Das empathische Museum: Wie Kunst alle erreicht

Der 3. Dezember wurde von den Vereinten Nationen als „Internationaler Tag der Menschen mit Behinderung“ ins Leben gerufen. Seit 2014 schon setzt sich das Deutschen Historische Museum (DHM) verstärkt für die Umsetzung eines barrierefreien Angebots in seinen Ausstellungen ein. Auch in der jüngst eröffneten Ausstellung „1917. Revolution. Russland und Europa“ laden inklusive Angebote zu einem partizipativen Einstieg in jeden Themenbereich ein. Kernstück des inklusiven Konzepts ist eine sechseckige, drehbare „Trommel“, die das DHM speziell entworfen hat und die auf jeder Seite eine Informationsebene bedient: Ob deutsche oder englische Texte, Texte in Leichter Sprache und Brailleschrift, Videos mit Deutscher Gebärdensprache sowie Audiotexte mit Audio-deskriptionen – die Ausstellung wird über diese sechs gleichberechtigten Vermittlungsebenen vielen Menschen zugänglich gemacht. In ihrer Kolumne anlässlich des Internationalen Tags der Menschen mit Behinderung beleuchtet Nadia S. Zaboura die neuen Wege, die empathische Museen und andere Kultureinrichtungen mit diesem Angebot beschreiten.

Stephen Wiltshire greift nach seinem schwarzen Stift und beginnt zu zeichnen. Aus ersten feinen Silhouetten formt er meterbreite, detailreiche Stadtansichten auf Papier – mit erstaunlicher Akkuratesse zum Original, zur gesehenen Szenerie, von New York City bis Madrid, von Tokio bis Frankfurt. Als Autist mit Inselbegabung reicht ihm ein Gang über eine Straße oder ein Helikopterflug über eine Stadt, um sie aus dem Gedächtnis kunstvoll auf die Leinwand zu bringen.

Viele andere Künstler mit Behinderungen haben die Kunst- und Kulturwelt geprägt, darunter namhafte wie Ludwig van Beethoven, Vincent van Gogh oder Henri de Toulouse-Lautrec.

Ein Leben mit Behinderungen beinhaltet oft besondere Wahrnehmungsweisen, einen speziellen Blick auf die Welt und die zwangsläufige Auseinandersetzung mit Normen und Nicht-Normiertem – Rahmenbedingungen, die das kreative Potenzial auf besondere Weise fördern können.

Doch wie steht es auf der anderen Seite mit dem Kunstbetrachtenden, dem konsumierenden Besucher, ohne den ein Museum nichts ist?

Menschen mit Hörbehinderungen im Deutschen Historischen Museum © visitBerlin, Foto Andi Weiland, Gesellschaftsbilder.de

Menschen mit Hörbehinderungen im Deutschen Historischen Museum 2016 © visitBerlin, Foto Andi Weiland, Gesellschaftsbilder.de

Oft haben wir hier ein bestimmtes Bild vor Augen, wenn wir an den typischen Museums-Gast denken. Und dieses Bild lässt beileibe nicht so viel Verschiedenheit zu, wie es Künstlern zugestanden wird. Wem wir seltener begegnen, wenn wir im Geiste durch die Kunsträume wandern: Menschen mit Demenz. Menschen mit Seheinschränkung oder Gehbehinderung. Oder ist Ihnen schon einmal jemand mit einem weißen Stock begegnet, der neben Ihnen einen Monet oder Braque per Audioguide „betrachtet“ oder eine Skulptur Giacomettis mit den Händen erfährt?

Diversität als Normalzustand

Es ist der Anspruch aller Kultur- und Bildungsinstitutionen: ein Ort der Offenheit, der Vielfalt zu sein. Nicht nur mit Blick auf die Werke. Spätestens seitdem 2009 das Recht auf kulturelle Teilhabe zum Menschenrecht erklärt wurde, rückt neben der Diversität der Kunstschaffenden auch die Vielfalt der Besucherschaft in den Fokus von Ausstellungshäusern und -machern.

Was aber passiert, wenn nicht die große, spannende, notwendige Vielfalt unterschiedlichster Menschen in unsere Museen strebt, sondern die sorgsam bestückten Räume nur von den immer gleichen Publika durchschritten werden?

Welche Auswirkungen – bewusst oder unbewusst – hat das auf die Arbeit der Kuratoren, auf die Auswahl und Inszenierung der Kunstwerke durch Raumdesign, Beleuchtung oder Hängung der Werke, kurz: auf die sinnliche Erfahrbarkeit der Werke?

Wenn Museen neue Wege einschlagen, sich selbst eine inklusive Arbeitsweise und einen inklusiven Ethos auferlegen, der sich über alle Gewerke spannt, eröffnen sie damit auch die Chance, sich selbst zu hinterfragen und neu zu entdecken. Diese Museen inszenieren ihre Werke anders, neu und vielschichtiger erlebbar, teils auch: interaktiver. Und schließlich nutzen sie ihre hauseigene personelle und strukturelle Vielfalt als Basis, um wichtige Diskussionen über Norm und Normalität, Anderssein und Akzeptanz anzustoßen – ganz „im Dienste der Gesellschaft und ihrer Entwicklung“, so wie es das International Council of Museums (kurz: ICOM) in seinen ethischen Richtlinien für Museen definiert.

Empathische Ausstellungsformen und -erfahrungen

Um ein Publikum mit und ohne Behinderungen gleichzeitig anzusprechen, braucht es den Perspektivwechsel in andere Wahrnehmungswelten, kurz: Empathie. Blicken wir gemeinsam auf aktuelle Ausstellungskonzepte und künftige Szenarien, die tatsächlich empathisch sind, da sie sich vor niemandem verschließen, sondern alle zur Kunst einladen:

• Kunstwerke werden für Sehbehinderte nacherzählt, aus der Narration entsteht wiederum eine eigene Kunstform, die Farbwelten, die Eleganz eines Pinselstrichs und die Oberfläche eines Objekts auditiv erlebbar macht.

• Skulpturen werden der Berührung zugänglich gemacht, ihre Formen aktiv erkundet, um Kunst über Fingerspitzen erfahrbar zu machen, beispielsweise durch Augmented Touch und 3D Imaging.

• Bilder werden bei Führungen zeitgleich durch Gebärdensprachler erklärt und kunsthistorisch eingeordnet – und alle Nicht-Gebärdensprachler in der Gruppe, im Raum sehen fasziniert dem ausdrucksstarken Tanz der Hände zu.

• Der Museumsguide wird erweitert um Interpretationen für verschiedene Zielgruppen: Nicht nur verschiedene Sprachen, sondern zusätzliche individualisierbare Komplexitätsgrade begleiten alle unterschiedlichen Bedarfe, von leichter Sprache bis hin zur detaillierten kunsthistorischen Version.

• Neben der einzigartigen Erlebbarkeit im physischen Raum ermöglicht die digitale Darstellbarkeit neue Formen der Teilhabe, beispielsweise durch Vorab-Kuration für ältere, weniger mobile Menschen, die sich bestimmte Kunstwerke in einer eigenen Tour selbst zusammenstellen können.

Idealerweise würden diese Angebote zwar gekennzeichnet, aber nicht als „spezieller Service“ bezeichnet. Denn indem öffentliche Räume wie Museen auf diese Weise Gruppen in Silos separieren, trennen sie die Besucher automatisch sprachlich in „normkonform“ und „andersartig“. Genau das vermeiden empathische Museen. Sie führen als Ort der Begegnung verschiedene Zielgruppen zusammen und begrüßen Individualität und Einzigartigkeit. Denn an wenigen anderen Ort kann der Besucher so sein, wie er ist, muss er nichts leisten, sich nicht darstellen, sondern kann ganz bei sich und seiner Kunsterfahrung sein, kann sich inspirieren lassen und die Alltagswelt da draußen mit ihren Segregationserfahrungen weit hinter sich lassen.

Das Wichtigste: Neue Darstellungsmethoden und Vermittlungsformen müssen mit divers besetzten Gruppen gemeinsam von den Museen erarbeitet werden. Gegen blinde Flecken, für Einfühlung in diverse Formen der Wahrnehmung und eine wahrhaft inklusive Erfahrung auf Augenhöhe.

Literatur

• ICOM – Ethische Richtlinien für Museen von ICOM
• Vereinte Nationen – Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Artikel 27
• Tanja Praske – Braucht es das Museum oder kann es weg?

 

Nadia S. Zaboura

ist freie Strategie- und Kommunikationsberaterin sowie Fach-Moderatorin – im Auftrag von Wirtschaft, Politik und Forschung. Neben strategischer und standortpolitischer Beratung in den Märkten Medien, IT, Games und Gesundheit bietet sie themenübergreifende Expertise für die digitale Wirtschaft und Gesellschaft – als Fach-Moderatorin und Referentin (Fraunhofer, ZDF, ZKM, BMFSFJ etc.). Darüber hinaus ist Nadia S. Zaboura regelmäßig tätig als Managerin und Kuratorin führender Kongresse (u.a. SXSW Interactive, CREATIVE.HEALTH, Gamescom Congress).
Im Jahr 2015 berief sie die Europäische Kommission zur Evaluatorin. In dieser Funktion entscheidet sie über Horizon 2020, das europäische Rahmenprogramm für Forschung und Innovation. Zuvor war Zaboura berufene Juryvorsitzende und Jurorin des „Grimme Online Award“ (2012 bis 2015) sowie Jurorin des „Deutschen Radiopreis“ (2013 bis 2015).
Ihr Portfolio, aktuelle Projekte und Texte finden sich unter www.zaboura.de.