Claus Runiger: Auszüge aus dem Kriegstagebuch von Eduard Runiger

    Dieser Eintrag stammt von Claus Runiger aus Goldkronach-Nemmersdorf, (cruniger@web.de) Oktober 2012:

    Dieses Tagebuch beinhaltet authentische Aufzeichnungen von Eduard Runiger während des Zweiten Weltkrieges in der Zeit vom 21. Juni 1941 bis 26. August 1942. Als Angehöriger der 10. Kompanie des Infanterie-Regiments 181 der 52. Infanterie-Division nahm er fast vom ersten Tag an am Krieg gegen die Sowjetunion teil.

    Recherchen haben ergeben, dass damals das Führen eines Tagebuches strikt verboten war, da die Nennung von Namen, Dienstgraden und Ortsbezeichnungen sowie Situationsbeschreibungen und negative Stimmungen zwangsläufig einem Verrat gleichgekommen wären. Aus diesem Grund hatte er manches vorsorgehalber - immer dann, wenn es ihm moralisch bedenklich erschien - stenographiert. Die Notizen hätten auch "unbefugten Kameraden" in die Hände fallen können, die ihm und der Familie hätten schaden können. Seine Gesinnung und persönliche Einschätzung der politischen Lage sind deshalb nicht dokumentiert. Heroische Ausschweifungen waren ihm fremd. Somit bleibt eine Suche nach literarischen und theatralischen Spannungseffekten vergeblich. Die ungeschminkte Realität spiegelt dabei "nur" den Kriegsalltag in unspektakulärer und oft sehr nüchterner Art und Weise wider.

    Damit das Geschriebene auch für den Leser im Zusammenhang nachvollziehbar erscheint, wurde der Inhalt vorerst Wort für Wort übersetzt. Er hatte seine Aufzeichnungen derart klein in Schriftkombination aus Deutsch und Latein sowie gegebenenfalls auch in Stenogramm verfasst, so dass in den meisten Fällen nur mit Hilfe einer Lupe die Entschlüsselung erfolgen konnte. Damit auch eine flüssige Form der Sprache zustande kam, wurden die Aufzeichnungen stilistisch und grammatikalisch überarbeitet und dabei die Semantik in Erzählform umgestaltet, ohne jedoch den Sinn zu verändern. Vermutlich konnten die Notizen nur heimlich und unter Zeitdruck getätigt werden. Dabei wurde natürlich das kleine Tagebuch in Mitleidenschaft gezogen. Hier und da ist manches verschmiert, vergilbt und gefleckt. Schließlich konnte in mühevoller Kleinarbeit das historische Werk lückenlos übersetzt werden.

    Das persönliche Tagebuch von Eduard Runiger stellt ein sinnvolles Zeugnis aus einer unrühmlichen Zeit der deutschen Geschichte dar. Er kam im Gegensatz zu Millionen von Opfern auf beiden Seiten mit dem Leben davon und kehrte schließlich nach Kriegsende 1945 heim, wo er sich nach seiner polizeilichen Meldung in Bayreuth für kurze Zeit in amerikanische Gefangenschaft an den Rhein begeben musste. Dort unterzog er sich wie jedermann der schriftlichen Prüfung seiner politischen Unversehrtheit während der Naziherrschaft. In einer Drucksache wurde ihm dieses am 22. Mai 1947 uneingeschränkt und ohne Vorbehalte bestätigt. Aufzeichnungen aus anderen Notizbüchern belegen, dass er bis kurz vor seinem Tode 1978 noch Kontakt mit einigen seiner Kameraden pflegte.



    Mein Tagebuch

    Am 21.6.41 marschieren wir von La Breure (Frankreich) ab und werden in der nächsten Stadt verladen. Wir fahren durch Mühlhausen, Frankfurt am Main, Erfurt und Jena. Während der Fahrt grüßt uns die Bevölkerung an der Bahnstrecke euphorisch. Der Zug fährt so schnell er kann. Am 24.6.41 werden wir in £ukow (Polen) abgesetzt. Ab jetzt wird marschiert; entweder bei sengender Hitze im Sand oder bei strömendem Regen im Morast. Vor der Interessengrenze Deutsches Reich und Polen stoßen wir bereits auf fünf deutsche Soldatengräber. Wir sehen tote Pferde, zertrümmerte Tanks und zerschellte Flugzeuge. Entsetzliche Mückenplage. Am 27.6.41 erreichen wir Brest-Litowsk. Dort fallen uns besonders viele Panzerlöcher auf. Als wir über eine Brücke kommen, hören wir bereits Schüsse. Ein Fort ist noch vom Feind besetzt. Es wird jedoch noch am gleichen Tag zurückerobert. […]

    Am 2.7.41 müssen wir durch wüstes Gelände marschieren. Dabei begegnen uns viele Lastwagen mit Gefangenen. Es ist ein sehr heißer Tag - der Durst quält uns fürchterlich. […] Am 15.7.41 um 7 Uhr abends werden wir aus großer Höhe von Flugzeugen angegriffen, ohne dass wir sie sehen können. Wir marschieren durch einen schier nicht enden wollenden Wald. Bomben prasseln in großen Mengen hernieder. Im ersten Moment denken wir an Granatwerfer und Artillerie. Alles springt in die Straßengräben. Einige legen sich sogar auf die Straße. Ich laufe erst kreuz und quer, bis ich mich endlich entschließe, doch in den Graben zu springen. Der Spuk dauert nur eine Minute. Dann herrscht bei unserer Kompanie ein heilloses Durcheinander. Wir beklagen vier Tote und mehrere Leicht- und Schwerverletzte. Unterwegs zum Arzt sterben noch zwei Männer, so dass sich die Zahl auf sechs erhöht. Mir passierte gottlob nichts, weil ich im Graben neben einem Kameraden ziemlich weit weg von der Straße lag. Das Herz pochte wie wild - ich war sicher kreidebleich. Mein Stahlhelm, der mir bislang am Seitengewehr hing, war plötzlich weg. Vielleicht wurde er von einem größeren Splitter fortgerissen. Ich suchte vergeblich, aber er blieb verschwunden. Als ich mich wieder von der Erde erhob, hörte ich das Stöhnen der Verwundeten. Alles schrie nach Hilfe. Ich musste mit ansehen, wie ein Kamerad einen neben sich liegenden schulterte, dem der Kopf fehlte. Er bekam bestimmt einen großen Splitter oder einen direkten Volltreffer an den Kopf. Der Kopf lag weiter entfernt am Boden, und das Hirn quoll aus der Schädeldecke. Ein schrecklicher Anblick. Vor mir lag einer, dem ein großes Stück aus dem Oberschenkel gerissen wurde. Er verblutete unterwegs. Vis-a-vis lag ein anderer mit einem Lungensteckschuss. Er stöhnte jämmerlich. Auch er starb. Unsere Kompanie hat es am meisten getroffen. Am Abend regnet es, und ich will mein Zelt aufstellen. Als ich es aufzuschnüren versuche, funktioniert es nicht. Ich wende Gewalt an und merke plötzlich, dass ein Granatsplitter in den Stoff eingedrungen war. Der Splitter zerriss die Bahn bis zur Mitte mit enormer Wucht. Die Zeltpane am Rücken hat mir bestimmt das Leben gerettet. Es dauert eine Stunde bis wir unseren Vormarsch fortsetzen können. Einige bleiben zurück und schaufeln Gräber für unsere gefallenen Soldaten. […]

    Am 15.8.41 wird der Angriff auf Rogatschow von unserer Artillerie mit Vernebelung eingeleitet. Ich komme weiter vorne durch einen Stolperdraht zu Fall und kann einige Minuten nicht mehr laufen, weil der Draht teilweise geladen ist. Als wir durch Flieger unterstützt endlich vorwärts kommen, ist der Russe schon längst geflohen. Es waren allerdings Minen gelegt, durch die ein Feldwebel und ein Landser umkommen. Am 16.8.41 verfolgen wir den Feind weiter. Am 17.8.41 erbeuten wir Kriegsmaterial in größerer Menge und sehen dabei viele verkohlte Russen. Auf Bitten eines verletzten russischen Soldaten hin gebe ich ihm Wasser. Er liegt mit einem schweren Rückenschuss am Boden. Dort hausten unsere Panzer. Es bietet sich ein Bild des Grauens.

    Vom 18. bis 26. 8.41 sind wir mit elf "verlausten" Männern unterwegs auf der Suche nach der Entlausungsanstalt. Leider ohne Erfolg. So kehren wir mit unseren Läusen wieder zurück. Unterdessen marschierte unsere Kompanie weiter. Wir hingegen machen mit dem LKW nur ein Bewegungsfahrt. Es ist eine schöne Zeit. Zu essen gibt es reichlich: Eier und viel Fleisch. Überdies hinaus erlegten wir ein Schwein. […] Am 3.10.41 ist unser Lastwagen unterwegs. Ich bin zufällig nicht dabei. Es explodieren in der Nähe 60 Minen, die miteinander verbunden sind. Unser LKW wird getroffen. Sämtliche Fensterscheiben gehen zu Bruch. Man erzählt uns später, dass ein Unteroffizier in tausend Stücke gerissen wurde und eine Handvoll Fleisch in der Nähe unseres Wagens lag. […]

    Vom 16.10.41 bis 1.11.41 bleiben wir in Kaluga. Die Stadt ist teilweise zerstört. Am 26.10.41 werfen die russischen Flieger in unserer Nähe neun Bomben. Es gibt Tote und Verwundete. Ich bin zufällig etwas abseits unserer Behausung. Ein Landser verliert beide Beine. Er stirbt noch auf dem Weg ins Lazarett. Wo ich mich gerade befinde, wurde ein 15-jähriger Junge durch einen großen Splitter in den Rücken getötet. Die Mutter und ihr kleines Mädchen schreien apathisch. […] Am 27.11.41 unterhalte ich mich mit einem russischen Fräulein. Wir weinen beide. Die 18-jährige hilft mir, wo sie kann. Nur Lachmann, den 25-jährigen Kasselaner kann sie nicht leiden, weil er ihr ständig nachstellt. Ich bekomme von ihr immer heimlich zu essen, damit Lachmann es nicht merkt. Wir sind zwölf Kilometer hinter der Front. Es treiben sich Partisanen herum, die alle erschossen werden; ebenso jeder Kommunist. […]

    Am 6.12.41 bekommen wir nachts starkes Artilleriefeuer. Es ist entsetzlich kalt. Ein deutscher Jäger wird von zwei russischen Fliegern abgeschossen. Der Pilot konnte sich glücklicherweise auf deutscher Linie retten. Wir befinden uns bei Uolimowo sechs Kilometer hinter der Front. […] Am 17.12.41 geht es noch weiter zurück, weil der Russe in Regimentsstärke angreift, während wir nur eine knappe Kompanie stark sind. Ich koche Erbsen und Kaffee für 90 Mann und habe kaum Zeit, die Erbsen fertig zu garen, da alles nur während der Fahrt gemacht werden muss. Es ist auch kein Wasser vorhanden, also muss ich Schnee verwenden. Dabei dauert es ziemlich lange bis der Wasserersatz den Kessel füllt. Wir sind eingekesselt. Und der Russe greift immer wieder an, obwohl er kaum über seine eigenen Leichen hinweg steigen kann. Es sind vornehmlich asiatische Truppen, die Kälte gewöhnt sind. […]

    Am 24.12.41 ist Weihnachten. Trotz dem wir wenig bis nichts zu essen haben, singen wir unsere Weihnachtslieder "Stille Nacht" und "Oh du fröhliche". Dabei denken wir an unsere Lieben daheim und vergessen für kurze Zeit die Realität. Vom 25. auf 26.12.41 schlafen wir in einer teilweise bedeckten Scheune bei großer Kälte. Ich kann mich überhaupt nicht umlegen und so schlafe ich zwei Nächte nicht, obwohl meine Augen oft unwillkürlich von selbst zufallen. Die Kälte lässt mich einfach nicht einschlafen. Es sind jammervolle Tage. Für die Landser an der unmittelbaren Front ist es allerdings noch schlimmer. Kaum haben wir ein neues Quartier bezogen, heißt es schon wieder: "Fertig machen, der Russe kommt!" und so wird es uns wahrscheinlich noch lange Zeit gehen.

    Vom 27. bis 31.12.41 dasselbe "Lied". Die Häuser, die im zurückliegenden Dorf noch stehen, werden von uns vollständig niedergebrannt, um den Russen einzuschüchtern, damit er seine Angriffe künftig unterlässt. Der Russe bleibt davon jedoch unbeeindruckt und greift weiter an. Unsere Truppen werden im kommenden Januar größtenteils keine Verpflegung mehr erhalten. […] Am 9.1.42 müssen wir weitere zwölf Kilometer zurück. Sämtliche Häuser werden angezündet. In dieser Zeit haben wir furchtbar viele Läuse. Die Biester lassen uns einfach nicht schlafen und quälen uns immerzu. Seit langer Zeit laufe ich schon mit zerschlissenen Stiefeln herum. Da erbarmt sich ein Kamerad und bietet mir seine Schuhe an. Er besitzt zufällig noch ein zweites Paar. Ich bin ihm sehr dankbar. Am 11.1.42 sehe ich mehrere Landser mit Lumpen umwickelten Beinen. Sie haben ihre Füße erfroren und können daher keine Schuhe mehr tragen. Schlimme Zustände. […]

    Am 13.1.42 geht es weitere fünf Kilometer zurück. Es ist so kalt, dass sich sogar Eiszapfen am Bart bilden. Man kann kaum noch die stark bereiften Augenlider bewegen. Am 14.1.42 geht es abermals zehn Kilometer zurück. Wir müssen bei eisiger Kälte stundenlang im Freien auf die Artillerie warten, die im Graben hängen blieb. Wir erreichen halb erfroren schließlich die Ortschaft Kubuda. Vom 15. bis 17.1.42 marschieren wir 22 km bis nach Sloboda. […] Am 30.1.42 geht es leider den selben Weg wieder zurück. Wir müssen über eine Anhöhe, und 100 m von uns entfernt bekommen wir schweres Artilleriefeuer. Gott sei Dank stehen wir mit unseren Fahrzeugen in einer Mulde. Sechs Mann von unserer Artillerie gehen über diese Höhe mit der Folge, dass einer erschossen und ein zweiter schwer verwundet wird. Sein rechtes Beines klafft auseinander, als ob man eine Papiertüte aufgerissen hätte. Ein furchtbarer Anblick. […]

    Am 5.2.42 startet unsere Einheit bei Juchnow einen totalen Angriff und fügt dem Feind viele Verluste an Menschen zu. Gleichzeitig setzen wir mit Fliegerabwehr-Kanonen (Flak) und Panzerabwehr-Kanonen (Pak) sechs Panzer außer Gefecht. Wir hingegen müssen auch schwere Verluste hinnehmen. Gestern erhielten wir 120 Mann direkt aus Deutschland als neuen Ersatz. Viele von ihnen sind bereits heute nicht mehr am Leben. […]

    Am 24.2.42 ist die Rollbahn bei Barssuki gesperrt, weil russische Panzer in der Nähe festgestellt wurden. Deutsche Zerstörer und Stukas greifen ein und vernichten den Feind. Und was noch durchkommt wird von unserer Flak oder Pak eliminiert. Es leisten fünf Zerstörer und neun Stukas ganze Arbeit. […] Am 24.3.42 greift der Russe aufs neue an, aber wieder ohne Erfolg. Wir ziehen untertags in ein anderes Haus. Dort wohnen u.a. zwei Mädels, die sogar deutsch sprechen. Eine davon gibt sich sehr wolllüstig. Meist wird sie von Unteroffizieren und Feldwebeln besucht, die sicher mit ihr hantieren. Am 25.3.42, als alle schlafen, liegt eine Russin ganz entblößt da. Man sieht alles. Ich beobachte wie ein Unteroffizier einer anderen Einheit mit einer Tochter des Hauses ins Dunkle geht und mit ihr herummacht. Es ist traurig, dass sich Deutsche so herablassen. […]

    Am 3.4.42 werden wir bei Jarmacki als Verstärkung für einen Angriff abgestellt. Ab 4 Uhr nachmittags marschieren wir zu zwei Dörfern, etwa zwölf Kilometer östlich. Auf dem Weg dorthin liegen viele Russen auf den Schneefeldern. Früh um 3 Uhr beziehen wir unsere Stellungen. Unsere Nebelwerfer schießen hervorragend. Wir liegen etwa 150 m links vom Wald entfernt, um die Russen zurückzuhalten. Unsere fünf Maschinengewehre ballern wie wild. Es ist herrlich, trotz der ernsten Lage. Das Waldstück wird ohne eigene Verluste genommen. Wir sehen viele tote Russen. Dieses Waldstück war bereits schon einmal in unserer Hand, bevor es sich der Russe unter blutigen Verlusten zurückholte. Es schießt unsere Artillerie. Zwei Panzer haben wir zur weiteren Sicherung nach rechts abgestellt. Die Russen laufen um ihr Leben. Doch für die meisten ist es der sichere Tod. […]

    Am 16.4.42 ein ruhiger Tag. Der Schnee schmilzt unentwegt. Wasser über Wasser. Nichts gearbeitet. Nachts werfen russische Flieger Bomben und Flugblätter ab. Ich schreibe 16 Pfingstkarten. Der größte Teil davon wird mir jedoch zurückgegeben, damit die Post nicht über Gebühr belastet wird. Am 17.4.42 ist ein wunderschöner Tag. Unser Regiment büßte jedoch bei einem Angriff 150 Tote und viele Verwundete ein. Auch machte der Russe Gefangene. Ich war bei dem ganzen Geschehen nicht dabei, weil ich weiter nördlich bei der Gruppe Feustel Wache hielt. Brot ist sehr knapp. Normalerweise weichen wir dann auf Kartoffeln aus, die jedoch auch nicht mehr vorhanden sind. Am 18.4.42 ein schöner Tag. Ich unterhalte mich mit einem Kameraden aus Weidhausen bei Coburg. Wir teilen unser Leid gemeinsam. Er war auch schon seit 17 Monaten nicht mehr zu Hause. Abends um 6 Uhr fliegen zehn Stukas ostwärts. […]

    Am 26.4.42 marschieren wir zwei Kilometer weiter bis Wetki. In einem Haus beobachten wir eine junge Frau, die vor unseren Augen offen ihr Kind stillt. Wir sind ganz nahe am Feind in einem Kessel von 55 km Durchmesser. […] Am 2.5.42 nachmittags bin ich als 1. MG-Schütze zur Sicherung von insgesamt 35 Pionieren eingesetzt, die gerade Minen legen. Um halb 5 Uhr nachmittags schießt es plötzlich aus einem Waldstück heraus. Wir entdecken den Feind. Die Pioniere laufen um ihr Leben und werden von einem Feldwebel aus der Gefahrenzone herausgeholt. Ich gehe mit meinem MG in Stellung und eröffne das Feuer. Nachdem ich meine Trommel in kürzester Zeit leer geschossen habe, rufe ich meinen MG-Schützen 2. Doch er ist weit und breit nicht zu sehen. Wahrscheinlich ist er stiften gegangen. Ich rufe nach Munition. Vergebens. Erst bleibe ich vorsichtshalber noch eine Zeit lang liegen, dann ziehe ich mich langsam zurück. […]

    Am 11.5.42 viel Wind und trübes Wetter. Welche Gaudi in einer anderen Stube. Ein Kamerad hält eine Rede und spricht wie der Führer über die Vergangenheit und Zukunft im Osten. Auch ein Länderspiel Italien gegen Deutschland überträgt er verbal. Ein Kanister dient ihm dabei als Mikrophon. Am späten Abend besteigt er draußen noch einen Baum und klaut ein Ei aus einem Rabennest. Das Ei ist jedoch zerquetscht als er unten ankommt, so dass alle Zigaretten, die er mit sich trägt, damit getränkt sind. Wir haben uns köstlich amüsiert. […] Am 17.5.42 führen russische Mädchen in Wetki Folkloretänze auf, die von einer Ziehharmonika begleitet werden. Unsere Landser sehen dabei zu und freuen sich. […]

    Am 25.5.42 weiterhin schlechtes Wetter. Mit drei Mann - ich als Granatwerfer - schieben wir Wache die ganze Nacht. Zuvor schliefen wir mit dem Granatwerfer ein. Wir liegen nachts abwechselnd im kalten Zelt. Das Stroh ist nass. Am Tag durchkämmen wir wieder Wälder. Plötzlich schießt eine andere Kompanie aus einem nahe gelegenen Waldstück mit LMG und Gewehren auf uns. Sie glauben bestimmt wir seien Russen. Dabei wird ein Landser von der 205ten angeschossen und stirbt kurz darauf. Am 26.5.42 durchkämmen wir wieder ein großes Waldstück. Dabei nehmen wir neun Partisanen gefangen. Wir sind vom Regen total durchgenässt. Am 27.5.42 ziehen wir nach Plesnowo. Die JU wirft uns Verpflegung ab. 15 m von mir entfernt schlägt ein Sack auf den Boden auf. Am Abend hole ich mir drei Eier aus Hühnernestern; sie schmecken hervorragend. […]

    Am 30.5.42 müssen wir ein Dorf sichern, um Russen einzukesseln. In der Nähe befindet sich ein Bahnhof. Der Russe setzte in der vergangenen Nacht Fallschirmtruppen ab. Dabei beobachteten wir eine Frau als sie über eine Brücke ging, um sich wahrscheinlich durch einen Sprung in den Fluss das Leben zu nehmen. Sie wurde sofort aus dem Wasser gezogen und verhaftet. Am 1.6.42 früh muss ein russischer Jäger notlanden. Als wir hinkommen, liegt ein russischer Leutnant regungslos vor seinem Flugzeug. Er erlitt einen Bauchschuss und war sofort tot. Ein Kamerad, der gerade als MG-Schütze fungiert, gibt an, dass er mit seinem Revolver auf ihn geschossen habe und er sich abschließend mit seiner letzten Kugel selbst den tödlichen Kopfschuss verpasst hätte. Am Flugzeug sind noch zwei kleine und große Bomben vorhanden. Das Flugzeug wird am nächsten Tag gesprengt. […]

    Am 28.6.42 um 6 Uhr früh marschieren wir weiter und durchkämmen ein größeres Waldstück. Wir stoßen auf Partisanen und nehmen einige davon gefangen. Dabei wird eine alte Frau angeschossen und eine andere Frau erschossen. Einen am Fuß verwundeten Russen nehmen wir ebenfalls gefangen. Wir hingegen beklagen einen Toten und einen Verwundeten. Ich verfolge, wie als Vergeltung zwölf Partisanen nacheinander erschossen werden. Es sind zwei 15-jährige darunter. […] Am 1.7.42 um 3 Uhr früh marschieren wir weiter und treffen auf Russen. Wir beauftragen gleich einen russischen Spähtrupp mit 20 Ukrainern, den Feind in unsere Nähe zu locken. Und tatsächlich kommen einige russische Kommissare angeritten und bemerken erst nach einiger Zeit, dass wir bereits im Wald auf sie warten. Es kommt zur Schießerei. Drei russische Kommissare bringen unsere Ukrainer um und machen zusätzlich drei Gefangene. Von gegnerischen Handgranaten werden einige von uns leicht- und schwerverletzt. Ich habe einen Gefangenen gemacht. Die deutsche Pak schießt versehentlich auf uns, als wir über freies Gelände laufen; sie halten uns für den Feind.

    Am 2.7.42 greifen wir Partisanen in Bataillonsstärke an. Es geht ausschließlich durch Wälder. Wir beklagen fünf Tote. Ein Unteroffizier, der tödlich getroffen wurde, hätte bald in Urlaub fahren dürfen; leider zu spät. Alle sind schrecklich zugerichtet. Feldwebel Böttger wurde mit dem Gewehrkolben massakriert, als er sich zu weit nach vorne wagte. Ein fürchterlicher Anblick. Am 3.7.42 um 1 Uhr früh geht es wieder weiter, und wir durchkämmen ein 20 Kilometer langen Wald. Im Laufe des Tages werden Zivilisten erschossen; Männer, Frauen und Kinder. Am 4.7.42 um 1 Uhr früh werden wir geweckt. Um 3 Uhr früh ist die Bereitstellung bezogen. Bei jedem Halt schlafe ich vor Müdigkeit ein. Wir erschießen viele Partisanen und Zivilisten. Die Füße schmerzen. Der Wald ist größtenteils Sumpf. […]

    Am 19.7.42 stehen wir vor dem Ort Sacharitschi. Das Motto lautet: "Jungs, ran an die Panzer!" Früh um 3 Uhr beginnen unsere Nebelwerfer und Artillerie zu schießen. Unsere Kompanie bzw. das gesamte Regiment stürmt vor, darunter auch ich als Bataillon-Reserve. Obwohl unsere Kompanie schnell voran kommt, schießen noch einige Russen wie verrückt zurück. Wir nehmen viele gefangen. Eine russische Granate schlägt in meiner Nähe ein und verwunden meinen Gruppenführer, dessen Stellvertreter Saßmannshausen (früher 10. Kompanie) und Müller von der alten 6. Kompanie. Der Stellvertreter bekam direkt einen Splitter in die Stirn. Er ist fast bewusstlos. Der Gruppenführer schreit sofort nach den Sanitätern. Es werden insgesamt zehn Mann durch eine Granate verwundet. Ich befand mich zufällig in einem Erdloch, sonst wäre mir sicherlich auch dabei gewesen. Einem Unteroffizier vom Bataillon, der am Funkgerät saß, riss es den halben Hintern weg. Es geht jetzt ohne Gruppenführer weiter, und wir haben dabei den Auftrag, ein Waldstück, genannt "Kastenwölkchen" - 1 km lang und halben km breit - in drei Gruppen zu durchkämmen. Wir nehmen auf dem Weg dorthin noch zwei Russen gefangen. Als wir weit vor unserem Regiment liegen - als Gefechtsvorposten eine gefährliche Situation - werden wir von der eigenen Artillerie beschossen. Ich gehe allein zurück, weil keiner der Gruppenführer eine Entscheidung trifft, um dem Bataillon-Kommandeur Hauptmann Koppenhagen Meldung zu machen. Als ich noch 100 Meter entfernt von dem Gefechtsvorposten stehe, beobachte ich, dass sich links von mir etwas bewegt. Ich ziehe den Revolver und halte ihn schussbereit in der Hand. Ich schaue genau hin und sehe zuerst einen Russen und dann noch zwei weitere mit Gewehren vor einem Bunker stehen. Mir bleibt in dieser lebensbedrohlichen Lage nichts anderes übrig, als zu handeln. Kurz entschlossen rufe ich: "Rucki werch!"; das heißt "Hände hoch!". Auf meinen Anruf hin ergeben sich die erschrockenen Russen und werfen unaufgefordert ihre Gewehre hin. Jetzt stehe ich mit drei Russen alleine da. Ich schreie aus Leibeskräften: "Ich habe Gefangene gemacht." Doch es dauert geschlagene zehn Minuten bis jemand kommt. Als wir endlich zu zweit sind, verrät uns einer der Russen, dass noch ein Bunker dahinter läge, worin sich noch zwei Russen befänden. Ich schicke einen der drei Gefangenen hin, um die anderen zu holen. Und tatsächlich kommen zwei Russen mit erhobenen Händen heraus. Ich führe die fünf Mann mit Hilfe des Kameraden zum Bataillon- Gefechtsstand ab und berichte dem Bataillon-Kommandeur die Geschehnisse. Er lobt mich nur beiläufig und schickt mich anschließend zurück zu meinen Leuten. An diesem Tag schieben alle Kohldampf, weil es wieder mal überhaupt nichts zu essen gibt.

    Am 20.7.42 greift der Russe mit Panzern an. Wir müssen sofort unsere Stellungen als Gefechtsvorposten aufgeben und gehen zurück, um Meldung zu machen. Die Panzer fahren glatt über unsere Stellungen hinweg. Wir zerstören zwölf von insgesamt 24 angreifenden Panzern. Als die Russen merken, dass die Hälfte ihrer Panzer in Flammen aufgeht, drehen sie ab und ziehen sich zurück. Unsere Infanteristen, die sich noch auf den Panzern befanden, sprangen noch rechtzeitig ab. Der Angriff ist abgewehrt - die Stellung eisern gehalten. Es gibt auf unserer Seite trotz der Erfolge Tote und Verwundete.

    Am 21.7.42 regnet es den ganzen Tag. Gegen 2 Uhr früh wechseln wir die Stellung. Der Russe schießt mit Artillerie, Granatwerfern und Gewehrschützen. Gegen Mittag trifft mich ein Granatsplitter am Hals. Ich denke zuerst mein Hals wäre zerfetzt, aber es war gottlob nur ein kleiner Splitter. Es blutet und schwillt stark an. Tage später wird bestimmt fast wieder alles verheilt sein. 16 deutsche Flieger belegen das Gelände der Russen mit Bomben und Bordwaffen. Ich habe seit zwei Tagen nichts mehr gegessen. Es gibt für jeden ein Kochgeschirr voll Bier. Ich trinke gierig und bin daraufhin gleich besoffen. In diesem Zustand kümmert mich die Front einen Dreck. Am 22.7.42 sind unsere Flieger abermals präsent und bombardieren den Russen. Ich bin so müde, dass ich den ganzen Tag über fest im Loch schlafe. Ich höre und sehe nichts mehr. In der Früh tauchen vier Ratas auf und beschießen uns mit Bordwaffen. […]

    Am 27.7.42 ein ruhiger Tag. Ich muss derzeit keinen Dienst versehen, weil ich fußkrank bin. Wir erhalten Marketenderware: 100 Zigaretten und Zigarren sowie zwei Flaschen Schnaps; zusammen 11,35 Reichsmark. Am 28.7.42 ist schönes Wetter. Ein Sanitäter drückt so sehr an meinem entzündeten Fuß herum, dass mir die Tränen kommen. Am 29.7.42 ist ein ruhiger und schöner Tag. Nachmittags gegen 4 Uhr wird mein Fuß aufgeschnitten. Dabei kommt das eigentliche Geschwür zum Vorschein. Ich habe furchtbare Schmerzen. Der Eiterherd wird erst Tage später entfernt. […] Am 1.8.42 um 4 Uhr früh werde ich mit dem Sanka ins Lazarett nach Shisdra gefahren. Dort werde ich entlaust und kann mich

    richtig waschen. Volle Verpflegung.

    Am 22.8.42 werde ich aus dem Lazarett entlassen. Die Mädels singen, und die deutschen Landser amüsieren sich mit ihnen. Um 3 Uhr nachmittags fahre ich mit dem Zug nach Brjansk und komme dort um 10 Uhr abends an. Ich schlafe in der folgenden Nacht auf dem Fußboden eines Hauses, da dort alles überfüllt ist. Am 23.8.42 um 6 Uhr früh fahre ich auf dem Kohlenwagen eines Zuges weiter nach Shisdra. Etliche Kilometer zuvor habe ich längeren Aufenthalt. Es gibt nichts mehr zu essen. Nachts schlafe ich in der Frontsammelstelle. Am 24.8.42 um 9 Uhr vormittags fahre ich im Lastwagen der Bäckerei-Kompanie nach Charkowo mit. Ein anderer Wagen nimmt mich dann noch einige Kilometer mit bis ins nächste Dorf, wo sich das Verpflegungsamt befindet. Ich übernachte dort. Unser Regiment hatte in der Zwischenzeit viele Verluste. Am 25.8.42 komme ich mit dem Trossfahrzeug zur Kompanie. Der Russe schießt mit schweren Waffen bis zum Tross, der einige Kilometer zurückliegt. Am 26.8.42 bin ich beim Arzt. Da ich wieder Schmerzen habe, werde ich zwei Tage innendienstkrank geschrieben. Viele Tote und Verwundete.


    Hier endet das Tagebuch von Eduard Runiger, der bis 1945 an der Ostfront kämpfte und am 15. April 1945 in Bayreuth als Oberfeldwebel in amerikanische Kriegsgefangenschaft geriet.

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