
Rostige Parteiabzeichen? Vom Sammeln von Objekten zum Nationalsozialismus im Deutschen Historischen Museum
Sören Kutzner und Dr. Thomas Weißbrich | 25. Februar 2026
Im Rahmen der Blogserie zur Arbeit der Sammlungen im Deutschen Historischen Museum (DHM) geht es um zentrale Punkte wie den Entscheidungen für oder gegen die Aufnahme von Objekten, um die unterschiedlichen Wege der Zugänge, die sich ändernden Forschungsfragen an die Sammlungen, um die Erforschung der Herkunft der Objekte und viele weitere Aspekte.
Sören Kutzner, ehemaliger Volontär der Abteilung Sammlungen, und Dr. Thomas Weißbrich, Leiter der Sammlung Militaria, widmen sich einer besonderen Objektkategorie, die immer wieder Fragen aufwirft, ob und wie man sie in die Museumssammlungen aufnehmen sollte.
Fundstücke
Es beginnt mit einem Anruf oder einer E-Mail, die eine Schenkung ankündigen, oder einem Umschlag ohne Absender, der per Post eintrifft. Auf verschiedenen Wegen erreichen das DHM immer wieder Gegenstände aus der Zeit des Nationalsozialismus. Die Spannweite der Angebote ist breit, es sind Einzelstücke oder umfangreiche Ensembles, Alltags- und Gebrauchsgegenstände, Kleidungsstücke, amtliche Dokumente, private Fotoalben, Bücher, Zeitungen und Zeitschriften sowie Abzeichen.
Die Abgabe solcher Dinge hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen, ein Effekt, der mit dem fortschreitenden Verschwinden der Zeitzeugengeneration und Veränderungen in der Erinnerungskultur zusammenhängt. Persönliche Gegenstände, nicht selten über mehrere Jahrzehnte in Schränken, auf Dachböden oder in Kellern aufbewahrt, gelangen nach dem Tod ihrer Besitzer in die Hände nachfolgender Generationen. Viele dieser Erbstücke werfen Fragen nach der Haltung der Vorfahren zum Nationalsozialismus auf und damit, was nun damit zu tun sei, insbesondere, wenn auf ihnen deutlich sichtbar nationalsozialistische Symbole prangen. Für manche steht dann schnell fest, dass sie diese Sachen nicht behalten möchten. Während es bei den einen schlichtweg Desinteresse ist, handelt es sich bei anderen um ein Geschichtsbewusstsein und eine tiefe Abneigung gegenüber allem, was mit dem Nationalsozialismus in Verbindung steht.
Doch oft bestehen Bedenken, diese Erbstücke wie andere Antiquitäten in den Handel zu geben. Die weit verbreitete Vorstellung, dass diese Sachen so in „falsche Hände“ gelangen und Rechtsextremisten zur Verherrlichung des Nationalsozialismus dienen könnten, ist für viele nur schwer zu ertragen. Moralische Erwägungen führen zur Auffassung, mit Gegenständen nationalsozialistischer Provenienz kein Geld machen zu wollen. Auktionen, auf denen Uniformen prominenter Politiker oder Militärs angeboten und für hohe Summen verkauft werden, lösen daher vielfach Empörung aus. Mit dem Gros der heutzutage noch in Haushalten überlieferten Objekte lassen sich indes keine Spitzenpreise erzielen. Dass bei Auktionen auch Bieter mit ideologischer Motivation mitmischen, ist nicht auszuschließen, fest steht aber auch, dass es viele Sammler ohne einen solchen Antrieb gibt.
Was für eine Rolle nationalsozialistische Relikte tatsächlich in den rechtsextremistischen Szenen spielen, lässt sich nur schwer ermitteln. In Deutschland ist das öffentliche Zeigen von den als verfassungsfeindlich geltenden NS-Symbolen laut Strafgesetzbuch verboten. Daher bedienen sich Rechtsextreme neuer Zeichen.[1] In vielen anderen europäischen Ländern und den Vereinigten Staaten von Amerika ist das Tragen dieser Symbole allerdings nicht explizit verboten.
In der Abgabe der Erbstücke an ein Geschichtsmuseum sehen manche Erben einen Ausweg aus dem empfundenen Dilemma. Häufig ist damit auch der Wunsch verbunden, die Sachen an einen Ort zu geben, an dem sie vor Missbrauch sicher aufbewahrt werden. Hinzu kommt die Überlegung, sie der Forschung oder für Ausstellungen zur Verfügung zu stellen und so zur Aufklärung beizutragen. Über die Annahme der Angebote entscheiden unter Erwägung verschiedener musealer Aspekte wie dem Erhaltungszustand und dem Restaurierungsbedarf die für die Sammlungen zuständigen Leiterinnen und Leiter – das sind beim DHM die Bereiche Alltagskultur, Militaria, angewandten Kunst und Grafik, Gemälde und Skulpturen, Dokumente, Finanz- und Wirtschaftsgeschichte, Fotografie, Plakate und Postkarten sowie die Bibliothek.
Sammeln im Museum
Die Sammlung des DHM verdankt ihre Facetten auch den vielen Schenkungen; das bedeutet, sie ist in gewissem Maße von Zufällen geprägt. Im Falle nationalsozialistischer Objekte führt das dazu, dass beispielsweise seltene Auszeichnungen selten vertreten sind, massenhaft verliehene massenhaft. Zu den mehrfach vorhandenen Stücken gehört das „Ehrenkreuz der deutschen Mutter“, dessen drei Klassen Bronze, Silber und Gold zwischen 1938 und 1945 rund fünf Millionen Mal verliehen worden sind (Abb. 1).[2] Zu den raren Auszeichnungen zählt das 1944 nach dem misslungenen Attentat auf Adolf Hitler (1889-1945) gestiftete „Verwundetenabzeichen 20. Juli“, von dem es nur 24 Verleihungen gab, die sich allesamt in privaten Sammlungen befinden.[3]

Von besonderem Interesse für das Museum sind Stücke, die in einem biografischen Kontext stehen und mit individuellen Geschichten verbunden sind – was jedoch inzwischen nach rund 90 Jahren nur noch in Ausnahmefällen möglich ist. Doch solche Verknüpfungen sind es, die sie zu aufschlussreichen Quellen machen. Sie ermöglichen Annäherungen an den Alltag im NS-Regime und ergeben bisweilen überraschende Perspektiven – etwa das NSDAP-Parteiabzeichen, das nur einmal getragen wurde und danach in der Schublade verschwand oder das beim Einkaufen angesteckte „Ehrenkreuz der deutschen Mutter“, das gezielt genutzt wurde, um im Lebensmittelgeschäft nicht in der Schlange stehen zu müssen, was Ärger unter den schon länger Wartenden auslöste.[4] Aus der Nachkriegszeit stammt die mit einer prächtigen Gauleiter-Ausgabe von „Mein Kampf“ verbundene Erzählung, dass das Buch jahrelang dem im Kindergarten auftretenden Nikolaus als Sündenregister diente. Ergänzend zu den Schenkungen, die rund zwei Drittel der Museumsobjekte ausmachen, erwirbt das DHM gelegentlich auch gezielt einzelne Objekte aus dem Kontext des Nationalsozialismus, hält sich als staatlich gefördertes Museum damit jedoch zurück.[5]
Zudem hat das DHM auch zahlreiche Dauerleihgaben aus dem Eigentum der Bundesrepublik. Dazu gehören Einzelstücke wie ein von Albert Speer (1905-1981) entworfener Schreibtisch für die Neue Reichskanzlei (Abb. 2) und zwei große Kunstsammlungen: Zum einem die „German War Art Collection“, ein Konvolut von Gemälden und Grafiken deutscher Künstler, das nach dem Zweiten Weltkrieg von der US Army beschlagnahmt und später bis auf wenige Ausnahmen restituiert worden ist.[6] Die andere umfangreiche Dauerleihgabe des Bundes bilden Kunstwerke, die das Deutsche Reich auf den Münchner „Großen Deutschen Kunstausstellungen“ in den Jahren zwischen 1938 und 1944 erwarb.

Kontraste
Außer propagandistischen Gemälden wie „Kämpfendes Volk“ von Hans Schmitz-Wiedenbrück (1907-1944) (Abb. 3) sind es die vergleichsweise unscheinbaren Dinge, die aufgrund ihrer Zurückhaltung aussagekräftig sind, etwa die für das „Winterhilfswerk des Deutschen Volkes“ verkauften und zur Bildung der „Volksgemeinschaft“ beitragenden Anhänger (Abb. 4).


Das Sammeln zum Thema Nationalsozialismus kann sich natürlich nicht nur auf genuin nationalsozialistische Objekte beschränken. Um die historische Komplexität der Verhältnisse annährend erfassen zu können, bemüht sich das Museum, ein breites Spektrum abzubilden. Der aktuelle Sammlungsbestand profitiert in dieser Hinsicht von der 1990 übernommenen Sammlung des „Museum für Deutsche Geschichte“, des zentralen Geschichtsmuseums der DDR.[7] Denn eines der grundlegenden Themen dieses Museum war der für das Selbstverständnis der DDR substanzielle Antifaschismus.[8] Da ein entsprechender Fokus auf der Sammlungsarbeit lag, wurden zahlreiche Objekte zusammengetragen, insbesondere um den von Kommunisten geführten Kampf gegen das NS-Regime zu belegen. Aus dem Fundus des sozialistischen Geschichtsmuseums stammen beispielsweise Gegenstände aus dem persönlichen Besitz des KPD-Vorsitzenden Ernst Thälmann (1886-1944) oder vom paramilitärisch organisierten „Roten Frontkämpferbund“, vieles davon feierlich von Zeitzeugen übergebene Schenkungen oder Überweisungen staatlicher Institutionen.[9]
Den Bereich des jüdischen Lebens im Nationalsozialismus, der für das Ostberliner Geschichtsmuseum mit seiner marxistisch-leninistischen Sicht kaum von Bedeutung gewesen war, bringt das DHM seit seiner Gründung 1987 ein.[10] Zu den frühen und herausragenden Erwerbungen gehört das Gemälde „Kauernder Gefangener“ (Abb. 5) des jüdischen Malers Felix Nussbaum (1904-1944). Im Jahre 2021 erwarb das DHM die umfangreiche, über Jahrzehnte zusammengetragene Sammlung Wolfgang Haney (1924-2017) zum nationalsozialistischen Antisemitismus, die hauptsächlich aus Dokumenten besteht.[11]

Während alle diese großen und kleinen, unikalen und massenhaft produzierten Objekte nach den Sammlungsbereichen getrennt im Depot aufbewahrt werden, sind es die Ausstellungen, die sie (wieder) in die Öffentlichkeit bringen. Das geschah in der Dauerausstellung (2006-2021) und in mehreren Sonderausstellungen wie „1.9.39. Ein Versuch über den Umgang mit Erinnerungen an den 2. Weltkrieg“ (1989), „Holocaust. Der nationalsozialistische Völkermord und die Motive seiner Erinnerung“ (2002) oder „Hitler und die Deutschen. Volksgemeinschaft und Verbrechen“ (2010/11).[12] In den vergangenen Jahren waren insbesondere Kunstwerke aus der „German War Art Collection“ und dem „Haus der Deutschen Kunst“ als Leihgaben im benachbarten Ausland zu sehen, zuletzt in der Schau „Art in the Third Reich“ (2023) im niederländischen Arnheim.[13] Hier gingen die Ausstellungsmacher Fragen nach „Verführung und Ablenkung“ nach und warfen so neue Perspektiven auf das Schaffen nationalsozialistischer Künstler.
Ausstellungen setzen die verschiedenen Exponate zueinander in Beziehung, um sie zu verstärken oder um Gegensätze zu bilden, sie erläutern ihre Geschichten mit Hilfe von Bildern und Texten, durch Medientechnik oder bei Führungen. Hierfür können die Kuratorinnen und Kuratoren auf eine reichhaltige Museumssammlung zurückgreifen. Ihre Auswahlmöglichkeiten vergrößern sich ständig – nicht zuletzt durch immer wieder neue „Fundstücke“.
Wenn Sie Objekte aus der Zeit des Nationalsozialismus besitzen und darüber nachdenken, diese dem DHM zu übergeben, setzten Sie sich bitte mit der Abteilung Sammlung in Verbindung. Am besten richten Sie Ihr Anliegen per Email an sammlung@dhm.de.
[1] Vgl. Steven Heller, The Swastika and Symbols of Hate. Extremist Iconography Today, New York 2019.
[2] Vgl. Jörg Nimmergut, Deutsche Orden und Ehrenzeichen bis 1945, Bd. IV., München 2001, S. 1937-1941.
[3] Vgl. Jörg Nimmergut, Deutsche Orden und Ehrenzeichen bis 1945, Bd. IV., München 2001, S. 2225-2232.
[4] Vgl. Irmgard Weyrather, Muttertag und Mutterkreuz. Der Kult um die „deutsche Mutter“ im Nationalsozialismus, Frankfurt a.M. 1993, S. 155-156.
[5] Vgl. Burkhardt Asmuss, „Chronistenpflicht“ und „Sammlerglück“. Die Sammlung „Zeitgeschichtliche Dokumente“ am Deutschen Historischen Museum, in: Zeitgeschichtliche Forschungen 4 (2007), S. 177-188.
[6] Vgl. Veit Veltzke (Hg.), Kunst und Propaganda in der Wehrmacht. Gemälde und Grafiken aus dem Russlandkrieg, Bielefeld 2005.
[7] Vgl. https://www.dhm.de/museum/geschichte-und-architektur/geschichte/
[8] Vgl. Herfried Münkler, Die Deutschen und ihre Mythen, Berlin 2009, S. 421-453.
[9] Vgl. https://www.dhm.de/blog/2022/04/13/wie-die-turnhose-ernst-thaelmanns-ins-museum-kam-eine-schenkung-des-instituts-fuer-marxismus-leninismus-an-das-museum-fuer-deutsche-geschichte/
[10] Vgl. https://www.dhm.de/museum/geschichte-und-architektur/geschichte/
[11] Vgl. https://www.kulturstiftung.de/sammlung-haney-dhm/
[12] Vgl. Hans Ottomeyer / Hans-Jörg Czech, Deutsche Geschichte in Bildern und Zeugnissen, Berlin / Wolfrathshausen 2007; Dieter Vorsteher u.a. 1.9.39. Ein Versuch über den Umgang mit Erinnerungen an den 2. Weltkrieg, Berlin 1989; Burkhardt Asmuss (Hg.), Holocaust. Der nationalsozialistische Völkermord und die Motive seiner Erinnerung, Berlin 2002; Hans-Ulrich Thamer / Simone Erpel (Hg.), Hitler und die Deutschen. Volksgemeinschaft und Verbrechen, Dresden 2010.
[13] Vgl. Jelle Bouwhuis / Almar Seinen, Art in the Third Reich. Seduction and Distraction, Zwolle 2023.
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Dr. Thomas WeißbrichDr. Thomas Weißbrich ist Leiter der Militaria-Sammlung im DHM, die Uniformen, Fahnen, Orden, Ehrenzeichen und Uniformkundliche Graphik umfasst. |
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Sören KutznerSören Kutzner ist ehemaliger wissenschaftlicher Volontär der Abteilungen Sammlungen des Deutschen Historischen Museums |

