Kino im Zeughaus

 

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SHOA IM WIDERSTREIT


 

SHOA IM WIDERSTREIT

Über sechzig Jahre sind seit der Öffnung der Lagertore und der Befreiung beschämend weniger Überlebender vergangen, doch das Ringen um eine wahre Form der Erinnerung ist nach wie vor voll Mühe und Intensität. Wöchentlich erscheinen neue Biografien, Bildbände, Spiel- und Dokumentarfilme. Sie dürfen jeweils für sich in Anspruch nehmen, dem Vergessen der Shoah entgegenzuwirken. Untereinander, als Chor der Erinnerungsversuche gleichen sie einem vielstimmigen Widerstreit: einer Kontroverse um die angemessene Form des Gedenkens.
Wie lässt sich das Unfassbare, die Vernichtung der europäischen Juden, darstellen? Welche Formen des Erzählens sind legitim, welche Bilder befördern ein Erinnern? Claude Lanzmann spricht von einem „Flammenkreis“, der um die Vernichtung gezogen sei, und stellt ins Zentrum seiner Filme den Zeugen und seine Erinnerungen. Doch mit dem Fortschreiten der Zeit verschwinden die Augen- und Zeitzeugen und mit ihnen eine besonders lebendige Form der Erinnerung. Wie lässt sich also die Shoah erinnern, wenn der Kreis der Überlebenden immer kleiner wird? Wie lässt sich die Geschichte vermitteln, nachdem die letzten Überlebenden gestorben sind? Die Reihe SHOAH IM WIDERSTREIT blickt zurück auf den historischen Wandel, den die Kontroversen um eine angemessene Form der Erinnerung im Kino durchlaufen haben. Im zeitgenössischen Widerstreit sind sie wichtige Orientierungspunkte.

 

SHOA IM WIDERSTREIT
Aus einem deutschen Leben
BRD 1977, R/B: Theodor Kotulla, D: Götz George, Elisabeth Schwarz, Hans Korte, 145’

Rudolf Höß, der Kommandant des Vernichtungslagers Auschwitz, diente Theodor Kotulla als Vorlage für seinen Film Aus einem deutschen Leben. Der Film erzählt in fünfzehn Kapiteln das Leben von Franz Lang in den Jahren zwischen 1916 und 1947 und entwirft so ein Panorama vom Ersten Weltkrieg über den Aufstieg der nationalsozialistischen Bewegung bis zur Planung und Durchführung der Vernichtung der europäischen Juden im Konzentrationslager Auschwitz. Wie das historische Vorbild Höß wird Lang, nachdem er bereits das KZ in Dachau aufgebaut hatte, 1940 von Himmler persönlich zum Lagerkommandanten von Auschwitz ernannt. Der Name Franz Lang geht auf einen Decknamen zurück, den Höß verwendet hatte, als er nach dem Zweiten Weltkrieg versuchte unterzutauchen. Nachdem Höß von den Engländern gefasst und nach Polen ausgeliefert worden war, wurde ihm dort der Prozess gemacht, in dem er – wie auch als Zeuge im ersten Nürnberger Kriegsverbrecherprozess – bereitwillig von seiner „Tätigkeit“ in Auschwitz berichtete. Höß wurde am 16. April 1947 in Auschwitz gehängt.
Der Filmkritiker Theodor Kotulla entwickelte 1957 auf der Basis von Robert Merles Höß-Biographie Der Tod ist mein Beruf und von Höß’ Tagebuch, das dieser während seiner Haft verfasst hatte, die Idee zu seinem Film, der jedoch erst 1977 in die Kinos kam. Aus einem deutschen Leben verzichtet auf die bekannten historischen Archivaufnahmen aus den befreiten Konzentrationslagern. Er versucht auch nicht den Lageralltag in Auschwitz zu rekonstruieren, obwohl Kotulla als erster deutscher Spielfilmregisseur am Originalschauplatz drehen durfte. Statt einer historischen Rekonstruktion des Lagers interessierte Kotulla viel mehr das sozio-psychologische Filmporträt eines Nazi-Täters.

am 01.06.2007 um 21.00 Uhr
am 03.06.2007 um 18.30 Uhr

 

 

 

SHOA IM WIDERSTREIT
Pasażerka
Die Passagierin

PL 1961/63, R: Andrzej Munk, Wietold Lesiewicz, D: Aleksandra Slaska, Anna Ciepielewska            OmeU, 62’

Als der polnische Regisseur Andrzej Munk am 20. September 1961 bei einem Autounfall tödlich verunglückte, hatte er gerade das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau verlassen, wo er Pasażerka drehte. Erst zwei Jahre nach seinem Tod wurde der Film von seinen Mitarbeitern aus Filmstills und bereits montierten Szenen zusammengestellt. Da Pasażerka dabei als ein Fragment erhalten geblieben ist, zählt er sicher zu einer besonders interessanten Form der Auseinandersetzungen mit der Shoah.
Im Mittelpunkt des Films steht eine Täterin, die KZ-Aufseherin Lisa. In zwei Rückblenden erzählt der Film ihre Erinnerung, einmal die „offizielle“, das andere Mal die Version, die sie sich selbst erzählt. Die Rahmenhandlung ist vollständig in unbewegten Bildern gehalten. Die Gegenwart erscheint so weit weniger real als das erinnerte Geschehen im Frauenlager Auschwitz-Birkenau. "Die Passagierin trägt die Züge des Rationalisten und Aufklärers Munk. Er misstraute stets festgelegten Urteilen, starren Meinungen, das Denken in feststehenden Kategorien und Schablonen war ihm von Übel. Er misstraute jedoch gleichfalls der angeblichen Gewalt der Instinkte und Triebe, den scheinbar unkontrollierten Emotionen. Gegenseitige Kontrolle und wechselseitige Revision der objektiven und subjektiven Betrachtungsweise werden so zum Credo seiner Filme", schreibt Fred Gehler 1964 über Pasażerka (Film 64, AG Filmclub der DDR).

am 02.06.2007 um 19.00 Uhr
am 03.06.2007 um 21.00 Uhr

 

 

 

SHOA IM WIDERSTREIT
The Pianist
Der Pianist

F/D/GB/PL 2002, R: Roman Polanski, D: Adrien Brody, Emilia Fox, Thomas Kretschmann         OmU, 150’

Unmittelbar nach der Befreiung Warschaus schrieb der polnisch-jüdische Pianist und Komponist Władysław Szpilman seine Erinnerungen an die deutsche Besatzung, an das Elend im Warschauer Ghetto und die Geschichte seines Überlebens auf. Eine erste Ausgabe erschien bereits 1946, wurde jedoch durch Eingriffe der Zensur verunstaltet. Ende der neunziger Jahre entdeckte Roman Polanski das Buch und sah darin den geeigneten Stoff, um endlich einen lang gehegten Wunsch zu realisieren. Bereits seit Jahren verfolgte Polanski nämlich die Idee, einen Film über die polnischen Juden während des Zweiten Weltkriegs zu drehen. Polanski selbst hatte die deutsche Okkupation und die Verfolgung der Juden in Polen als Jude er- und überlebt und einen Teil seiner Familie in den Vernichtungslagern verloren.
Die Unmittelbarkeit der Erinnerungen Szpilmans versucht Polanski durch einen dokumentarischen Inszenierungsstil zu übersetzen. Der Film wurde zwar in Farbe gedreht, allerdings achtete Polanski darauf, dass matte Braun- und Gelbtöne die Farbgebung bestimmten. Auf Grüntöne und helle Farben wurde dabei verzichtet.
Mit der goldenen Palme in Cannes und mehreren Oscars ausgezeichnet, ist Der Pianist ein internationaler Erfolg geworden. Marcel Reich-Ranicki, der selbst das Ghetto in Warschau überlebte, schrieb über Polanskis Film: „Was ich nie zu hoffen wagte, das ist Roman Polanski hier gelungen - Sein Film Der Pianist ist eine fast unfassbar authentische Wiedergabe unseres Alltags im Warschauer Ghetto“ (Der Spiegel, 22.10.2002).

am 02.06.2007 um 21.00 Uhr
am 30.06.2007 um 21.00 Uhr

 

 

 

SHOA IM WIDERSTREIT
Guernica
F/I 1950, R: Alain Resnais, Robert Hessens                   OF, 13’

Les statues meurent aussi
Auch Statuen sterben

F 1953, R: Alain Resnais, Chris Marker            OF, 30’

Nuit et Brouillard
Nacht und Nebel

F 1955, R: Alain Resnais                    westdeutsche Fassung, 32’

Alain Resnais gilt als ein Vertreter der filmischen Moderne, der die fragmentarischen Formen von Erinnerung, die Verkantungen und Schichtungen von Zeit radikal in die Erzählweise des Films übersetzt hat. Bereits in seinen frühen Arbeiten standen die Fragen nach dem Verhältnis von Film, Kunst, Sprache, Geschichte und Gesellschaft im Vordergrund. Zusammen mit Chris Marker realisierte Resnais 1951 den Dokumentarfilm Les statues meurent aussi. Der Film thematisiert die ethnographisch-museale Darstellung afrikanischer Skulpturen als essayistische Meditation über kulturelle Zeugnisse, Kunst und Geschichte. „Wenn Menschen sterben, gehen sie in die Geschichte ein. Wenn Statuen sterben, werden sie Kunst. Diese Botanik des Todes nennen wir Kultur“, erklärt der Kommentar. Der Film wurde als kritischer Beitrag zum französischen Kolonialismus wahrgenommen und daraufhin verboten, geschnitten und gekürzt. Er konnte erst Ende der fünfziger Jahre öffentlich gezeigt werden.
Auch Nuit et Brouillard stieß 1955 auf teilweise beträchtlichen Widerstand. So setzte sich zum Beispiel die bundesdeutsche Regierung dafür ein, dass der Film nicht im Wettbewerb der Filmfestspiele in Cannes zum Einsatz kommt. Heftige Proteste sorgten schließlich dafür, dass Nuit et Brouillard zumindest im Rahmen einer Sonderveranstaltung der Filmfestspiele am Journée Nationale des Déportés gezeigt werden konnte. Die westdeutsche Synchronfassung, für die Paul Celan den Originalkommentar des Shoah-Überlebenden Jean Cayrol übersetzt hatte, erfuhr ab Ende der 1950er Jahre einen massiven Einsatz im Rahmen geschichtsdidaktischer Veranstaltungen. Wenn auch zunächst in einer rein schwarzweißen Fassung, die sich vom Original deutlich unterscheidet. Denn Resnais montiert in Farbe gedrehte Gegenwartsaufnahmen des verlassenen Konzentrationslagers Auschwitz mit schwarzweißen, überwiegend dokumentarischen Archivaufnahmen der Deportation und Vernichtung.

am 06.06.2007 um 20.00 Uhr mit Einführung
am 08.06.2007 um 21.00 Uhr

 

 

 

SHOA IM WIDERSTREIT
Les camps de la mort
F 1945            OF, 19’

Die Todesmühlen
D 1945, R: Hanus Burger, 24’

Todeslager Sachsenhausen
D 1946, R: Richard Brandt, 36’

Nach dem Sieg der Alliierten über Nazi-Deutschland diente der Film als Mittel, die mit Erstaunen und Entsetzen aufgenommenen Verbrechen in den nun befreiten Konzentrationslagern zu dokumentieren. Alliierte Kameraleute drehten in den Lagern und beglaubigten offiziell dieses Material, damit es als Beweis in den Prozessen gegen ehemalige Nazitäter eingesetzt werden konnte. Daneben bemühten sich die Alliierten in ihren Besatzungszonen Filmberichte zusammenzustellen, die der deutschen Bevölkerung zur Aufklärung und zur Konfrontation mit den unter ihren Augen begangenen Verbrechen dienen sollten.
In der US-amerikanischen Besatzungszone entstand Todesmühlen von Hanus Burger, Leutnant beim Psychologischen Warfare Department. Zunächst als Langfilm mit einer von ehemaligen Häftlingen gedrehten Rahmenhandlung geplant, wurde der Film dann auf Geheiß Billy Wilders, zu dieser Zeit ebenfalls beim Psychologischen Warfare Department, zusammengeschnitten.
In Todeslager Sachsenhausen, 1946 von der DEFA realisiert, verwendete Richard Brandt Auszüge aus Nazi-Propagandafilmen, eigens inszenierte Szenen, Archivbilder und Material, das auf dem Gelände des Konzentrationslagers Sachsenhausen neu gedreht wurde. Im Zentrum stehen dabei die Tatortbesichtigungen durch eine Untersuchungskommission der Roten Armee. Als ein Augenzeuge fungiert Paul Sakowski, selbst an den Verbrechen in Sachsenhausen beteiligt, der der Kommission und den Filmzuschauern die Tötungsanlagen des Lagers erklärt.

Einführung: Jeanpaul Goergen

am 08.06.2007 um 19.00 Uhr

 

 

 

SHOA IM WIDERSTREIT
Shoah
F 1985, R: Claude Lanzmann            OmU, Teil 1: 274’, Teil 2: 292’

Claude Lanzmanns 1985 uraufgeführter Dokumentarfilm Shoah gehört zu den wichtigsten filmischen Reflexionen über die Judenvernichtung. Die Vorbereitungen für das Projekt nahmen dreieinhalb Jahre in Anspruch und erstreckten sich über vierzehn verschiedene Länder. Insgesamt wurden 350 Stunden Filmmaterial belichtet. Die Arbeit am Schneidetisch dauerte vier Jahre.
Shoah unterscheidet sich von anderen Dokumentarfilmen über die Judenvernichtung während des „Dritten Reichs“ unter anderem dadurch, dass kein historisches Filmmaterial verwendet wird. Bereits früh entschied sich Lanzmann für diese Vorgehensweise. Längst seien die historischen Bilder durch ihren inflationären Gebrauch etwa in Schulbüchern und Illustrierten vom historischen Geschehen losgelöst. Im Zentrum von Shoah steht daher auch nicht die Rekonstruktion des Vergangenen, sondern die Spur der Verbrechen in der Gegenwart. Lanzmann bringt die Zeugen der Verbrechen in einen räumlichen Bezug zu ihren Erfahrungen. Er rekonstruiert die Vergangenheit in der Gegenwart, indem er beispielsweise mit Überlebenden an die historischen Orte zurückkehrt, die Situation ihrer Pein nachstellt oder eine künstliche Umgebung in ihrer gegenwärtigen Lebenssituation schafft.

Teil 1 am 09.06.2007 um 18.00 Uhr
Teil 2 am 10.06.2007 um 18.00 Uhr

 

 

 

SHOA IM WIDERSTREIT
The Diary of Anne Frank
Das Tagebuch der Anne Frank

USA 1959, R: George Stevens, D: Millie Perkins, Joseph Schildkraut              DF, 172’

Das Tagebuch von Anne Frank wurde zu einem der populärsten Symbole der Shoah. Die Geschichte des jüdischen Mädchens, das zusammen mit seiner Familie in einem Amsterdamer Versteck lebte, bis die Deutschen sie verhafteten und deportierten, stand für viele stellvertretend für das Leiden der Juden Europas während der nationalsozialistischen Besatzung. Ihre Tagebucheinträge ermöglichten es großen Teilen der Bevölkerung in vielen Ländern der Welt, sich mit ihrem Schicksal zu identifizieren. Bereits 1947 erschien das Tagebuch, herausgegeben von Annes Vater Otto Frank, dem einzigen Überlebenden der Familie. Es wurde zunächst für das Theater und dann für den Film adaptiert. Seitdem existieren zahlreiche Verfilmungen des Stoffes, doch George Stevens Version von 1959 gilt nach wie vor als die populärste Adaption.
Das Tagebuch der Anne Frank, das abgesehen von einer Rahmenhandlung als Kammerspiel ausschließlich die Enge des Verstecks inszeniert, gilt heute als frühestes Beispiel der „Amerikanisierung des Holocaust“. In der Adaption des Stoffes wurde der spezifisch jüdische Hintergrund der Protagonisten weitgehend ausgeblendet, um eine höhere Identifikation des Publikums zu erreichen. Dieses Ziel verfolgt auch das relativ optimistische Ende. Trotz der Verhaftung Anne Franks steht am Ende des Films nämlich ihr berühmter Ausspruch über den Glauben an das Gute im Menschen, der zu einem Symbol für Toleranz und Versöhnung wurde.

am 13.06.2007 um 20.00 Uhr mit Einführung

 

 

 

SHOA IM WIDERSTREIT
Nackt unter Wölfen
DDR 1963, R: Frank Beyer, D: Erwin Geschonneck, Armin Mueller-Stahl, 123’

Der 1958 in der DDR erschienene Roman Nackt unter Wölfen, ein Bestseller über die Geschichte des Konzentrationslagers Buchenwald und fester Bestandteil des Deutschunterrichts in der DDR, war zunächst keinesfalls ein Prestigeprojekt. Der Autor Bruno Apitz verfolgte die Idee, einen Roman über die Lagerrealität und vor allem über eine wahre Geschichte aus Buchenwald zu erzählen, bereits während seiner Internierung im Konzentrationslager von 1937 bis 1945. Ausgangspunkt war die Rettung eines polnisch-jüdischen Kindes durch die Mitgefangenen. Nach der Befreiung arbeitete Apitz von 1952 bis 1955 als Dramaturg bei der DEFA. Hier entstanden die ersten Ideen zu Nackt unter Wölfen als Filmstoff. Stärker als in der Endfassung stand die Rettung des Kindes durch die Häftlinge im Mittelpunkt, um menschliches Handeln in einer unmenschlichen Zeit zu zeigen. Dieser Drehbuchentwurf war der DEFA jedoch zu sperrig und widersprach dem vorherrschenden Bild des heroischen Antifaschismus. Daraufhin bettete Apitz die Rettung des Kindes in die Aktivitäten des internationalen Lagerkomitees und löste so den erwarteten Aspekt des Klassenkampfes ein. Nachdem der Roman in einer Zeitungsserie in der Berliner Zeitung veröffentlicht wurde, entstand daraus zunächst ein Fernsehspiel zum 15. Jahrestag der Befreiung des KZ Buchenwald. 1963 erfolgte auf ausdrücklichen Wunsch der DDR-Führung die erneute Verfilmung für die DEFA.

am 16.06.2007 um 21.00 Uhr
am 24.06.2007 um 21.00 Uhr

 

 

 

SHOA IM WIDERSTREIT
Ein Tag. Bericht aus einem deutschen Konzentrationslager 1939
BRD 1965, R: Egon Monk, D: Achim Dünnwald, Harald Eggers, Eberhard Fechner, 90’

Egon Monks Fernsehspiel Ein Tag inszeniert in dokumentarischem Stil einen Tag in einem fiktiven Konzentrationslager. Zusammen mit dem Drehbuchautor Gunther R. Lys, der selbst im KZ Sachsenhausen inhaftiert gewesen war und dessen eigene Erfahrungen einige im Film geschilderten Ereignissen zugrunde liegen, realisierte Monk diesen in den sechziger Jahren noch weitgehend verdrängten Stoff für das Fernsehen. Das Lager erscheint als ein teilweise absurdes Ordnungssystem. Einzelne Häftlingsgruppen und Tätertypen werden ebenso gezeigt, wie die penible Ordnung und der Terror des Lageralltags. Mit Hilfe der Montage wird der zeithistorische Kontext deutlich. Zum Lageralltag werden Dokumentaraufnahmen von einem Neujahrsempfang in der Reichskanzlei geschnitten. Am Ende hören wir die Schreie aus dem Lager und sehen die Bewohner des benachbarten Dorfes in einer Kneipe.
In seiner Rede zur Verleihung des DAG Fernsehpreises im April 1966 erklärte Monk: „Das Grauen war nicht unfassbar, sondern im furchtbarsten Sinne des Wortes gegenständlich, fassbar und fühlbar. Das Leid war nicht namenlos, es hatte Millionen Namen. Nichts entzog sich der Vorstellungskraft der Zeitgenossen, noch entzieht es sich unserer Vorstellungskraft. Nur was sich Menschen vorstellen können, ereignet sich“ (Augen-Blick 21).

am 20.06.2007 um 20.00 Uhr mit Einführung
am 23.06.2007 um 19.00 Uhr

 

 

 

SHOA IM WIDERSTREIT
Jakob der Lügner
DDR 1974, R: Frank Beyer, B: Jurek Becker, Frank Beyer, D: Vlastimil Brodsky, Erwin Geschonneck, Henry Hübchen, 104’

1968 war in der DDR Jurek Beckers Roman Jakob der Lügner erschienen. Becker, der selber Ghetto und Konzentrationslager überlebt hatte, erzählt in einer Verschmelzung von Erinnertem, Erdachtem und Überliefertem die Geschichte von Jakob, einem Pufferbäcker im Ghetto, der zufällig bei der Gestapo Nachrichten über den Frontverlauf hört. Um einen Freund zu retten, erfindet er die Geschichte von einem versteckten Radio und seiner hoffnungsfrohen Meldung. Die Nachricht spricht sich herum, und Jakob muss weiter lügen.
Jurek Becker und Frank Beyer entwickelten bereits 1965 eine erste Fassung des Drehbuchs. Doch einen Tag, nachdem sie das Buch fertig gestellt hatten, verbot das 11. Plenum der Kulturabteilung des ZK fast eine gesamte Jahresproduktion der DEFA. Auch Beyers Spur der Steine wurde wenige Tage nach der Premiere wieder abgesetzt. Beyer wurde von der DEFA entlassen und begann, für das DDR-Fernsehen zu arbeiten. So wurde Jakob der Lügner 1974 doch noch realisiert. 1977 wurde er als erster und einziger DEFA-Film für einen Oscar nominiert.

am 22.06.2007 um 19.00 Uhr
am 23.06.2007 um 21.00 Uhr

 

 

 

SHOA IM WIDERSTREIT
Train de Vie
Zug des Lebens

F/BE/ISR/RO/NL 1998, R: Radu Mihaileanu, D: Lionel Abelanski, Clément Harari                        Omu, 103’

Ein Jahr nach dem Erfolg von Roberto Benignis La vita è bella gelangte mit Train de Vie ein weiterer Film in die Kinos, der sich mit den Mitteln der Komödie der Geschichte der Shoah nähert. Anders aber als Benigni, dessen Film sich in Ästhetik und Komposition auf vorherige Filme über dieses Thema bezieht, verhandelt Train de Vie viel stärker die Macht von Satire und Komik im Angesicht des Grauens. Dabei bezieht sich der Film nicht nur indirekt auf die Tradition des jüdischen Witzes als Waffe gegen Antisemitismus und Verfolgung. Der jüdische Humor sei, so der nach Frankreich emigrierte rumänische Jude Mihaileanu, ein Schutzschild gegen den Wahnsinn: „Er ist unsere einzige Waffe gegen das Leiden. Wenn wir lachen, hassen wir nicht“ (Der Tagesspiegel, 22.3.2000). 1941 organisieren die Bewohner eines jüdischen Schtetls angesichts der drohenden Verschleppung durch die Deutschen ihre eigene Deportation mit einem Zug. Sie verkleiden sich als Nazis und jüdische Deportierte und versuchen, über Russland nach Palästina zu fliehen.

am 27.06.2007 um 20.00 Uhr mit Einführung
am 29.06.2007 um 19.00 Uhr

 

 

 

SHOA IM WIDERSTREIT
Un spécialiste
Ein Spezialist

ISR/D/F/BE/AT 1999, R: Eyal Sivan            OmeU, 128’

Un spécialiste montiert Originalmaterial aus dem Eichmann-Prozess, das vom US-amerikanischen Regisseur Leo Hurwitz aufgezeichnet und bisher nur in Auszügen veröffentlicht wurde, zu einem Gerichtsdrama, das sich, anknüpfend an Hannah Arends berühmtem Bericht Eichmann in Jerusalem, vor allem an der Person Eichmanns orientiert. Dabei kommen auch Bildbearbeitungen, Tongestaltungen und musikalische Formen zum Einsatz, die die Chronologie des Gerichtsprozesses auflösen und das Material im Sinne eines Gerichtsfilms neu ordnen.
Der Prozess gegen Eichmann begann am 11. April 1961 vor einer Sonderkammer des Jerusalemer Bezirksgerichts, nachdem der ehemalige SS-Obersturmführer von israelischen Geheimdienstmitarbeitern aus seinem Fluchtort in Argentinien nach Haifa gebracht worden war. Am 11. Dezember 1961 endete das Gerichtsverfahren mit der Verurteilung Eichmanns zum Tode. Weltweit lösten die Berichte über die deutschen Verbrechen eine neue, teilweise erstmalige Beschäftigung mit der Shoah aus. Eyal Sivan reduziert die Berichte der Zeugen zu einer komprimierten Montagesequenz und bettet diese in seine Dramatisierung der Filmdokumente ein. Diese Reduktion und teilweise verfälschende Bearbeitung des Materials brachte dem Regisseur aber auch Kritik ein.

am 29.06.2007 um 21.00 Uhr

 

 

 

SHOA IM WIDERSTREIT
Ostatni Etap
Die letzte Etappe

PL 1948, R: Wanda Jakubowska, D: Tatjana Gorecka, Antonia Gorecka, Barbara Drapinska      OmU, 112’

Bereits 1948 realisierte die polnische Regisseurin Wanda Jakubowska einen der ersten Filme über die Shoah, Ostatni etap, den die jüdische Emigrantenzeitung Aufbau als „ein Hohelied auf den Mut und das Duldnertum der Insassen von Auschwitz“ bezeichnete (Aufbau, 25.3.1949). Wanda Jakubowska war vor dem Krieg Mitglied der Vereinigung „Start“, der auch Stanislaw Wohl und Jerzy Toeplitz angehörten und die sich bemühte, eine ebenso künstlerisch wertvolle wie politische Filmkultur in Polen zu etablieren. Nach dem deutschen Überfall auf Polen arbeitete Wanda Jakubowska illegal als Mitglied der polnischen Arbeiterpartei in Warschau. Im Oktober 1942 wurde sie verhaftet, inhaftiert und im April 1943 ins Frauenlager Auschwitz-Birkenau gebracht.
Den Entschluss, einen Film über Auschwitz zu drehen, fasste Wanda Jakubowska früh. „Dem Wunsch, einen Film über das Lager in Auschwitz zu machen, verdanke ich höchstwahrscheinlich, dass ich überhaupt noch lebe. Er behütete mich davor, Auschwitz nur subjektiv zu erleben, und erlaubte mir später, alles, was mich damals umgab, als eine besondere Art von Dokumentation zu behandeln“ (Danuta Karcz: Wanda Jakubowska, 1967). Sie beobachtete den Lageralltag, notierte sich Ereignisse und formte den dramaturgischen Umriss. Später wurde der Film am Originalschauplatz in Birkenau mit zahlreichen ehemaligen Häftlingen, die sich selbst, aber auch ihre deutschen Peiniger spielen, realisiert.

am 30.06.2007 um 18.30 Uhr

 

 

 

SHOA IM WIDERSTREIT
Schindler’s List
Schindlers Liste

USA 1993, R: Steven Spielberg, D: Liam Neeson, Ben Kingsley, Ralph Fiennes            OF, 195’

Von einem „Flammenkreis“, der die Shoah umgebe, sprach Claude Lanzmann in seiner scharfen Kritik an Steven Spielbergs Schindler’s List. Kaum ein Film über die Judenvernichtung hat eine vergleichbar starke Debatte über Darstellungsformen der Shoah hervorgerufen wie Spielbergs Film über den deutschen Industriellen Oskar Schindler, der sich vom Spieler und Profiteur zum Retter „seiner“ jüdischen Arbeiter wandelt. Und kaum ein anderer Film hatte einen vergleichbar großen Erfolg. Schindler’s List ist dabei zum Prototypen eines neuen Genres, des „Holocaust-Films“, geworden.
In Deutschland wurde immer wieder auf die Figur Schindlers Bezug genommen. Als Retter und Sinnbild des „guten Deutschen“ diente die deutsche Auseinandersetzung mit der Hauptfigur des Films einerseits Strategien der Entlastung. Andererseits erinnerte sie aber auch daran, dass im Nationalsozialismus Widerstand durchaus möglich gewesen war. Weltweit markiert der Kinostart von Schindler’s List darüber hinaus den Beginn einer neuen Auseinandersetzung mit den Erfahrungsberichten der Überlebenden.

am 01.07.2007 um 19.00 Uhr
am 04.07.2007 um 19.00 Uhr mit Einführung

 

 

 

SHOA IM WIDERSTREIT
The Maelstrom: A Family Portrait
USA 1997, R: Péter Forgács            OF, 60’      Beta SP

Anfang der achtziger Jahre beginnt der Filmemacher und Künstler Péter Forgács, Amateur- und Home Movie-Filme zu sammeln, die er später für seine eigenen Arbeiten nutzt. In The Maelstrom verwendet er Privataufnahmen der holländischen jüdischen Familie Peereboom, Alltagsbilder von Reisevorbereitungen kurz vor dem Einmarsch der Deutschen in den Niederlanden, Bilder der Synagoge und Aufnahmen kurz vor der Deportation der Familie. Diese Aufnahmen werden mit Amateurmaterial von Arthur Seyß-Inquart, dem nationalsozialistischen Reichskommissar der besetzten Gebiete in Holland, kontrastiert. Verbunden sind diese verschiedenen Aufnahmen unter anderem mit Archiv- und Amateurbildern der Hochzeit von Kronprinzessin Juliana und von einem Hitlerjugend-Lager. „So gelingt es Forgács, die Peerebooms als Schnittstelle zwischen dem Allgemeinen und dem Partikularen sowie als Akteure in einem schicksalhaften historischen Drama zu zeigen“, schreibt Michael Renov über The Maelstrom (montage/av 11/1/2002).

am 06.07.2007 um 19.00 Uhr

 

 

 

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Das Himmler-Projekt
D 1999/2000, R: Romuald Karmakar, D: Manfred Zapatka, 182’    Beta SP

Das Himmler Projekt inszeniert die Geheimrede Heinrich Himmlers, die dieser 1943 vor knapp 100 Offizieren der SS in Posen hielt und in der er rassentheoretische Gedanken über die „slawischen Untermenschen“ entwickelte, wobei auch die Vernichtung der Juden angesprochen wird. Himmlers Rede wurde auf Wachsplatten aufgezeichnet. Auszüge sind später abgeschrieben und in mehreren Prozessen gegen NS-Täter verwendet worden. Doch die transkribierten Versionen waren bereinigte Abschriften. Daher ließ Karmakar die Rede für seinen Film erneut transkribieren und von dem Schauspieler Manfred Zapatka vortragen. Sämtliche Versprecher, logischen und rhetorischen Brüche wurden beibehalten. Dadurch gewinnt die Inszenierung gegenüber dem geschriebenen Text einen dokumentarischen Mehrwert. Andererseits kennzeichnet Zapatkas Sprechen eine betont zurückgenommene, neutrale Vortragsweise, was nicht selten irritiert.

am 18.07.2007 um 20.00 Uhr mit Einführung

 

 

 

 

 
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