> Zeitzeugen

Lothar Bär: Als Kind im Warthegau 1944/45

Dieser Eintrag stammt von Lothar Bär (*1938) aus Berlin, Februar 2010:

Die zunehmenden Luftangriffe auf Berlin haben die verantwortlichen Behörden wohl dazu veranlasst, Zivilisten - Kinder und Mütter - in weniger betroffene Gebiete zu evakuieren. Ich erinnere mich, wir, mein Bruder und meine Mutter, wurden noch mit anderen Verwandten im Sommer 1943 vom damaligen Wriezener Bahnhof (nahe dem Schlesischen Bahnhof) in den typischen Preußischen Personenwagen in den Warthegau gebracht. Wir wurden in den Ort Butz (heute Bucz) - Landkreis Kosten gebracht. Die polnischen Bewohner sind wohl vertrieben worden. Wir wohnten mit Verwandten und Bekannten sowie Familien aus Bessarabien in den Bauernhäusern.

In Erinnerung geblieben sind mir besonders die Getreide- und Kartoffelernte sowie im Winter ein Schlachtefest. Irgendwann im Frühjahr 1944 verzogen wir in den Ort Seeger - Landkreis Schmiegel - (heute Zegrowo). Er war nicht weit von Butz entfernt. Um Ostern 1944 bin ich dann in einer typischen Dorfschule mit mehreren Klassen in einem Raum eingeschult worden. Mein Vater, er war Soldat an der Ostfront, hat uns dort einmal besucht. Wir sahen ihn dort zum letzten mal. Er ist auf dem Rückzug der Wehrmacht im Kessel von Brody (Ukraine) vermutlich umgekommen. Er wurde später für vermisst erklärt.

Ein besonderes Ereignis sollte für meine Mutter, meinen Bruder und mich bis heute Bedeutung erlangen. Im Zusammenhang mit dem gescheiterten Attentat auf Hitler hat meine Mutter im Kreis von Erwachsenen unseres Aufenthaltsortes die Bemerkung gemacht: "Wenn das Attentat auf Hitler geklappt hätte, würde der Krieg vorbei sein, und unsere Männer wären wieder zu Hause." Sie wurde wegen dieser Äußerung denunziert, verhaftet und wegen Wehrkraftzersetzung verurteilt.

Mein Bruder und ich kamen in ein Kinderheim nach Schmiegel (heute Smigiel), für kurze Zeit besuchte ich dort die erste Klasse. Irgendwann Ende 1944 wurden wir mit dem Kinderheim in den Ort Zirpe-Kreis Kosten verlegt. Im Januar oder Februar 1945 ging es bei Kälte, Eis und Schnee im Treck per Pferdefuhrwerk in Richtung Westen. Wir erreichten unbeschadet Berlin. Mein Bruder und ich wurden zu Pflegeeltern nach Klandorf in der Schorfheide weitergeleitet. Ich kam zu einem Ehepaar, deren drei Söhne Soldat waren, einer war bereits im Krieg gefallen. Ein geregelter Schulbesuch fand nicht mehr statt.

Nach dem Einmarsch der Roten Armee bekam mein Pflegevater viel Arbeit. Er war von Beruf Schuhmacher. Von der Roten Armee beschlagnahmtes Material der Wehrmacht -große Mengen verschiedener Ledersorten- bescherte ihm sehr viel Arbeit. Er musste für die Offiziere Lederstiefel in Maßanfertigung anfertigen. Entlohnt wurde er immer in Naturalien. Wir litten dadurch nicht an Hunger. Irgendwann Ende 1945 tauchte zu unserer großen Freude meine Mutter in Klandorf auf um ihre beiden Söhne abzuholen. Meine Mutter hat die Haft mit gesundheitlichen Schäden überstanden. Sie wurde im Mai 1945 als politischer Häftling aus einem Gefängnis in Leipzig-Liebertwolkwitz von den Amerikanern entlassen.

Später habe ich erfahren dass eine Tante von uns beim Roten Kreuz Deutschland -Suchdienst Hamburg- einen Suchantrag aufgegeben hat. Bekanntlich liefen damals ja in verschiedenen Rundfunksendern stundenlange Suchmeldungen. Irgendein Bewohner in Klandorf muss die Suchmeldung gehört haben und die Information über unseren Aufenthaltsort weiter geleitet haben. In Berlin wohnten wir wieder in unserer Wohnung in Weißensee. Ich besuchte dann wieder regelmäßig die Schule.

lo