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  KUNST DES DOKUMENTS - BERLIN

 

KUNST DES DOKUMENTS - BERLIN

Großstädte im Allgemeinen und Berlin im Besonderen haben Filmschaffende von Beginn an interessiert. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts entstehen Städtebilder und Ansichten Berliner Sehenswürdigkeiten. In den zwanziger Jahren entwickelt sich der Großstadtfilm gar als ein eigenes Genre des nicht-fiktionalen Films, und Walter Ruttmann und seinen Kameramännern gelingt 1927 mit Berlin. Die Sinfonie der Großstadt eine Pionierleistung, die ungezählte Nachahmer in ihren Bann zieht. KUNST DES DOKUMENTS – BERLIN präsentiert Ruttmanns Berlin-Film und zwei Arbeiten, die von Berlin. Die Sinfonie der Großstadt inspiriert sind. Darüber hinaus erzählt die Filmreihe eine Geschichte Berlins in dokumentarischen Laufbildern. Die in unterschiedlichen Jahrzehnten und politischen Systemen entstandenen Filme setzen sich zu einer disparaten (Film-)Geschichte Berlins zusammen.

 

KUNST DES DOKUMENTS - BERLIN
Berlin. Die Sinfonie der Großstadt
D 1927, R: Walter Ruttmann, 64’

„Ich glaube, dass die meisten, die an meinem ‚Berlin-Film’ den Rausch der Bewegungen erleben, nicht wissen, woher dieser Rausch kommt. Und wenn es mir gelungen ist, die Menschen zum Schwingen zu bringen, sie die Stadt Berlin erleben zu lassen, dann habe ich mein Ziel erreicht.“, gab Ruttmann kurz nach der Premiere seines Films in der Zeitschrift Lichtbildbühne zu Protokoll. Und ohne Zweifel bringt 80 Jahre später dieser Film die Menschen immer noch „zum Schwingen“. Die einzigartigen, von Karl Freund fotografierten Bilder verdichten sich in der dynamischen Montage zu einer fast musikalischen Eleganz. Mit Berlin – Die Sinfonie der Großstadt schuf Walter Ruttmann eine Ikone des Metropolenfilms, an der sich bis heute jede Dokumentation über urbane Zustände messen lassen muss. Noch einmal näherte sich der Regisseur mit seinem Berlin-Film einer Utopie des „absoluten Films“, einer Vision, die er Anfang und Mitte der zwanziger Jahre schon mit seinen abstrakten Experimentalfilmen angestrebt hatte. Diese filmische „Sinfonie“ ist zugleich historisches Dokument und innovative Pionierleistung. Ihre Bedeutung kann gar nicht hoch genug eingestuft werden.

Klavierbegleitung: Peter Gotthardt

am 5.6.2008 um 20.00 Uhr

 

 

KUNST DES DOKUMENTS - BERLIN
Berlin. Sinfonie einer Großstadt
D 2002, R: Thomas Schadt, 80'

75 Jahre nach der Veröffentlichung von Ruttmanns legendärem Großstadtfilm unternahm der Dokumentarfilmregisseur Thomas Schadt das Wagnis, ein Remake des Klassikers zu drehen. Er entlehnte nicht nur den Titel und filmte in Schwarzweiß, er fokussierte sogar teilweise die identischen Schauplätze. Vor allem aber bediente er sich des gleichen Grundprinzips: Aus zahllosen Bildsplittern setzte er einen fiktiven Tag der Metropole zusammen und beschrieb die Stadt als lebendigen Organismus. Als Zuschauer erlebt man einen simulierten 24-Stunden-Takt Berlins von Nacht zu Nacht. Zwischen diesen zeitlichen Polen sind zahllose Bewohner oder Gäste dieser Stadt zu sehen, die selbst aber nur Teile eines übergeordneten Mechanismus zu sein scheinen. Individuelle Geschichten werden keine erzählt. Mitunter entstehen kleine narrative Momente, wenn zum Beispiel ein Betrunkener von der Polizei aus einer Parkanlage entfernt wird oder die Kamera durch eine Pankower Suppenküche fährt. Das alte Berlin – so die Idee von Schadts neuem Berlin-Film – gibt es nicht mehr. Der Rhythmus der Stadt hat sich verändert. In den Fabriken arbeiten heute mehr Roboter als Menschen. Das Labyrinthische und Euphorische sind einer gewissen Aufgeräumtheit gewichen. Schadt lässt deshalb die Bilder länger stehen als seinerzeit Ruttmann. Er nimmt sich mehr Zeit, schafft eher Stimmungen, als dass es ihm um die Beschwörung eines babylonischen Rausches geht.

In Anwesenheit von Thomas Schadt

am 6.6.2008 um 21.00 Uhr

 

 

KUNST DES DOKUMENTS - BERLIN
Berlin unterm Hakenkreuz
BRD 1987, R: Irmgard von zur Mühlen, 90'

Die Nationalsozialisten hatten zur „Reichshauptstadt“ stets ein gespaltenes Verhältnis: Zu chaotisch war ihnen das Stadtbild Berlins, zu autonom seine Bewohner. Hitler schickte mit Joseph Goebbels bereits 1926 seinen treuesten Gefolgsmann an die Spree, um sich das Feld bereiten zu lassen. Kaum an die Macht gekommen, planten die Nazis, die ungeliebte Metropole zur „Welthauptstadt Germania“ umzubauen und damit in eine ihnen gemäße Kulisse zu verwandeln. 1945 schließlich ließen sie eine Trümmerwüste zurück. Der Kompilationsfilm Berlin unterm Hakenkreuz rekonstruiert diese widersprüchliche Geschichte Berlins zwischen 1933 und 1945 ausschließlich mittels Archivmaterial. Neben den einschneidenden historischen Ereignissen – vom Reichstagsbrand über die Olympiade bis zur Zerstörung und Kapitulation – widmet sich der Film auch den alltäglichen Lebensbedingungen der Bevölkerung. Damit steht die Dokumentation ganz in der Tradition der Filmemacher Irmgard und Bengt von zur Mühlen mit ihrer Produktionsfirma „Chronos-Film“. Seit 1961 widmen sie sich der filmischen Spurensicherung. Viele hundert Stunden Originalmaterial wurden seither gesammelt und bewahrt: Material, aus dem immer wieder Dokumentationen zur Zeitgeschichte montiert worden sind.

am 12.6.2008 um 20.00 Uhr

 

 

KUNST DES DOKUMENTS - BERLIN
Berlin Babylon
D 2001, R: Hubertus Siegert, 88'

Filmisches Essay, das die baulichen Veränderungen Berlins zwischen 1995 und 2000 protokolliert und Architekten, Städteplaner sowie Lokalpolitiker bei ihrer Arbeit beobachtet. Im Mittelpunkt stehen die Großprojekte am Potsdamer Platz, deren Entstehung eindrucksvoll nachgezeichnet wird. Es vermittelt sich eine Ahnung, welch logistische Leistung hinter den Arbeiten steht und welche Verantwortung auf allen Beteiligten lastet. Allerdings geht es dem Film weder um konventionelle Interviewsituationen noch um Journalismus im Reportagenstil. Wichtiger als der konkrete Tatbestand ist dem Regisseur der selbstdarstellerische Gestus der privat, wirtschaftlich und politisch weit verzweigten Branche. „Künftige Generationen werden verblüfft sein, mit welcher Dreistigkeit mittelmäßige Geister dieser Stadt ihre Siegel aufdrücken konnten. Deshalb wird Berlin Babylon an Bedeutung noch gewinnen. Einen doppelbödigen, zusätzlichen Kommentar erhält der Film durch die eigens komponierte Musik der Band Einstürzende Neubauten. Wenn das selbstgefällige Geplapper der Entscheidungsträger ausgeblendet und stattdessen Bargelds Musik und Texte über die Bilder gelegt werden, dann gewinnt die gebeutelte Stadt sogar eine gewisse Erhabenheit zurück.“ (Claus Löser, TIP 20/2001)

am 19.6.2008 um 20.00 Uhr

 

 

KUNST DES DOKUMENTS - BERLIN
Berlin
UdSSR 1945 , R: Juli Raisman, 65'      OmU

Bereits am 19. Juli 1945 fand im zerstörten und von der Roten Armee besetzten Berlin die erste öffentliche Filmpremiere statt. Gezeigt wurde der sowjetische Dokumentarfilm Berlin, der gleichzeitig der letzte unter Kriegsbedingungen entstandene, russische Film war. Von Juli Raisman sowie zahlreichen anonymen Front-Kameramännern gedreht, zeigt der Film den Vorstoß der sowjetischen Armeen über die Oder, die Einkesselung der „Reichshauptstadt“, schließlich deren Eroberung und die Kapitulation der deutschen Wehrmachtseinheiten. Raisman und seinem Team standen 30.000 Meter sowjetisches Filmmaterial und noch einmal 20.000 Meter aus dem Bestand der nationalsozialistischen Wochenschauen zur Verfügung. In nur sechzehn Tagen wurden Teile dieser Quellen montiert. Basierend auf den einmaligen Archivaufnahmen, zieht der Film seine Kraft vor allem aus seiner zeitlichen Nähe zum dokumentierten Geschehen. Er fällt weit weniger propagandistisch aus als der 1950 auf Stalins Geheiß in Auftrag gegebene Monumentalfilm Der Fall von Berlin (R: Michail Tschiaureli). Berlin gewann auf den zweiten Filmfestspielen von Cannes 1946 den Preis als bester Dokumentarfilm. 1967 wurde eine gekürzte Neufassung des Films unter dem Titel Die Befreiung Berlins hergestellt, die 1968 auch auf den ostdeutschen Leinwänden zu sehen war.

am 26.6.2008 um 20.00 Uhr

 

 

KUNST DES DOKUMENTS - BERLIN
Berlin - Prenzlauer Berg. Begegnungen zwischen dem 1. Mai und dem 1. Juli 1990
D 1991, R: Petra Tschörtner, 78'

Abschied vom Prenzlauer Berg, so wie er als Mythos der DDR-Lebenskunst und Alternativkultur bekannt war – ein wichtiges Dokument aus jener merkwürdig luftleeren und doch an Ereignissen überreichen Zeit zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung. Die Regisseurin Petra Tschörtner und ihr Kameramann Michael Lösche beobachten die Alltagssituationen der Bewohner, ihre Konfrontation mit kaum merklichen oder einschneidenden Veränderungen während der letzten zwei Monate bis zur Einführung der „Westmark“ als gesamtdeutsche Währung. Porträtiert werden dabei Hausbesetzer ebenso wie Stammgäste einer Eckkneipe oder die Betreiber der berühmten Würstchenbude „Konnopke’s Imbiss“ an der Schönhauser Allee. Mit von der Partie sind auch das Faktotum Kurt Mühle, der Fotograf Harald Hauswald sowie die Musiker Aljoscha Rompe von Feeling B und Rex Joswig und seine Band Herbst in Peking, deren Musik den Soundtrack der Dokumentation liefert. Der Grundton des Films pendelt zwischen Melancholie über das Verschwinden der gewohnten Wirklichkeit und Erleichterung ob der neuen Freiheiten. „Ein Lied von der Heimat, ein sentimentaler Abgesang, der alle Klischees bedient und so gnadenlos DDR-deutsch ist, dass es einem die Tränen in die Augen treibt.“ (André Meier, taz, 14.12.1990)

am 3.7.2008 um 20.00 Uhr

 

 

KUNST DES DOKUMENTS - BERLIN
Kurzfilme aus und über West-Berlin

Couleur du temps: Berlin août 1945  
F 1988, R: Jean Rouch, 11'      OF, deutsch eingesprochen

Tuwat - Ein Film aus Berlin
BRD 1981, R: Tuwat Wochenschau Filmkollektiv, 12'

Berlin / Alamo           
BRD 1979, R: Knut Hoffmeister, 9'

Berlin: Tourist Journal        
USA 1988, R: Ken Kobland, 19' Digi Beta

Infrastruktur Berlin West 
BRD/F 1987, R: Hartmut Bitomsky, 10'

Die Stadt     
BRD 1985, R: Heiner Mühlenbrock, 50'

Das Kurzfilmprogramm entwirft ganz unterschiedliche Perspektiven auf das eingemauerte West-Berlin im letzten Jahrzehnt vor dem Mauerfall, auf die aufgeheizte Atmosphäre der Stadt zwischen Subventionskultur und Frontstadtstatus. Eigen ist allen Filmen eine gewisse Untersicht: der nicht-offizielle Blick auf das Leben und seine Randbereiche. Im Zentrum des Programms steht Heiner Mühlenbrocks fast einstündiges urbanes Porträt Die Stadt, in dem diverse Charaktere durch die Musik von Nick Cave gebündelt werden, der selbst auch im Film zu sehen ist. Berlin - Alamo von Knut Hoffmeister und Tuwat - Ein Film aus Berlin sind spannende Dokumente der einst umtriebigen Super-8-Szene West-Berlins. Zwei Filme entwerfen Perspektiven von Außenstehenden. Der während eines DAAD-Stipendiums vom Experimentalfilmer Ken Kobland gedrehte Film Berlin: Tourist Journal maßt sich nicht an, wirklich zu verstehen, was in dieser Stadt vor sich geht; er montiert wahrgenommene Phänomene, wertet nicht. Couleur du temps: Berlin août 1945 – ein Film des französischen Ethnologiefilm-Pioniers Jean Rouch – verknüpft historische Aufnahmen mit einem von Hanns Zischler gesprochenen, zeitgenössischen Text. Hartmut Bitomsky schließlich zeigt in Infrastruktur Berlin auf lakonische Weise jene logistischen Knotenpunkte, von denen aus einst die Großstadt Berlin versorgt worden war – zum Zeitpunkt der Dreharbeiten häuft sich dort Müll.

Einführung: Florian Wüst

am 17.7.2008 um 20.00 Uhr

 

 

KUNST DES DOKUMENTS - BERLIN
Selbstdarstellungen in Kurzfilmen aus Ost-Berlin

Berlin im Aufbau
Deutschland (Ost) 1946, R: Kurt Maetzig, 23'

Berlin - Hauptstadt der DDR 1975  
DDR 1975, R: Rolf Schnabel, 35'

Die junge, alte Stadt Berlin
DDR 1986, 31'      Digi Beta

Guten Tag Berlin 1990
DDR 1990, R: Rolf Schnabel, 25'

Im Gegensatz zum Programm mit Kurzfilmen aus West-Berlin versammeln die Beiträge des ostdeutschen Filmblocks durchweg offizielle Verlautbarungen, filmische Selbstdarstellungen, die vor allem Optimismus vermitteln sollten. Für kritische Anmerkungen oder gar Darstellungen von Randbereichen der Gesellschaft war hier selbstverständlich kein Platz. Kurt Maetzigs Berlin im Aufbau gehört zu den allerersten Produktionen der DEFA überhaupt und fällt im Vergleich zu den anderen Filmen noch am differenziertesten aus. Berlin im Aufbau verbindet Ausschnitte aus Folgen der Wochenschau Der Augenzeuge und neu gedrehte Szenen zu einem Kaleidoskop des Wiederaufbaus in sämtlichen Bereichen. Maetzigs Film beschönigt die notwendigen Anstrengungen keineswegs. In den anderen Filmen überwiegen hingegen Wunschbilder statt Abbilder. Regisseur Rolf Schnabel (1925 – 1999) hat während seiner Laufbahn kanonisierte Blickweisen auf die DDR-Realität entworfen, Filmtitel wie Freundschaft – Kampfgemeinschaft – Solidarität (1970), Fidel Castro in der DDR (1972) oder Volksrepublik Bulgarien – Deutsche Demokratische Republik – im festen Bruderbund (1974) sprechen dabei für sich. Seine Berlin-Filme sind stadtgeschichtlich jedoch interessant. Besonders kurios dabei: Guten Tag Berlin 1990 – der Versuch, auch nach dem Fall der Mauer an der Kontinuität seiner in der DDR „bewährten“ Filmästhetik festzuhalten.

am 24.7.2008 um 20.00 Uhr

 

 

KUNST DES DOKUMENTS - BERLIN
Symphonie einer Weltstadt
D 1991, R: Petra Tschörtner, 78'

Ein weiterer Film, dessen Titel bewusst auf Walter Ruttmanns Meisterwerk von 1927 verweist. Auch er erreichte nicht die Qualität des Vorläufers, aber er wurde durch seine Werkgeschichte zu einem wichtigen filmhistorischen Fallbeispiel. Leo de Laforgues Symphonie einer Weltstadt sollte das groß angelegte Porträt einer Metropole werden, die den Vergleich mit Rom, Paris oder Madrid nicht zu scheuen braucht. Nach der Fertigstellung 1943 fielen jedoch bereits die ersten alliierten Bomben auf Berlin, so dass es den Funktionären im Propagandaministerium unpassend erschien, Bilder einer Stadt zu zeigen, deren einstiger Glanz gerade in Flammen aufging. Durch die Kriegswirren geriet der Film in Vergessenheit, er galt als verschollen. Erst 1950 erfolgte seine zum stadtpolitischen Großereignis avancierte Uraufführung im Marmorhaus auf dem Kurfürstendamm. Mit seinen Beschwörungen der im Krieg versunkenen Schönheit Berlins wirkte Symphonie einer Weltstadt als willkommenes optimistisches Signal nach der eben überstandenen Blockade. Bürgermeister Ernst Reuter übernahm die Schirmherrschaft. Die nun auf die Leinwand gebrachte Fassung (teilweise auch aufgeführt unter dem Titel Berlin, wie es war) war nicht identisch mit jener aus den 1940-er Jahren. De Laforgue hatte einige neue Szenen hinzugefügt und alte umgestellt, und er hatte vor allem den Ton einer vollständigen Aktualisierung unterzogen. Als Autor und Sprecher des Kommentartextes konnte kein Geringerer als Friedrich Luft, die „Stimme der Kritik“, gewonnen werden. Seine charakteristische Wortwahl und Aussprache prägen den Charakter dieses neuen / alten Films wesentlich.

am 31.7.2008 um 20.00 Uhr

 

 

 
 
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