„Barrikadenhelden“ und „Bluthunde“ – Das Tagebuch einer Berlinerin über die Märzkämpfe 1919

Lisa Sophie Gebhard | 22. März 2022

Im Winter 1919 kam es zu blutigen Barrikadenkämpfen in Berlin, die als „Märzkämpfe“ in die Geschichte eingingen. Die Tagebuchaufzeichnungen einer jungen Zeitzeugin beleuchten die gewaltsamen Ausschreitungen in der Spätphase der Novemberrevolution aus einer weiblichen Perspektive. Das eindrückliche Zeitdokument, das 102 Jahre später in die Sammlung des DHM aufgenommen wurde, stellt die wissenschaftliche Volontärin Lisa Sophie Gebhard vor.

Der 3. März 1919 war ein wolkiger, verregneter Montag in Berlin. Als die 19-jährige Schülerin Hedwig Rosen nachmittags über den Alexanderplatz kam, versammelten sich Menschen vor dem Polizeipräsidium in der Alexanderstraße. „Man spricht davon“, so Rosen später in ihrem ersten Tagebucheintrag, „daß es jetzt bald ‚los‘ gehen wird.“ Tatsächlich begann an diesem Montag ein Generalstreik der Berliner Arbeiterschaft, der in den nächsten Tagen zu brutalen Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Regierungstruppen einerseits sowie Anhängern der KPD andererseits führen sollte. Die Streikenden hofften, die Räterepublik nach den demokratischen Wahlen zur Nationalversammlung doch noch realisieren zu können.

Nachdem ein Aufstand der linksradikalen Spartakisten, benannt nach ihrem illegalen Presseorgan „Spartakusbriefe“, im Januar 1919 von Freikorps blutig niedergeschlagen worden war, sah es um dieses Ziel schlecht bestellt aus. Die geistigen Größen der KPD, Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, waren bereits ermordet, andere prominente Vertreter*innen wie Leo Jogiches saßen in Berliner Untersuchungsgefängnissen.

Als die Märzkämpfe begannen, wohnte Hedwig Rosen zusammen mit ihren Eltern und drei Geschwistern in der Alexanderstraße 30.[1] Das Wohnhaus der Rosens befand sich in zentraler Lage gegenüber dem Polizeipräsidium, das die Berliner*innen wegen seines roten Ziegelbaus auch „Rote Burg“ nannten. Rund um das Präsidium, in dem sich ein Gefängnis befand, kam es in den nächsten Tagen zu besonders heftigen Ausschreitungen. Rosen und ihre Familie gerieten so unfreiwillig ins Schussfeuer; ihre Schilderungen geben die Ereignisse ganz unmittelbar wieder.     

Nachdem noch am 3. März der Ausnahmezustand über Berlin verhängt worden war, brach man den Streik am 8. März schließlich ab. Anhänger*innen der KPD, die im auflagenstarken Berliner Tageblatt pauschal als „arbeitsscheues Gesindel“ und „spartakistische Räuberbanden“[2] diffamiert wurden, führten den Streik jedoch fort. Sie lieferten sich mit der Garde-Kavallerie-Schützen-Division, der die militärische Leitung als Großverband der Preußischen Armee übertragen worden war, blutige Gefechte.

Aus Rosens Tagebucheintrag am 5. März geht hervor, dass ihr Haus von Spartakisten besetzt wurde. Sie schildert, wie ein „Trupp Matrosen mit geladenem Gewehr, Handgranaten und 1 Maschinengewehr“ im Torweg ihres Hauses Stellung bezog. Die ganze Nacht über, so Rosen, dröhnten Maschinengewehrschüsse, dazwischen ein Erkundungsflieger, der von den Spartakisten unter Jubeln und Pfeifen beschossen wurde.

Am nächsten Tag waren Artillerie und Minenwerfer zu hören; Fensterglas fiel klirrend zu Boden. Aus Angst, das Haus könne einstürzen, flüchtete die Familie in den hinteren Teil der Wohnung. Da klopften verwundete Spartakisten an der Tür, einer von ihnen mit einem Lungenschuss, und baten um Hilfe. „Herzzerreißend“, so Rosen, „war das Schreien u. Stöhnen des Verwundeten vor unserer Haustür. Er warf mit Patronen an die Tür, um sich bemerkbar zu machen. Helfen aber konnte u. durfte man nicht.“ Rosens Vater, der als Arzt den hippokratischen Eid geschworen hatte, dürfte diese Situation in schwere Gewissenskonflikte gebracht haben. Am nächsten Morgen lagen noch immer zwei Leichen im Hof des Hauses.    

Vom Straßenkampf in Berlin-März 1919, Postkarte, Deutsches Reich, 1919 © DHM

Als schließlich Regierungstruppen anrückten, war Rosen zufolge „die Stunde der Erlösung“ gekommen. Zwar hatte sie Mitleid mit den verwundeten Spartakisten, vor allem aber hatte sie Angst vor ihnen. Diese Sichtweise wurde durch die regionale Presse befördert, die einseitig die Straßen- und Hauserkämpfe begleitete und nachweislich Falschmeldungen in Umlauf brachte. So meldete der sozialdemokratische Vorwärts, im Bezirk Lichtenberg, der Hochburg der Spartakist*innen, seien mehrere Dutzend Polizeibeamte und Soldaten der Regierungstruppen „wie Tiere abgeschlachtet worden“[3]. An den Gewalttaten der „spartakistisch-bolschewistischen Kamorra“ hätten auch Frauen Anteil gehabt. So wusste man von einer Spartakistin zu berichten, die „an der Tötung von mindestens 20 Soldaten aktiv beteiligt gewesen“[4] sei.

Diese und andere Meldungen dürften auch Rosen geängstigt haben, die die „schrecklichen Nachrichten aus Lichtenberg“ in ihrem Tagebuch notierte. Reichswehrminister Gustav Noske brachten die Ereignisse dazu, einen Schießbefehl zu erlassen. Jede Person, die Waffen bei sich trug, um damit gegen Regierungstruppen vorzugehen, war nun umgehend zu erschießen.

Rosens letzter Eintrag ist auf den 12. März datiert, drei Tage nachdem das Standrecht über Berlin verhängt worden war. Die Kämpfe waren zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht vorbei. Von den Dächern in der Alexanderstraße, zu denen sich die Spartakisten gewaltsam Zutritt verschafft hatten, fielen noch immer Schüsse. „Auch auf unserem Dach“, so Rosen, „scheint noch einer zu sein“. Danach bricht das Tagebuch ab.

Auszug aus dem Tagebuch von Hedwig Rosen, 1919 © DHM

Die Berliner Märzkämpfe endeten am 16. März, als Noske seinen berüchtigten Schießbefehl aufhob. Dem Sozialdemokraten zufolge, der sich schon im Januar als „Bluthund“ inszeniert hatte, kamen ca. 1600 Personen ums Leben. Andere Quellen gehen von 2000 Toten aus, meist Spartakist*innen, die sich wiederum als „Barrikadenhelden“ stilisierten. Die Kämpfe, die v.a. im Osten Berlins tiefe Wunden in Häuserfassaden und Straßenzüge rissen, zählten damit zu den gewaltsamsten Konflikten der Zwischenkriegszeit. Sie führten zu schweren Zerwürfnissen zwischen Teilen der Arbeiterschaft und der regierenden SPD, die die junge Republik nachhaltig belasten sollten.  

Hedwig Rosen erkannte offenbar die Relevanz der Ereignisse, die heute weithin vergessen sind. Ihre Schilderungen, die streckenweise erstaunlich sachlich sind, hob sie bis zu ihrem Tod 1995 in Florida auf. Als Jüdin hatte sie ihre Geburtsstadt 1939 verlassen müssen und war in die USA geflohen. Das persönliche Zeitdokument, das eine junge weibliche Perspektive eröffnet, ist dank Rosens Familie nach Berlin zurückgekehrt, wo es seit 2021 in der Sammlung des DHM, unweit der einst umkämpften „Roten Burg“, archiviert wird.  


Verweise:

[1] Berliner Adreßbuch 1918, 1. Bd., S. 12. Mehrere Urkunden im Landesarchiv Berlin geben Auskunft über die Familie.

[2] „Die amtlichen Berichte über die militärische Lage in Berlin“, in: Berliner Tageblatt, 8.3.1919, S. 1.

[3] „Der Lichtenberger Gefangenenmord“, in: Vorwärts, 10.3.1919, S. 1. Im Zentralorgan der SPD erschienen zudem Artikel wie „Der Kampf gegen die Massenmörder“ oder „Schreckensszenen“.

[4] „Die offiziellen Berichte über die Lage“, in: Berliner Tageblatt, 10.3.1919, S. 1.

© Thomas Bruns

Dr. des. Lisa Sophie Gebhard

Lisa Sophie Gebhard ist Historikerin und lebt mit ihrer Familie in Berlin. Zu ihren Forschungsinteressen zählt die Geschichte des Zionismus, zu der sie 2021 an der Freien Universität Berlin promoviert wurde. Ihre Dissertation über das Leben und Wirken des Zionisten David Trietsch (1870-1935) erscheint 2022 in der Schriftenreihe wissenschaftlicher Abhandlungen des Leo Baeck Instituts.