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Gustave H. Roosen: Als Luftwaffenhelfer in Aachen

Dieser Eintrag stammt von Gustave H. Roosen (1928) aus Bamberg, Januar 2002:

Einige von uns, von der Oberschule für Jungen in Monschau/Eifel aus der 6. Klasse (heute vergleichsweise 10. Schuljahr) kamen am 17.04.1944 zum Einsatz, eine Woche nach dem an Ostern 1944 stattgefundenen Luftangriff auf Aachen und bezogen in der Batterie "Vaalser Quartier / Vensky - Häuschen" (2./514) Stellung. Dieses Quartier war unmittelbar an der Hauptstraße, die zur ca. 6 km entfernten holländischen Grenze führte. Belgien war auch in unmittelbarer Nachbarschaft, am Dreiländereck gelegen.

Ich war damals Alumnats-Schüler, vergleichbar einem Internat, nur Unterkunft und Schule waren räumlich ziemlich entfernt. Ab 1943 war unser damaliger Alumnatsleiter, Rektor B., genannt "Nero", gefürchtet und verehrt zugleich, seinerseits zur Flak eingezogen worden und seitdem ging "im Kasten" alles drüber und drunter. Es herrschte das Faustrecht, es gab nur stundenweise Aufsicht von Lehrern, die aber ihrer Aufgabe als Aufsichtsperson bei dem dort herrschenden Chaos überhaupt nicht gerecht werden konnten. Es war die Hölle. Schulische Leistungen? Leider Fehlanzeige!

Wir kamen also am 17.April in der Stellung an und wurden, nach Empfang durch den Batteriechef, O.Ltn. Kr. empfangen und anschließend komplett eingekleidet. Der Dienstplan sah Einweisung zu Geschütz-, Mess-Staffel oder zur Vermittlung vor, sowie Beginn mit der Grundausbildung. Daneben natürlich techn. Einweisung an den Geräten, denen wir jeweils zugeteilt worden waren.

Einige von uns, Paul St. und auch ich, wurden dem "Malsi-Gerät" zugewiesen, einem Hilfsgerät zu den Mess - Geräten, der sog. "Umwertung" zuzurechnen. Gleichzeitig wurde jeder von uns täglich für zwei Stunden als Flugmeldeposten eingeteilt. Unsere Batterie war eine 8,8 cm Flak, deren Typ schon in Afrika eingesetzt war. Jedes Geschütz stand zu ebener Erde auf seiner Lafette, umgeben von einem ca. 2 m hohen Schutzwall. Da sich unsere Position am Dreiländereck befand, waren wir - neben den anderen Nachbar-Batterien - auf vorgeschobenem Posten, d.h. wir waren die ersten Batterien an der Landesgrenze. Der Flugmeldeposten trug große Verantwortung. Ein zu spät erkannter Kondensstreifen und das zugehörige Flugobjekt, das den Kondensstreifen verursachte, konnten böse Folgen nicht nur für uns, sondern auch für die Stadt Aachen haben.

Unser Batteriechef war ein drahtiger Österreicher, ein - wie sich noch herausstellen sollte - 150%iger, ideologisch eindeutig festgelegter, "scharfer" und durchsetzungsfähiger Mittdreissiger. In dem heißen Sommer stellte er sich einen Liegestuhl auf die "B1" (ein Kommandogerät der Mess - Staffel) und sonnte sich - blinzelte aber unentwegt zum Flugmeldeposten, ob der statt den Horizont nach Kondensstreifen, den Waldrand nach anderen Dingen absuchte... Als vorgeschobene Batterie und dicht an der Grenze waren wir weitgehend auf unsere eigenen Beobachtungen angewiesen und es erfolgte dementsprechend oft der von uns, den Flugmeldeposten, betätigte Alarmknopf zur Herstellung der Gefechtsbereitschaft, wenn sich auch nur ein Kondensstreifen näherte.

Die heraneilende "B1"-Besatzung übernahm sofort die Werte vom Scherenfernrohr und speiste sie in die Telemetrie des meist 4 m breiten Kommandogeräts ein. "Ziel aufgefasst" war die verbale Quittung, wenn sich der Verursacher des Kondensstreifens als Flugobjekt entpuppte und sich seine Richtung, seine Höhe und die Geschwindigkeit des Näherkommens errechnete. Durch Flugzeug - Erkennungsdienst geschulte Augen erkannten dann auch den Typ des Flugzeuges oder des Pulks, der sich näherte. Der Geschützstaffel wurden die Werte für Seite, Höhenwinkel und Distanz elektrisch übermittelt und es galt, die Kanonen nach diesen Werten blitzschnell auszurichten.

Die Geschützführer erhielten die Kommandos ihrer Kanoniere: "K1 abgedeckt" (Höhe), "K2 abgedeckt" (Seite), "K6 abgedeckt" (Entfernung für Zündereinstellung) und die Feuerleitung gab dann das Kommando "Feuer", wobei zusätzlich die alles übertönende elektrische Glocke, die sog. "Feuerglocke" ertönte. Das war das Ritual der Gefechtsbereitschaft - der Feuerzauber konnte beginnen. Die Geschützbedienungsmannschaften (der 6 Fla-Kanonen, benannt von "A"nton bis "E"mil) bestand aus kräftigen Männern. Die Einstellungen geschahen von Hand, hydraulische Unterstützung fehlte. Speziell der Lade-Kanonier, der die schweren Granaten in die Ladeschale zu wuchten hatte, war gefordert, je steiler der Anstellwinkel, desto schwerer seine Arbeit. Hiwi's (Hilfswillige), meist russische Kriegsgefangene schafften die Munition aus den Bunkern heran.

Die russischen Kriegsgefangenen waren ganz umgänglich, allerdings war ein Kontakt mit ihnen nicht gestattet. Sie rauchten ihre Machorkas und waren dankbar, wenn ihnen mal einer eine "Aktive" (eine echte Zigarette, nicht eine aus "Kippen" gedrehte) zusteckte. Einmal rauchte ich in Gegenwart eines Hiwi's eine Zigarette, worauf er scherzhaft mit dem Finger drohte: "...ich Spissus sagenn..".

Paul St. und ich selbst wurden am "Malsi"-Gerät ausgebildet, eine Hilfskonstruktion, die von der Mannschaft etwas belächelt wurde. Unser Aúsbilder war ein Obergefreiter aus Oberfranken, der sichtlich Spaß daran hatte, daß seine Ausbildung Früchte trug, daß wir nicht begriffsstutzig waren sondern ziemlich schnell die Wirkungsweise der auf senkrechten Achsen lagernden Zylindertrommeln mit ihren sphärischen Skalierungen und den senkrecht aufgehängten Schnüren, wie auch der Handhabung der "X"- und "Y"-Sperrfeuer-Lineale begriffen und anzuwenden in der Lage waren. Sinn des Malsi - Gerätes war, bei Ausfall der batterieeigenen Messgeräte Werte von Nachbar-Batterien, deren Mess-Staffel noch einsatzbereit waren, zu übernehmen und auf unsere Koordinaten zu transponieren, was nur mit Hilfe der etwas vorsintflutlich wirkenden Gerätschaften zu ermöglichen war. Dies war die "Umwertung". Als eines Tages tatsächlich "FuMG" (Funkmessgerät, heute Radar) und "B1" (Kommandogerät, welches zur visuellen Erfassung der abzuwehrenden Flugzeuge diente) komplett ausfielen, waren wir auf das sonst so geschmähte Malsi-Gerät angewiesen. Alles funktionierte wie ein Uhrwerk und bewährte sich.

Der Zufall hatte mich dazu auserkoren, die Feuerleitung handzuhaben - Kehlkopfmikrophon am Hals, ein Klingelknopf am Kabel in der Hand und die Befehlsfolge "Feuerglocke" - dabei musste das Wort Feuerglocke klar und deutlich ausgesprochen und der Klingelknopf betätigt werden - 2 Sekunden Pausenintervall - "Abschuss" - wobei wieder das Wort Abschuss klar und deutlich ausgesprochen werden musste. Was in's Kehlkopf-Mikrophon gesprochen wurde, hörte der Geschützführer in seinen Kopfhörern und zog auf das Stichwort "Abschuss" an der Reißleine für die Auslösung des Abschusses der Flakgranate - 5 Sekunden Pausenintervall (die Zeit benötigten die Munitionsschlepper und der Ladekanonier) - dann das gleiche von vorn. Bei heftigen Gefechtseinsätzen kam eine Schussfolge von ca. 700 Schuss/h pro Geschütz zum Tragen. Da unsere Geschütze überlange Rohre besaßen mit entsprechend größerer Reichweite, waren nach 1000 Schuss schon die "Züge", die spiralförmigen Rillen im Lauf, verschlissen.

Ich muß zugeben, daß ich bei der Feuerleitung schon wenig aufgeregt war, was sich in einer raschen Folge der Schuß-Intervalle auswirkte - die Rohre sollen fast geglüht haben. Aber unser Ausbilder, der Obergefreite, strahlte über's ganze Gesicht. Sein gerade ausgebildetes team der 16-jährigen hatte seine Feuertaufe bestanden. Das galt auch für die Mitglieder der Geschützstaffel, von denen wir unseren Freund Ernst N. hervorheben.

Die meisten Unteroffiziere waren in Ordnung - bis auf einen Wachtmeister, der uns bis auf's Blut piesackte und schliff. Aber dieser Spieß namens Lucius sollte sein Walhall´ auch noch erleben.

Wir vom Alumnat in Monschau waren, glaube ich, zu dritt oder fünft hier versammelt. Wir waren durch die Übergriffe und Brutalitäten im Alumnat hart im Nehmen und konnten daher seelische Konflikte bei anderen Kameraden (es gab schon auch Muttersöhnchen, die unter Trennungsschmerz vom Elternhaus litten) nicht nachvollziehen. Es gab einen zartbesaiteten Jungen, der schon in Panik geriet, wenn man einen rauhen Ton anschlug; Kurt berichtet: "Einmal, es war allerdings schon in unserer nächsten Stellung im Ruhrgebiet, als wir uns bei Vorarlarm die Schuhe anzogen (die Hosen zogen wir schon gar nicht mehr aus), schnappte der arme Kerl über und fing zu toben an. Bevor wir merkten, was mit ihm los war, rannte er hinaus und sprang in den Löschwasserteich; er kam wohl anschließend in psychiatrische Behandlung."

Wir allesamt wohl waren froh, dem öden Schulalltag entronnen zu sein und dem nachzueifern, was wir schon früher bei älteren Mitschülern, die schon eher zur Heimatflak abkommandiert wurden, bewunderten und die von uns, wenn sie auf Urlaub nach Hause kamen und schon in schmucker Uniform was darstellten, beneidet wurden.

Kurt H. kam tatsächlich schon frühzeitiger zur Flak, erst nach Jülich, als Flakschutz für ein RB-Ausbesserungswerk und dann im Februar 1944 zur Stellung "Vaalser Quartier"; er erlebte den schwersten Angriff auf Aachen (der in allen Zeitungen als "Terrorangriff auf Aachen" kommentiert wurde) an Ostern hautnah mit. Kurt berichtet: "Wie stolz war ich anfangs, das Vaterland verteidigen zu dürfen, das wich aber erheblicher Ernüchterung nach zwei Angriffen auf Aachen im April 1944. Bombenvolltreffer auf Geschütz Dora - die ganze Bedienungsmannschaft gefallen. Es hatte auch Phosphor geregnet, eine Bombenreihe hatte die elektrische Verkabelung zerrissen - die Batterie war außer Gefecht gesetzt. Am folgenden Morgen wurden neun Zeltbahnen ausgelegt, in die wir die sterblichen Überreste der Gefallenen sammelten; diese wurden dann den Eltern zwecks Beerdigung an deren Heimatort übergeben".
Dieses Horror-Szenario geschah eine Woche vor meinem Eintreffen. In der Folge hatten wir ständig "mächtig zu tun" - nur saßen wir am halb unterirdischen MALSI-Gerät, während Kurt an der B1 alles hautnah erlebte: "Während eines Angriffs, bei dem wir auf einen Pulk von Librator-Bpmber losballern, sehe ich durch das Kommandogerät, wie die Bombenschächte aufklappen und die Bomben auf uns zu heraustorkeln. Da wir zu dieser Zeit Befehl hatten, nur auf kommende Ziele (verkürzte Zünderlaufzeiten) und auf solche mit Bombenlast zu schießen, war dieser Moment für "Zielwechsel nach Richtung zwo-zehn" gekommen, zehn Sekunden spdter dann der Befehl "Volle Deckung". Mit letztem schnellen Blick sah ich noch die roten Karotten und deren Grünzeug über mir, bevor es dunkel wurde vor Dreck, der auf uns runter prasselte. Wir hatten dabei unbeschreibliches Glück - der Bomben-Reihenabwurf verfehlte uns knapp, nur der Radarschirm war zu einer "8" verbogen, aber alle 30 Meter war ein großer Krater. Einer hat mal die Bombenkrater im Umkreis von 500 Meter gezählt, es waren so um die 400, die meisten wohl ab August 1944 entstanden".

Von Schulunterricht war seit Juli kaum noch die Rede, ständige Alarmbereitschaft und Gefechtstätigkeit machten es den Lehrern unmöglich, Unterrichtsstunden zu geben, zumal für sie bei Alarm keine Möglichkeit bestand, in unmittelbarer Umgebung Deckung zu suchen bzw. zu finden. Per Juli erhielten wir unsere Zeugnisse - mit einem "Gefahren-Bonus": meine in früheren Zeugnissen attestierten schwachen Leistungen hatten sich schlagartig gebessert... Die Versetzung war auch nicht mehr gefährdet sondern jetzt gesichert.

Der Drill machte uns nicht viel aus - wir waren durch unsere Zugehörigkeit zur H.J. vorgedrillt und wer dazu noch bei der Flieger-H.J. war, hatte meistens technisches Verständnis und war von den hier angetroffenen Gerätschaften und dem ganzen Drumherum fasziniert. Mehrfache Grundausbildung und unnötige Schikane nervten uns natürlich und wenn uns jemand wegen Rauchens anmoserte, dann konterten wir damit, daß das Schleppen von Munitionskästen samt Inhalt uns auch verboten sei.

Es mag wohl Juli geworden sein, als die Batterie-Stammbesatzung, einschließlich Batteriechef, dem O.Ltn. Kr. und seinem Adjudanten, dem 20-jährigen Ltn. Kü. (auch Österreicher) ausgetauscht wurde - nur der verhasste, sich als Feigling demaskierende Spieß blieb - er hatte sich mit fadenscheinigen Argumenten vor dem jetzt ultimativen Fronteinsatz gedrückt. Wir erhielten nun im Austausch eine Besatzung, die frisch von der Front kam - feine Kerle, wie wir damals fanden, großzügig und leger im Umgang, kein Drill, keine weltanschaulichen Schulungen oder Dispute. Der neue Batteriechef hockte sich beim Mittagessen in der Kantine auf einen Schemel und spielte auf seinem Akkordeon zu unserer Unterhaltung. Es war in der Tat ein Unterschied wie Tag und Nacht. Es waren für uns Kumpels, richtige dufte Kumpels. Der Fronteinsatz hatte diese Männer geprägt. Anstatt Drill und verquere Theorien galten ganz andere Maßstäbe: praxiserprobte Strategien für`s Überleben und kameradschaftlicher Umgang mit Kampfgefährten, wozu sie uns natürlich auch rechneten und damit mächtig aufwerteten. Der verhasste Spieß war kaltgestellt, er hatte fortan keine Möglichkeit mehr, uns noch in irgendeiner Form zu schikanieren.

Die meisten von uns hatten sich - die Front rückte unerbittlich näher - freiwillig als ROB (Reserveoffiziers-Bewerber) gemeldet. Die Initiative ging von uns selbst aus. Von einer Werbung seitens der SS, Freiwillige von uns zu rekrutieren, war nie die Rede und wäre auch in Anbetracht der sich täglich mehr zuspitzenden Situation kaum durchführbar gewesen. Nach Kriegsende erfuhr ich, daß die SS-Division "Hitler-Jugend" unter ihrem Kommandeur, dem Generalmajor der Waffen-SS, Kurt Meyer ("Panzermeyer") bei erbitterten Abwehr-Kämpfen in den Ardennen und im Hürtgenwald (Gegend bei Monschau) vollständig aufgerieben wurde, von einst 20.000 Mann - nahezu in unserem Alter - überlebten gerade mal 40. Panzermeyer geriet in amerikanische Gefangenschaft. Sein Sohn Kurt schrieb später ein Buch* über ihn, dem zu entnehmen ist, daß sein Vater es ab 1954, nach auf den Tag genau 10 Jahren Gefangenschaft, wieder zu einer bürgerlichen, sicher gut dotierten Existenz brachte. *(Titel "Geweint wird, wenn der Kopf ab ist" - Annäherungen an meinen Vater "Panzermeyer", Generalmajor der Waffen-SS).

Die Unterkunfts-Baracke, die ich mit anderen teilte, hatte ich mit wohnlichen Utensilien, Fenstergardine, Wandspiegel, Spiegel-Beleuchtung - von daheim abgestaubt - ausgestattet, und wenn einer von den Unteroffizieren die Stube betrat und ihm Meldung gemacht wurde, dann wurde er gleich etwas umgänglicher, schaute in den Spiegel, kämmte sich die Haare und erinnerte sich wahrscheinlich an sein Zuhause und fühlte sich für einen Moment heimatlich verbunden. "Das ist ja wie im Puff hier" war eigentlich selten zu hören und wenn, dann von Primitivlingen. Überhaupt galt "Improvisations-Talent" als eine der wichtigsten Tugenden überhaupt. Da ich mir einbildete, technisch nicht unbegabt zu sein, bastelte ich - der Not gehorchend - aus größeren Marinade - Dosen, die ich entsprechend zurichtete, elektrische Kochplatten, sogar mit Stufenschalter. Nikelin - Heizdraht wurde organisiert, meist im Tauschweg, die Platte dafür aus Kaolin gebrannt, in welche die Rillen für den Heizdraht im noch weichen Zustand ausgeritzt wurde. Fertig war die luxuriöse Kochstelle, einsatzbereit für die abendlichen Bratkartoffeln, abgezweigt von den Pellkartoffeln, die es mittags gab. Lauch von den angrenzenden Feldern ersetzten die Zwiebeln. Ein anderer, großer Improvisator war im Zivilberuf "Former"; er hatte alles dabei, um Flakkampfabzeichen, die zwar verliehen, aber aus Lieferengpässen heraus nicht geliefert werden konnten, selbst zu gießen und auch nach gelungenem Guß einzuschwärzen.

Inzwischen hatten wir verstärkt unter Jabo-Beschuß (feindliche Jagdbomber, im Tiefflug angreifend) zu leiden. Einer von uns, mit Namen Kirsch, saß als VB (vorgeschobener Beobachter) auf dem Pelzerturm und es nahm uns schon sehr mit, als wir erfuhren, daß er bei einem Jabo-Angriff tödlich getroffen wurde. Ende August mussten wir Deckungslöcher graben, die mit Betonplatten abgedeckt waren und oben einen Einstieg ermöglichten. Notfalls sollten wir dort Unterschlupf suchen. Wir wollten nicht wahrhaben, daß wir diese eines Tages nötig haben würden, aber das änderte sich schlagartig am 11. September, als wir von amerikanischer Artillerie direkt beschossen wurden. Unsere wohnliche Baracke ging in Flammen auf, unsere Habseligkeiten verbrannten restlos.

Es hieß, dass wir rausgezogen werden sollten. Wir alle wollten aber diese uns ans Herz gewachsene Besatzung, diese Kumpels, die uns Freunde und echte verlässliche Kameraden waren, nicht alleine ihrem Schicksal überlassen und baten schriftlich um Genehmigung, bei der Stammbesatzung bleiben zu können ("Frontschein"), Das wurde jedoch von höherer Warte aus verworfen. Abends wurden wir auf einen mit abgeblendetem Licht fahrenden LKW verladen, der jede Menge nichtregistrierte Verpflegung geladen hatte, also Schwarzbestand, und auf der Trasse Aachen-Köln in Richtung Köln in Marsch gesetzt. Unterwegs hatten wir wegen schlechter Sichtbedingungen für den Fahrer infolge der abgeblendeten Scheinwerfer einen Auffahrunfall in stockdunkler Nacht. Uns war nichts passiert, aber von der Ladung Verpflegung war einiges auf die Fahrbahn gekippt. Man konnte nichts sehen, aber wenn man mit einem Fuß gegen etwas stieß, war es ein Päckchen Pumpernickel, Käse in großen Tuben, Zigaretten der Marke "Zuban" - für uns willkommene Fundsachen.

In Köln endlich angekommen, sammelte sich unser "versprengtes Fähnlein" auf dem Domplatz. Kurioserweise begegnete ich in meiner martialischen Aufmachung, mit Karabiner, Munitionstaschen am Koppel, Stahlhelm, Tornister, Brotbeutel und Feldflasche meinem zufällig dort am Domplatz verweilenden Großvater. Unser beider Erstaunen war gewaltig, bei ihm mischte sich ungläubiges Erschrecken in seine Mimik. Für Erklärungen blieb weder Zeit, noch Gelegenheit, "c`est la guerre" - das Häuflein marschierte weiter. Marsch-Disziplin hatte Vorrang.

Die geschilderten Ereignisse wurden vielfach von den LW-Helfern der Nachbar-Batterien gleichermaßen geteilt, wenn auch auf die Belange ihrer eigenen Stellungen zugeschnitten. Das Kaiser-Karl-Gymnasium, Aachen, hat sich, unter Federführung seines Geschichtslehrers P. Emunds der Mühe unterzogen, die (52) LW-Helfer, die sie nach dem Krieg erreichen konnten, zu interviewen und die Tonband-Protokolle, anonym, in einer als Buch veröffentlichten Fallstudie unter dem Titel "mit 15 an die Kanonen" niederzuschreiben. Es wurden auch Kameraden aus unserer Batterie interviewt, deren Schilderungen im Vergleich mit den selbst erlebten Ereignissen übereinstimmen - Déjà-vu-Effekt.

Der Standort der ehemaligen Flakbatterie an der Vaalser Straße ist inzwischen von einer Siedlungsgesellschaft mit Reihenhäusern besiedelt und schräg gegenüber, Luftlinie ca. 1700 m, sieht man das Klinikum Aachen. Der seinerzeitige "erste" Batteriechef, der "150%ige" O.Ltn. Kr. hat den Krieg überlebt. Ich sah ihn, den Ex-Batteriechef, einige Jahre später, so 1949, in Innsbruck in einem Café bei Kaffee und Sahnetorte auf der Maria-Theresien-Straße "als Stehgeiger zur Unterhaltung der Gäste". Von den überlebenden Angehörigen der Besatzung, die die "erste" Mannschaft ablöste und selbst jetzt in schwerste Abwehrkämpfe gegen die anstürmenden US - Streitkräfte verwickelt wurde, haben wir bedauerlicherweise nie mehr etwas gehört. Vielleicht liest der ein oder andere Nachkomme dieser Besatzung diesen Bericht und kann etwas zu den Ereignissen und Erlebnissen dieser Mannschaft beitragen.

Aachen wurde am 21. Oktober - 5 Wochen nach dem uns verordneten nächtlichen Ausbruch - nach heftigen Straßenkämpfen von den US-Streitkräften, angeblich das VII. US-Korps, erobert.

lo