Wie man sich auf der documenta von der NS-Vergangenheit abgrenzte und den Schulterschluss mit Nordamerika suchte

Julia Voss | 25. Juni 2021

In ihrer Rede, die sie bei der Eröffnung von „documenta. Politik und Kunst“ am 16. Juni 2021 hielt, nimmt uns Prof. Dr. Julia Voss, Co-Kuratorin mit in die Ausstellung.

Willkommen in der Ausstellung!

In unserer Ausstellung treffen Kunstwerke und Archivfunde aufeinander und dieser Beitrag bietet die Gelegenheit, auf einige davon hinzuweisen: Wenn Sie also in unsere Ausstellung gehen, den ersten Raum durchlaufen und dann in die Sektion zu „documenta und Nationalsozialismus“ einbiegen, dann halten Sie bitte Ausschau nach der „Schwangeren“, einer Tonskulptur der deutschen Bildhauerin Emy Roeder. Sie werden vor einem weißen Sockel stehen, in eine Glasvitrine blicken, in das Gesicht der Schwangeren, ein ernstes und sorgenvolles Gesicht.

Warum ist dieses Gesicht so bedeutungsvoll? Emy Roeder ist die Künstlerpersönlichkeit, die mich dazu gebracht hat, mich mit den Lücken der documenta zu beschäftigen. Roeder ist Bildhauerin, geboren 1890, in Würzburg. In den dreißiger Jahren wird ihre Kunst von den Nationalsozialisten als „entartet“ verfemt. Die kleine „Schwangere“ wird beschlagnahmt und auf die Propaganda-Schau „Entartete Kunst“ geschickt. 1955, fast zwei Jahrzehnte später, reist eine Holzfassung der „Schwangeren“ nach Kassel, zur ersten documenta.

Was Emy Roeders Kunst besonders macht, macht auch Emy Roeders Haltung in der Nachkriegszeit besonders. Die Tonfassung der „Schwangeren“ ist nur noch als Fragment überliefert, aber im Original legt sie ihre Hand auf den leicht gewölbten Bauch. Sie ist Hüterin eines anderen Lebens, sie ist Zeugin, sie trägt Sorge dafür. Eben diese sorgende Zeugenschaft prägt auch Emy Roeder als Person. Roeder schreibt in der Nachkriegszeit viele Briefe, die ich in Archiven in München, Würzburg und Berlin gelesen habe, und in denen sie von Ereignissen berichtet, an die sich viele nicht mehr erinnern wollen. Einen dieser Briefe stellen wir auch aus.

In ihren Briefen berichtet Roeder, was in den vierziger Jahren passiert ist. Sie erzählt die Geschichten, die sich in ihrem Bekannten- und Freundeskreis ereignen. Sie erzählt aus Florenz, wohin nicht nur sie gegangen ist, sondern auch Werner Haftmann, der Kunsthistoriker und spätere Mitbegründer der documenta in Kassel. Sie erzählt von ihrem jüdischen Malerfreund Rudolf Levy, der 1940 auch in Florenz ankommt. Sie erzählt von seiner Kunst, die sie begeistert. Und sie erzählt von Levys Verhaftung durch zwei SS-Männer in Florenz im Jahr 1943 und seiner Deportation nach Auschwitz, die er nicht überlebt.

In der Schau zeigen wir die Gemälde von Levy, die Roeder so begeistern. Auch diese Kunstwerke lege ich Ihnen ans Herz: Alle stammen aus Levys Zeit in Florenz und in ihnen schildert er die Stationen seiner klein gewordenen Welt. Die italienische Stadt ist der letzte Zufluchtsort auf seiner langen Irrfahrt durch zahlreiche Exilorte. 1943, als deutsche Truppen Florenz besetzen, malt er sein letztes bewegendes Selbstporträt. Auch dieses können Sie in unserer Ausstellung sehen.

Wie wir mit weiteren Dokumenten in unserer Schau belegen können, kannte auch Werner Haftmann den Maler Levy. Auf der documenta in Kassel aber werden Levys Werke nicht gezeigt, obwohl man vorgibt, die Geschichte der Moderne „dokumentieren“ zu wollen. Die ermordeten Künstler passen jedoch nicht in die Erinnerungspolitik, wie sie Haftmann für die Kunstgeschichte und für die documenta entwirft. Als Leiter eines Bandenjagdkommandos gegen Partisanen war Haftmann selbst 1944 in Italien an Folter von Partisanen und dem Mord an Zivilisten beteiligt, wie wir durch die Recherchen des Historikers Carlo Gentile wissen.

Nach dem Krieg verschweigt Haftmann seine Mittäterschaft an den Gewaltverbrechen der NS-Zeit. Und ermordete Künstlerinnen und Künstler tauchen auf der documenta nicht auf. Erinnert wird an Verfemung von Kunst, nicht jedoch an Mord. Die Lücke, die Haftmann in der eigenen Biografie lassen will, lässt er auch in seiner Rekonstruktion der Moderne.

Wenn Sie nun in unserer Ausstellung weitergehen, in die Sektion über die documenta und den „Westen als politisches und kulturelles Programm“, die mein Kollege Lars Bang Larsen kuratiert hat, dann gibt es auch dort zwei Werke, die ich gerne herausheben möchte: Treten sie also in den Raum mit den Gemälden der Abstraktion, die in der Bundesrepublik und in den Vereinigten Staaten nun zur Weltsprache erklärt wird. Die Abstraktion soll in der Kunst als Bollwerk gegen Sozialismus und Kommunismus dienen. Auf der documenta wird sie als Inbegriff moderner Kunst und als Ausdruck des Individuums verehrt – vor allem des männlichen Individuums. Und vielleicht finden Sie in unserer Ausstellung das abstrakte Gemälde, das auf der ersten documenta gezeigt wurde und doch gar nicht zu dieser antikommunistischen Auffassung passt. Zu sehen sind ein Hochformat und eine schwarze Gitterstruktur, die mit schnellen Pinselstrichen gemalt wurde. Das Bild trägt den Titel „Sedia elettrica“, elektrischer Stuhl. Gemalt hat es Emilio Vedova und gewidmet hat es der italienische Künstler dem Ehepaar Ethel und Julius Rosenberg, die als sowjetische Spione 1953 im Bundesstaat New York hingerichtet wurden.

Aber lassen sie mich auch kurz über die andere Seite der documenta sprechen: das Heitere der Ausstellung, Einladende, Festivalhafte, Anti-museale, das durch Arnold Bodes Ideen und sein Design geprägt wurde. „Ganz doll“ schriebt der siebzehnjährige Heiner Georgsdorf beim Besuch 1955 in den Taschenkalender, den wir zeigen. Und „Ganz doll“ waren auch noch zwanzig Jahre später die farbenfrohen und eleganten Entwürfe für den Plan, die documenta nach Philadelphia zu schicken. Auch diese finden sie in der von Lars Bang Larsen kuratierten Sektion. Die documenta sollte 1975 der Beitrag der Bundesrepublik zur 200-Jahrfeier der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung sein. Die documenta wäre dann in Philadelphia zwischen Paradeuniformen und Umzugswagen aufgetreten – leider kam es anders.


Empfohlener Inhalt

Pressekonferenz zur Ausstellung „documenta. Politik und Kunst“ am 16. Juni 2021