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Jürgen Wiese: Der Feind schenkte uns Schokolade

Dieser Eintrag stammt von Jürgen Wiese aus Hamburg, Juli 2002:

Ich habe Hemmungen, meine Erinnerungen zum Kriegsende aufzuschreiben, weil sie überhaupt nicht die Not und Verzweiflung reflektieren, die damals überall in Deutschland geherrscht haben.

Ich war sieben Jahre alt. Wir wohnten eigentlich in Bielefeld, eine Stadt, die wegen der ständigen Bombenangriffe auch nicht mehr als sicher galt, und waren deshalb in ein kleines Dorf namens Hülsede im Weserbergland evakuiert worden. Dort hatten die Behörden viele Mütter mit ihren Kindern in Sicherheit gebracht. Alle hausten auf engstem Raum und sehr primitiv, weshalb die Mütter ihre Kinder tagsüber bei jedem Wetter zum Spielen nach draußen schickten. Schule gab es nicht, dafür aber jede Menge Spielkameraden. Für uns Kinder war es trotz großer Entbehrungen eine herrliche Zeit. Maikäfer gab es in Hülle und Fülle. In den Sandkisten spielten wir vorwiegend Krieg. Hin und wieder fanden sich im Wald Stahlhelme, richtige Waffen und auch Uniformen, die fliehende junge Soldaten weggeworfen hatten, um der Gefangenschaft zu entgehen, so daß wir sogar richtig Krieg spielen konnten, was auch geschah. Der Umgang mit den Waffen war mir allerdings nicht geheuer, das überließ ich lieber den älteren Jungen.

Ob ich am 8. Mai noch in Hüsede war oder schon wieder in Bielefeld, weiß ich nicht mehr. Sehr genau kann ich mich noch an den Einmarsch der Engländer in Bielefeld erinnern, dem ich vom Straßenrand aus verbotenerweise zusah. Das war also der feind, der nur Schrecken, Not, Hunger, Zerstörung, Tod und alle nur denkbaren anderen Grausamkeiten verbreitete. Dieser Inbegriff für alles Schreckliche sah aber sehr menschlich aus, war sogar freundlich zu uns Kindern und schenkte uns auch noch Schokolade. Ich war völlig verstört.

lo