DAS MAGISCHE LEUCHTEN: DIE ELEKTRIFIZIERUNG DEUTSCHLANDS

Vor rund 150 Jahren war es in deutschen Großstädten nach Sonnenuntergang oft düster und gefährlich. Im frühen Kaiserreich schimmerten nur wenige Gaslaternen durch die nächtlichen Straßen. Anfang der 1880er war es damit vorbei: Eine neue Technologie schwappte über den Atlantik – und sollte das Leben in den deutschen Metropolen radikal verändern.

Ehrfürchtig betreten die Berliner an diesem Mittwochabend den Potsdamer Platz. Das pulsierende Herz der Hauptstadt ist trotz der späten Stunde in ein gleißendes Licht gehüllt, das auch die entferntesten Ecken der riesigen Fläche ausleuchtet. Nichts erinnert an das schummrige Geflimmer der Gaslaternen, das sich bisher Nacht für Nacht wie eine milchige Schicht über Berlin legte und die Bewohner aus Angst vor Kriminalität früh in ihre Wohnungen trieb. Doch von den im Halbdunkel agierenden Taschendieben, die in den vergangenen Jahren zunehmend zu einem Problem für die Hauptstadt geworden sind, fehlt heute jede Spur.

Bis hinunter zur Friedrichstraße erstrahlt im September 1882 ein bisher unbekanntes, magisches Leuchten. 36 Bogenlampen hat die Stadtverwaltung auf dem Platz und der angrenzenden Leipziger Straße aufstellen lassen – die ersten in Berlin, die mit elektrischem Strom betrieben werden. Sie bilden den Anfang einer neuen nächtlichen Lichtflut.

THOMAS A. EDISON WIRD ZUM ANTRIEB DER MODERNE

Die Bevölkerung ist von der Illumination ihrer Stadt fasziniert: Für die Zeitgenossen führt die elektrische Straßenbeleuchtung nicht nur zu einem Gefühl stärkerer Sicherheit. Viele sehen in ihr den Startschuss für eine Epoche des Fortschritts. In der preußischen Metropole beginnt elf Jahre nach Gründung des Kaiserreichs eine neue Ära.

Den Grundstein für Berlins neuen, elektrischen Glanz hatte Ende der 1870er Jahre der US-Amerikaner Thomas A. Edison mit der Erfindung der Glühbirne gelegt. Nachdem er diese 1882 in New York der Öffentlichkeit vorgestellt hatte, fand die Technologie noch im gleichen Jahr ihren Weg über den Atlantischen Ozean.

DAS NEUE LICHT STRAHLT SAUBERER

Edisons Erfindung war nicht umsonst umjubelt. Denn das elektrische Licht hatte gegenüber der Gasbeleuchtung drei entscheidende Vorteile: Es war rund dreimal heller, abgasfrei und vor allem erheblich sicherer. Noch 1881 hatte ein Unfall der Öffentlichkeit das Risiko der alten Technik drastisch vor Augen geführt: Bei einem durch eine defekte Gasbeleuchtung im Wiener Ringtheater ausgelösten Brand waren fast 400 Menschen ums Leben gekommen.

Die neue Technologie wurde schnell zum Erfolg. 1883 gründete Emil Rathenau in Berlin die Gesellschaft für angewandte Elektrizität, aus der wenige Jahre später die AEG hervorging. Ähnliche Unternehmen siedelten sich in der deutschen Hauptstadt an und Berlin avancierte zum Zentrum der europäischen Elektroindustrie. Zwar blieb Gas bis Anfang des 20. Jahrhunderts eine günstigere Alternative, doch das elektrische Licht setzte sich schnell als Straßenbeleuchtung, zur Illumination öffentlicher Gebäude und im gewerblichen Bereich durch.

BERLIN STEHT UNTER STROM

Schon bald erweiterten sich die Anwendungsgebiete der Elektrizität weit über die Beleuchtung hinaus. 1891 fand die erste Drehstromübertragung über eine Strecke von 176 Kilometern statt. Von nun an ließen sich Städte aus der Ferne mit Energie versorgen. Ab 1895 stellte Berlin seine bisherigen Pferdebahnlinien auf elektrischen Betrieb um. Bis zum ersten Weltkrieg entwickelte sich die elektrische Straßenbahn in der Hauptstadt und anderen Metropolen zum dominierenden öffentlichen Nahverkehrsmittel.

Die Wohnungen der Menschen erreichte die Elektrifizierung in größerem Umfang erst in den zwanziger Jahren. Verfügten 1914 nur rund fünf Prozent der Berliner Wohnungen über elektrischen Strom, waren es elf Jahre später bereits 25 und Ende der 1920er Jahre sogar 50 Prozent.

Im Berlin der „Goldenen Zwanziger“ zeigte sich das neue Antlitz, das die Elektrizität den Städten gegeben hatte, in eindrucksvoller Pracht. Ob hell erleuchtete Schauspielhäuser, im Vorbeirauschen glänzende Straßenbahnen oder lichtdurchflutete Wohnungen: Die Stadt stand wortwörtlich unter Strom. Knapp ein halbes Jahrhundert nachdem die Illumination des Potsdamer Platzes die Berliner in schieres Staunen versetzt hatte, war das matte Funkeln der Gaslaternen nur mehr eine Erinnerung aus längst vergangenen Zeiten.