„Braucht es das Museum oder kann es weg?“

Das Motto des 40. Internationalen Museumstages „Spurensuche. Mut zur Verantwortung!“ verleitete mich zu fragen: Braucht es Museen? Welche Gründe sprechen gegen oder für sie? Was ist ihre Rolle in der Gesellschaft? Die Fragen sind aktueller denn je vor den politisch-gesellschaftlichen Verwerfungen der Zeit mit alternativen Fakten und Fake News.

Museen braucht keiner! Eine Polemik

Heilige Hallen vollgestopft mit verstaubter Kunst vergangener Zeiten braucht keiner! Warum auch? Weder kann ich mich auf Sofas von einem anstrengenden Arbeitsalltag ausruhen und mich der Kunst entspannt hingeben noch dürfen die Kids das Museum mit ihrem Spieltrieb erfahren. Werden sie mal lauter, maßregelt sie der abfällige Blick der älteren Herrschaften. Zudem bricht mir der Angstschweiß aus, wenn sie im Überschwang den Kunstwerken zu nahekommen.

Außerdem kostet der Unterhalt von Museen Steuergeld und ich habe nichts davon: Sie schließen dann, wenn ich die Zeit hätte, sie zu besuchen. Am Wochenende locken mich kurzweiligere Vergnügungen als der Gang ins altehrwürdige Museum, das die Aura seiner Originale wie einen Heiligenschein hochhält. Oftmals hängen oder stehen die Objekte für mich ohne Bezug zu meiner Lebenswirklichkeit dort herum. Sie erzählen mir keine Geschichten, sind emotionslos, regen mich nicht zum Nachdenken an. Ich weiß nicht, warum sie da sind und wie die Umstände ihrer Entstehung waren. Allein Führung, Katalog oder Audio-Guide klären mich auf. Doch dazu fehlt mir die Muße und die Zeit.

Sonst spricht keiner vom Museum zu mir über die Kunst, auch nicht im Social Web. Was habe ich von den Veranstaltungstipps der Museen? Ich finde kaum etwas, mit dem ich mich spielerisch gerne auseinandersetzen möchte. Digitalisierung braucht’s im Museum nicht, so noch immer ihre Kritiker.

Meine Polemik spiegelt von mir zugespitzte Stimmen aus dem Netz wider. Aufschlussreich dazu ist der Artikel „Keiner da? Mit dem Nicht-Besucher-Forscher im Museum“ einschließlich der Diskussion. Fakt ist, die Zeit für Museumsbesuche ist begrenzt, während die Konkurrenz durch unterhaltsame Freizeitangebote groß ist.

Kultur – eine Frage des Geldes?

Wird das Geld knapp, schrumpft das Budget für Kultur in Deutschland wie im Ausland. Damit sind nicht die Blockbuster-Ausstellungen gemeint, die die Besuchermassen anziehen. Das Geld für diese ist da. Anders hingegen sieht es für den Museumsbetrieb an sich aus. Die finanziellen Mittel, um Dauerausstellungen ins Bewusstsein der Menschen zu bringen, sind begrenzt. Sie werden oft wenig besucht. Das zu ändern setzt ein Umdenken der Museen und der Kulturpolitik jenseits von Lippenbekenntnissen voraus. Gefragt sind neue Formen der Vermittlung, die eine Verzahnung des Digitalen mit dem Analogen umsetzen und im Jetzt verankert sind.

Die digitale Transformation der Gesellschaft stellt eine große Herausforderung für Museen dar. Sie müssen ihre Rolle darin finden und ihre Relevanz für die gesamte Gesellschaft behaupten. Als „Champagner-Etagen“ für Eliten aufgefasst, können sie weg.

So braucht es Kultur nach Donald Trump nicht. Er beabsichtigte, staatliche Wissenschafts- und Kunstförderungen zugunsten steigender Militärausgaben zu streichen. Trump erließ ein entsprechendes Dekret. Vorerst stoppte jüngst der Kongress den Abbau staatlicher Kulturförderung. Zuvor lehnten sich Künstler und Prominente medienwirksam gegen das Dekret auf. Im September geht es dann in die nächste Runde. Museen sind wachgerüttelt.

#DayofFacts – alternative Fakten und Fake News

Klug und vorwitzig reagierten Museen und Bibliotheken auf Trumps alternative Fakten und Fake News. Sie hielten diesen am 17. Februar 2017 den #DayofFacts im Social Web entgegen: Fakten entlarven Behauptungen. Museen beziehen klar Stellung: Neutralität ist keine Option mehr, so Claire Solery. Das dokumentiert das Storify der Aktion.

Anschaulich wunderbar widerlegen 40 Mitarbeiter des Field Museums in einem Youtube-Video Fake News.

Nebeneffekt des #DayofFacts: Museen hinterfragen aktiv ihre Rolle in der Gesellschaft. Nicht wenige überarbeiteten danach ihre „Leitbilder“ (mission statements). Die postfaktische Ära bedroht die Daseinsberechtigung von Museen, wenn das Gefühl zu ihnen fehlt und Museen es versäumt haben, als essentieller Bestandteil der Gesellschaft begriffen zu werden.


Die erfolgreiche Aktion #DayofFacts mit mehr als 50.000 Tweets beschränkte sich nicht allein auf Amerika. Welt- und deutschlandweit machten Kulturinstitutionen mit. Bis heute.


Deutsche Museen beleuchten ihre Dauerausstellung, Führungen oder Besprechungen aus der Perspektive von Fake News. Sie greifen ein trendiges Thema auf, formen es um und bieten neuen Denkstoff als Orte des kollektiven Gedächtnisses. Unsere Lebenswirklichkeit spielt für sie eine Rolle. Gleichzeitig eröffnen sie uns andere Erfahrungshorizonte: Vergangenheit wird in die Gegenwart überführt.

Das Deutsche Historische Museum reiht sich in diese Entwicklung digital ein: in den Blog-Beiträgen Fake News von 1937 mit der Fluchtdarstellung „Éxodo“ von Ferrer de Morgado und in Alternative Fakten.

Wir brauchen Museen und sie uns!

Museen können integrativ auf unsere Gesellschaft einwirken und das aus verschiedener Sicht für unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen. So fordert Dr. Stephan Mann, Direktor des Museums Goch, in einem Interview von 2015: „Das Museum sollte der Ort sein, wo über die Ideen, Fragen, Herausforderungen der Gegenwart nachgedacht werden kann.“ Und weiter zu Flüchtlingen: Sie müssen, einmal angekommen, „Deutsch lernen und Kontakt zu unserer Kultur bekommen. Wo könnte das besser geschehen als im Museum? Museen sind per se interkulturelle Orte.“

Ähnlich äußert sich Bernd Sobolla vom Deutschlandfunk anlässlich einer Podiumsdiskussion in Berlin zur Zukunft der Museen: Diese sollten „künftig noch mehr Orte sein, in denen Exponate nicht nur präsentiert werden, sondern in denen es darum geht, Kontexte herzustellen. Besser noch: Kontext und Aktualität miteinander zu verbinden.“

Ein Museum ist nichts ohne seine Besucher!

© Tanja Praske

Dr. Tanja Praske

Dr. Tanja Praske ist Kunsthistorikerin und Lehrbeauftragte für Digitale Kunstgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sie berät Kulturinstitutionen zu digitalen Strategien. Für die Bayerische Schlösserverwaltung konzipierte sie eine Garten-App und führte die Tweetwalks #Lustwandeln durch.
Als Kulturbloggerin schreibt sie seit Oktober 2012 auf: www.tanjapraske.de. Sie bespricht neben Kultur erleben Formate der digitalen Kommunikation mit Schwerpunkt auf Kulturvermittlung, Social Media, Bloggen sowie digitale Transformation.