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Rudolf Urbahn: Gemischte Gefühle am 8. Mai 1945

Dieser Eintrag stammt von Rudolf Urbahn (*1916) aus Hamburg, Juli 2002:

8. Mai 1945 - wie war das eigentlich? Eine genaue Erinnerung an diesen Tag gibt es für mich nicht, lediglich an die Tage drumherum. Und die waren voller gemischter Gefühle. Als Angehöriger eines Jahrganges, der den Krieg schon vor seinem Beginn zwei Jahre üben durfte, als Nachrichtensoldat dann fast sechs Jahre Gelegenheit hatte, auf Staatskosten Europa von West bis Ost ziemlich ausgiebig kennen zu lernen, landete zwei Monate vor Kriegsende im für unsere Begriffe paradiesischen Dänemark. Wichtig: Endlich mal wieder richtig sattfuttern.

Und dann kurz danach das Ende. Alle Waffen und Geräte unversehrt abgeben. Hielt sich doch das hartnäckige Gerücht, es geht anschließend gleich gegen die Russen weiter. Also Schluß - oder doch nicht Schluß? Eine große Ungewißheit lag über uns allen. Wie haben meine Eltern und Geschwister das Ende im schwer umkämpften Berlin überstanden? Leben sie noch? Und wenn sie noch leben, sind sie unverletzt geblieben? Wann würden wir als Ausgebombte uns mal ein Bett, einen Schrank oder auch nur einen Kochtopf kaufen können? Dann war da die grenzenlose Enttäuschung über unseren "großen Führer", auf den wir doch den Treueid geschworen hatten und der uns doch so viel Gutes versprochen hatte. Noch sechs Wochen vor dem Ende hatte man uns etwas von einem Sieg vorgegaukelt, an den wir alle einfach nicht mehr glauben konnten. Ja, und dann kam eine gewisse Angst vor der Zukunft. Was machen die Siegermächte mit uns? Was wird aus der beruflichen Zukunft? Fast neun Jahre aus dem Beruf rausgerissen -und angesichts der großen Trümmerhaufen, in Deutschland, wäre ich da nicht als Handwerker besser dran als ein gelernter Kaufmann?

Auch Dankbarkeit kam auf, hatte ich doch die sechs Kriegsjahre ohne gesundheitliche Schäden überstanden? Befreiung? Als solche habe ich sie persönlich nicht empfunden. Wobei ich vollstes Verständnis für jene habe, die unter dem damaligen System gelitten hatten, sei es durch KZ, Beruf oder sonstwie in ihren Freiheiten eingeschränkt waren.

Ja, das waren so meine Gedanken am Ende der 1000 Jahre; nicht unbedingt glücklich, nicht nur traurig, gemischt eben.

lo