Farbe bekennen

Mit diesem Wahlplakat ging die NSDAP auf Stimmenjagd für die Reichstagswahlen am 5. März 1933. Adolf Hitler war bereits Reichskanzler, die NSDAP hatte jedoch keine parlamentarische Mehrheit im Reichstag. Die Nationalsozialisten bekannten mit diesem Plakat buchstäblich Farbe - und sagten mit wenigen Worten viel über ihr politisches Programm aus.

(Wahl-)Werbung arbeitet oft mit einem Wiedererkennungseffekt. So auch die Gestalter dieses Plakates:

Diesen Mann kannte 1933 nahezu ganz Deutschland. Paul von Hindenburg hatte als Generalfeldmarschall des Deutschen Kaiserreichs eine entscheidende Rolle im Ersten Weltkrieg (1914-1918) gespielt und wurde von vielen Deutschen als Held gefeiert. Die Niederlage Deutschlands im Weltkrieg leugnete er  auch das brachte ihm Sympathien ein. 1925 wählte ihn eine Mehrheit der Deutschen zum Präsidenten der Weimarer Republik.

Ein adeliger Monarchist als Chef der Demokratie.

Hindenburg stand für das, was viele Deutsche in der Weimarer Republik vermissten: den Ruhm und Glanz des Kaiserreichs, kurz, die verklärte "gute alte Zeit", als das Deutsche Reich noch eine Großmacht war. 

Das Wahlplakat nimmt genau hierauf Bezug. Denn zwischen den Hakenkreuzflaggen ist auch diese hier zu erkennen:

Die schwarz-weiß-rote Flagge war seit 1867 Erkennungszeichen des Norddeutschen Bundes und wurde nach der Gründung des Kaiserreiches offizielle Reichsflagge. Ebenfalls zu sehen ist hier die Reichskriegsflagge, wie sie im Ersten Weltkrieg mitgeführt wurde.


Die Farben Schwarz-Rot-Gold sind auf dem Wahlplakat hingegen nicht zu sehen, auch wenn sie noch bis zum 12. März 1933 die offiziellen Farben der Weimarer Republik waren. Auch hiermit bezogen die Nationalsozialisten Position: Seit 1813 wurden diese Farben von Personen und Gruppen gezeigt, die für ein geeintes Deutschland, einen Nationalstaat eintraten. So wie dieser Revolutionär hier.

Während der Revolution von 1848 wurde Schwarz-Rot-Gold zur offiziellen Flagge und stand von da an für Verfassung, Volkssouveränität, politische Mitbestimmung und die Gewährleistung von Grundrechten – Werte, die von den Nationalsozialisten abgelehnt wurden.

Die Mehrheit des Kaiserreichs wie auch die Nationalsozialisten lehnten die liberal-bürgerlichen Revolution von 1848 und ihre Werte ab und so sind sowohl die Flagge des Kaiserreichs als auch die Hakenkreuzflagge schwarz-weiß-rot.

Dieses im Wahlplakat gemachte Versprechen war vielen Deutschen jedoch wohlbekannt. Es kann als Anspielung auf das Lied der Deutschen verstanden werden, das Hoffmann von Fallersleben am Vorabend der Revolution von 1848 schrieb:

„Einigkeit und Recht und Freiheit“

                  Hoffmann von Fallersleben, Das Lied der Deutschen, dritte Strophe

Wie so oft bezogen sich die Nationalsozialisten auf Traditionen der deutschen Geschichte, interpretierten sie jedoch neu oder änderten sie in ihrem Interesse ab. So auch hier: das entscheidende Wort der dritten Strophe des Deutschlandliedes wird unterschlagen: von Recht ist im Wahlplakat keine Rede mehr.

Indem das Plakat sich auf das Neue, symbolisiert durch die Hakenkreuzfahne, und das ganz Alte, symbolisiert durch die Kaiserreichsflagge, bezieht und gleichzeitig das Mittlere, nämlich die Weimarer Republik mit der ersten deutschen Demokratie von 1919 bis 1933 völlig ausblendet, dürfte es einem Teil der Deutschen aus dem Herzen gesprochen haben.

Längst nicht alle Parteien der Weimarer Republik und auch nicht die Mehrheit aller Deutschen hätten einen solchen Eid geschworen, wie es das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold mit dieser Fahne tat. Diese Organisation stand der SPD nahe, die zusammen mit der DDP und einem Teil des Zentrums zu den uneingeschränkten Befürwortern der Republik und ihrem demokratischem Prinzip gehörten.

Gemeinsam war diesen Gruppen auch die Ablehnung der autoritären und obrigkeitsstaatlichen Traditionen des Kaiserreichs und seiner Symbole.

Bei den Diskussionen um die neue Nationalflagge konnte sich 1919 eine knappe Mehrheit mit den Farben Schwarz-Rot-Gold durchsetzen. Die Beibehaltung der Kaiserreichsflagge wurde abgelehnt, da sie in ihren Augen die Monarchie, das Alte, das Militaristische, kurz das Undemokratische repräsentierte. 

Ein Kompromiss wurde  jedoch für die Handelsflagge gefunden. International sollte diese Kombination beider Flaggen zu sehen sein:

Zumindest im Ausland wurden mit dieser Flagge die Tradition und wohl auch der Geltungsanspruch des Kaiserreichs hochgehalten. Die Republik ist nur ein Detail in der linken oberen Ecke.

Ein Konsens war damit aber nicht erreicht. Zahlreiche Vereine und konservative Kreise nutzten jede Gelegenheit, mit Schwarz-Weiß-Rot in der Öffentlichkeit Flagge zu zeigen und sprachen sich so gegen eine schwarz-rot-goldene Lösung aus.

 

 

 

Wahlplakate wie das der konservativen DNVP verspotteten den kleinen Reichsadler als gerupften Geier, der in den Fesseln der schwarz-rot-goldenen Farben verheddert und dem Jadgvogel auf der schwarz-weiß-roten Flagge unterlegen sei.

1926 eskalierte der Streit um die offiziellen Farben. Von deutschen Auslandsvertretungen musste nun die schwarz-weiß-rote Flagge als offizielle Flagge neben der schwarz-rot-goldenen benutzt werden.

Dieses von Hindenburg unterzeichnete Gesetz führte zu massiven Protesten. Reichskanzler Luther musste zurücktreten, aber die Verordnung blieb. Schwarz-Rot-Gold hatte damit den Kampf verloren - und damit auch die Ideen der Republik an Boden.

Endgültig entschied Paul von Hindenburg die Flaggenfrage am 12. März 1933. Er verfügte, dass „vom morgigen Tage an bis zur endgültigen Regelung der Reichsfarben die schwarz-weiß-rote Fahne und die Hakenkreuzflagge gemeinsam zu hissen sind.“

Nach Hindenburgs Tod machte Adolf Hitler das Hakenkreuz dann zur alleinigen deutschen Nationalflagge. Bereits vor diesen Erlassen flaggten öffentliche Gebäude aus eigener Initiative das Hakenkreuz.

Zwischen dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der Gründung der beiden deutschen Staaten 1949 gab es keine deutschen Hoheitszeichen. Es wehten die Flaggen der vier Alliierten: der USA, Großbritanniens, Frankreichs und der UDSSR  bisweilen von Deutschen handgefertigt wie diese vier Exemplare.

Sowohl die Bundesrepublik als auch die DDR votierten 1949 für Schwarz-Rot-Gold. Einhellig geschah dies jedoch in keinem der beiden deutschen Staaten. Die Bezugnahme auf die Tradition von 1848 und der Weimarer Republik sollte allerdings in beiden politischen Systemen eine wichtige Rolle spielen.

Der westdeutsche parlamentarische Rat verwarf diese von der CDU vorgeschlagene Fahne. Sie war von Josef Wirmer, einem Mitglied des Widerstands gegen den Nationalsozialismus, entworfen worden. Die Mehrheit stimmte für die Flagge der Weimarer Republik.

Die zunehmenden Differenzen zwischen beiden deutschen Staaten fanden dann 1959 auch in der bis dahin identischen Flagge mit Hammer Zirkel und Ährenkranz ihren Ausdruck. Künftig sah die Flagge der DDR so aus:

Vor allem die DDR hielt das Andenken an die Märzrevolutionäre von 1848 hoch. So hoch, dass das Museum für deutsche Geschichte der DDR 1977 die schwarz-rot-goldene Hauptfahne des Hambacher Festes von 1832 neu anfertigen ließ und in seiner Ausstellung zeigte.

Auch in der Bundesrepublik waren und sind Schwarz-Rot-Gold und Schwarz-Weiß-Rot sowie die politischen Symbole des Kaiserreichs immer wieder Mittel, um in der politischen Auseinandersetzung Farbe zu bekennen. Oder auch, um Verbote verfassungsfeindlicher Symbole zu umgehen.

 

 

 

Sei es wie auf diesem Plakat als Protest gegen Berufsverbote im öffentlichen Dienst für Mitglieder kommunistischer Vereinigungen aus dem Jahre 1972.

Sei es auf Demonstrationen von Neonazis, die die schwarz-weiß-rote Flagge des Kaiserreichs oder  illegalerweise  die Reichskriegsflagge mitführen.


Sei es im Rahmen der Pegida-Bewegung“ oder bei Veranstaltungen des  rechtspopulistischen Deutschen Kollegs, die die Gründung eines Vierten Reiches verfolgen und dabei die Flagge Josef Wirmers zeigen. 

Damit behaupten sie, in der Tradition des Widerstandes gegen das nationalsozialistische Regime zu stehen und begründen so ihren Kampf gegen die, in ihren Augen vermeintlich unrechtmäßige, Bundesregierung.

Andreas Hawner
25. September 2019

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