DAS GEHEIMNIS DES ZWEITEN GESICHTS

Unser Gemälderestaurator Mathias Lang untersuchte das Grabdenkmal eines Generals aus dem 18. Jahrhundert – und entdeckte dabei dessen wahres Antlitz.

Es war verborgen geblieben: das wahre Antlitz des Generals Hanns Wilhelm von Thoss. Mathias Lang, Gemälderestaurator am Deutschen Historischen Museum bemerkte bei seiner Untersuchung des 2013 aus einer Privatsammlung erworbenen Grabdenkmals, eines sogenannten Epitaphs, dass Bild und Rahmen komplett überarbeitet worden waren. Gesicht und Hintergrund des Gemäldes waren vollständig übermalt worden. Das Porträt selbst wirkte ausdruckslos und in seiner Maltechnik untypisch für seine Entstehungszeit in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Am Rahmen waren originale Elemente an falscher Stelle neu montiert worden, andere Teile fehlten, die gesamte farbige Rahmenfassung war von einer grauen Schlämme überzogen.

RÖNTGENUNTERSUCHUNG BRINGT ÜBERRASCHUNG ZUTAGE

Restaurierungsleiterin Martina Homolka und ihr Kollege Mathias Lang entschieden sich für eine zusätzliche Röntgenuntersuchung, um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen: „Das Röntgenbild gab schnell Klarheit über weitere Schichten auf dem Gemälde. Unter dem jugendlichen Antlitz des freundlich blickenden Generals verbarg sich das Gesicht eines älteren, herrisch dreinblickenden Mannes“, erinnert sich Mathias Lang. Da es sich bei der Übermalung um eine neuzeitliche Veränderung des Gemäldes handelte, die noch nicht lange zurück liegen konnte, entschieden sich die Restaurierungsspezialisten gemeinsam mit der zuständigen Sammlungsleiterin für den Bereich Angewandte Kunst und Grafik, Dr. Leonore Koschnik, das Original freizulegen.

DURCH ÜBERMALUNG VOM HERRISCHEN GENERAL ZUM ATTRAKTIVEN, JUNGEN MANN

Wie wesentlich das Gesicht verändert wurde, verdeutlicht erst der Vergleich des Vor- und Nachzustands. Selbst Mathias Lang überraschten die unterschiedlichen Persönlichkeiten, die das Original nach seiner Freilegung offenbarte: „Offensichtlich sollte das Erscheinungsbild des Dargestellten attraktiver erscheinen. Wahrscheinlich wurde die Übermalung des ursprünglichen Aussehens des Generals von Thoss mit einem freundlich aussehenden jungen Mann aus Geschmacksgründen angefertigt. So wurde das Herrische und Strenge deutlich abgemildert und geschönt.“

KANONENKUGELN, FAHNEN UND WAPPENSCHILDER ALS TEIL EINER BAROCKEN ERINNERUNGSKULTUR

Martina Homolka, die den Rahmen restaurierte, setzte neben der Reinigung und der Retusche des Objekts die falsch montierten Teile am Rahmen an ihren Ursprungsort zurück und rekonstruierte einige in ihrer Form nachvollziehbaren Elemente. Den Rahmen zieren Kriegstrophäen mit Kanonenrohren und -kugeln, Pulverfässern, Lanzen und Spießen, Fahnen und Wappenschilden, wie es typisch für die Erinnerungskultur barocker Herrscher und Feldherren Anfang des 18. Jahrhunderts war. Bildhauer schufen für die neu erbauten Waffenarsenale den passenden Skulpturenschmuck, Maler und Kupferstecher widmeten den Kriegshelden entsprechende Erinnerungsbilder.

Das Bildnis mit Zierrahmen war ursprünglich für das Grab von Hanns Wilhelm von Thoss in der Kirche von Lichtenau am Oberrhein bestimmt. Thoss, der 1648 in Großwerther im heutigen Thüringen geboren wurde, schlug bereits im Alter von 15 Jahren seine militärische Karriere ein und starb 1706 im nur wenige Kilometer vom Oberrhein und von der französischen Grenze entfernten Stollhofen. Seine Witwe, Magdalena Sidonie von Thoss, gab das Epitaph mit dem Porträt des Verstorbenen vermutlich erst um 1715 – nach dem Ende des Spanischen Erbfolgekrieges – für das Thoss’sche Grab in der Kirche von Lichtenau in Auftrag.

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