> Zeitzeugen

Bernhard Kaiser: Zwangsarbeiter

Dieser Eintrag stammt von Bernhard Kaiser () aus Halle/Westfalen, November 2004:

Mein Geburts- und Heimatdorf ist ein Bauerndorf in Niederschlesien. Dort verlebte ich auch meine Kindheit. Die folgende Geschichte beginnt mit dem Ausbruch des Krieges gegen Russland. Wie wohl überall im Reich waren fast alle jungen Männer bereits Soldat. Die nun in der Landwirtschaft arbeitenden französischen Kriegsgefangenen wurden nach und nach durch "Fremdarbeiter", wie es damals hieß, aus den besetzten Ostgebieten, ersetzt. Und so kam es, dass auf dem Hof des Bauern Heinrich Flebbe, auf dem auch mein Opa und meine Mutter beschäftigt waren, sich damals bereits eine multikulturelle Gesellschaft etabliert hatte. Neben den verbliebenen Deutschen, dem Bauern selbst, meinem Großvater Josef Kaiser und dem Treckerfahrer Langer waren da noch: Stanislaus der Pole, Theo der Ukrainer, Iwan der Russe und schließlich noch der "Herr Karl", ein Tscheche.

Der "Herr Karl" (ich nehme an eine Verdeutschung des tschechischen Namens Karel) war ein junger Mann von damals gut zwanzig Jahren und von Anfang an eine Respektsperson. Dazu trug sicherlich bei, dass er bereits sehr gut deutsch sprach als er ankam, was die anderen erst mühsam erlernen mussten. Im Gegensatz zu der bisherigen Gewohnheit wurde er dann auch von den auf dem Hof beschäftigten Frauen, und auch wir Kinder wurden dazu angehalten, mit "Sie" angeredet; eben der "Herr Karl". Er muss auch, da zu Beginn des Krieges niemand aus der Tschechei zwangsweise zum Arbeitseinsatz nach Deutschland verbracht wurde, sich freiwillig verpflichtet haben. Was vorher noch nie einer versucht hatte und wohl auch keinem zugestanden worden wäre, er brachte es fertig: weil er sich mit seinen slawischen Blutsbrüdern nicht vertrug, verlangte und bekam er eine eigene Kammer. (Das war nicht das einzige Privileg, das ihm zugestanden wurde. Als er im darauffolgenden Winter krank wurde, die Kammer aber nicht beheizbar war, wurde er in das Wohnzimmer des Bauern umquartiert und dort auskuriert. Eine Vorzugsbehandlung, die bisher noch keinem zuteil wurde) Dort konnte er, von den anderen nun unbehelligt, seinen Interessen nachgehen. Zum Beispiel hatte er einen Fernkurs in Elektrotechnik belegt, in den er sich sogar in den Pausen auf dem Feld vertiefte; eine Handlungsweise die ihm zusätzlichen Respekt verschaffte.

An einem verregneten Sonntag, es muss im Herbst 1943 gewesen sein, versammelte man sich, wie üblich bei solchem Wetter, in der Küche des Bauern. Dort war es warm und man vertrieb sich die Zeit mit Erzählen und Spielen. Und wie immer war auch eine Schar Kinder dabei. Der "Herr Karl" hatte sich, auch wie üblich, abgesondert: er saß in einer Ecke und malte. Das fand solange keine Beachtung, bis Frau Leyendecker erschien. Frau Leyendecker war mit ihren drei Kindern aus Troisdorf bei Bonn nach Schlesien evakuiert worden und wohnte bei besagtem Bauern. Sie kam um nach ihren Kindern zu sehen und sie wurde von ihm angesprochen. Ob sie weiß, wen der da gemalt habe, war seine Frage. Ihre Antwort: Man sagt es wäre Stalin! Damit hatte er schlagartig die Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Denn IHN kannte man ja nur vom Hören-Sagen oder als Karikatur. Für mich jedenfalls war es die erste Begegnung mit seinem wirklichen Aussehen.

Das Jahr 1943 ging zu Ende und gleich zu Beginn des neuen Jahres wurde Herr Flebbe amtlicherseits unterrichtet, dass der Treckerfahrer Langer, damals Anfang 40, mit seiner Einberufung zu rechnen habe. Er, Flebbe, möge für Ersatz sorgen. Ein Deutscher stand nicht mehr zur Verfügung und man ahnt bereits, wer dafür nur in Frage kam: Der "Herr Karl"! Er wurde zu einem mehrwöchigen Lehrgang geschickt und pünktlich zur Frühjahrsbestellung war er stolzer Besitzer eines Führerscheins. Er hatte damit auch die höchste Sprosse auf der Erfolgsleiter in der Hierarchie des Hofes erreicht.

Der Sommer näherte sich und mit ihm die großen Ferien. Mir schien die Stimmung eigentümlich gedrückt. Das Gerücht ging um, Jungvolk und Hitlerjugend sollten zum Ernteeinsatz nach Ostpreußen verschickt werden, dort stand der Russe schon an der Grenze des Reiches. Daraus wurde allerdings nichts, wohl deshalb, weil auch hier jede Hand gebraucht wurde. So kam ich als zwölfjähriger zu meinem ersten Arbeitsplatz bei dem Bauern Wiesner: Ernte einfahren, nachrechen, schälen und pflügen. Heute kaum noch vorstellbar, dass einem so kleinen Knirps bedenkenlos große Pferdegespanne anvertraut wurden.

Der Sommer ging, der Herbst kam und böse Ahnungen schlichen ein. Genährt wurden sie noch dadurch, dass mit den Herbstferien alle Rheinländer das Dorf verließen und wieder in ihre vom Bombenkrieg heimgesuchte Heimat zogen. (Eines der vielen ungelösten Rätsel: Anstatt der Befreiung entgegen zu fiebern und sich so früh wie möglich befreien zu lassen, zogen sie es vor, sich wieder dem Bomben- und weiter dem Naziterror auszusetzen!) Das letzte große Ereignis war die Hasenjagd Anfang Dezember. Dann zogen die ersten Flüchtlinge ein und mussten versorgt und untergebracht werden und die Schule wurde geschlossen. Zwar wurde von der Propaganda behauptet, über die Oder kämen die Russen nie, geglaubt wurde das jedoch von keinem mehr. So wurde Vorsorge getroffen für die eigene Flucht. Für sich und seine Familie hatte Flebbe als Fluchtfahrzeug den Trecker mit Hänger, für die anderen auf dem Hof Beschäftigten die Pferdewagen vorgesehen. Vorsorglich wurden die Wagen bepackt und in der Scheune bereitgestellt. Dann jedoch überschlugen sich die Ereignisse. Ehe wir uns versahen, vom Rundfunk nicht ausreichend informiert, Zeitungen erschienen keine mehr, standen die "Befreier" vor der Tür. Sie waren aus dem Brückenkopf Steinau ausgebrochen, auf die Autobahn Berlin-Breslau und von dort weiter in Richtung Breslau vorgestoßen. Unser Dorf liegt 2 km östlich der Autobahn und so gerieten wir in einen Kessel, der Fluchtweg war uns abgeschnitten. Noch ehe der erste Rotarmist das Dorf betrat schlug die große Stunde des "Herrn Karl" und er bedankte sich auf seine Weise: Er kuppelt den mit Fluchtgepäck vollbeladenen Hänger hinter den Trecker, setzte sich ans Steuer, verließ Hof und Dorf und ward nie mehr gesehen. Hier jedoch muss ihn seine vermeintliche Intelligenz im Stich gelassen haben. Denn wollte er in die Tschechei, und das kann ja nur sein Ziel gewesen sein, musste er aus dem Kessel ausbrechen und die Frontlinie überqueren. Wäre ihm das Kunststück gelungen, wäre er zwangsläufig den Deutschen in die Hände gefallen und was die unter diesen Umständen mit ihm gemacht hätten, ist leicht vorstellbar. Sollte es ihm dennoch gelungen sein zu überleben, dann ist er in der sozialistischen Ära mit ziemlicher Sicherheit ein Parteifunktionär geworden. Er dürfte, wenn er noch lebt, jetzt Mitte 70 sein und ist sicherlich einer der Ersten, die Ansprüche gegen Deutschland erheben, wenn ihnen das ermöglicht wird.

Nachlese: Der Bauer Flebbe und Großvater Kaiser wurden, zusammen mit mehreren anderen Männern, keiner unter sechzig, von den Befreiern ermordet. Der Bauer Wiesner ist beim Volkssturm in Breslau gefallen, Theo der Ukrainer wurde durch einen Granatsplitter am Kopf verwundet und von Opa notdürftig verarztet. (Die Befreier, seine Landsleute , kümmerten sich nicht um ihn) Sein Schicksal ist ungewiss. Iwan der Russe dürfte in Stalins GULAG gelandet sein, nur einer wurde noch einmal im Dorf gesichtet: Stanislaus der Pole. Er erschien im Winter 1945/46, wurde bei einigen Bewohnern vorstellig und verlangte von den ohnehin schon bis auf das Hemd Ausgeplünderten Kleidung und Wertgegenstände.

Wer die wilde Vertreibung im Sommer 1945 (die dort endete, wo sie begonnen hat, nach 250 km Fußmarsch ohne jegliche Betreuung, mit Kind und Greis) und die anschließende Hungertyphus-Epidemie überlebte, wer die Krätze- und Ungezieferplage (Läuse, Flöhe, Wanzen) überstand, der wurde im Juni 1946 endgültig vertrieben. Zerstreut in alle Winde.

lo