Reaktionszeit und Nationalstaatsbildung 1850-1870

Nach der Niederschlagung der Revolution von 1848/49 wurden die nationale Bewegung unterdrückt und demokratische Rechte zurückgenommen. In den meisten deutschen Staaten nahmen mit der im "Bundesreaktionsbeschluss" vom 23. August 1851 legitimierten Beseitigung liberaler Errungenschaften Zensur und politische Verfolgung zu. Am selben Tag hoben die Fürsten die 1848 von der Paulskirchenversammlung beschlossenen "Grundrechte des deutschen Volkes" auf. Der Streit um die Vorherrschaft im Deutschen Bund bestimmte die Politik der Großmächte Österreich und Preußen. Ihr Dualismus stand der Gründung eines Nationalstaates lange entgegen. Erst nach den von Preußen siegreich geführten "Einigungskriegen" gegen Dänemark 1864, Österreich 1866 und Frankreich 1870/71 erfolgte am 18. Januar 1871 die von vielen Deutschen lang ersehnte Reichsgründung.

Deutschland im Umbruch

In fast allen deutschen Staaten waren während der Revolution von 1848/49 neue Landesverfassungen verabschiedet oder - wie in Preußen - oktroyiert worden, doch billigten die meisten den gewählten Volksvertretern kaum Mitspracherechte zu. In Preußen, Österreich sowie in vielen anderen deutschen Staaten wurden liberale Errungenschaften aus der Revolutionszeit zurückgenommen, die Beamtenschaft Säuberungen unterzogen und polizeistaatliche Überwachungs- und Repressionsmaßnahmen intensiviert. Unter dem Druck der Reaktion wanderten zahlreiche Demokraten nach Frankreich, Großbritannien, in die Schweiz oder die USA aus. Andere Vorkämpfer der Revolution zogen sich politisch desillusioniert ins Private zurück und wandten sich ihrem wirtschaftlichen Fortkommen zu.

Das industrielle Bürgertum profitierte nach 1850 von einer Liberalisierung der Wirtschaft. Zugleich beeinflusste die Entwicklung des Verkehrswesens mit dem Ausbau des Eisenbahnnetzes und der Dampfschifffahrt entscheidend das wirtschaftliche Wachstum: Transportkapazität und Güterverteilung nahmen rasant zu, gleichzeitig wuchsen Eisen- und Stahlindustrie, Bergbau und Maschinenbau. Die industrielle Produktion gewann an Gewicht, neue Fabriken zogen Massen von Menschen vom Land in die aufstrebenden Industriezentren. Arbeitslosigkeit und das als Pauperismus bekannte vorindustrielle Massenelend aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verschwanden. Zugleich entstanden mit der beginnenden Industrialisierung Deutschlands neue Gesellschaftsschichten. Städtische Handwerker und ungelernte bäuerliche Wanderarbeiter bildeten ein bis dahin unbekanntes Fabrikproletariat, das seit den 1860er Jahren zunehmend versuchte, seine zumeist katastrophalen Arbeits- und Lebensverhältnisse mit Hilfe der entstehenden Arbeiterbewegung zu verbessern. Rund zwei Millionen Deutsche hingegen suchten zwischen 1850 und 1870 ihr Glück in der Auswanderung vor allem nach Übersee.

Der Aufstieg Bismarcks

Innerhalb der Arbeiterschaft ließen Armut und Existenzsorgen wenig Raum für den nationalen Gedanken, der trotz des Scheiterns der Revolution von 1848/49 in weiten Teilen der deutschen Bevölkerung wach geblieben war. Ende der 1850er Jahre gewann die deutsche Nationalbewegung durch überraschende Erfolge der italienischen Einigungsbewegung neue Schwungkraft: Die 1859 stattfindenden "Schillerfeiern" verehrten den Dichter der Weimarer Klassik als nationales Freiheitsidol. Im gleichen Jahr gründeten Liberale und gemäßigte Demokraten den "Deutschen Nationalverein". Seine Mitglieder forderten die Reichseinigung als "kleindeutsche Lösung" unter Ausschluss Österreichs als einen Prozess "von oben". Entscheidend für die angestrebte Reichseinigung war die Bereitschaft Preußens, die Gründung des Nationalstaats voranzutreiben. Wilhelm I., seit 1858 Regent für den geistig erkrankten preußischen König Friedrich Wilhelm IV., und Ministerpräsident Otto von Bismarck setzten die nationale Frage auf die politische Tagesordnung. Bismarck hatte 1862 ein Heeres- und Verfassungskonflikt zwischen dem preußischen König und dem Abgeordnetenhaus ins Amt verholfen. Im gleichen Jahr machte Bismarck hinsichtlich der nationalen Frage deutlich: "Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden - das ist der große Fehler von 1848 und 1849 gewesen - sondern durch Eisen und Blut."

Auf dem Weg zur Reichseinigung

Über die Frage der nationalen Zugehörigkeit des Herzogtums Schleswig, das die dänische Regierung in ihren Gesamtstaat integrieren wollte, kam es 1864 zum Deutsch-Dänischen Krieg. Bismarck gelang es, Österreich auf preußische Seite zu ziehen. Nach dem Sieg über Dänemark wurde Schleswig unter preußische, Holstein unter österreichische Verwaltung gestellt. Um die "Kriegsbeute" brach zwischen Preußen und Österreich jedoch bald ein Konflikt aus, der sich nur vordergründig um Schleswig und Holstein drehte. Der Deutsche Krieg zwischen Preußen und Österreich 1866 war das letzte und entscheidende Ringen beider Großmächte um die Vorherrschaft in Deutschland.

Bismarck erkannte die revolutionäre Schubkraft des nationalen Gedankens und suchte sie zu nutzen. Über die Machterweiterung Preußens und die Errichtung einer preußischen Hegemonie in Deutschland auf Kosten Österreichs trieb er den Einigungsprozess voran. Nach Preußens Sieg über Österreich in der Schlacht bei Königgrätz folgte die preußische Annexion der mit Österreich verbündeten Staaten: das Königreich Hannover, das Kurfürstentum Hessen, das Herzogtum Nassau, die Freie Stadt Frankfurt. Die regierenden Fürsten entthronte Bismarck ohne Rücksicht auf die von Konservativen hochgehaltene Legitimität der Dynastien. Das Kaisertum Österreich erkannte die Auflösung des 1815 ins Leben gerufenen Deutschen Bundes an. Alle deutschen Staaten nördlich der Mainlinie wurden 1867 im neugegründeten Norddeutschen Bund unter preußischer Führung eingegliedert. Bayern, Württemberg, Baden und Hessen-Darmstadt lehnten sich in "Schutz- und Trutzbündnissen" eng an den Norddeutschen Bund an. Österreich war somit vollständig aus dem deutschen Einigungsprozess hinausgedrängt.

Nach dem Deutschen Krieg 1866 verstärkte sich in Frankreich die Furcht vor einem zu großen preußisch-deutschen Machtgewinn in Mitteleuropa. Für Bismarck hingegen war eine militärische Auseinandersetzung mit dem als Erbfeind deklarierten Frankreich eine Möglichkeit, die nationale Einigung unter Preußens Führung zu vollenden. Der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71 entwickelte sich schon in seinen Anfängen zum "deutschen Nationalkrieg". Die Proklamation von Kaiser Wilhelm I. in Versailles am 18. Januar 1871 blieb im deutschen Bewusstsein der eigentliche Reichsgründungsakt. Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung erblickte darin die Erfüllung der nationalen Wünsche.

Arnulf Scriba
6. September 2014

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