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Gerda Langosch: So erlebte ich die letzten Tage des Krieges 1945

Dieser Eintrag stammt von Gerda Langosch (*1923) aus Berlin [Tagebuch unmittelbar nach Kriegsende 1945 verfasst - DHM-Bestand]


Sonnabend, 20.4.45, Verkehrsstufe III. - d.h. es durften nur noch Leute mit roten Fahrausweisen (Rüstungsarbeiter usw.) die Verkehrsmittel benutzen. Also bestand für mich und für fast alle anderen Hausbewohner keine Möglichkeit, die Arbeitsstätten aufzusuchen. Von weitem hörte man auch schon die Abschüsse der Artillerie. - Der Anfang vom endgültigen Ende war jetzt gekommen, das war uns allen klar.

Herr Glasneck machte sich noch am selben Tag daran, seine Betten und noch andere wichtige Habseligkeiten in den Keller zu schaffen und meinte als erfahrener Frontsoldat, es wäre besser, wenn wir ab heute alle im Keller schlafen würden.

Die erste Nacht verlief ruhig, aber am Sonntagmorgen brummte es schon ganz schön nahe. - Parole des Tages: Es gibt Sonderzuteilungen! Nun ging das Rennen und das Anstehen los. - Ich stand bei unserem Kaufmann von morgens bis mittags, immer nach dem Himmel sehend, ob nicht die Tiefflieger nahten. Sobald es in der Nähe brummte, dann aber rein in den Hausflur. - Gott sei Dank waren aber nachher alle Hausbewohner unversehrt wieder im Keller beisammen.

Jetzt folgte die darauffolgende Woche, in der wir es kaum wagten, den Keller zu verlassen. Man saß die Stunden im Keller, harrend der Dinge, die da kommen sollten, ab und verlor so vollkommen das Zeitgefühl. Darum ist es mir unmöglich, die Tage einzeln zu benennen, an denen alles das passierte, was ich jetzt berichten will:

Auch die anderen Hausbewohner waren tüchtig damit beschäftigt, noch alles, was nicht niet- und nagelfest in den Wohnungen war, herunter in den Keller zu holen. Wir warteten dazu natürlich immer eine Feuerpause ab. Aber oft war es so, daß man glaubte, es sei eine Feuerpause eingetreten, war kaum ein paar Treppen hochgelaufen, da fing es auch schon wieder so arg an mit dem Beschuß, daß man es vorzog, wieder zurück in den Keller zu rennen. Am schlimmsten hörte es sich an, wenn so ein Tiefflieger über das Haus brauste und seine Bordwaffen knatterten, da dachte man wirklich, die Hölle ist los. Schließlich hatten wir so einigermaßen alles unten, aber wie alles im Keller untergebracht war, danach dürfte man nicht fragen, man fand nichts wieder bei der Petroleumfunzel im Keller. Elektrisches Licht hatten wir doch schon lange nicht mehr und mit dem bißchen Vorrat an Petroleum mußten wir sparsam umgehen, denn wir wußten ja nicht, wie lange wir im Keller hausen mußten.

Die große Frage war, wie lange werden wir im Keller zubringen müssen? Brot hatten wir fast alle nicht mehr, ebenso kein Fett. Also hieß die Losung: Essen beschaffen! Aber wie?!? Drüben am Lehrter Bahnhof gibt es Kartoffeln! Herr Glasneck und Herr Rochlitz kommen schon mit einem Sack voll Kartoffeln zurück, mein Vater hat nur noch ein paar bekommen. Die Kartoffeln lagerten in den Waggons und wären in die Hände der Russen gefallen, wenn wir sie uns nicht geholt hätten. Aber das sahen die Polizisten nicht ein, die plötzlich vor uns standen und alle von den Kartoffelwaggons fortjagten. Mein Vater versuchte es aber trotzdem noch einmal, und ich ging auch mit. Das war eine Kletterei über die Kieler Brücke, die keine richtigen Stufen mehr hatte. Mein Vater brachte noch Kartoffeln, bei mir war es aus. Na, wenigstens hatten wir jetzt soviel Kartoffeln, daß wir ein paar Wochen damit auskamen.

Herr Glasneck überlegte nun immer wieder, wie er noch Lebensmittel für uns organisieren konnte. Ohne daß wir es recht merkten, hatte er sich zu den Markt- und Kühlhallen in der Scharnhorststr. aufgemacht. Er kam zurück und berichtete, daß die Lagerräume voll mit Butter und Schweinen gefüllt wären, der Lagerverwalter aber ohne Bescheinigung der Ortsgruppe nichts herausgeben dürfte. Es würde ihn den Kopf kosten, wenn er es täte (dieser Wahnsinn, ein paar Tage später haben die Russen alles herausgeholt). Ja, wo nun die Bescheinigung hernehmen?

Inzwischen hatte ein Polizeihauptmann unseren Keller aufgesucht und wir hörten auf unser Befragen zu unserem Entsetzen von ihm, daß er auf höheren Befehl eine Barrikade von seiner Polizistentruppe in der Kieler Straße parallel hinter unserem Hausgrundstück laufenden Scharnhorststraße errichten ließ. Wir waren der Meinung, daß diese in Eile aufgebauten primitiven Barrikaden keinen Schutz, sondern nur noch größere Gefahr für uns bedeuteten, konnten jedoch nichts dagegen unternehmen. Herr Rochlitz und ein anderer Mitbewohner benutzten die sich bietende Gelegenheit, den Polizeihauptmann um Ausstellung einer Bescheinigung zur Herausgabe von Lebensmitteln aus den Markt- und Kühlhallen zu bitten. Er zögerte zuerst, erklärte sich aber dazu bereit, nachdem vereinbart worden war, einen Teil der Lebensmittel auch an die Polizisten abzugeben. Herr Prächter, ein Fuhrunternehmer und ebenfalls Mitbewohner unseres Hauses, übernahm die Fahrt mit seinem Lastauto, begleitet von den Herren Rochlitz und Glasneck. Wie uns die tapferen Männer anch ihrer gesunden Rückkehr erzählten, waren die paar Minuten Autofahrt zu den Kühlhallen, die man zu Fuß in 5 Minuten erreicht, ein Wettlauf mit dem Tode. Gerade die Kieler Straße, die vom Bahngelände her, in dem schon die Russen lagen, gut einzusehen war, wurde unter Beschuß genommen. Rechts und links, vor und hinter dem Auto detonierten Granaten. Unsere Männer ließen sich nicht beirren und erreichten wohlbehalten die Kühlhaushallen. 4 halbe Schweine und 4 Fässer Butter wurden aufgeladen und zurück ging die Höllenfahrt. An der Schule in der Scharnhorststraße wurde noch einmal angehalten. 2 halbe Schweine und 2 Fässer Butter wurden abgeladen. Nun noch das letzte Stück der Fahrt, die gefährliche Kieler Straße entlang. Tatsächlich explodierte dort plötzlich eine Granate vor dem Auto. Herr Prächter bremste, bekam das Steuerrad in den Magen gedrückt und kaum noch Luft (die Männer im Wagen wurden durcheinandergerüttelt), versagte jedoch nicht, gab tüchtig Gas, und das Auto erreichte mit Besatzung ohne weitere Zwischenfälle unser Haus. Wie sich herausstellte, war nur der Kühler durchlöchert.

Die Freude im Keller war unermeßlich. Jeder sollte 4 Pfund Butter und eine ordentliche Portion Schweinefleisch bekommen. Wir konnten es einfach nicht fassen. Noch am Abend gingen die Männer an das Verteilen, denn man konnte nicht wissen, was der morgige Tag brachte.

Was uns noch fehlte, war Brot. Am Mittwoch war es, da hieß es plötzlich, in der Scharnhorststr. beim Bäcker gibt es Brot. Es war um die Mittagszeit herum, als sich Herr Glasneck, Herr Rochlitz, Dr. Heinze, mein Vater und ich dorthin aufmachten. Als wir die Bäckerei wohlbehalten erreicht hatten, standen schon einige Leute im Hausflur. In einer Stunde sollte es erst Brot geben. Wir stellten uns dazu und warteten geduldig. Plötzlich hörten wir Flieger über uns und - da krachte es auch schon vor der Haustür und im Hof. Es waren Bomben niedergegangen. Die Steine flogen nur so um uns herum. Wir gingen gleich in die Knie. Nachdem der erste Knall und der erste Schreck vorüber waren, stoben wir alle hinauf in den Treppenflur, dort fühlten wir uns etwas geschützter. Bis zum Luftschutzkeller des Hauses, den wir nur erreichten, wenn wir über den Hof rannten, getraute sich keiner von uns. Und da brummte es schon wieder in der Luft. Wir standen jetzt alle dicht an die Hausflurmauer gelehnt. Der Angriff dauerte etwa eine Stunde und war der letzte, den ich in diesem Krieg erlebte. Wir waren alle froh, daß es sich, wie wir danach feststellten, um einen sowjetischen Fliegerangriff mit leichten, nur Gebäudeschäden verursachenden Bomben gehandelt hatte. Ein Bombenabwurf der Amerikaner wäre wahrscheinlich nicht so glimpflich abgelaufen

Die Kriegsmusik kam immer näher und näher. Es dröhnte und krachte über unseren Köpfen, die Hölle war los. - Wo stehen die Russen? Das war immer wieder die bange Frage. Es hieß Seestr.!! Die Treffer der Artillerie kamen immer näher. Auch hatte wohl schon die Stalinorgel eingesetzt. Es dröhnte und rauschte in der Luft, dazwischen knatterten die Bordwaffen der Tiefflieger, die besonders mittags sehr stark von den Russen eingesetzt wurden.

Wie die Männer beobachteten, waren die Russen von der Seestraße weiter gen Westen gezogen und schossen von Moabit herüber. Schon tauchten Wehrmachtsangehörige in unserem Keller auf. Es waren 4 von der Luftwaffe, die, wie sie uns erzählten, in der Fuhrmannstr. kämpften und einen schwerverwundeten Kameraden, der allerdings unterwegs gestorben wäre, zur Charitè transportiert hatten und nun auf dem Rückweg zu ihrer Truppe sich bei uns im Keller etwas ausruhen wollten. Der jüngste von ihnen, ein 16½jähriger Berliner, war sehr traurig über den Tod des Kameraden, der sein bester Freund gewesen war. Am liebsten wären sie gar nicht mehr aus unserem Keller herausgegangen, sie schenkten den Männern Zigarren und Zigaretten, nur damit wir sie nicht rausschmissen. Einerseits taten uns die armen Kerle ja leid, aber auf der anderen Seite durften wir nicht zu freundlich zu ihnen sein, da sie sich sonst ganz festsetzen würden und unser Leben dadurch gefährdet wäre. Es war eine fürchterliche Situation, aber in solchen Momenten wird man, ja muß man einfach hart und egoistisch sein. Besonders Frau Glasneck schimpfte, daß wir die Soldaten in unseren Keller ließen. An und für sich hatte sie Recht, aber gerade von ihr konnte ich die Hartherzigkeit am allerwenigsten begreifen, da ihr eigener Sohn auch Kriegsteilnehmer war. Das Schlimme war nur, daß die Soldaten das umgehende Gerücht, daß eine große SS-Armee und die Amerikaner ihnen gegen die Russen zu Hilfe kommen würden, glaubten. Wir Zivilisten glaubten wenigstens nicht an den Spuk. Schließlich machten sie sich dann doch auf, um wieder zu ihrem alten "Haufen" zu kommen.

Es ging nun schon dem Ende der Woche zu. Die Russen setzten immer mehr Stalinorgeln ein. Kein Mensch getraute sich aus dem Keller. Das Haus zitterte vom Bersten der Granaten, Steine und Dachziegel fielen, Fensterscheiben zersprangen. Es war uns, als ob das ganze Haus so langsam Stück für Stück zusammenfiel. Immer wieder neue Soldaten kamen und gingen. Sie verlangten nach Wasser. Und wir konnten ihnen doch keines geben, denn der Wasserhahn im Keller lief schon einige Tage nicht mehr, und wir waren froh, wenn wir das bißchen Wasser, welches die Männer unter Beschuß und Lebensgefahr von weit her geholt hatten, für uns behalten konnten. Zum Abwasch des Geschirrs nahmen wir schon Kanalwasser. Aber meiner Mutter und mir krampfte sich das Herz zusammen, wir konnten es nicht mit ansehen, wie die Soldaten schweißtriefend und keuchend in den Keller kamen und kein Mensch ihnen Wasser gab. Wir gaben ihnen doch ein paar Schluck.

Soldaten kamen und gingen. Viele saßen im Nebenraum, und Frau Prächter gab ihnen zu essen. Plötzlich tauchte ein ganz junger Leutnant, die Brust voller Auszeichnungen, mit vorgehaltener Pistole auf und schrie: "Scheißkerle, Feiglinge, Saubande verfluchte, wollt ihr machen, daß ihr aus dem Keller kommt!!!" Wir dachten, wir hörten nicht recht. Ja, ist denn der Kerl total verrückt?! Sieht er denn nicht, daß alles verloren ist! Alle Soldaten fragten einstimmig, womit sie denn kämpfen sollten, es wären doch keine Waffen mehr da. "Sucht euch welche zusammen, draußen liegen genug herum", schrie wiederum der Leutnant. Langsam und unwillig folgte einer nach dem anderen, bis auf einige, denen der Leutnant wegen ihrer Unpäßlichkeit erlaubt hat, im Keller zu bleiben.

Gleich, gleich mußte doch der Russe kommen. Und die nicht verwundeten Soldaten waren immer noch bei uns im Keller und wußten nicht wohin, ergeben wollten sie sich aber auch nicht. Die Gefahr für uns im Keller wurde immer größer, als wir plötzlich auf dem Hofe das "Urrey"-Rufen der Russen vernahmen, und da klopften sie auch schon mit ihren Gewehrkolben an unsere Kellertür.

Das war am 30.4.45, 8.05 Uhr.

Unsere Herzen standen für einige Minuten still.

Die Russen sind da!!

Und da kam der erste schon in unseren Raum. Aber wir trauten unseren Augen nicht. So sahen die Russen aus, so sauber und fabelhaft gekleidet! Und wie wurden sie uns immer in den deutschen Wochenschauen gezeigt? Er strahlte über das ganze Gesicht und rief: "Dobsche, dobsche!" Ich fiel meiner Mutter vor Freude um den Hals. Jetzt hatte doch alles Elend ein Ende, denn diese Menschen sahen nicht so aus, als ob sie uns umbringen würden. Bloß um auch etwas zu sagen, stammelten wir auch alle: "Dobsche, dobsche!" Dieser Russe hielt sich nicht lange bei uns auf, er fragte nur nach Soldaten. Er fand aber keine, die, die sich bei uns im Keller aufgehalten hatten, waren wohl schon alle gefangen genommen.

lo