> Horst Ahrens: Unsere letzten Luftwaffenhelfertage in Oberschlesien, Januar 1945

Horst Ahrens: Unsere letzten Luftwaffenhelfertage in Oberschlesien, Januar 1945

Dieser Eintrag stammt von Horst Ahrens (*1928) aus Hamburg, April 2011, zusammengestellt mit Angaben seiner Kameraden Hubert Poganiuch, Heinz Tomulka, Engelbert Milde, Gerhard Schmack, Heinz Kandziora, Egon Fein, Herbert Laqua † und Hanno Effert †.

 

Am 6. Januar 1945 erfolgte unsere Verlegung der ehemaligen FLAK-Batterie 223/VIII nach Föhrengrund.

Kamerad Hubert Poganiuch berichtete mir u.a.:
"… Nach Beendigung meines Weihnachtsurlaubes, den ich im Kreise der Familie in Oppeln verbracht hatte, kehrte ich am 26.12.1944 wieder nach Annahof zurück. Meine Mutter hatte mir noch die Lebensmittelkarten, die ich bei Antritt meines Urlaubes erhalten habe, mitgegeben und auch ein Paar warme Socken; sie machte sich eben doch große Sorgen um mich. Ich hatte einen schweren Rucksack bei mir und bin mit der Bahn bis Odertal gefahren. Von Odertal ging es dann zu Fuß über Bergstedt nach Mariengrund zur Rückmeldung in der Schreibstube und weiter in die Batterie. Der kürzeste Weg von Bergstedt nach Mariengrund führte durch die "Schluchten", einem schmalen Hohlweg.
In der Batterie holte mich der Alltag schnell wieder ein. Schon mittags griffen die Amerikaner das Werk Odertal an. Ich verrichtete wie immer meinen Dienst als Zünderstellkanonier und es gäbe eigentlich nicht viel anderes über diesen Angriff zu berichten als sonst auch, wenn nicht, ja wenn nicht eine Granate vorzeitig in unmittelbarer Nähe des Befehlsstandes der Untergruppe auf dem Annaberg krepiert wäre. Ursache für diesen Frühkrepierer konnte sowohl ein fehlerhafter Zünder als auch ein fehlerhaft eingestellter Zünder gewesen sein. Da in der fraglichen Zeit keine andere Batterie geschossen hatte außer "Annahof", hat sich die ganze Kritik auf uns gerichtet. Als einer der 18 Zünderstellkanoniere gehörte auch ich zum Kreis der Gescholtenen. Es hat sich aber alles sehr schnell beruhigt, da nichts passiert war. Damals konnten wir es noch nicht wissen, dass wir den letzten Angriff der Amerikaner auf unser "Schutzobjekt" erlebt hatten. Am 6. Januar 1945 kamen wir von der ehemaligen 223/VIII in eine neue "Stellung", der Ort hieß 'Föhrengrund'".

Hierzu mein (Horst Ahrens) Bericht:
Offenbar hatten wir 'Ehemaligen' von der 223/VIII Reinschdorf zu verschiedenen Zeiten verlassen, denn in der neuen Batterie 'Föhrengrund' standen bereits drei Geschütze 8,8-cm/41. Weitere Geschütze standen transportbereit auf einem nahegelegenen Bahnhof. Ich habe Hanno Effert in seinem jetzigen Wohnsitz besucht und ihn um eine Schilderung bezüglich der ersten Eindrücke von 'Föhrengrund' gebeten:
"... Die größere Wegstrecke von Reinschdorf nach Föhrengrund legten wir mit der Bahn zurück, eine kleinere Strecke marschierten wir zu Fuß. In Föhrengrund waren bereits drei Geschütze feuerbereit. Weitere standen zerlegt auf einem Bahnhof, wo wir den Zug verlassen hatten. Mit Hilfe von Flaschenzügen pp. haben wir versucht die Geschütze (am Bahnhof) zusammenzusetzen, damit sie transportbereit waren. Nach Föhrengrund haben wir aber keine weiteren Geschütze gebracht..."

In den nun folgenden Berichten lasse ich einzelne Kameraden ihre Erlebnisse im Kampf um Oberschlesien berichten. Datensprünge sind dadurch leider unvermeidlich. Der schon mehrfach genannte Kamerad Alouis Tomulka berichtete mir:
"...Wir waren die am weitesten im Westen gelegene Batterie und wie es hieß, die noch einzige kampffähige Einheit. Bei dem nächsten Munitionsnachschub, vor allem von Panzer-granaten, feuerten wir im Dauerfeuer auf. Erdziele bis sich eine dünne neue deutsche Abwehrfront gebildet hatte."

Im Januar 1945 näherte sich die russische Front und überrollte nach und nach die einzelnen FLAK-Batterien. Reinschdorf lag unter direktem Beschuss russischer Panzer. Die Batterie wehrte sich tagelang und musste schließlich wegen Munitionsmangel geräumt werden. Ich (Horst Ahrens) erinnere mich an einen Luftwaffensoldaten, der als Versprengter von der alten 'Ostfront' zurückkam und sich in unserer unfertigen Batterie in Föhrengrund meldete. Er sei schon in Afrika 'dabei' gewesen und hatte auf die 'Oberen' eine 'Stinkwut im Bauch'. Für ihn war die derzeitige miese Kriegslage 'Verrat durch die deutsche Generalität'. Was aus diesem Soldaten geworden ist, weiß ich nicht. Wir hatten nur wenige Gewehre. Der ortsansässige Förster gab uns deshalb aus seinem Bestand 'Langwaffen' ab, für die wir Munition hatten.

Kamerad Hubert Poganiuch schrieb mir in Bezug auf 'seine' Batterie in Mittelhof / Poppitz u.a.: "…Bald nach dem Beginn der Baranow-Offensive hörte man den Kanonendonner der heranrückenden Front; zuerst als dumpfes Grollen, im Laufe der Zeit auch Einzelfeuer. Ein Leutnant, der offen erklärt hatte, dass bei dem zu beobachtenden Vormarsch der sowjetischen Truppen die Angriffsspitzen in einer Woche die FLAK-Batterie erreichen würde, wurde bei einem Appell, zu dem die ganze Batterie antreten musste, vom Batteriechef gerügt und aufgefordert, derartige 'unqualifizierte' Äußerungen zu unterlassen. Der Leutnant sollte sehr schnell Recht bekommen..."

Wenig später gab es bei uns in Föhrengrund Panzeralarm. Wir hörten das Röhren von Panzermotoren und das Gerassel bzw. Gequietsche der Panzerketten. Diese Geräusche gingen uns "durch und durch". Ob das wohl die Sowjets waren und diese wussten, wo wir waren? Noch kamen sie nicht zu uns. In respektvoller Höhe flogen über uns sowjetische Schlachtflieger 'IL 2', griffen uns aber nicht an.

Wir Luftwaffenhelfer waren nun natürlich auch nachts auf Wache. Zur Tarnung unserer Uniformen hatten wir unsere Stahlhelme weiß angestrichen. Wir hatten zwar keine 'Schneehemden', bekamen aber weiße Bettlaken, die wir in der Mitte aufschlitzten und wir durch die so entstandenen Öffnungen unsere Köpfe steckten. Das war unsere Tarnbekleidung. In der Ferne hörten wir das "Gegrummel" der Granatexplosionen, das "Rattern" eigener und feindlicher Maschinenwaffen und am östlichen Himmel blitzte es immer und immer wieder auf, wie bei einem Wetterleuchten. Ich dachte: "Das ist also die Front".

Irgend einer der auf Posten stehenden Kameraden hörte nachts etwas rascheln und rief: "Halt, wer da - Parole!" Eine Antwort kam jedoch nicht und alle, die auf "Posten" waren, schossen (wohin?). Es war eine wüste Ballerei. Irgendwann kam dann der Befehl "S t o p f e n", d.h. 'Aufhören mit dem Schießen'. Es herrschte Ruhe, kein "Feind" war zu sehen.

Am darauf folgenden Morgen sahen wir, warum und auf was die Kameraden geschossen hatten: Es war ein leerer Zementsack, der im Schnee einseitig festsaß und im Wind hin und her wedelte und dadurch geraschelt hatte! Aus heutiger Sicht möchte ich sagen, dass die Kameraden ihre nächtliche Angst mit dem Schießen abreagiert haben.

Des Öfteren sahen wir den 'Stuka' (die 'Ju 87') des Schlesiers und Obersten (Träger des goldenen Eichenlaubes mit Schwertern und Brillanten zum Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes) Hans-Ulrich Rudel in Begleitung zweier 'Me 109'. Seine Maschine war mit zwei automatischen 3,7-cm-Kanonen unter den Tragflächen bestückt. Sie verschossen eine Spezialmunition mit Wolfram-Kern, der die Panzerung der hinter dem Turm befindlichen Motorabdeckung durchschlug und erst dann zerbarst. Oberst Rudel konnte damit auf etwa 20 - 30 cm genau treffen. Mit diesen Kanonen schoss er eine ganze Panzerarmee sowjetischer 'T 34' und 'Stalin-Panzer' ab und verschaffte uns und anderen deutschen Einheiten somit 'Luft'. Es sollen über 500 Panzer gewesen sein, die auf sein Abschusskonto in dieser schweren Zeit im Bereich der dünnen Ostfront gingen.

Wir hatten nur Zeitzündergranaten ('ZZ') und solche mit Aufschlagzündern ('AZ'), aber keine panzerbrechenden Granaten in unserer Batterie. Ich erinnere mich, dass unser leitender Schießoffizier zusammen mit dem Stammpersonal der Batterie von dem bereits stehenden Teil unserer Batterie Ziele im indirekten Beschuss mit unseren Sprenggranatpatronen beschossen wurde.

Kamerad Engelbert Milde schrieb mir: " ...Am 6.1.1945 wurden wir Luftwaffenhelfer der ehemaligen 213/VIII nach Mittelhof versetzt. Zum ersten Mal lernten wir deutsche 8,8-cm- FLAK-Geschütze kennen und schnell bedienen. Im Januar 1945 kam es zu den ersten Kampfhandlungen mit den vordringenden sowjetischen Truppen. Wir schossen mit unseren Geschützen im Erdeinsatz auf angreifende feindliche Kavallerie und Panzer. Die sowjetischen Soldaten antworteten mit Maschinengewehr-, Granatwerfer- und Panzerkanonenbeschuss.

Am 21.1.1945 griffen zwei deutsche Kampfflugzeuge im Tiefflug in das Kampfgeschehen ein. Ihre Angriffe führten zu einer kurzzeitigen Entlastung. Wir nutzten die Gelegenheit, zerstörten unsere Geschütze und verließen, um der Kriegsgefangenschaft zu entgehen, im Schutze der Winterdämmerung unsere Stellung.

Tiefer Schnee, Dunkelheit und eisiger Wind in der Nacht er- schwerten den Rückzug. In mehreren anstrengenden und beschwerlichen Tagesmärschen erreichten wir nach der Überquerung der Oder am 26.1.1945 schließlich Neustadt O/S.

Unser Schulkamerad Gerhard Schmack, zunächst in der 218/VIII, war jetzt in der Großbatterie "Eschendorf / Niedererlen". Als die Sowjets heranrückten, es war so um den 20.1.1945, bereitete man sich dort auf den bevorstehenden Erdkampf vor. Die Geschützwälle wurden abgetragen, damit im direkten Schuss gefeuert werden konnte, und es wurde panzerbrechende Munition für die Geschütze geliefert.

Gerhard Schmack berichtete mir wörtlich: " ...Einen Tag, bevor wir Luftwaffenhelfer dann endgültig die Batterie vor den anrückenden Russen verlassen hatten, war einige Kilometer vor unserer Batterie in östlicher Richtung die 'Ju 87' mit ihren beiden 3,7-cm-Panzerkanonen von Oberst Rudel im Einsatz. Es war gegen Mittag und das Wetter war sonnenklar. Der "Stuka" flog von unserer Batterie aus gesehen links vom Annaberg. Das war wohl in Richtung "Groß-Strehlitz", wo sich in jenen Tagen russische Panzerrudel herumtrieben.

Zur Absicherung gegen feindliche Jäger flogen einige "Me 109" Luftsicherung für Oberst Rudel. Plötzlich qualmte eine "Me 109" und verlor an Höhe, um kurz darauf bei einem Bauernhof vor uns in einem Holzstapel aufzusetzen. Dass die Maschine nicht in tausend Fetzen flog, war fast ein Wunder. Einige von uns liefen sofort zur notgelandeten Maschine, um nach dem Piloten zu sehen. Sie kamen nach ca. einer Stunde mit dem hinkenden Flieger zu- rück. Er hatte nur einen Filzstiefel an, der zweite war aus der eingeklemmten Pilotenkanzel nicht herauszukriegen, berichteten die Kameraden. Der Pilot fluchte fürchterlich, weil er die letzten Kriegswochen wahrscheinlich als "Fußlatscher" (Infanterist) verbringen musste, denn an eine Ersatzmaschine für ihn war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr zu denken.

Der eigentliche Witz an der Geschichte war folgender: Die 'Me 109' war von einem deutschen Volkssturmmann mit einem Flieger-MG am hellen Tage bei bester Sicht abgeschossen worden. Von einem eigenen Mann, der offenbar eine "Me 109" nicht von einer sowjetischen "IL 2" unterscheiden konnte.

Tags darauf seien in der Batterie die beiden FuMG und die Kommandogeräte gesprengt worden. Wenig später seien vier Zugmaschinen gekommen, die je ein Geschütz aus der Stellung zogen und die Luftwaffenhelfer wurden zumeist abgezogen. Fast unbewaffnet, nur in Begleitung eines Unteroffiziers, ging es westwärts, über die Oder.

Kamerad Heinz Kandziora schrieb mir: " ... Wie mir ein Stubenkamerad aus der 218/VIII, der in "Eschendorf / Niedererlen" geblieben war, später in einem Auffanglager in der Nähe von Kriegsdorf im Sudetenland berichtete, soll ein Luftwaffenhelfer vom FuMG (es soll ein kleiner stämmiger Kamerad mit behaarter Brust gewesen sein (Name weiß ich nicht mehr) von den Russen geschnappt worden sein, als er noch einmal in die verlassene Batterie zurück ging, um das letzte FuMG zu sprengen. Andere Kameraden sollen aus einiger Entfernung beobachtet haben, wie er von den Russen erschlagen wurde. ..."

Kamerad Hubert Poganiuch berichtete mir: "20.1.1945, Sonnabend: Sowjetische Angriffsspitzen erreichen den Raum Kattowitz. Nördlich von Beuthen dringen die Sowjets in Oberschlesien ein und stoßen bis Groß-Strehlitz (10 km von Mittelhof entfernt) vor. Es herrscht strenger Frost. Der Boden war mit einer geschlossenen Schneedecke bedeckt. Wir erhielten weiße Tarnhosen, die Stahlhelme haben wir weiß angestrichen. Über den langen Luftwaffenmantel habe ich ein Bettlaken gezogen, das ich in der Mitte aufgeschlitzt habe um meinen Kopf durchzustecken. Über meinen Kopf habe ich den Kopfschützer gezogen. Erstmals Beschießung eines russischen Flugzeuges. Neben unserer FLAK-Batterie ging eine Artillerieeinheit der Wehrmacht in Stellung und eröffnete das Feuer auf den Feind. Die Luftwaffenhelferinnen ('Blitzmädel') aus der Fernmeldezentrale mussten die Batterie verlassen. Ich übernahm die Fernmeldezentrale.

In der Nacht zum 21.1.1945: Besetzung von Groß-Strehlitz durch ungefähr 20 feindliche Panzer.

21.1.1945, Sonntag: Die Truppen der 1. Ukrainischen Front überschreiten auf breiter Front die oberschlesische Grenze und dringen bis zum Turawa-Stausee (ca. 15 km von Oppeln entfernt) vor. Mittelhof beschießt feindliche Panzeransammlungen in Groß-Strehlitz; Erdzielschießen als Störfeuer auf die Ortsausgänge von Groß-Strehlitz. Noch in der Nacht hat sich die (benachbarte) Artillerieeinheit der Wehrmacht zurückgezogen.

Um 09.00 Uhr: Erdalarm. Ein russisches Maschinengewehr in Poppitz eröffnet heftiges Feuer auf die Batterie. Feindliche Kavallerie war im Batteriebereich zu sehen. Granatwerferbeschuss, Panzerangriff.

Die Lage war hoffnungslos. Wir hatten weder Handfeuerwaffen noch Panzerfäuste, ich besaß lediglich sechs Eierhandgranaten. Die Geschütze stellten das Feuer ein, da die Geschützrohre auf den Erdwällen der Geschützstände aufsaßen. Ich bekam den Auftrag, mit der Nachbar-FLAK-Batterie Alt-Bischofstal fernmündlich Kontakt aufzunehmen und Sperrfeuer auf das Vorfeld unserer Batterie anzufordern. Das Sperrfeuer musste bald wieder eingestellt werden, da ein Teil der Granaten im Batteriebereich einschlugen.

Glücklicherweise waren viele Granaten aus dem russischen Granatwerferbeschuss Blindgänger. Ein Kamerad hielt mir einen solchen Blindgänger unter die Nase. Um 15.30 Uhr mussten wir die Batterie räumen. In kleinen Gruppen zogen wir uns jedes Mal dann, wenn die sechs deutschen Flugzeuge einen neuen Angriff flogen, im Laufschritt über einen deckungslosen tief verschneiten Acker zurück bis zu einem etwa 200 m entfernten Hohlweg, der ausreichend Deckung bot.

Einen Kameraden, der durch den Granatwerferbeschuss im Befehlsstand verwundet worden war, rollten wir in eine Decke ein und banden ihn auf einem Schlitten fest. Zu zweit zogen wir abwechselnd den Schlitten mit dem Kameraden. (Anmerkung von mir - Horst Ahrens: Die Kameraden der vorge- nannten Batterie kamen bei uns in Föhrengrund mit dem auf dem Schlitten liegenden verwundeten Kameraden vorbei).

Es erfolgte unser Rückzug über die Großbatterie Alt-Bischofstal und die Kleinstadt Bischofstal. In Bischofstal kannte ich mich gut aus, da ich in den Ferien öfters dort war. Hier lieferten wir den verwundeten Kameraden auf dem Hauptverbandsplatz ab und bewegten uns weiter in Richtung Rudgershagen. Spät in der Nacht kamen wir in der Großbatterie in Rudgershagen an. Die sowjetischen Truppen hatten inzwischen Bischofstal besetzt. Die Batterie Rudgershagen schoss auf den nachdrängenden Feind; wir konnten daher in den freien Betten der Kameraden liegen. Ich schlief sofort ein.

22.1.1945, Montag: Wir blieben in Rudgershagen.

23.1.1945, Dienstag: Wir verlassen die Großbatterie Rudgershagen; Rückzug über Althammer - Oderwalde - Fährendorf nach Neumannshöh.

24.1.1945, Mittwoch: Neumannshöh verlassen wir nachts, Marsch nach Oberglogau.

25.1.1945, Donnerstag: Nachts, Marsch nach Neustadt O/S.

26.1.1945, Freitag: Neustadt: Unterkunft in der Kaserne, Umzug in das katholische Gesellenhaus (Kolping-Haus).

29.1.1945, Montag: Entlassung aus dem Dienst der Luftwaffe."

Der Luftwaffenhelfer-Kamerad Egon Fein, noch in der westlich der Oder gelegenen Stellung in Juliusburg berichtete mir: "... Seit dem

19. oder 20. Januar 1945 befanden wir uns im Erdeinsatz. Wir bekämpften russische Truppen- und Panzeransammlungen sowie Übersetzversuche über die Oder mit 'hochgezogenem Sprengpunkt'. In der Nacht zum 20. Januar, einem Samstag, rückte ein FLAK- Kampftrupp aus. Dazu gehörten die Lw-Oberhelfer Walter Götz, Friedrich Schalk und Egon Fein aus Rothenburg, sowie mehrere Soldaten. Wir marschierten - zur Tarnung mit weißen Bettlaken behangen, Tarnjacken bekamen wir erst später - bis zu unserem Einsatzgebiet in und um Bischofstal. "Zielvorgabe": Panzerbekämpfung.

Dort brach ein blankes Chaos über uns herein. Während der Russe von Norden angriff, holten wir 8,8-cm-Panzermunition mit einem Lkw aus einer verlassenen Stellung. Aber wo blieben die Kanonen? Statt dessen postierte man uns erst an Straßenkreuzungen, dann - in dünner Schützenkette - bei beißender Kälte auf freiem Schneefeld als infanteristisches "Bollwerk". Sollten wir mit unseren belgischen Kurzgewehren "T 34-Panzer" "knacken"? Vor uns sahen wir ihre Silhouetten nachts im Schein brennender Häuser von Ost nach West rollen. Hätten sie nur einen kleinen Schwenk nach links gemacht, sie wären über uns hinweg gerasselt wie über lästige Blattläuse. Erst als wir wieder mit unseren vertrauten Kanonen in Berührung kamen, fühlten wir uns nicht mehr so wehrlos.

Es herrschte ein heilloses Durcheinander, keiner wusste mehr, wo vorn und hinten war. Einmal sahen wir russische Infanterie rechts von uns vorgehen, während wir auf der Straßenkreuzung auf sie und ihre Panzer lauerten. Am 22. oder 23.1. fiel unser Obergefreiter Brandt, und schließlich wurden wir zurückgenommen in die Stellung nach Juliusburg. Entgegen kamen uns Einheiten der 1. Gebirgsjäger-Division in langen Kolonnen. Zurück zum Marsch nach Bischofstal: Irgendwo auf dem Wege dorthin trafen wir auf umgestürzte Panjewagen am Rande der verschneiten Straße, daneben verstreute belgische Waffen und Munition. Wir sammelten Waffen und Munition ein. ...

Zum Schicksalstag wurde der 24. Januar, ein Mittwoch. Um zu erkunden, wie weit der Russe vorgedrungen war, ob sie die Oder schon überquert hatten (was wir nicht glaubten), wurde ein Spähtrupp unter Oberwachtmeister Jürgens, einem Oberschlesier, zusammengestellt. Eben vom FLAK-Kampftrupp zurückgekehrt, hatte ich mir eine Grippe mit hohem Fieber eingehandelt. Als ich trotzdem fix und fertig, Stahlhelm, Karabiner unterm Arm, zum Abmarsch bereit stand, weigerte sich der Unteroffizier Schmidt (ein Münchner) mich mitzunehmen: "Du gehst zum Sani und schaust, dass g'sund wirst. Wir kommen eh gleich wieder." Daran kann ich mich noch ganz genau erinnern. Außerdem fehlte Lw-Oberhelfer Schalk. Er war zurückgelaufen zur Geschützstellung, um Stahlhelm und Karabiner zu holen.

Indessen marschierte der Trupp ab: Der bereits genannte Oberwachtmeister, Unteroffizier Schmidt und fünf Luftwaffenhelfer: Walter Götz und Karl Hörner aus Rothenburg, Stefan Bernhardt aus Dinkelsbühl, Siegfried Apelt und Rudolf Tiede aus Niesky. Ich glaube, diese Auswahl war rein zufällig getroffen worden, und ich kann mich nicht daran erinnern, dass dem Spähtrupp auch Soldaten angehörten.

Als Schalk mit Gewehr und Stahlhelm zurückkam, liefen wir beide vergeblich hinterher, der Trupp war bereits außer Sichtweite. Also kehrten wir um, ich ging - wie befohlen - zum Sani und holte mir Pillen gegen Grippe und Fieber.

Am Nachmittag kamen Uffz. Schmidt und Oberhelfer Hörner allein zurück, Hörner mit durchschossenem Schneehemd. Sie berichteten: Der Spähtrupp war in einen Hinterhalt der Russen geraten, die sich doch schon viel weiter vorgeschoben hatten, als von uns vermutet; alle seien gefallen, nur sie seien wie durch ein Wunder entkommen.

Am nächsten oder übernächsten Tag stellten wir wieder einen Trupp zusammen und zogen in der Abenddämmerung mit einem Pferdeschlitten los, die Toten zu holen. Aber wir fanden nur Götz, Apelt und Tiede; der Oberwachtmeister Jürgens und Stefan Bernhardt waren verschwunden. Vermutlich hatten die Russen sie verwundet mitgenommen. Von Bernhard, der in Altenfurt bei Nürnberg beheimatet war, gab es jedenfalls nie mehr ein Lebenszeichen. Die drei Gefallenen haben wir auf dem Dorffriedhof von Juliusburg begraben.

Ich habe jetzt (1999) erfahren, dass sowohl der Oberwachtmeister Jürgens, als auch Stefan Bernhardt in oberschlesicher Erde begraben sind. Einheimische hatten die Toten gefunden und zur letzten Ruhe gebettet. Ich hoffe noch Einzelheiten darüber zu erfahren. Ich habe diese Geschichte so ausführlich erzählt, weil sie ein Beispiel dafür ist, wie Zufälligkeiten einen Lebensweg bestimmen können: Mein Fieber und Schalks Nachlässigkeit ... retteten uns mit größter Wahrscheinlichkeit das Leben ..."

22.1.1945: Vier FLAK-Geschütze werden aus der Batterie "Eschendorf" abgeholt, Verlegung in Richtung Oppeln. Kamerad Heinz Kandziora berichtete mir:"... Nach der Einnahme von Groß-Strehlitz stießen die Russen (Panzerspitze von Konjew ?) nach Oppeln vor. Über meine kritischen letzten Tage in und um Oppeln erinnere ich aus der Distanz nach 52 Jahren (= 1997): Zwei Tage davor wurden in der Großkampfbatterie Eschendorf die Geschütze vom Zementsockel auf Selbstfahrlafetten montiert. Verbindungsstücke von Lafette zur Zugsmachine fehlten.

Zwei Exemplare davon sollte ein Kamerad und ich 'mal schnell aus einer ca. 25 bis 30 km entfernten Feldschmiede (mobile Ersatzwerkstatt für kleinere Reparaturen an Panzern und Fahrzeugen hinter der Front) mit einem Kinderschlitten heranschaffen. Die halbe Nacht irrten wir frierend durch dunkle Dörfer, bis wir um Mitternacht die Schmiede erreichten. Der Rückweg war noch beschwerlicher. Zum Teil konnten wir in Rangierwaggons im Bremserhäuschen - 1. Klasse - fahren. Wir bliesen uns gegenseitig den warmen Atem in den Kragen. Das war eine Spontanreaktion, vom Energiekonzept wussten wir damals noch nichts.

Erschöpft morgens in der Batterie angekommen, ging es weiter beim Geschützabbau. Am Abend kam dann eine Panzergrenadierkompanie ohne schwere Waffen vorbei. Sie brauchten einige Geschütze und ein Häuflein Luftwaffenhelfer. Den Erdkampf kannten wir so gut wie eine Kuh französisch ! - Aber egal: "Zahl muss stimmen" und der Befehl wird ausgeführt. Nach kurzer "Heldenansprache" wurden wir auf drei oder vier Lkw mit angehängten "8,8" samt Spreng- und Panzergranaten in Zeltplanen verhüllt, aufgeladen.

/lemo/bestand/objekt/ahrens_22 Als am Morgen von Bolko aus nach Gruden geschossen wurde, um einen eingebrochenen Stoßtrupp der Russen zu verjagen, merkten wir, dass die HKL auf dem Bahndamm zwischen Bolko und Gruden aufgebaut war und wir eine Nacht vor der HKL irrtümlich Köderfische für die Russen geworden waren. Also mit einer Zugmaschine Zug um Zug Rückzug nach Bolko! Ein Kamerad und ich wurden mit dem letzten Granatstapel zuletzt abgeholt.

In der HKL allein abgesetzt, versprengt und ohne Lageinformation, suche ich lange nach unserem Geschütz und merke dabei nicht, dass die Schützengräben immer leerer wurden. Als ich die Kanone in Bolko an der Straße in einem Vorgarten entdeckte, hielt mir ein mir unbekannter Gefreiter eine Sprengkapsel nebst Zündschnur etwa mit den Worten 'Du bist der K 3, sprenge Du die Kanone' entgegen und verschwand. Weder hatte ich so eine Sprengkapsel je gesehen, noch hatte ich Streichhölzer. Außerdem rannten dauernd Infanteristen vorbei, welche die Gräben schon verlassen hatten und von mir nicht in die Luft gesprengt werden wollten. Pflichtbewusst, wie man erzogen war, baute ich also den 'Fallkeil'(den "Verschluss") aus dem Geschütz aus und warf ihn, als er mir zu schwer wurde, einfach in einen Graben.

Ab ging es im Dauerlauf nun fast allein auf der Groß-Strehlitz-Straße bis zum Bahnhof. Aus der Bahnhofsunterführung - auf den Gleisen wurde schon gekämpft - und von der Oder kamen bereits Versprengte. Der Russe hat alle Brücken, (ein anderer Panzerkeil aus Richtung Turawa hatte bereits alle Brücken blockiert). Wir gehen in Gefangenschaft, hieß es.

Schnapspullen wurden zur Betäubung herumgereicht. Ich war so erschöpft, übernächtigt, halb verhungert und halb erfroren, so dass mir alles egal war und ich auch ein paar Mal zulangte. Plötzlich hieß es "Soldbücher raus, der Russe wird bald da sein". "Ja, dein Ausweis (Luftwaffenhelferausweis) ist nicht gültig, der Iwan will nur Soldbücher sehen, kannst Du Dich nicht verpissen?" Das war Gefahr und ich wurde wieder nüchtern. Einem Offizier mit Stadtplan wollte ich erklären, dass es noch die Bolkobrücke, zu erreichen über einen Holzsteg am Brückenpfeiler unter der Mühlgrabenbrücke, gibt. Ich fragte ihn, was mit dieser Brücke sei. Er war zu aufgeregt, um mir zuzuhören.

Ich rannte in der Dämmerung los und erreichte die Brücke. Nur weil die anderen ortsunkundig waren und der Rückzug nicht organisiert war, gingen sie wohl alle in Gefangenschaft. Mir hat die Ortskenntnis die Gefangenschaft - vielleicht auch den Tod - erspart. So war es damals im Januar 1945, nur Angst und Chaos regierten die Szene."

/lemo/bestand/objekt/ahrens09 Doch wie sah es in Föhrengrund aus? Es soll einen Befehl des Luftgaukommandos gegeben haben, der besagte, dass Luftwaffenhelfer in einem 50 km breiten Frontbereich nicht eingesetzt werden dürfen. Lag es daran, dass die Sowjets "kurzen Prozess" mit Luftwaffenhelfern machten, wenn sie diese fassten? Wir wurden jedenfalls in kleinen Gruppen - unbewaffnet - aus Föhrengrund entlassen. Wir sollten uns nach Neustadt / Oberschlesien durchschlagen. Dort würde man über unsere weitere Zukunft entscheiden. Gerüchteweise hieß es, wir würden den Status eines "FLAK-v-Soldaten" erhalten. Dann wären wir nicht mehr Luftwaffenhelfer sondern "Soldaten" und die "Führung" wäre in der Lage uns im Frontgebiet an den uns vertrauten FLAK-Geschützen einzusetzten.

Ich (Horst Ahrens) gehörte zu einer kleinen Gruppe, die westwärts marschierte. Ich erinnere mich an die Kameraden Victor Janetzko, Hanno Effert und Herbert Laqua, die mit mir marschierten. Es ging durch tief verschneite unberührten Wälder. Einer von uns musste abwechselnd immer als Erster den Weg "frei treten" und die anderen folgten in seiner Spur. Irgendwann kamen wir auf unserem Marsch durch einen Wald an einem allein stehenden Haus vorbei, das von einem Soldaten bewacht wurde. Warum der in dieser Einsamkeit "Wache" stehen musste, war uns ein Rätsel. Nachts wurde irgendwo in einem leeren Haus übernachtet. Ich erinnere mich nur an eine Gelegenheit: Wir fanden einen von seinen Bewohnern verlassenen Gasthof, in dessen Gaststube wollten wir übernachten. In den Regalen standen noch allerlei Getränke in Flaschen. Einer von uns wollte davon trinken. Andere hielten ihn davon mit den Worten ab: "Vergreif' Dich nicht an fremdem Eigentum, das ist Plünderei und darauf steht die Todesstrafe." Dabei blieb es und wir dachten, "dann holt es sich eben der Russe."

Ich habe mir durch den Wechsel Schnee in meinen Schnürschuhen, dann aufgetaut in der Unterkunft und am nächsten Tag wieder Schnee in den Schuhen, dadurch meine beiden großen Zehen angefroren, denn ausziehen konnte ich nachts meine Schuhe nicht, es bestand die Gefahr, dass jeden Augeblick der Russe in unserer Tür stehen konnte.

Herbert Laqua zeigte mir später bei einem Klassentreffen einen Kartenausschnitt. In diesen hat er "unsere Wanderung westwärts" eingezeichnet. Danach ging es von Föhrengrund südwärts nach Jakobswalde. Dort ist in einem Wald eine Oberförsterei eingezeichnet (war es das einsame Haus im Wald, das von einem Soldaten bewacht wurde?), dann fast westwärts nach Reigersdorf, südlich von Alt-Cosel ging es dann über die Oder, südlich von Cosel weiter in fast westlicher Richtung nach Neumannshöh, wo wir zusammen mit einigen Kameraden übernachteteb. Tags darauf ging es weiter an Oberglogau vorbei zu dem Schloss Mochau und den letzten Tag der "Wanderung" in einem leicht nach Süden gebogenem Kurs nach Neustadt O/S, unserem Luftwaffenhelfer-Entlassungsort.

Meine letzten Luftwaffenhelfer-Tage verbrachte ich in einer Kaserne in Neustadt O/S. Dort erfuhr ich u.a. von anderen Luftwaffenhelfer-Kameraden, die dort gleichfalls entlassen werden sollten, dass unsere alte' Batterie 'Annahof' von Kosaken überrannt worden sei und unser Leutnant Peslmüller gefallen wäre.

Entlassen wurde ich am 29.1.1945 in meine Heimatstadt Hamburg. Weniger gut traf es die meisten meiner Kameraden, lagen ihre Heimatgemeinden bereits zumeist im sowjetisch besetzten Gebiet. Sie gaben Adressen von Verwandten an, die im nicht besetzten Orten wohnten. Wir wurden also keine "FLAK-v-Soldaten".

Am Bahnhof in Neustadt / Oberschlesien stand ein langer Güterzug, in dem sich Flüchtlinge befanden und der "gen Westen" fahren sollte. Da ich keinen freien Platz fand, setzte ich mich in ein Bremserhäuschen, das es damals noch an einigen Güterwaggons gab. Besorgte Flüchtlinge holten mich da herunter. Sie meinten, dass ich dort während der Fahrt erfrieren könnte. Ich fand so ein Plätzchen zum Liegen zwischen den Anderen. Wir waren wohl an die 40 Personen in diesem Waggon.

Mit großen Unterbrechungen fuhr der Zug auf einer Nebenstrecke entlang der Sudeten in Richtung Dresden. Dort kam ich am 2. Februar 1945 an. Da ich - wie alle meine Kameraden - mein letztes Geld für das "Winterhilfswerk", d.h. für notleidende Flüchtlinge, gespendet hatte, war ich ohne Barmittel. "Marschverpflegung" bekam ich während meiner Fahrt nach Dresden durch die jeweiligen Bahnhofs- (Orts-) kommandanturen. Die kulturellen Stätten Dresdens konnte ich mir also nicht ansehen. Ich hatte ja kein Geld. Also fuhr ich auf dem kürzesten Weg über Leipzig nach Berlin und von dort nach Hamburg. Im nach hinein kann ich nur sagen: Glück gehabt, denn wenige Tage nachdem ich Dresden verlassen hatte, legten US-amerikanische Bomber die Stadt in Schutt und Asche.

Wiedergefunden haben wir Luftwaffenhelferkameraden uns erst rund 50 Jahre danach. Vier hatten sich schon früher auf den Heimattreffen der Oberschlesier in Nürnberg getroffen. Ermittelt hatte ich dann Einige seinerzeit über meine Telefon-CD, durch eine Anzeige im Heimatblatt der Oberschlesier und die Befragung der ersten ermittelten Kameraden (weißt Du, wo wer ist?). Wir trafen uns erstmals in Bad Orb 1994. Danach - bis heute - jedes Jahr einmal in einer anderen Stadt. Jetzt sind es noch 13 FLAK-Kameraden, die sich treffen. Hinzu kamen allerdings 4 Klassen-Kameraden, die nicht Luftwaffenhelfer waren. Durch Krankheit und Tod wurde unser Kreis gelichtet, so haben uns meine alten Weggefährten Victor Janetzko, Herbert Laqua und Hanno Effert für immer verlassen.

Bei unseren jährlichen Treffen gedenken wir einerseits unserer gefallenen und gestorbenen Kameraden, andererseits sind wir froh darüber, dass wir diese schreckliche Zeit lebend überstanden haben.

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