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September 2014: Vor 75 Jahren - Überfall auf Polen

Das Jahr 2014 ist ein „Jahr der Jahrestage“. Europaweit erinnern sich Menschen an Ereignisse, die unauslöschliche Spuren hinterlassen und sich tief in das kollektive Gedächtnis eingebrannt haben. In vielen Ausstellungen und Veranstaltungen wird in diesem Jahr vor allem an den 100. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkrieges 1914 sowie an den 25. Jahrestag der friedlichen Revolution in der DDR und Ländern des östlichen Europas 1989 gedacht. 2014 gilt es aber auch, an den 75. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen zu erinnern, der den Auftakt zum Zweiten Weltkrieg markiert. Mit dem Überfall am 1. September 1939 begann der seit langem von der NS-Führung geplante Krieg um „Lebensraum im Osten“. Er bildete der Auftakt zu einem schonungslos durchgeführten Vernichtungskrieg gegen Polen.

Der deutsche Einmarsch war begleitet von Exzessen an der polnischen Bevölkerung. Juden wurden auf offener Straße schikaniert und gequält, Synagogen entweiht und zerstört, jüdische Wohngebiete geräumt und ihre Bewohner insbesondere nach 1940 in Ghettos zusammengepfercht. Morde waren an der Tagesordnung: Die den Truppen der Wehrmacht folgenden Einsatzgruppen aus SS und Polizei sowie Einheiten des "Volksdeutschen Selbstschutz" ermordeten 1939 neben Juden auch polnische Politiker, Geistliche, Lehrer und Ärzte, aber auch Arbeiter und Gewerkschafter. Allein bis Ende 1939 töteten sie rund 60.000 Angehörige der polnischen Führungsschicht. 

Schon im Oktober 1939 gliederte das NS-Regime okkupierte polnische Gebiete als Reichsgaue „Wartheland“ und „Danzig-Westpreußen“ an das Deutsche Reich an. Das als „Generalgouvernement“ bezeichnete Restpolen wurde einer deutschen Zivilverwaltung unterstellt. Die ostpolnischen Gebiete fielen an die Sowjetunion, die in Abstimmung mit dem Deutschen Reich gemäß dem deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt den polnischen Nachbarn am 17. September überfallen hatte. Die beiden annektierten Reichsgaue sollten in möglichst wenigen Jahren vollständig „eingedeutscht“ werden. Ab Herbst 1939 deportierten und vertrieben die Besatzer Hunderttausende Menschen in das „Generalgouvernement“. Damit wollten sie Platz schaffen für deutsche Umsiedler, die als Minderheiten östlich der Reichsgrenze lebten.

Das von vielen Deutschen als rückständig beurteilte polnische Nachbarland mit seiner als "minderwertig" angesehenen slawischen Bevölkerung wurde während des gesamten Zweiten Weltkrieges rücksichtslos ausgebeutet. Zwei bis drei Millionen polnische Zivilarbeiter mussten bis 1945 im Deutschen Reich in der Landwirtschaft, Industrie und Verwaltung Zwangsarbeit leisten. Auch im besetzten Polen wurden Millionen von Menschen zu Zwangsarbeit für die Kriegswirtschaft herangezogen. Die deutschen Besatzer raubten und zerstörten einen Großteil der polnischen Kultur- und Wirtschaftsgüter. Mit dem Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion ab Sommer 1941 erfuhren Mord und Terror im besetzten Polen eine weitere Radikalisierung. Im Laufe des Jahres 1941 beschloss die NS-Führung die systematische Ermordung der europäischen Juden. Rund die Hälfte der bis zu sechs Millionen ermordeten Juden stammte aus Polen. Der nationalsozialistische Rassenwahn richtete sich gegen die slawische Bevölkerung Osteuropas in ihrer Gesamtheit. Sie hatte durch Massenmord, Hungertod oder Seuchen den Verlust vieler Millionen Menschen zu beklagen. Im Verhältnis zur Bevölkerungszahl hatte Polen die höchste Opferrate: Fünf bis sechs Millionen Tote entsprachen bis zu 17 Prozent der Vorkriegsbevölkerung Polens. Das Leid und die Trauer um die Opfer sind auch heute noch nach Jahrzehnten in Polen präsent. Zugleich sind die Polen aber auch Stolz auf den Widerstand und den Selbstbehauptungswillen, den sie nach 1939 den deutschen Besatzern entgegengesetzt haben.

Nach 1945 belasteten die durch unterschiedliche Erfahrungen geprägten Erinnerungen an den Krieg, die Besatzungsherrschaft und deren Folgen in Polen und in der Bundesrepublik Deutschland die Beziehungen der beiden Staaten. Eine intensive und in die Öffentlichkeit getragene Beschäftigung mit den deutschen Verbrechen während des Krieges in Polen setzte in der Bundesrepublik nur sehr langsam ein. Die deutschen Opfer von Flucht und Vertreibung standen dagegen viele Jahre im Zentrum westdeutscher Erinnerungskultur. Dass der Vertreibung der Deutschen millionenfaches, durch Deutsche an Polen verursachtes Leid vorangegangen war, blieb weitgehend unbeachtet. Die Annäherung der beiden zudem in unterschiedlichen politischen „Machtblöcken“ integrierten Staaten verlief daher nur sehr schleppend. Zum Symbol eines in der Bundesrepublik veränderten Verantwortungsbewusstseins für die Verbrechen in Polen und während des Zweiten Weltkrieges insgesamt wurde 1970 der demütige Kniefall von Bundeskanzler Willy Brandt vor dem „Denkmal für die Helden des Ghettos“ in Warschau.  

In den frühen 1980er-Jahren stieß dann der Kampf der polnischen Gewerkschaftsbewegung Solidarność um Demokratisierung auf ein breites Echo und viel Sympathie in der Bundesrepublik. Es entstand eine Welle der Solidarität, um die wegen einer Wirtschaftskrise ausgelöste Not in der polnischen Bevölkerung durch Hilfspakete zu lindern. Der „Fall der Mauer“ vor 25 Jahren und die Deutsche Einheit 1990 bedeuteten für das schwierige deutsch-polnische Verhältnis einen Neubeginn auf dem Weg zu „normalisierten Beziehungen“. Mit dem Beitritt Polens zur Europäischen Union 2004, der von Deutschland massiv gefördert worden war, hat die bilaterale Beziehungsgeschichte eine europäische Dimension erhalten. Dennoch kam und kommt es immer wieder zu heftigen Debatten auf dem Feld der Geschichtspolitik – durchaus auch innerhalb der deutschen und polnischen Öffentlichkeit und Medienlandschaft. Trotz politischer Normalisierung und ungezählter freundschaftlicher deutsch-polnischer Kontakte auf privater wie geschäftlicher Ebene zeigen die Debatten, dass angesichts des vor 75 Jahren von Deutschland über Polen gebrachten Leids auch heute noch die „gemeinsame Geschichte von Polen und Deutschen eine schwierige Geschichte“ ist, wie es der damalige polnische Außenminister Wladyslaw Bartoszewski in einer Rede zum Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkrieges und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft am 28. April 1995 im Deutschen Bundestag zum Ausdruck brachte.

Arnulf Scriba
29. August 2014

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