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Die höfische Jagd des 17. und 18. Jahrhunderts gilt vielen Forschern als die prunkvollste und kulturgeschicht- lich interessanteste Epoche der Jagdgeschichte24
Spengler, S. 13.
. (Kat.-Nr.42) Die Jagd war eine höfische Sportveranstaltung, ein ari- stokratisches Fest und adliges Privileg in einer nach Ständen gegliederten Gesellschaft. Die Motivationen der Jagd und der Jagdleidenschaften haben verschiedene Deutungen er- fahren. Sicher ist, daß die Jagd als Statussymbol und Selbst- bestätigung des Adels mit der Ausbreitung des Absolutismus an Bedeutung gewann. Für den niederen Adel war die Jagd ein willkommenes Mittel, um sich von den nichtadligen Schichten deutlicher abzugrenzen25
Eckardt, S. 268 ff.; Möbius, S. 11.
.

Die Verwendung der gebrauchsfähigen Feuerwaffen mit Rad- oder Steinschloßmechanismus veränderte die traditionellen Jagdmethoden der Hetz- und Fangjagden. Allmählich kristallisierten sich zwei Hauptformen der Jagd heraus. Am Ende des 17. Jahrhunderts wurde unter dem Einfluß des Versailler Hofes die Parforcejagd, eine Hetzjagd auf einen einzelnen kapitalen Hirsch, auch an den deutschen Höfen übernommen26
Schwenk, S. 43; Hensel, S. 33.
. Um das Wild über längere Strecken zu verfolgen, brauchte man für diese Jagd schnelle Hunde und Pferde. Da die Jäger weit voneinander entfernt ritten, orientierte sich die Jagdgesellschaft untereinander durch Signale aus Jagdhörnern. Der hohe Aufwand an Personal, Pferden und Hunden machte die Jagd zur Schaustellung fürstlicher Vergnügung und war zum reinen Zeitvertreib geworden. Die herrschaftlichen Teilnehmer trugen kostbare Jagdkleidung und ritten auf edlen Pferden, die mit glänzendem Zaumzeug ausgestattet waren. Die Damen folgten dem Zug in Jagdequipagen. Dem schlossen sich oft weitere Wagen an, gefüllt mit Speisen und Utensilien für ein Gelage im Freien. Die eigentliche Arbeit verrichtete das Jagdpersonal, das auch die Hunde führte. Die Jagdgesellschaft erschien erst, wenn das Wild gestellt war27
Eckardt, S. 53.
. Der Jagdherr gab dann dem ermattet zusammengebrochenen Tier mit dem Hirschfänger den Todesstoß. War der Hirsch immer noch stark genug, sich zu wehren, mußte ihm ein Jäger mit einer Jagdplaute die Sehnen durchschneiden.

Das Wasserjagen war eine Sonderform, bei dem die Tiere in Seen, Teiche, Flüsse und selbst in künstlich angelegte Bassins getrieben wurden. (Kat.-Nr.40) Die schwimmenden Tiere konnte man vom Land aus leicht abschießen. Gelegentlich stiegen die Jäger in prachtvoll geschmückte Gondeln und vollzogen ihr Jagdtreiben aus nächster Nähe. Manchmal schaute die Jagdgesellschaft auch nur zu, wie die Hunde die im Wasser treibenden Tiere rissen. Auch diese Jagden endeten oft in Festen zu Ehren der Göttin Diana und in Musikaufführungen28
Schöbel 1976, S. 18.
.

Auf anderen Treibjagden wurden das Wild gezwungen, von großen Höhen oder hoch gelegenen Laufbühnen zu springen. Entweder fielen die Tiere in ein Gewässer, dann begann die Wasserjagd, oder sie schlugen auf dem Boden auf und waren sofort tot bzw. wurden dort getötet. Noch weniger mit Jagen hatten die "Kampfjagden" zu tun, bei denen verschiedene Tiere aufeinandergehetzt wurden, um sich gegenseitig zu zerfleischen. Ein Vergnügen besonderer Art war das Fuchsprellen, bei dem die Hofgesellschaft Füchse und andere kleine Tiere über ausgelegte Tücher oder engmaschige Netze trieb. Lief ein Stück Wild auf diese Fläche, wurde das Tuch ruckartig gespannnt und das Tier so lange emporgeschleudert, bis es verendete. Dabei wurde sogar vorgeschlagen, den Boden mit Sand zu bestreuen, "damit die Kurtzweile desto länger dauern mögte, und die Voltigier Sprünge der Füchse und Hasen desto vigoureuser, lebhaffter und öfter gesehen werden."29
Flemming, 3. Teil, S. 182.
(Kat.-Nr.79)

Überhaupt erst mit dem Einsatz der Feuerwaffen begann sich im 18. Jahrhundert das "Ein- gerichtete Jagen" oder "Deutsche Jagen" als zweite Jagdform durchzusetzen. Diese wurde zum allgemeinen Vorbild prunkvoller Veranstaltungen und zur beliebtesten Jagd- methode im Zeitalter des Absolutismus30
Janssen, S. 126 ff.; Boehn, S. 158 ff.
. Sie entsprach den Besitzverhältnissen in Deutschland, wo eine Vielzahl kleiner Territorien das landschaftliche Bild prägte. Zahlreiche Jagdhelfer stellten in dem ausgewählten Jagdgebiet Tücher und Netze auf31
Eissenhauer, S. 43 ff.
. (Kat.-Nr.36) Auf dieser eingegrenzten Fläche wurde das Wild zunächst zusammengetrieben, wobei auf engstem Raum Hunderte von Tieren zusammenkamen. Daneben wurde noch ein zweites Areal eingerichtet, meistens nutzte man dafür eine Wiese oder Lichtung. Beide Eingrenzungen waren durch einen schmalen Gang miteinander verbunden. In dem zweiten, kleineren Gatter stand hinter einem dekorativ geschmückten Schießstand, dem "Jagdschirm", die Jagdgesellschaft und konnte ohne besondere Schwierigkeiten das hereingetriebene Wild abschießen. Hinter dem Jadgschirm erwartete "die zu der Jagd begierige Herrschafft mit allen anwesenden Cavaliers, Dames und anderen Frauenzimmer beym Abjagen auf dem Lauff Platze das getriebene und vorgejagte ankommende Wild mit besonderen Freuden"32
Zedler, Bd. 14, S. 155.
. Oft schlossen sich der Jagd Festbankette an, vor allem wenn hohe Gäste zugegen waren. Bei dieser Art von Jagd wurden in sehr kurzer Zeit große Mengen an Tieren abgeschlachtet. Besonders in den wildreichen Waldgebieten von Sachsen und Württemberg wurde viel gejagt. Aus den sächsischen Jagdregistern geht hervor, daß Kurfürst Johann Georg in den Jahren von 1611 bis 1655 116.906 Stück Wild erlegt hatte, sein Nachfolger kam auf ähnliche Zahlen33
Schöbel 1968, S. V.
. Mit der klassischen Pirsch hatte dieses Treiben wenig zu tun, denn nach dem eigentlichen Verständnis der Jäger gilt die Chance der Tiere zu entkommen als allgemeines Kriterium der Jagd34
Schwenk, S. 42.
. In zeitgenössischen Berichten, auf Gemälden, Zeichnungen und Aquarellen sind diese Schauspiele teilweise minutiös und anschaulich festgehalten.

An den großen Jagden nahmen immer zahlreiche Gäste teil. Besonders für die Angehörigen aus dem niederen Adel boten die Veranstaltungen eine willkommene Abwechslung und Aufwertung der gesellschaftlichen Position. Dem Landesherrn dienten die Jagden zudem der Pflege dynastischer und diplomatischer Beziehungen, denn die Aufwendungen für die Gäste, verbunden mit glanzvollen Festen, standen für den Ruf eines Hofes. (Kat.-Nr.41) Der Bau von Jagdschlössern in wald- und wildreichen Gebieten diente der Bequemlichkeit der Jagdgäste und avancierte zur Prestigefrage im Wettbewerb der Prunksucht35
Eckardt, S. 52 ff.
. Der Jägerhof in Dresden wurde mit seinen reichen Beständen sehr bald zum Sammelpunkt der Jägerei überhaupt. Aus aller Welt schickte man Jäger zur Ausbildung nach Dresden, und fremde Herrscher rechneten es sich zur Ehre an, die Sammlung durch Geschenke an kostbaren Waffen oder seltenen Tieren zu bereichern36
Schönberg, S. 18; Schaal, S. 56;
. Für zahlreiche Adlige war die Jagd zum einzigen Vergnügen geworden und bestimmte ihren Lebensrhythmus. Alle Interessen orientierten sich an der Jagd, und viele Dienstgeschäfte wurden nach den Jagdzeiten eingeteilt. Als Lektüre kamen nur Abhandlungen zur Jagd in Frage. Eine Gegenposition zu diesen allgemeinen Gepflogenheiten nahm der preußische König Friedrich Friedrich II. ein. Ganz im Gegensatz zu seinem Vater lehnte er die Jagd als eine fürstliche Beschäftigung ab. In seinem "Antimachiavell" bezeichnete er die Jagd als ein Vergnügen, das zwar den Leib stählt, aber den Geist bricht und ungepflegt läßt37
Stahl, S. 82.
.

Die Jagd wurde immer stärker an den jeweiligen Hof gebunden und unterlag den Normen und dem Verhaltenskodex absolutistischer Herrschaft. Alle Jagdgerätschaften wurden bis in das kleinste Detail prunkvoll ausgestattet und gerieten auf diese Weise zu Elementen der Selbstdarstellung. Wie in der Vergangenheit legten die fürstlichen Jäger auf die Ausschmückung ihrer Jagdwerkzeuge besonderen Wert. Die Klingen der Hirschfänger, Plauten oder Weidmesser wurden mit aufwendigen Barockmotiven geätzt und graviert, die Griffe sind häufig in Messing gegossen und wurden anschließend vergoldet. (Kat.-Nr.13, 14) Neben dem im Barock beliebten Muschelmotiv sind manchmal ganze Jagdszenen in den Griff, die Parierstangen oder das Stichblatt eingearbeitet. Scheiden sind mit vergoldetem Messing, Silber, Perlmutt oder Schildpatt belegt. Dabei stimmten die Waffen in der Gestaltung und den verwendeten Materialien mit dem anderen Jagdzeug überein und bildeten eine Garnitur. Oft konnte man an der Art der Jagdrüstung den Rang des Trägers bestimmen. Ranghohe Jäger trugen vergoldete oder in Silber eingefaßte Waffen, die zur besseren Wirkung mit Samt oder ausgewählten Lederstücken unterlegt waren. Die zahlreichen Jagdbediensteten konnte man vor allem an der Hornfessel, einem Trageriemen für das Jagdhorn, und dem Hirschfänger unterscheiden. Die Feuerwaffen sind in einer kaum zu überbietenden Vielfalt mit dekorativen Rankenmustern und Jagdszenen belegt, wobei die unterschiedliche Bearbeitung der Eisen- und Holzteile eine zusätzliche Wirkung hervorrief.

Auf grafische Musterblätter wurden vielfach Tierstudien, Stilleben oder Jagdszenen von Gemälden und Druckgrafiken umgesetzt und dienten als Vorlagen zur kunstvollen Ausstattung der Waffen. Außer den schier unendlichen Varianten von Jagdszenen erfreuten sich antike Stoffe zur dekorativen Gestaltung großer Beliebtheit. Vor allem Artemis, die Schutzherrin der Jagd, der Tiere und der Wälder, erscheint auf vielen Stichen. Ihr gleichgesetzt war Diana, die im 17. und 18. Jahrhundert zum Symbol der Jagd aufstieg. Damen, die selbst jagten oder sich im Jagdkostüm malen ließen, erscheinen ganz selbstverständlich neben ihren männlichen Jagdgenossen. Seit dem 11. Jahrhundert ist die St.-Hubertus-Legende bekannt. Danach verirrte sich der Jäger Hubertus im Wald, als ihm ein kapitaler Hirsch mit einem leuchtenden Kruzifix im Geweih erschien. Der Hirsch ermahnte ihn, das hemmungslose Jagen aufzugeben und sich zum Christentum zu bekennen. Das Ereignis war so stark, daß Hubertus allen weltlichen Dingen entsagte, sich taufen ließ und in der Einsamkeit ein frommes Leben führte38
Hermann, S. 26.
. St. Hubertus als Schutzheiliger der Jagd hatte ein hohes moralisches Ansehen, und das St.-Hubertus-Fest wurde im 17. und 18. Jahrhundert, verbunden mit vielen anderen Lustbarkeiten, oft tagelang gefeiert. Die prunkvollen Hubertusfeste und Jagdveranstaltungen verfälschten allerdings das ursprüngliche Anliegen. Als Motiv findet der dem Hirsch gegenüber betend dargestellte Jäger auf großflächigen Waffenteilen Verwendung.

Eine Hubertus-Begebenheit besonderer Art beschrieb Gottfried August Bürger in seinem "Jagdabenteuer des Freiherrn von Münchhausen". Auf der Pirsch begegnete Münchhausen plötzlich einem großen Hirsch. Da er aber keine Kugeln mehr hatte, schoß er mit Kirschkernen. Das Tier, auf der Stirn getroffen, flüchtete. Jahre später traf der Jäger an der selben Stelle einen stattlichen Hirsch mit einem ausgewachsenen Kirschbaum zwischen seinem Geweih. Münchhausen erlegte das Tier und aß das Wildbret zusammen mit den köstlichen Kirschen. Mit feiner Ironie läßt der Autor seinen Helden feststellen: "Wer kann nun wohl sagen, ob nicht irgendein passionierter heiliger Weidmann, ein jagdlustiger Abt oder Bischof, das Kreuz auf eine ähnliche Art durch einen Schuß auf St. Huberts Hirsch zwischen das Gehörn gepflanzt habe? Denn diese Herren waren ja von je und je wegen ihres Kreuz- und Hörnerpflanzens berühmt und sind es zum Teil noch bis auf den heutigen Tag."39
Bürger, S. 284/285.


Mit der Verbreitung des deutschen Jagens an den adligen Höfen hatte das Jagdzeug an Umfang gewonnen, und zahlreiche Jagdknechte waren für die Wartung und den Einsatz der Gerätschaften verantwortlich. Für die Einhegungen wurden Hohe-, Mittel- und Lauftücher benötigt. Garne und Netze für verschiedene Tiere, wie Hirsche, Schweine, Rehe, Wölfe, Biber, Fischotter oder Marder, gehörten zur Ausrüstung. Fuchseisen, Marderfallen, Schlegel, Hebegabeln, Eisenstangen, Bohrer oder Fangeisen sind ebenfalls in zeitgenössischen Aufstellungen zum Jagdzeug erfaßt. Herrschaftliche Schirme, die Jagdequipage, Schlitten, Wildwaagen und Transportkisten für Tiere wurden auch mit den übrigen Geräten in den Jagdkammern und verstreut angelegten Jagdschlössern aufbewahrt.

Für die Jagd auf Wildschweine oder Hasen benötigte der Jäger unterschiedliche Feuerwaffen, für die sich spezielle Bezeichnungen einbürgerten. Die einläufigen Jagdgewehre mit glatter Laufbohrung, die Flinten, wurden mit Schrot geladen und zur Jagd auf Vögel und Hasen verwendet. Flinten mit extrem langen Läufen wurden aus sicheren Verstecken heraus nur auf Flugwild eingesetzt und hießen verständlicherweise Vogelflinten. Gewehre mit Zügen im Lauf, die sich besonders zur Jagd auf Hochwild eigneten, bezeichnete man als Büchsen. (Kat.-Nr.56) Nach der Art der Jagd werden sie in der zeitgenössischen Literatur häufig Pirsch-Büchsen genannt.

"Ein Jäger bedarf zu seiner Profession mancherley Zeug, gute Pürschröhre, Schrotbüchsen, Flinten, eine Weidtasche, ein Pulverhorn mit gutem raschen Pulver ... Spanner, Räumnadel, einen Weidner oder Bohrer, Halsbänder, Kuppeln und Hetzriemen vor die Hunde, starcke Schweinsspieße oder Fangeisen auf die wilden Schweine und Bären, Gabeln und Zangen, die Dachse, Füchse, Wölfe, Luchse, wilde Katzen und Fischottern vom Leibe zu halten und anzufassen, auch Spaten, Schaufeln und Hacken, die Dachse damit auszugraben etc.", so wird um 1735 die Ausrüstung eines berufsmäßigen Jägers beschrieben40
Zedler, Bd. 14, S. 126.
. Der starke Rückgang der Wildbestände im 17. Jahrhundert führte zum Erlaß zahlreicher Schutzbestimmungen für Wildtiere im 18. Jahrhundert, die aber vielfach umgangen wurden. Besonders schnell vollzog sich die Abnahme der Raubwildbestände, allein in Sachsen wurden zwischen 1611 und 1717 709 Bären, 6.937 Wölfe und 505 Luchse erlegt. Ähnlich waren die Verhältnisse in Brandenburg. In Vorpommern wurde 1750 der letzte Bär geschossen41
Hobusch, S. 167.
. Auch die Wildrindarten erlebten ein vergleichbares Schicksal, der letzte Auerochse, auch Ur genannt, wurde 1627 erlegt, der letzte frei lebende deutsche Wisent fiel 1735 in Ostpreußen42
Hobusch, S. 167.
.

Innerhalb der Sammlung des Berliner Zeughauses steht gewissermaßen am Anfang der barocken Epoche eine Jagdbüchse aus dem Besitz des Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg. Der schwere achtkantige Lauf und der deutsche Kolben sind noch ganz dem Formenideal der Renaissance verhaftet, während das Schloß schon die Fülle und Phantasie des 18. Jahrhunderts widerspiegelt. (Kat.-Nr.50) Die Pirschbüchse, ein Selbstspanner, ist eine Arbeit des Berliner Büchsenmachers Jacob Zimmermann aus dem Jahre 1646. Herausragend ist der komplizierte Schloßmechanismus, der durch einen liegenden Hirsch aus vergoldetem Messingguß verdeckt wird. Der deutsche Schaft aus braunem Holz ist insgesamt mit hellen und grün gefärbten Horneinlagen verziert, die teilweise mit Kupfer eingefaßt sind. Die Einlegearbeiten des unbekannten Schäfters bleiben hinter der vorzüglichen Büchsenmacherarbeit zurück. Gemessen an den besten Erzeugnissen dieser Zeit stehen einzelne Darstellungen ohne Zusammenhang, den Zeichnungen fehlt es mitunter an Leichtigkeit und Sicherheit. Ebenfalls in die Reihe der historischen Zeugnisse brandenburgisch-preußischer Kurfürsten und Könige gehört eine Vogelflinte aus dem Jagdbestand Friedrichs I. (Kat.-Nr.51) Aus dem Besitz des Kurfürsten Georg Wilhelm von Brandenburg stammt ein Weinbehälter in Form eines Luntenschloßgewehrs. Auf der linken Kolbenwange ließ später der Kurfürst Friedrich III. seine Intitulatio und auf der rechten seinen Namenszug, bekrönt durch den Kurhut und die Devise des Hosenbandordens eingravieren. (Kat.-Nr.52)

1914 wurde für das Zeughaus eine Leibbüchse Friedrich Wilhelms I. im Tausch erworben. Die Waffe ist das einzige erhaltene Exemplar aus einer Serie von zwölf für den König gefertigten Jagdbüchsen. (Kat.-Nr.53) Friedrich Wilhelm I. war ein begeisterter Jäger, er beschäftigte sich mit der Falknerei und hielt sich neben den üblichen Jagdgeräten eine Paforcejagdequipage mit über hundert Hunden43
Stahl, S. 81.
. Vom König ist überliefert, daß er auf einer Jagd im Verlauf eines einzigen Tages über 600 Schuß abgegeben hat. Die Schußfrequenz wurde dabei durch eine größere Anzahl gleicher Büchsen erzielt, die ihm Jagdbedienstete reichten. Eben zu diesem Zweck fertigten die Büchsenmacher im 18. Jahrhundert und zu Beginn des 19. Jahrhunderts ganze Serien gleichartiger Jagdwaffen an, die oft eine Seriennummer erhielten44
Dolínek/Durdík, S. 260.
.

Der überwiegende Teil der Feuerwaffen war im 18. Jahrhundert mit dem Steinschloßmechanismus ausgerüstet. Unter dem Einfluß der französischen Kultur verbreitete sich das Stein- oder Batterieschloß sowohl für militärische als auch für zivile Zwecke sehr schnell in ganz Europa und hielt sich bis etwa 1830-1840. (Kat.-Nr.58) Das Steinschloß hatte gegenüber dem Radschloß eine Reihe von Vorteilen: Es war leichter, bestand aus weniger Teilen und ließ sich mit einfachen Mitteln reinigen. Die kostengünstigere Herstellung und die sicherere Funktion bildeten weitere Argumente für das neue System45
Willers, S. 95 ff.
.

Besonders exzellente Arbeiten lieferte der französische Hofbüchsenmacher Bertrand Piraube, der zu den bedeutendsten Meistern seines Fachs zählte. Die Werke Bertrand Piraubes sind in vielen Fällen datiert, so daß die Stufen seiner Produktion und die stilistischen Variationen sehr genau eingeordnet werden können46
Hayward, Bertand Piraube, S. 132; Giebig, S. 190.
. (Kat.-Nr.49) Die abgebildete Steinschloßflinte, ein Wender, wurde 1686 hergestellt. Bei dem doppelläufigen Wendergewehr werden die Läufe von Hand gedreht und rasten in eine Nut des Kolbens ein. Jeder Lauf besitzt eine Pulverpfanne und eine Schlagfläche. Bei einem zweiten Schuß brauchte man nur den Hahn erneut zu spannen und den nächsten Lauf in Schußposition zu drehen. Der technisch anspruchslose Mechanismus war am Ende des 17. Jahrhunderts bei einer breiten Käuferschicht beliebt, was viele Büchsenmacher dazu veranlaßte, Waffen nach diesem Prinzip herzustellen.

In Deutschland gehörten am Ende des 18. Jahrhunderts nur wenige Büchsenmacher zu den international geschätzten Handwerkern, so zum Beispiel die Büchsenmeisterdynastie Kuchenreuther aus Regensburg, die sich der Dominanz der französischen und englischen Handwerker erwehren konnte. Die Arbeiten dieser Büchsenmacher zeichneten sich weniger durch eine aufwendige Gestaltung als durch große Präzision aus47
Hayward, Die Kunst der alten Büchsenmacher, Bd. 2, S. 176; Götschmann, S. 82.
. (Kat.-Nr.55)

Von etwa 1660 bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts fanden sogenannte Müller- büchsen Verwendung, die als Rad- und Stein- schloßversionen hergestellt wurden. Es handelt sich um sehr robuste Waffen, die nach einem einheitlichen Grundmuster gefertigt wurden. Die einfachen Gebrauchswaffen fanden vor allem unter den Jägern große Verbreitung, wie die in zahlreiche Stücke neben den Besitzerzeichen eingravier- ten Berufsbezeichnungen nahelegen. Als Präzisionswaffen wurden sie überwiegend für die Pirschjagd eingesetzt. (Kat.-Nr.54)

Zu den besonders geschätzten Objekten gehörten im Kreis der anspruchsvollen Jäger die Jagdgarnituren. Bemerkenswert ist eine Garnitur für die Falkenjagd aus dem Besitz des Kurfürsten Friedrich August II. von Sachsen, die aus einem Steinschloßgewehr, einem Hirschfänger, einem Falkenstab, einer Jagd- und Patronentasche besteht. Die Garnitur wurde über Generationen hinweg im sächsischen Herrscherhaus bewahrt, denn bis auf den Hirschfänger tragen alle Gegenstände den Namenszug des letzten sächsischen Königs Friedrich August III. Das Gewehr ist reich mit Barockmotiven geschmückt. Auf der Klinge am Hirschfänger sind ein Pandur und verschiedene Wahlsprüche graviert. Interessanterweise wurde der Falkenstab aus einem preußischen Sponton gefertigt. Ob es sich dabei um eine ironische Anspielung handelt oder um ganz praktische Überlegungen, ist nicht zu bestimmen. (Kat.-Nr.60)

Eine selbständige Waffengattung bildeten die Windbüchsen, bei denen Preßluft als Treibmittel für die Geschosse eingesetzt wurde. Im wesentlichen gab es dabei zwei Varianten: Die Luft wurde entweder im Moment des Abschusses komprimiert oder konnte nach dem Öffnen eines Ventils über ein Druckgefäß entweichen. Die ersten Windbüchsen tauchten in der Mitte des 17. Jahrhunderts auf. Später waren die Waffen praktisch mit einem abschraubbaren Druckgefäß in Form einer Messingkugel unter dem Lauf ausgestattet oder hatten eine Windflasche als Kolbenersatz. (Kat.-Nr.59) Die Windflaschen wurden mit einer Luftpumpe per Hand gefüllt, und die derart komprimierte Luft reichte für mehrere Schüsse48
Durdík/Mudra/Sáda, S. 144/145.
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