Bildersturm und Reformation

In den letzten Jahren gibt es immer wieder Nachrichten über die Zerstörung von Kulturgütern durch Islamisten. Diesen gezielten Zerstörungen fielen 2001 die überlebensgroßen Buddha-Statuen von Bamiyan zum Opfer, 2007 traf es weitere Buddha-Statuen in Pakistan, 2015 die assyrischen und parthitischen Skulpturen im Museum von Mossul – um nur einige Beispiele zu nennen. Dennoch ist Ikonoklasmus – die religiös motivierte Zerstörung von Kunstwerken, insbesondere von figürlichen Darstellungen – keine spezifisch islamische Eigenheit. Auch das Christentum hat ikonoklastische Zeiten erlebt, so zum Beispiel während des byzantinischen Bilderstreits im 8. und 9. Jahrhundert oder während der Reformation, deren 500. Jubiläum in diesem Jahr gefeiert wird. Es war Martin Luther, der dafür den deutschen Begriff „Bildersturm“ prägte.

Ablehnung des Bilderkults in der Bibel

Ursache für die mutwillige Zerstörung von Bildern und Skulpturen in christlichen Kirchen zur Zeit der Reformation war die Auffassung, dass das Herstellen und die Verwendung von Bildern zur Ausübung des christlichen Glaubens im Widerspruch zum Bibelwort standen. Denn das Zweite der Zehn Gebote lautet: „Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Abbild machen, weder von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht!“ (2. Buch Mose, 20, Vers 4-5). Das zweite Gebot richtet sich gegen den Götzendienst und liegt außerdem sowohl christlicher Bilderfeindlichkeit als auch der jüdischen und islamischen Ablehnung des Bilderkults zugrunde.

Die Reformatoren, die sich gegen den die Verwendung von Bildern in christlichen Kirchen aussprachen, zogen in der Regel noch eine zweite Bibelstelle aus dem Neuen Testament heran. Es handelt sich um die Erzählung vom reichen Jüngling, dem Jesus rät, wenn er Gutes tun wolle, solle er die Gebote halten, und wenn er vollkommen sein wolle, so solle er auf seine Güter verzichten und alles den Armen geben. Die Bibelstelle endet mit dem berühmten Satz, dass ein Kamel schneller durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher in den Himmel käme. (Matthäus 19, 16-26, auch zu finden bei Markus 10, 17-27 und Lukas 18, 18-27). Die Reformatoren nahmen diese Erzählung zum Anlass, verschiedene Missstände in der spätmittelalterlichen Kirche anzuprangern.

Spätmittelalterliche Frömmigkeit und Heiligenkult

Denn der spätmittelalterliche Heiligenkult hatte Formen angenommen, die der Götzenverehrung sehr nahe kamen. So wurden Heiligenskulpturen gottgleich verehrt und ihr Beistand für bestimmte Situationen im Leben erbeten, manch eine Stiftung erging nicht im Namen eines Heiligen an eine Kirche, sondern unmittelbar an ein Gemälde oder eine Figur dieses Heiligen. So stand der Heiligenkult in seiner volksfrömmigen Ausprägung dem Zweiten Gebot entgegen. Darüber hinaus war es zur Gewohnheit geworden, nicht nur Almosen für die Armen als „Gute Werke“ zu betrachten, sondern auch Spenden an Kirchen und Heilige. Gegen diese Praxis wandte sich Luther, als er argumentierte, nicht die „Guten Werke“ würden die Tür zum Paradies öffnen, sondern allein der Glaube. Dasselbe Argument diente nicht zuletzt auch zur Kritik am Ablasshandel.

Reformatorischer Bildersturm

Martin Luther lehnte zwar den Heiligenkult ab. Er sah jedoch keine Gefahr in den Bildern und Statuen selbst. Nach ersten Unruhen, unter anderem auch in Wittenberg, wurden lutherisch geprägte Gegenden in der Folge nur selten von Bilderstürmen heimgesucht. Doch andere Reformatoren wie Zwingli und Calvin lehnten nicht nur die Herstellung und Verwendung von Bildern zur Glaubensausübung ab, sie sahen in ihnen eine Ablenkung. In Gegenden, in den Zwingli oder Calvin Einfluss übten, kam es daher zur Entfernung und oft auch Zerstörung von Gemälden und Skulpturen, welche die mittelalterlichen Kirchen gefüllt hatten. Während mancherorts die Bilder geordnet aus den Kirchen entfernt und so dem Kult entzogen, aber nicht zerstört wurden, verbrannten die Bilderstürmer sie andernorts auf Scheiterhaufen oder schlugen sie noch in der Kirche in Stücke. Ein solcher Vorgang ist auch auf einem Stich in der Dauerausstellung zu sehen: Während draußen Männer mit Knüppeln Wache halten, ziehen andere im Inneren mit Seilen die Figur eines Heiligen von einer Säule, zerschmettern weitere Steinfiguren und Glasfenster, hängen Bilder ab oder rücken einem Altarbildnis mit der Axt zu Leibe. Rechts im Bild sieht man Personen, die eifrig Säcke und Körbe voller Raubgut tragen oder dieses einfach im Rockschurz davonschleppen. Der hier dargestellte calvinistische Bildersturm fand am 20. August 1566 in der Liebfrauenkirche in Antwerpen statt.

Auf ähnliche Weise wurden zahlreiche Kirchen und Klöster in der Schweiz, Deutschland, Frankreich und den Niederlanden geplündert und durch Raub oder Zerstörung ihrer bis dahin verehrten Kunstschätze entleert. In manchen Fällen wurde regelrecht Gericht über die Bilder gehalten, indem man sie auf dem Scheiterhaufen verbrannte, sie verstümmelte und ihnen beispielsweise die Hände und Köpfe abschlug oder das Gesicht zerkratzte. Auch auf der Außenseite von zwei Altarflügeln im Deutschen Historischen Museum, von denen einer zurzeit in der Sonderausstellung, der andere in der Dauerausstellung zu sehen ist, befinden sich zwei Heiligendarstellungen, deren Gesichter entfernt wurden. Der Heilige Petrus ist weiterhin an den Schlüsseln in seiner Hand erkennbar, der Heilige Paulus an Schwert und Bibel. Tatsächlich blieben Bibeln, die die Figuren in Händen hielten, oft erhalten, da das Wort Gottes für die Reformatoren von besonderer Bedeutung war.