Spielentwicklung im Museum: Gamestation „Herbst 89 – Auf den Straßen von Leipzig“

Elisabeth Breitkopf-Bruckschen | 25. Januar 2023

In der Ausstellung „Roads not Taken – Oder: Es hätte auch anders kommen können“ befindet sich die interaktive Gamestation „Herbst 89 – Auf den Straßen von Leipzig“. In der Anwendung kann der 9. Oktober 1989 anhand einer interaktiven Graphic Novel durchlaufen und der Verlauf des Tages aktiv mitbestimmt werden. Projektleiterin Elisabeth Breitkopf-Bruckschen berichtet hier, wie das DHM durch Gamification neue Wege der Geschichtsvermittlung geht.

Im Berlin des 18. Jahrhunderts führte die Schlossbrücke über den Kupfergraben aus dem Berliner Schlosses nach 9. Oktober 1989: Wer an diesem Tag in Leipzig auf die Straße ging, um für Freiheit und Reformen zu demonstrieren, riskierte viel – vielleicht sogar sein Leben. Der Menge an Demonstrant*innen stand ein massives Aufgebot an Sicherheitskräften gegenüber. Die Angst vor einer „chinesischen Lösung“ lag in der Luft. Die DDR-Regierung hatte die Niederschlagung der Proteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking im Sommer desselben Jahres befürwortet und ließ wenig Zweifel daran, dass auch im eigenen Land durchgegriffen würde. Wohl niemand ahnte an diesem Tag, dass schon einen Monat später, am 9. November 1989, die Mauer fallen würde.

Dass Geschichte ein offener Prozess ist, zeigt das DHM in seiner Ausstellung „Roads not Taken – Oder: Es hätte auch anders kommen können“. Geschichte ist geprägt von Entscheidungen und Handlungen, aber auch von Zufällen. Diese Erfahrung können die DHM-Besucher*innen in der Gamestation der Ausstellung in besonderer Weise machen: Sie durchlaufen den 9. Oktober 1989 anhand einer interaktiven Graphic Novel und bestimmen so aktiv Verlauf und Ausgang des Tages mit. Gelingt es, den Tag friedlich zu halten?

Sieben Figuren stehen zur Auswahl, darunter zum Beispiel die Bürgerrechtlerin Sabine oder der Bereitschaftspolizist Thomas, die sich an diesem Tag gegenüberstehen und die Ereignisse aus ihrer jeweiligen Perspektive erleben. Aber auch zwei historische Persönlichkeiten gehen an den Start: Egon Krenz als Vertreter des DDR-Regimes und Kurt Masur, der mit dem Aufruf der „Leipziger Sechs“ zu Gewaltfreiheit und Dialog seinen Einfluss an diesem Tag geltend machte. Im Laufe der Geschichte müssen die sieben Protagonist*innen immer wieder Entscheidungen treffen und bestimmen dadurch das Geschehen des Tages mit.

Wer die Gamestation im DHM betritt, findet sich in einer besonderen Szenerie wieder. Der Raum zeigt Häuserfassaden von Leipzig, gezeichnet von Alexander Roncaldier, der auch die Figuren und die Geschichten der interaktiven Graphic Novel illustriert hat. Die Besucher*innen können in einer von fünf Audionischen Platz nehmen, auf Tablets die Geschichten spielerisch durchlaufen und durch das eigens konzipierte Sounddesign auch akustisch wahrnehmen.

Einblick in den besonders gestalteten Raum der Gamestation in der Ausstellung „Roads not Taken. Oder: Es hätte auch anders kommen können“; Foto: © DHM/David von Becker

Den mit den Berliner Gameentwicklern „playing history“ gemeinsam erarbeiteten Vorläufer von ‚Herbst 89 – Auf den Straßen von Leipzig‘ zeigte das DHM im März 2022 erstmals im Rahmen des Verbundprojekts museum4punkt0 unter dem Titel „Leipzig ‘89 – Revolution reloaded“ vier Wochen lang im Pei-Bau. Das Publikum war eingeladen, diesen Prototyp umfänglich zu testen. Über 2.500 Gäste haben damals dieses Angebot wahrgenommen und dem Projektteam wertvolle Hinweise gegeben, in welche Richtung die Graphic Novel weiterentwickelt werden könnte.

Vor dem Hintergrund dieser Ergebnisse hat das DHM-Projektteam im Laufe des letzten Jahres zusammen mit „playing history“ den Prototyp weiterentwickelt und als Vollversion in die Ausstellung „Roads not Taken“ integriert. Die aktuelle Version des Spiels ist deutlich komplexer und interaktiver gestaltet. Alle Storylines wurden ausgebaut und vertieft. Es gibt nicht nur mehr Kapitel und Illustrationen, auch die Entscheidungsmomente wurden zugespitzt und dramaturgisch verdichtet. Zudem gibt es komplett neue Features wie animierte Sequenzen, Mini-Games und die Option, historische Fundstücke zu sammeln. Neu entwickelt wurde auch das bereits erwähnte Sounddesign, das noch tiefer in die Geschichten eintauchen lässt.

Das Publikum aktiv in die Entwicklung eines Angebots einzubeziehen und ein Zwischenergebnis zu präsentieren, das dann umfänglich getestet wird, empfiehlt sich gerade bei digitalen Angeboten, um den Nutzer*innen eine attraktive und nachhaltig einsetzbare Anwendung bieten zu können.

„Herbst 89 – Auf den Straßen von Leipzig“ kann auch online gespielt werden: www.dhm.de/herbst89. Die Anwendung ist optisch optimiert für Tablets oder den PC.


„Herbst ’89 – Auf den Straßen von Leipzig” wurde entwickelt im Rahmen von „dive in. Programm für digitale Interaktionen“ der Kulturstiftung des Bundes, gefördert durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien im Programm NEUSTART KULTUR.


Foto: DHM/Thomas Bruns

 

 

Elisabeth Breitkopf-Bruckschen

Elisabeth Breitkopf-Bruckschen ist seit 2011 wissenschaftliche Mitarbeiterin des Deutschen Historischen Museums. Angesiedelt beim Präsidenten der Stiftung ist sie als Stabsstelle verantwortlich für die Gremienarbeit des Hauses und für Kooperationsprojekte wie die Gamestation. Seit 2019 hat sie im Rahmen des Verbundprojekts museum4punkt0 die Projektleitung für die Entwicklung des Prototyps inne wie auch für dessen Weiterentwicklung hin zur Vollversion ‚Herbst 89 – Auf den Straßen von Leipzig‘, die im Rahmen des Förderprogramms ‚dive in‘ der Kulturstiftung des Bundes bewerkstelligt werden konnte.