidenschaften und Zerstörungsfantasien vor Augen. Das Schattenspiel bewirkt die Katharsis der Zuschauer. Schatten ist ein filmkünstlerisches Experiment, das ganz ohne Dialog auf rein visuelle Weise das komplizierte Beziehungsgeflecht der Figuren durchleuchtet und deren Unbewusstes sichtbar macht. Angesichts der Popularität der Psychoanalyse in den 20er Jahren kann das Schattenspiel sowohl als erfolgreiche therapeutische Sitzung wie als Satire auf psychoanalytische Gaukeleien begriffen werden. Die sensible Regie wird unterstützt von der expressiven Mimik der großartigen Schauspieler und der wunderbaren Licht- und Schattenmalerei des Kameramanns Fritz Arno Wagner. „In Schatten hat der Film zum ersten Mal auf ernsthafte Weise sein eigenes Wesen ausgedrückt. Was hier der Puppenspieler tut: auf magische Weise die inneren Seelenkräfte seines Publikums hervorlocken und sie ihm anschaulich wirksam in ihrer vollen Konsequenz vor die Augen stellen – das ist letzten Endes auch, worauf der Zauber des Films beruht.“ (Roland Schacht, Die Weltbühne, 23.8.1923)

Klavierbegleitung: Eunice Martins
am 21.12.2009 um 19.00 Uhr

 

 

KASSANDRA
Algol
D 1920, R: Hans Werckmeister, D: Emil Jannings, Ernst Hofmann, Käte Haack, Erna Morena, John Gottowt, ca. 94’ Beta SP

Ein Bewohner des Planeten Algol verrät dem Grubenarbeiter Robert Herne (Emil Jannings) das Geheimnis der Algolwellen, die mit Hilfe einer Maschine eingefangen werden können und eine nie versiegende Energiequelle darstellen. Herne lässt riesige Kraftwerke erbauen und wird zum Herrscher der Welt. Er allein besitzt die Macht über die Stromversorgung. Doch diese Macht zerstört seine Familie, und es entbrennt ein Kampf zwischen ihm und seinem Sohn. Kohlemangel und stark ansteigende Energiepreise sind kurz nach dem Ersten Weltkrieg heiß diskutierte Themen. Algol ist ein Echo dieser gesellschaftlichen Debatten und gehört zu einer ganzen Reihe von Filmen, in denen Wissenschaftler durch Sonnenreflektoren, Atomspaltung und die Bündelung von Blitzen neue Energiequellen erschließen, um die Welt zu retten. Aktualität und Phantastik gehen hier eine seltsame Mischung ein: Die Erfindungen stehen für Hoffnung, Modernität und neue Möglichkeiten, ebenso aber für menschliche Überheblichkeit und Gottesferne, unkontrollierbare Mächte und Zerstörung. Diesen auch metaphysischen Konflikt schildert Algol mit den Mitteln des Sensationsfilms, spannend und monumental, changierend zwischen Realismus und expressionistischer Vision, Faszination und konservativer Technikkritik.

Klavierbegleitung: Eunice Martins
Einführung: Fabian Tietke

am 21.12.2009 um 21.00 Uhr

 

 

 
 
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