Deutsches
Historisches
Museum
Streikpostkarten in Frankreich und Deutschland
1884-1914
Friedhelm Boll, Seite 1 3 4 5
Die Attraktivität des Spektakulären

Im Vordergrund der Bildberichte stand naturgemäß das Sensationelle, das spektakuläre Ereignis, der Tumult: der Fenstersturz des Ingenieurs Watrin durch die aufgebrachten Bergarbeiter von Décazeville 1886, der Einsatz der Polizei oder gar der aufmarschierten Truppen, die in kriegsmäßiger Linie aufgereihte Infanterie auf dem Kirchplatz des nordfranzösischen Textilstädtchens Fourmies (1891), mit Darstellung der Fusillade und den 20 erschossenen Maidemonstranten (vorwiegend Frauen, Jugendliche und Kinder), verlassene Hafen- oder Gleisanlagen anlässlich großer Streiks von Hafenarbeitern oder Eisenbahnern, die Tumulte bei Kutscher- oder Trambahnstreiks. Da es sich bei den Darstellungen der achtziger und neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts vorwiegend um Zeichnungen oder um Gravuren - oft nach fotografischen Aufnahmen gestaltet - handelte, konnte der Künstler auch eigene Beobachtungen in die Darstellung mit einbringen. Viele dieser frühen Bilder enthalten daher im Gegensatz zu den späteren Fotografien gestalterische Elemente, wie sie bei Koehler oder Roll bereits Verwendung gefunden hatten: das Steineaufheben oder Steinewerfen (Kellnerstreik in Paris 1888), die geballte Faust, der kampfbereite, mit einem Knüppel bewaffnete Arm, die flüchtenden oder heranlaufenden Personen (Kinder, Polizisten), die blanke Waffe der meist berittenen Polizei, der umgestürzte Baukarren, die miserabel gekleideten Frauen und Kinder (Koehler, die Armen von St. Quentin), die stillende Frau als Ausdruck des Arbeiterelends (Roll).
Derartige Motive, vor allem die in künstlerischer und satirischer Darstellung meist vorhandenen Knüppel- oder Kampfszenen, finden sich bei den ab 1900 aufkommenden Streikpostkarten kaum noch wieder. Zum einen ließen die langen Verschlusszeiten der damaligen Fotoapparate es selten zu, schnelle Bewegungen (laufende Menge, Steinewerfen, schlagende Polizei) zu fotografieren. Außerdem blieben derartige Gewaltvorfälle im Zusammenhang mit Streiks auch in Frankreich äußerst selten. Perrot hat für 1871-1890 konstatiert, dass nur in 3,6 % aller Arbeitskämpfe Gewalt angewandt wurde, bei 5,6 % kam es zu handgreiflichen Auseinandersetzungen zwischen Arbeitern.9


Der Streik als Auslöser für Sozialforschung, Sozialkritik und dokumentarische Bildberichterstattung

"Der Streik ist ein Ereignis, das spricht und von dem man spricht. Seinetwegen und in seinem Umfeld vervielfältigen sich die Beobachtungen, werden die Griffel gespitzt; nicht nur die der Ordnungshüter, auch die der Chronisten und Erzähler, die der Journalisten, die der Streik in die Arbeiterquartiere lockt" (Michelle Perrot).10 Trotz der immer wieder dominierenden Attraktivität des Spektakulären öffnete sich die französische Bildberichterstattung der realistischen oder sozialkritischen Darstellung. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen des Proletariats wurden mit fast jedem der großen Arbeitskämpfe zum Gegenstand ausführlicher Bildberichte. Besonders bekannt wurden die Darstellungen von Bergarbeitertypen, in ihrer traditionellen Bekleidung (mit Lampe und Gerät), unter wie über Tage, als Hauer, Dienstältester, Maschinenführer oder Untertageposten. Auch die über Tage arbeitenden Kohleverleserinnen wurden auf Postkarten abgebildet, ebenso wie ihre führende Teilnahme in einem Streikkomitee.11 Ähnlich berichteten Londoner Zeitungen über die Arbeit der Docker anlässlich des großen Streiks im Londoner Hafen (1889), der zum Wendepunkt der britischen Arbeiterbewegung wurde.
Anlässlich eines Streiks südfranzösischer Glasbläser, der zur Gründung einer berühmten Glasbläser-Kooperative führte, wurde eine Bildserie über diesen Berufszweig veröffentlicht. Auch bei Ausständen von Eisenbahnern und Bauarbeitern wurden Arbeitsplätze und Großbaustellen beschrieben oder zum Beispiel Gefährdungen beim Bau des damals wichtigsten Symbols der Moderne, des Eiffelturms, dargestellt.12 Auf diese Weise unterstützte die bürgerliche Illustriertenpresse die Forderungen gerade der Berg- und Bauarbeiter nach entscheidender Verbesserung des Arbeitsschutzes sowie der Unfall- und Rentenversicherung. Das politisch offenere, parlamentarische System Frankreichs bot den Arbeiterparteien größere Möglichkeiten der gesetzgeberischen Gestaltung als das halbabsolutistische Regierungssystem des Deutschen Kaiserreichs. Ähnliche Bildberichte über Lebens- und Arbeitsverhältnisse lassen sich in den beiden führenden Illustrierten des Kaiserreichs, der Hamburger und der Leipziger Illustrirten Zeitung nicht nachweisen.
Die Information der L'lllustration ging sogar noch weiter. Anlässlich der großen Arbeitskämpfe vor und nach 1890 und im Zusammenhang mit der von der "Großen Depression" ausgelösten Arbeitslosigkeit brachte die Zeitung ausführliche Bildberichte über das Elend der Pariser Armenviertel. Ähnliche sozialkritische Serien kennen wir in Deutschland allenfalls in der bildenden Kunst, so von Käthe Kollwitz oder Heinrich Zille, der für seine Zeichnungen ebenfalls fotografische Vorlagen benutzte. Dennoch fällt auf, dass der enge Zusammenhang von Streik und sozialdokumentarischer bzw. sozialkritischer Bildberichterstattung in den Printmedien Deutschlands bis 1914 kaum nachvollzogen wurde.13


Die Selbstdarstellung

Wollte man dem verzerrten, tumulthaften Image des Streiks entgegenwirken, so blieb nur der Weg über andere Bilder, d. h. über eine dokumentarische Darstellung. Dies macht den großen Wert der Streikpostkartensammlungen aus. Naturgemäß waren auch diese Fotos geprägt vom Blick des Fotografen (bürgerlicher Herkunft), der das Ereignis des Streiks zum Anlass seiner Bildberichte nahm. Die von ihm oder einem lokalen Verlag produzierten Postkarten dienten jedoch weniger der überregionalen Sensationspresse als dem lokalen Markt, dem Käufer. Dies konnte sowohl der einfache Soldat sein, der Grüße von seinem außergewöhnlichen Einsatz nach Hause sandte, wie auch der Konsument, der über chaotische Verkehrsverhältnisse anlässlich eines Trambahnstreiks erregt oder belustigt war. Vielfach aber nutzten Streikende, Streikführungen und auch Politiker das neue Postkartenmedium zur Selbstdarstellung. Somit bot sich auf Grund der stetig verbesserten Reproduzierbarkeit der Fotografie ab etwa 1900 eine neue Dimension: Die Streikenden konnten der bildnerischen Fremdbestimmung durch die Medien entgehen und zumindest teilweise die eigene Sicht der Dinge aufzeigen und propagieren. Die Bildpostkarte wurde - wie beispielsweise in Fougères oder Mazamet - zu einem wichtigen Dokument für die eigene Sache und die eigenen Forderungen: Mit diesen Bildern, selbst mit den schrecklichsten - z. B. von der größten Bergwerkskatastrophe der Zeit in Courrières mit 1100 Toten -, konnte man Werbung machen. Die hier beispielhaft herausgegriffene Serie der Streikpostkarten von Fougères wurden im ganzen Land vertrieben, vor allem in Paris, um Streikunterstützungen zu sammeln. Die Bildserie verdeutlicht: Der Arbeitskampf zog sich 98 Tage hin, der Ausschuss für Arbeit und Nationalversammlung besuchte die Schuhstadt, die Stadtverwaltung ließ Brot an die Streikenden verteilen, die katholischen Schulen ernährten die nicht aufs Land oder nach Rennes verbrachten Kinder. Eine enorme Solidaritätswelle ergriff ganz Frankreich (und Teile der ausländischen Arbeiterbewegung). In Paris wurden Benefiz-Konzerte abgehalten, unter anderem von der Comédie Franšaise, von der Oper und von einer berühmten Schauspielerin im Theater am Montmartre (ebenfalls als Werbepostkarte verbreitet). Die Rückkehr der Kinder aus Rennes wurde festlich begangen und von den Bürgern Jaurès und Benezech begleitet.
 
Streikkomitee in Donai, 1906
Streikkomitee in Donai, 1906.
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Streik in Fougères, 1906

Streik in Fougères, 1906.
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Streik in Fougères, 1906

Streik in Fougères, 1906.
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Die Kinder der Streikenden von Graulet,
                1908/09

Die Kinder der Streikenden von Graulet, 1908/09.
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Buchdruckerstreik in Wien, 1914

Buchdruckerstreik in Wien, 1914.
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Streik der Knopfarbeiterinnen in Méru,
                1909

Streik der Knopfarbeiterinnen in Méru, 1909.
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Streik der Bauarbeiter in Zittau.

Streik der Bauarbeiter in Zittau
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Auszahlung der Unterstützung

Auszahlung der Unterstützung für streikende Bauarbeiter in Zittau.
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Feldwache streikender Bauarbeiter

Feldwache streikender Bauarbeiter in Zittau.
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