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Dorothea Günther: Das Kriegsende in Potsdam 1945

Dieser Eintrag stammt von Dorothea Günther (*1914) aus Berlin, Juni 2010:

An einem bitterkalten Januartag 1945 sah ich zum ersten Mal Flüchtlinge durch Potsdams Straßen ziehen. Dick vermummt und ganz apathisch saßen Kinder und Alte auf den Wagen, während die, die noch einigermaßen kräftig waren, zu Fuß nebenher zogen. Ich hatte das Gefühl, ihre Reise sei sinnlos und ausweglos. Heulend stand ich am Straßenrand und dachte daran, was wohl noch auf uns zukommen würde.

Am 2. April, Ostermontag, beging mein Vater seinen 60. Geburtstag. Es wurde kein fröhlicher Festtag. Mein Mann Martin und ich waren die einzigen Gäste. Trotz allem hatte Mutter es fertig gebracht, ein festliches Mahl zu zaubern. Es gab sogar Bohnenkaffee, eine Sonderzuteilung nach einem besonders schweren Luftangriff. Vater war nicht zum Volkssturm eingezogen worden, weil seine Gesundheit sehr angeschlagen war. Seine politische Überzeugung - er war NSDAP-Mitglied und seit März 1945 sogar Leiter der Ortsgruppe - geriet in jenen Tagen ins Wanken. Er konnte sich der Realität nicht mehr verschließen und fühlte sich belogen und betrogen An diesem 2. April holte er einen Atlas hervor und ließ sich von Martin den genauen Frontverlauf zeigen. Wir hörten, trotz des strengen Verbots, jeden Abend BBC und waren daher gut informiert. Der Unterschied zu den Berichten des "Völkischen Beobachters" war immens, der gesamte Westen bis Fulda war bereits von den Westalliierten erobert, im Osten hatte die Rote Armee Oder und Neiße überschritten und näherte sich Berlin. Martin sagte Vater auch, dass das Gerede von der deutschen Wunderwaffe, die den Endsieg bringen sollte, ein Täuschungsmanöver sei. Damit schwand Vaters letzte Hoffnung, er sah nun nur noch die "Unterwerfung unter den Bolschewismus" vor sich und meinte, damit würde das deutsche Volk untergehen.

Der Zeitpunkt der endgültigen Niederlage rückte unausweichlich näher. Während im Radio und in den Zeitungen unglaublich geblufft und haarsträubende Durchhaltepropaganda verbreitet wurde, durchlebte ich Phasen der Mutlosigkeit, abgewechselt von optimistischen Stimmungen. Wir sagten uns, dass doch nicht das ganze deutsche Volk untergehen könne. Wir hofften, die westlichen Alliierten mögen schneller sein als die Russen und Berlin zuerst erreichen. Abend für Abend hockten Martin und ich vor dem Radio unter einer wollenen Decke und lauschten den BBC-Nachrichten. Wir beneideten alle Deutschen im Westen, die bereits von Amerikanern und Engländern "erobert" worden waren.

Wir waren ständig zwischen Hoffen und Bangen hin- und hergerissen. Wird Potsdam zur offenen Stadt oder zur Festung? Letzteres würde bedeuten, dass die Stadt "bis zur letzten Patrone" verteidigt wird. Am 23. April 45 hörten wir die Artillerie schon ganz nah, dann eine schwere Explosion: Die Glieniker Brücke war gesprengt worden. Aus der offenen Stadt wird wohl nichts! Einen Tag später wurde die Lange Brücke gesprengt. Die beiden Brücken waren die Verbindungen nach Berlin. Artillerie beschoss Potsdam, Einschlag in der Nähe des Hauses. Die ersten russischen Panzer waren am Bergtheater aufgefahren. Am 26. April eroberten die Russen die Pfaueninsel, der Sturm auf Potsdam konnte jeden Augenblick beginnen.

Am Morgen des nächsten Tages saß die ganze Hausgemeinschaft in Erwartung der Russen im Keller. Von der Alleestraße her wurde das Nauener Tor mit einer Stalin-Orgel beschossen, weil sich dort eine Volksturmabteilung verschanzt haben soll. Bei jedem Schuss bebte unser Haus. Endlich gegen 11 Uhr wurde gegen die Tür gehämmert. Die Russen sind da! Mit erhobenen Händen standen wir aufgereiht. Martin stand vor mir. Mit schussbereiter Waffe wurden wir abgetastet, allerdings nicht nach Waffen, sondern nach Schmuck und Uhren. Der Russe, der uns durchsuchte, trug an jedem Finger einen Ring, am Zeigefinger einen mit einem besonders großen Bernstein. Ich dachte, wenn der Bernsteinfinger jetzt abdrückt, sind Martin und ich wenigstens gleich beide tot. Im Nu war Martins silberne Uhr kassiert - die wertvolle goldene hatte er unter einem Haufen Kohlen im Keller versteckt. Dann stöberten die Russen durch das ganze Haus auf der Suche nach Wertvollem. Und wenn eine Gruppe abgezogen war, kam der nächste Trupp. Wir hatten keinen Strom, kein Gas, kein Wasser. Gekocht wurde auf einer Feuerstelle aus Ziegelsteinen, Wasser wurde von einer Pumpe auf der Straße geholt. Man musste lange anstehen.

Auf der Straße waren noch mehr Trümmer als zuvor, stinkende, aufgequollene Pferdeleiber auf dem Fahrdamm, am Straßenrand ab und zu eine Leiche. Geschäftig bahnten sich die Deutschen mit Körben, Säcken und Taschen ihren Weg. In einer ausgebrannten Zuckerfabrik war noch etwas zu holen. Dort löffelten sie aus einem geborstenen Kellerfenster Kilo um Kilo braunen Zucker heraus. Bald darauf stürzte die Fabrik ganz zusammen und begrub ein paar Plünderer unter sich.

Auf den Rat meiner Schwägerin Elfriedes hin ging ich zu Karstadt plündern. Es war noch früh am Morgen. Die große Eingangstür war eingeschlagen und ich konnte ungehindert in das Kaufhaus hineinspazieren. Überall Leute, die Waren zusammenrafften, von Tisch zu Tisch hasteten. Martin ermunterte mich, in das Wäschegeschäft Wollrichter zu gehen. Er brauchte dringend Unterhosen und ich noch einiges für unser ungeborenes Baby. Zwei junge Frauen aus unserem Haus schlossen sich an. Die beiden schien der Teufel zu reiten, sie hatten sich herausgeputzt mit schwingenden Röcken, während alle anderen Frauen sich das Gesicht mit Asche beschmierten und möglichst in Lumpen herumliefen, um alt und hässlich zu wirken. Vor dem Geschäft saßen Soldaten, die beiden Maruschkas äugelten mit ihnen.

Ich ging in die Wollabteilung und fand schnell Babywolle und eine Babygarnitur. Nun noch die Unterhosen. Ich schaute mich suchend um und erblickte unsere ehemalige Luftschutzwartin, die rief: "Schnell raus hier!" Ich lief Richtung Ausgang und sah, wie die beiden Maruschkas fortgezerrt wurden: "Komm, Frau!" Schreiend und weinend klammerten sie sich an mich: "Helfen Sie uns, Ihnen kann doch nichts passieren!" Gerüchten zufolge sollten Schwangere von Vergewaltigungen verschont bleiben, sie sollten den Russen als unberührbar gelten. Aber das war auch nur so ein Gerücht. Ich ließ mich mitzerren, ohne zu bedenken, dass ich den beiden gar nicht helfen konnte. Es ging eine schmale Wendeltreppe hoch zu einer Soldatenunterkunft. Die Frauen klammerten sich ans Geländer und die Soldaten wurden wütend. Einer zog einen Revolver und zielte auf mich. Ich stammelte auf Russisch, dass ich schwanger sei, das hatte aber überhaupt keine Wirkung. Ich dachte, nun ist alles egal, Martin ist eine vergewaltigte Frau bestimmt lieber als eine tote, und war bereit, mich mitzerren zu lassen. Da kam ein NKWD-Offizier die Treppe hoch und fragte, was los sei. Auch ihm beteuerte ich, dass ich schwanger sei, das war ja auch unübersehbar. Durch Daumenheben entschied er, dass ich gehen durfte, die beiden anderen mussten nach oben. Ich rannte nach Hause. Martin wartete bereits im Hausflur, man hatte ihm erzählt, dass ich vergewaltigt werde. Ich schwor mir, vorläufig nicht wieder aus dem Haus zu gehen.

Die Not schweißte unsere Hausgemeinschaft zu zusammen. Nicht nur, dass wir gemeinsam auf der improvisierten Kochstelle unsere frugalen Mahlzeiten zubereiteten, gemeinsam wurde nach Wasser angestanden und es wurden Ratschläge ausgetauscht. Nun waren wir endlich zu der "Volksgemeinschaft" zusammengewachsen, die von den Nazis jahrelang propagiert worden war. Die erste Welle der Russen, die über uns hereinbrach, hauste fürchterlich. Plünderungen in den Wohnungen und Häusern, wo es sich lohnte, wurden zur Selbstverständlichkeit, jedes nur greifbare weibliche Wesen, vom Kind bis zur Greisin, wurde vergewaltigt. Verzweiflung griff um sich, Selbstmorde häuften sich, besonders in konservativen Familien, für die eine Welt zusammenbrach. Wir hörten, Hitler sei tot und fragten uns, ob es nur ein Gerücht sei. Aber Hitler interessierte keinen mehr. Wir hatten jetzt andere Sorgen und waren damit beschäftigt, die Gegenwart zu bewältigen. An die Bewältigung der Vergangenheit dachten wir nicht, wir planten, wie wir am nächsten Tag satt werden konnten.

8. Mai 1945 - Bedingungslose Kapitulation, in ganz Europa wurden die Kampfhandlungen eingestellt. Der Krieg war tatsächlich zu Ende! Wie hatten wir dieses Ende herbeigesehnt! Aber war nun ein Zustand eingetreten, den wir als Frieden bezeichnen konnten? So schlimm, wie es sich jetzt offenbarte, hatten wir uns die sowjetische Besatzung nicht vorgestellt. Nun war Wirklichkeit geworden, was wir in den letzten Kriegsmonaten manchmal aus Spaß gesagt hatten: "Genießt den Krieg, der Friede wird fürchterlich!"

Die Russen begingen den 8. Mai mit einer großen Siegesfeier - und einem riesigen Besäufnis der Soldaten. Die russische Artillerie schoss Salut, die Luft war die ganze Nacht erfüllt von Singen und Johlen. Ab und zu tauchten am Himmel russische "Nähmaschinen" auf, kleine Kampfflugzeuge, die durch die Luft ratterten und ab und zu eine Splitterbombe warfen. Einfach nur so, zum Spaß! In den beschlagnahmten Wohnungen wurden Gelage gefeiert. Inzwischen boten sich deutsche Frauen freiwillig den Russen gegen Brot und Schnaps an. Aber die Vergewaltigungen schienen dadurch keineswegs weniger geworden zu sein. Über die Russen wurde gespottet. Sie benutzten Badewannen als Latrinen und wüschen Kartoffeln im Klobecken. Wenn die Spülung betätigt würde und die Kartoffeln verschwänden, würden sie "Sabotage!" schreien. Sie seien entzückt über "Lappen vor Fenster" (Gardinen) und "Wasser aus Wand".

Am 8. Mai gaben wir das Kellerasseldasein auf und zogen wieder nach oben. Erst jetzt hatte ich das Gefühl, der Krieg sei überstanden, es kann nur noch besser werden. Auch die Stadt veränderte sich. Die Straßen wirkten aufgeräumter, die Toten waren beseitigt worden, ebenso die Pferdekadaver. Über unsere Straße war ein großes Transparent gespannt, auf dem stand: "Die Hitler kommen und gehen, aber das deutsche Volk bleibt bestehen!" Das fand ich ermutigend.

lo