> Zeitzeugen

Peter Hoffmann: Als Pimpf in Dresden

Dieser Eintrag stammt von Peter Hoffmann (1932-2011) aus Dresden, Februar 2006 :

Ich befand mich, wie schon in der Volksschule, unter den Schülern, die eine "Zwei" als großen Erfolg oder Zufall buchten und froh waren, jedes Jahr versetzt zu werden. Mit dem Eintritt in das zehnte Lebensjahr war zwangsläufig die Aufnahme in das 'Jungvolk', der paramilitärischen Organisation der NSDAP für die zehn- bis vierzehnjährigen Jungen, verbunden. Später habe ich stets gestaunt, wenn Funktionäre der SED oder hohe Offiziere der Armee kühn behaupteten, sie wären dem Jungvolk aus politischen Gründen nicht beigetreten. In Dresden'Johannstadt wäre solches Verhalten nicht möglich gewesen. Nur "Judenjungen" und Krüppel, wie wir damals sagten, durften nicht das 'Ehrenkleid' des Führers Adolf Hitler anziehen ' alle anderen mussten. Mittwochs und samstags war Dienst. Stellte sich beim für 15.00 Uhr angesetzten Antreten heraus, dass einer fehlte, rückte der Zug, dem der Drückeberger angehörte, auf Befehl des Fähnleinführers vor das Wohnhaus des Säumigen. Jener erschien, nachdem mehrmals der Chor erschollen war: "Komm heraus, du faule Sau, sonst hau'n wir Dir den Hintern blau!" Die Vollzähligkeit war also weitgehend garantiert.

Der Dienst bestand aus Kameradschaftsabenden, Exerzieren, Sport, Geländeübungen und Werkunterricht. Die damit verbundenen körperlichen Anstrengungen taten mir gut. Ich wurde kräftiger und konnte mich bei Prügeleien meiner Haut wehren. Anstatt uns vordergründig ideologisch zu schulen, konfrontierte man uns mit 'Vorbildern'. Das waren vor allem Feldherren vergangener Zeiten, an deren Spitze Friedrich der Große stand. Besonders beliebt war der Kontakt mit Frontoffizieren, die auf Heimaturlaub weilten und früher unserem Fähnlein 102 angehört hatten. Wir bestaunten die Dienstgradabzeichen und Orden der Urlauber und trachteten danach, möglichst bald Soldaten zu werden, um es den Feinden Deutschlands baldigst heimzahlen zu können. Die Ehrenbezeichnung 'Pimpf' durfte man erst führen, wenn eine Tauglichkeitsprüfung bestanden war. Diese endete mit einer Mutprobe. Zur Absolvierung derselben fuhren wir eines Tages während der Schulferien mit einem Dampfer nach Wehlen. Von dort ging's in ein Feldlager oberhalb des rechten Elbufers. Während die Jugend heutzutage komplett eingerichtete Zeltlager, Jugendherbergen oder gar Hotels bezieht, wo sie mit allem versorgt wird, richteten wir uns feldmäßig'militärisch ein. Die Unterkünfte bauten wir aus Zweigen und Laub, die Kochstelle aus Sandsteinen, als Waschbecken diente die Elbe. Das Essen wurde auf Befehl 'organisiert'. Milch gab uns ein Bauer, dessen Gehöft sich zwischen Rathen und Königstein befindet. Brot, Butter und Wurst wurden in Wehlen gekauft. Nachts beschafften 'Stoßtrupps' Kartoffeln und Gemüse von den Feldern der Gemarkung Dorf Wehlen. Zum Kochen wurde der Zug reihum eingeteilt. Misslang das Mittagessen, bezogen die `Köche' eine ordentliche Abreibung. Ich zog mich aus der Affäre, indem ich in dem Waschhauskessel, den wir mitgebracht hatten, eine Kartoffelsuppe kochte. Die Kartoffeln zerstampfte ich mit einem Knüppel. Durch Zugabe von Sauerkraut, Speck, Zwiebeln und Butter sowie einigen Eiern erreichte ich einen relativ hohen Geschmacks' und Sättigungsgrad. Unser Jungzugführer, Reinhold Schmuhl, klopfte mir anerkennend auf eine Schulter.

Eines Nachts wurden wir durch Alarm geweckt. Wir erhielten den Befehl, einzeln mit großen Abständen die Schlucht, die in Richtung der Gaststätte 'Steinerner Tisch' führte, empor zu klettern. Während dieser Partie wurden wir unaufhörlich mit Steinen und Ästen beworfen und von Gespenstern bedrängt. Nachdem ich bemerkt hatte, dass die Geister unsere mit Bettlaken verkleideten Jungschafts- und Zugführer waren, stieg ich keck bergan, wich den vor mir befindlichen Angsthasen aus und kam tatsächlich als Einziger oben allein an. Dort stand unser Fähnleinführer Bodo von Bohlen und Halbach. Er schüttelte mir die Hand und notierte meinen Namen. Tags darauf fand ein Appell statt. Mir wurde das Recht zuerkannt, mich fortan Pimpf zu nennen, sowie das Fahrtenmesser und den Schulterriemen zu tragen. Da die Pimpfenproben nur einmal jährlich stattfanden, war ich ein ganzes Jahr lang der einzig derart Dekorierte des Zuges, der aus 45 Jungen bestand. Logische Folge war meine kurz darauf folgende Ernennung zum Jungschaftsführer was einem Gruppenführer gleichzusetzen war.

Sonntags fanden häufig Aufmärsche und Kundgebungen statt. Dazu mussten wir zeitig früh auf dem Hindenburgufer, dem heutigen Käthe'Kollwitz'Ufer, antreten und zum Theaterplatz marschieren. Dort empfing uns ohrenbetäubender Lärm, hervorgerufen durch Fanfaren und Trommeln. Noch heute meide ich die Stätten solcher Darbietungen die - welche Parallelität - bis zur 89er Revolution der Erbauung der Machthaber in der DDR dienten. Martialisches Gehabe ist eine der Grundbefindlichkeiten von Diktatoren. Für jede Art Dienst wurde - in Abhängigkeit von der Witterung und von der Jahreszeit - die Anzugsordnung vorgegeben. Da diese Vorgabe etwa drei Tage im Voraus erfolgte, gab es häufig Probleme. Einmal mussten wir bei 30° Hitze in den schwarzen Jungvolkjacken - genannt Jujas - exerzieren. Ein andermal zog sich fast das ganze Fähnlein Erkältungen zu, weil zur Geländeübung in der Dresdner Heide Hemd und kurze Hose befohlen war, Petrus jedoch kein Einsehen hatte und mit einem Landregen abhärtende Bedingungen schuf. Vorschriften halten sich hartnäckig. Heutzutage setzen Armee- und Polizeiangehörige vom 1.Dezember bis zum letzten Februar ihre Pelzmützen auf. Ihre Vorgesetzten ignorieren, dass ein Mensch mit Wintermantel und Tschapka bei 15 Grad Wärme einen lächerlichen Anblick bietet. Meine Großmutter, eine kluge Frau, ehemalige Hofschneiderin des Herzogs von Anhalt, erkannte das Problem. Sie nähte mir ein Vorhemd. Das war ein Kragen mit einem Latz in der Farbe des Uniformhemdes. Derart ausgerüstet, war ich in der Lage, mich kurz vorm Antreten den Witterungsbedingungen anzupassen.

Eines schönen Tages, es war Exerzieren in Jujas bei strahlendem Sonnenschein geplant, führte uns der Fähnleinführer nach dem Antreten schnurstracks zu dem Gebäude in der Gerockstraße, in dessen Keller unsere Innendienste stattfanden. Ein ehemaliger Angehöriger unseres Fähnleins, jetzt Ritterkreuzträger, war überraschend auf Urlaub gekommen und wollte uns von seinen Taten berichten. Der Raum war warm und so befahl der Hauptjungzugführer, so zu sagen der 'Spieß' des Fähnleins: "Jujas, aus !" Widerstrebend und nichts Gutes ahnend zog ich die Jacke über den Kopf. Unser Gast und der Fähnleinführer beobachteten interessiert meinen Kostümwechsel. Nach einer Lektion über die Bekleidungsvorschrift durfte ich mir stehend, bekleidet mit Hose, Vorhemd und dem als Schlips zu tragenden schwarzen Dreieckstuch anhören, wie unser Ehrengast sein Ritterkreuz erworben hatte. Im Anschluss an den offiziellen Teil bat mich der Fähnleinführer, für ihn bei meiner Oma ein ebensolches Vorhemd in Auftrag zu geben.

In der wegen Schularbeiten und Jungvolkdienst karg bemessenen Freizeit, bastelte ich Flugzeug- und Schiffsmodelle und erlangte dabei beachtliches handwerkliches Geschick. Meine Mutter war der Auffassung, dass zusätzlich musische Kenntnisse zu erwerben seien. Aus ihrer Jungmädchenzeit besaß sie eine Geige. Da meine Eltern nicht über die Mittel verfügten, mir eine Trompete oder wenigstens eine Querpfeife zu kaufen, deren Gebrauch mir eher behagt hätte, zwang mich meine Mutter, Geigenunterricht zu nehmen. Ich wechselte die Geigenlehrer wie das Hemd, weil es keiner lange aushielt, mich die Handhabung des mir widerwärtigen Instrumentes zu lehren. Die schlimmsten Minuten dieser Jahre waren für mich, wenn ich, den Geigenkasten verschämt am Körper verborgen, die Blumenstrafe entlang laufen musste und die 'Blumenbande' mit dem Ruf hinter mir her rannte: "Ätsch, Hoffi spielt Geige !" Die Aversion gegen das Violinspiel hielt sich viele Jahre.

Ende September 1942 klopfte es während des Unterrichtes an die Klassenzimmertür. Lehrer Dietrich öffnete, ging hinaus und blieb dort eine Weile. Als er hereinkam, zog er ein ernstes Gesicht, trat an meine Bank und forderte mich auf, meinen Ranzen zu packen und nach Hause zu gehen. Meine Mutter sei da, um mich abzuholen. Ich fühlte, dass die seltsame Aufforderung mit etwas Schrecklichem verbunden, sein musste. Auf dem Schulkorridor fiel mir meine Mutter weinend um den Hals und sagte: "Peter, unser Vati ist gefallen." Ich brauchte sehr lange, um diesen Schock zu überwinden. Es war meine erste direkte Konfrontation mit dem Krieg, der seit drei Jahren tobte. Fortan betrachtete ich die Ereignisse um mich herum bewusster unter dem Aspekt von Not und Gefahr. Die zunehmende Zahl der Luftalarme und mannigfaltige Einschränkungen, bedingt durch Rohstoff' und Lebensmittelmangel, taten ein Übriges.

Eines Tages mussten wir unsere Schule räumen, sie wurde Lazarett. Wir zogen in die 'Dietrich-Eckhardt-Schule', die an der Güntzstraße stand. Dort fand der Unterricht nun in Schichten statt, immer öfter durch Luftalarme unterbrochen. Eines Abends wurde das Fähnlein l02 alarmiert. Auf dem Königsheimplatz wurde uns bekannt gemacht, dass wir einen ehrenvollen Auftrag zu erfüllen hätten. Wir sollten den französischen General Giraud einfangen, der von der Festung Königstein geflohen sei. Zu diesem Zweck bestiegen wir einen Personenzug in Richtung Elbsandsteingebirge. Der Zug war überfüllt, da auch andere Dresdner Fähnleins den gleichen Auftrag wie wir hatten. Die Jagd wurde gut organisiert. Unser Abschnitt war das Waldgebiet zwischen Wehlen, Lohmen und Rathen. Als Verpflegungsstützpunkt diente der 'Steinerne Tisch'. Nachdem wir stundenlang mit den Fahrtenmessern in der Faust das Gelände in Schützenkette durchsucht hatten, wurde uns mitgeteilt, dass der Gesuchte von einer Streife der Waffen-SS eingefangen worden sei. Erst viel später habe ich erfahren, dass wir mit unserer aufwendigen Suche einen Beitrag zu Schaffung prodeutscher französischer Armeeeinheiten leisten sollten. General Giraud hatte die Festung in einem Mercedes, begleitet von hohen Offizieren, verlassen und verunglückte später.

Nachdem die wenigen Flaks, die auf der Vogelwiese standen, mehrfach erfolglos auf angloamerikanische Aufklärungsflugzeuge geschossen hatten, wurde es im Herbst 1944 ernst. Teile der Friedrichstadt, zum Großteil bis heute noch nicht wieder aufgebaut, wurden bombardiert. Unser Fähnlein wurde sofort nach der Entwarnung zum Luftschutzeinsatz auf das Gelände der weitgehend zerstörten Fabrik "Naumann und Seidel" befohlen. Dort stocherten wir, häufig unter Lebensgefahr, in den Trümmern herum im Bewusstsein unserer Ohnmacht den Terrorfliegern gegenüber. Wie jeder hilflose Mensch schwankten auch wir zwischen Angst und Wut. Viele von uns meldeten sich am nächsten Tag freiwillig zum Dienst als Flakhelfer. Da wir erst 12 oder 13 Jahre waren, durften wir beim Geschützexerzieren auf dem Flachdach unserer Schule nur zusehen. Dort hatte man vier 20 mm Kanonen in Stellung gebracht, die von unseren 16-jährigen Schulkameraden bedient und von kriegsverletzten Unteroffizieren kommandiert wurden. Obwohl uns Jungen die verschiedenen Systeme von Fliegerabwehrkanonen interessierten, die uns wegen ihrer waffentechnischen Präzision beeindruckten und bislang die einzigen Waffen waren, die wir beim scharfen Schuss auf richtige Ziele erlebt hatten, entwickelte ich auf Grund meiner Beobachtungen und eigener Überlegungen ein differenziertes Verhältnis zu dieser Waffengattung, das sich bis heute erhalten, ja sogar gefestigt hat. Schon die Problematik: gemeinsame Abwehr feindlicher Flugzeuge durch Flak und Jagdflugzeuge liegt auf der Hand. Welcher Jagdflieger wird sich zum Abwehrfeuer eines feindlichen Bombers noch den Schrapnells der eigenen Flak aussetzen? Auch schien mir, dass der Munitionsverbrauch der Flak bezogen auf eine bestimmte Zahl Abschüsse in keinem gesunden Verhältnis zum Wert der Objekte steht, die von den abgeschossenen Bombern möglicherweise vernichtet worden wären.

Bewiesen ist auf alle Fälle, dass es während des gesamten II. Weltkrieges nicht eine einzige Stadt gegeben hat, die durch Flak vor Luftangriffen hinreichend geschützt wurde, einschließlich Moskau, obwohl gerade dort aus politischen Gründen besonders große Anstrengungen unternommen wurden, Bombenschäden zu vermeiden. Schließlich spielte stets das Problem eine Rolle, dass es den Unterlegenen wichtiger erschien, deren Flak gegen Panzer einzusetzen, als sie zur moralischen Aufrichtung der Bevölkerung ihrer Städte zu verwenden. So war es auch im Fall Dresden. Als ich diese Überlegungen erstmals anstellte, hatte ich keine Ahnung, dass ich mich bald bei einem der schwersten Luftangriffe, der mit konventionellen Abwurfmitteln durchgeführt wurde, von der Richtigkeit meiner Ansichten überzeugen konnte.

Die letzte Kriegsweihnacht ist vor allem mit der Erinnerung an eine besonders intensive Tracht Prügel verbunden, die mir meine Mutter verabreichte. Sie hatte, um uns drei Jungen Naschteller unter den Weihnachtsbaum stellen zu können, monatelang Süßigkeiten gesammelt, die es nur auf Lebensmittelkarten gab. Auf dem Kleiderschrank im Kinderzimmer stand eine Blechbüchse. Jedes Mal, wenn unsere Mutter ein 'Achtel' Fondants beschafft hatte, trat sie an den Schrank, lüftete den Deckel und schüttete den Inhalt der Tüte in die Büchse. Wir waren wahrscheinlich die einzigen Kinder in Dresden, die dem Weihnachtsabend mit zunehmender Angst entgegensahen. Ich werde nie vergessen, wie meine Mutter die bunte Keksdose vom Schrank nehmen wollte und schon beim Aufnehmen spürte, dass es nur das Nettogewicht war, das sie anhob.

lo