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Susanne Weinreich: Kriegsende in Niederkleveez

Dieser Eintrag stammt von Susanne Weinreich aus Hamburg, Juli 2002:

Unsere Familie hat etwa von 1940 bis 1950 in Niederkleveez in der Nähe von Plön/Schleswig-Holstein gewohnt und ich möchte etwas aus der damaligen Kriegs- und Nachkriegszeit erzählen.

Wir Kinder aus Niederkleveez, Oberkleveez und Bösdorf gingen alle in die einklassige Dorfschule bei Oberkleveez. Ich bin in meiner bewußten Kindheit nur mit Krieg aufgewachsen. Mein Bruder mußte in den Krieg. Er kam nach kurzer Grundausbildung an die Ostfront und wurde in Stalingrad vermißt. Dann kam die Nachricht, daß mein einer Onkel in Brest gefallen war und der andere im Osten vermißt wurde. Daher herrschte in unserer Familie, wie auch in unzähligen anderen, große Trauer. Oft hörte ich meine Mutter nachts weinen und ich wußte, daß sie an meinen Bruder Walter dachte.

Die große Trauer meiner Eltern hat auch mein kindliches Leben sehr beeinflußt. Ich versuchte zwar immer, meine Eltern ein bißchen aufzumuntern und pflückte meiner Mutter häufig Blumensträuße, aber es half nicht viel. Ich betete jeden Abend, daß wir bald würden in Frieden leben können, und daß mein Bruder Walter zurückkommt. Ich stellte mir oft vor, wie schön es wäre, wenn die Tür aufginge und mein Bruder gesund hereinkäme. Leider ist dieser Wunsch nie in Erfüllung gegangen.

In den Zeitungen standen immer viele Todesanzeigen von jungen Leuten, die den Heldentod fürs Vaterland gefallen waren und ich wußte, daß in vielen Familien genauso große Trauer herrschte wie bei uns. Daß unsere Brüder und Väter nun Helden waren, half uns dabei kaum.

Nachts gab es häufig Fliegeralarm. Wir mußten abends immer alle Fenster verdunkeln, damit kein Lichtstrahl den Fliegern verraten konnte, wo welcher Ort lag. Sie wollten natürlich die Kasernen in Ruhleben und Stadtheide treffen.

Der Winter 1944/45 war sehr kalt und alle Seen zugefroren. Die Bomben trafen verschiedene Häuser in Plön und auch in den großen Plöner See fielen einige. Dort, wo die Bomben runtergegangen waren, lagen riesige Eisbrocken auf dem gefrorenen See von ca: 1,50 m.

Wenn meine Mutter einkaufen ging, kaufte sie auf Lebensmittelkarten Fleisch und sagte: "Bitte ein schön fettes Stück". Mir erzählte sie, daß man in Friedenszeiten mageres Fleisch haben wollte, daß konnte ich mir gar nicht vorstellen. Der Krieg bedeutete für uns alle auch Hunger.

Im Radio spielten sie ein Lied, das mir besonders gut gefiel, es lautete:

"Und ist der Krieg erst einmal aus,
kommt der Landser auch nach Haus,
und am Abend brennt das Licht,
und verdunkeln braucht man nicht".
Ach, wie herrlich würde es sein, wenn wir keinen Krieg mehr hätten, dachte ich oft. Aber wir mußten immer verdunkeln.

Natürlich gab es keine Autos. Wenn wir etwas in Malente oder Plön kaufen wollten, mußten wir immer zu Fuß gehen oder mit dem Fahrrad fahren. Ich bin oft für meine Mutter zum Einkaufen gefahren, aber obwohl wir in den Geschäften lange warten mußten, ist mein Fahrrad, welches unverschlossen vor dem Geschäft stand, nie geklaut worden.

Gegen Ende des Krieges wurde es immer schrecklicher. Es kamen lange Trecks mit Flüchtlingen aus dem Osten. Die Tiefflieger flogen so tief, daß ich genau ihre Nummern und Embleme erkennen konnte. Sie beschossen auch die Flüchtlingstrecks, und mancher Flüchtling, der es bis hierher geschafft hatte, wurde dann noch aus der Luft erschossen. Unsere Schule wurde geschlossen und dort wurden überall Flüchtlinge untergebracht. Niederkleveez war übervoll, denn hier waren auch schon viele Leute aus Kiel und Hamburg, die wegen der Bombenangriffe evakuiert worden waren.

Dann wurde ein Volkssturm aufgestellt, in dem alle Männer, die noch irgendwie laufen konnten, zusammengefaßt waren. Mein Vater, der nur noch eine heile Hand hatte, mußte auch dorthin und bekam den Auftrag, die beiden Brücken, die über die Swentine in Plön gehen, zu sprengen. Er weigerte sich und sagte, daß der Krieg doch nur noch ein paar Tage dauern würde und dann hätten wir ja auch keine Brücken mehr. Wegen dieser Äußerung wäre er fast in den letzten Kriegstagen noch erschossen worden.

Ende April 1945 kam die Nachricht im Radio, daß der Führer im heldenhaften Kampf um Berlin gefallen und sein Nachfolger Admiral Dönitz sei.

Nur wenige Tage später kam die Kapitulation. Plötzlich wimmelte es im ganzen Dorf von englischen Soldaten. Die Leute, die von Haus Osterberg in Richtung Malente wohnten, mußten alle ihre Häuser verlassen und wurden irgendwo in Ställen und auf Dachböden untergebracht. Die ganze Straße nach Malente wurde jetzt von Engländern bewohnt. Am Anfang der Straße stand ein Schilderhäuschen und ein Soldat paßte darin auf, daß kein Deutscher mehr durch die Straße nach Malente ging.

Da wir auch die vielen Evakuierten aus Kiel und Hamburg hatten und aus dem Osten täglich Flüchtlinge kamen, gab es viel zu wenig Häuser für die vielen Menschen, was es zu einer sehr harten Zeit für uns alle machte. Für mich aber war entscheidend, daß es keine Bombenangriffe mehr gab, keine Tiefflieger, keine Todesanzeigen mit im Krieg gefallenen Menschen und daß wir abends nicht mehr verdunkeln mußten und ohne Angst schlafen konnten.

Wir saßen in unserem Zimmer und das Rollo blieb zu ersten Mal oben. Der Mond schien durch das Fenster und ich dachte: "Du lieber Mond, du scheinst so schön und friedlich", und eine tiefe Dankbarkeit stieg in meinem Herzen auf. Meine Eltern und Geschwister, wir sangen zusammen das Lied: "Der Mond ist aufgegangen....", und das ist seitdem mein Lieblingslied.

lo