Einem Namen auf der Spur

In der Dauerausstellung des Deutschen Historischen Museums ist derzeit die Intervention „RÜCKANSICHT. Die verborgene Geschichte eines Gemäldes von Adolph Menzel“ zu sehen. Gegenstand der von den Volontär*innen Susan Geißler, Darja Jesse und Tobias Schlage ersten eigenständig konzipierten Ausstellung ist die Rückseite des Gemäldes „Borussia“ von Adolph Menzel. Auf dieser befinden sich Schriftzüge und Etiketten, die bei einer detektivischen Recherche Auskunft über Besitzer und Herkunft des Gemäldes gaben, wie Tobias Schlage in seinem Beitrag deutlich macht.

Bereits im Sommer 2017 begannen wir Volontär*innen mit der Themenfindung für unsere Intervention, wobei uns die komplexe Herkunftsgeschichte des Gemäldes „Borussia“ von Adolph Menzel (1815–1905) besonders spannend und bewegend erschien. Bevor das Kunstwerk 2001 an das Deutsche Historische Museum kam, erregte es großes öffentliches Interesse. Es war das erste Kunstwerk eines Berliner Museums, welches nach Verabschiedung der „Washingtoner Erklärung“ von 1998 aus deutschem Bundesbesitz an die rechtmäßigen Erben restituiert wurde. In der Zeit des Nationalsozialismus musste es unter Druck verkauft werden.

Doch wie und woran lässt sich die Provenienz, also die Herkunft eines Kunstwerkes klären? Wo beginnt die Suche nach Fakten? Verbirgt das Gemälde selbst Informationen? Gibt es Hinweise zu einstigen Besitzern oder vielleicht auch Leerstellen?

Rück- und Vorderseite des Gemäldes "Borussia", Adolph Menzel, 1868, Öl auf Leinwand, Berlin © Deutsches Historisches Museum

Rück- und Vorderseite des Gemäldes „Borussia“, Adolph Menzel, 1868, Öl auf Leinwand, Berlin © Deutsches Historisches Museum

Gemälderückseiten sind häufig der Schlüssel zur Provenienz, doch sind sie selten in Ausstellungen zu sehen. In unserer Intervention hingegen steht die Rückansicht der „Borussia“ mit all ihren rätselhaften Zahlen, Etiketten und Namen im Mittelpunkt. Um die unbekannte Herkunftsgeschichte des Gemäldes auch der Öffentlichkeit möglichst lückenlos zu präsentieren, mussten diese vielen Aufschriften genauestens inspiziert und deren Bewandtnis hinterfragt werden. Der Name „Mendelsohn“ findet sich gleich dreifach auf der Gemälderückseite. Da ich mich fragte, wer die Mendelssohns wohl waren, versuchte ich, mehr über diese Familie zu erfahren.

Rückseite des Gemäldes "Borussia" mit dem Schriftzug Mendelsohn, Adolph Menzel, Borussia, 1868, Öl auf Leinwand, Berlin @ Deutsches Historisches Museum

Rückseite des Gemäldes „Borussia“ mit dem Schriftzug „Mendelsohn“, Adolph Menzel, Borussia, 1868, Öl auf Leinwand, Berlin @ Deutsches Historisches Museum

Zeitgenössische Presseartikel als erster Anhaltspunkt

Infolge einer Hungersnot in Ostpreußen entstand das Gemälde „Borussia“ 1868 für einen Wohltätigkeitsbasar im Berliner Schloss, wovon zeitgenössische Presseartikel berichteten. Demnach wurde die „Borussia“ dort von „Herr(n) Geheimrath Mendelssohn“ gekauft. Ferner gehörte seine Ehefrau, „Geheimräthin Alex. Mendelssohn“, zum Organisationskomitee des Basars. Weitere Hinweise zur Familie Mendelssohn lieferten mir Ausstellungskataloge und Literatur zu Adolph Menzel.

Alexander Mendelssohn (1798–1871), Spross einer der bekanntesten jüdischen Familien Berlins, war 1848 Seniorchef in der von seinen Vorfahren Ende des 18. Jahrhunderts gegründeten Privatbank „Mendelssohn & Co.“ geworden.

Geheimer Kommerzienrat Alexander Mendelssohn (1798–1871), Käufer des Gemäldes Borussia, Robert Jefferson Bingham (1824/1825–1870), Paris, um 1860/1865, Albuminpapier, Karton, Berlin © Privatbesitz

Geheimer Kommerzienrat Alexander Mendelssohn (1798–1871), Käufer des Gemäldes „Borussia“, Robert Jefferson Bingham (1824/1825–1870), Paris, um 1860/1865, Albuminpapier, Karton, Berlin © Privatbesitz

Sein Wohnsitz befand sich im Stammhaus des erfolgreichen Unternehmens in der Jägerstraße 51, im Zentrum Berlins, wohin er auch die „Borussia“ brachte. Neben dieser Tätigkeit war Alexander engagierter Kunstsammler, Mäzen und wohltätiger Stifter. Wie ich aus Ausstellungskatalogen und Unterlagen im Zentralarchiv der Staatlichen Museen zu Berlin erfahren konnte, wurde das Gemälde später für zwei Menzel-Ausstellungen entliehen. Alexanders Sohn Franz von Mendelssohn (1829–1889) verlieh das Kunstwerk 1885 und dessen Nachkomme Franz von Mendelssohn (1865–1935) zwanzig Jahre später. In den Akten fand ich zudem einen Vermerk über den Versicherungswert für das Gemälde in Höhe von 15.000 Mark – ein wichtiger Beleg für den späteren Zwangsverkauf.

Geheimer Kommerzienrat Franz von Mendelssohn d. Ä. (1829–1889), Besitzer sowie Leihgeber des Gemäldes Borussia für eine Ausstellung zu Menzels 70. Geburtstag in der Königlichen Akademie der Künste zu Berlin, Königliche Hoffotografen H. Lehmann & Co., Berlin, um 1865/1870, Albuminpapier, Karton, 10,5 x 6,2 cm, Berlin © Privatbesitz

Geheimer Kommerzienrat Franz von Mendelssohn d. Ä. (1829–1889), Besitzer sowie Leihgeber des Gemäldes „Borussia“ für eine Ausstellung zu Menzels 70. Geburtstag in der Königlichen Akademie der Künste zu Berlin, Königliche Hoffotografen H. Lehmann & Co., Berlin, um 1865/1870, Albuminpapier, Karton, Berlin © Privatbesitz

Franz d. J. (1865–1935) und Marie (1867–1957) von Mendelssohn, Besitzer sowie Leihgeber des Gemäldes Borussia für eine Retrospektive zum Tode Menzels in der Königlichen Nationalgalerie in Berlin 1905, Fotoatelier Wilhelm Fechner, Berlin, um 1890/1895, Albuminpapier, Karton, 16,3 x 10,5 cm, Berlin © Privatbesitz

Franz d. J. (1865–1935) und Marie (1867–1957) von Mendelssohn, Besitzer sowie Leihgeber des Gemäldes „Borussia“ für eine Retrospektive zum Tode Menzels in der Königlichen Nationalgalerie in Berlin 1905, Fotoatelier Wilhelm Fechner, Berlin, um 1890/1895, Albuminpapier, Karton, Berlin © Privatbesitz

Die 1967 von Familienangehörigen gegründete Mendelssohn-Gesellschaft hat im ehemaligen Bankhaus ihren heutigen Sitz. In der dortigen Dauerausstellung erinnern verschiedenste Gegenstände aus dem Besitz der Mendelssohns und Mendelssohn Bartholdys an die einzigartige Geschichte dieser weitverzweigten deutsch-jüdischen Familie von Bankiers, Denkern, Künstlern und Musikern. Trotz kenntnisreicher Gespräche  und verschiedener Dokumente sowie Fotografien im Archiv der Gesellschaft, die mir freundlicherweise einen Einblick gewährte, fand ich keine weiteren Hinweise zum Gemälde.

Familienalben und Aktenberge

Allerdings vermittelte mir die Mendelssohn-Gesellschaft den Kontakt zur Enkeltochter Marie von Mendelssohns (1867–1957), der letzten Besitzerin der „Borussia“.

Marie von Mendelssohn, geb. Westphal (1867–1957), letzte Besitzerin und Verkäuferin des Gemäldes Borussia, o. O., um 1925/1935, späterer Abzug, Barytpapier, Berlin © Privatbesitz

Marie von Mendelssohn, geb. Westphal (1867–1957), letzte Besitzerin und Verkäuferin des Gemäldes „Borussia“, o. O., um 1925/1935, späterer Abzug, Barytpapier, Berlin © Privatbesitz

Die Begegnung mit ihr war nicht nur höchst eindrucksvoll, sondern wurde für mich zur wichtigsten Informationsquelle. Zunächst trafen wir uns vor dem Gemälde in der Dauerausstellung des Deutschen Historischen Museums und besprachen erste Details. Später erhielt ich Einblick in mehrere Familienalben. Was die Literatur nicht verriet, erfuhr ich nun aus erster Hand. Anhand ihrer und den Erzählungen naher Verwandter erklärte sich der Verbleib des Gemäldes nach 1905, das sich nach ihren Aussagen zuletzt im Kassenraum des Bankhauses befand.

Bankhaus und Stammsitz der Familie von Mendelssohn in der Jägerstraße 51, Berlin, Königlich Preußische Messbild-Anstalt, Berlin, um 1885/1890, Barytpapier, Berlin © Architekturmuseum der Technischen Universität Berlin

Bankhaus und Stammsitz der Familie von Mendelssohn in der Jägerstraße 51, Berlin, Königlich Preußische Messbild-Anstalt, Berlin, um 1885/1890, Barytpapier, Berlin © Architekturmuseum der Technischen Universität Berlin

Der Terror des NS-Regimes gegenüber Juden und somit gegen die Familie von Mendelssohn nahm nach 1935 zu. Laut Geschäftsbuch der Galerie Haberstock aus dem Haberstock-Archiv in Augsburg war Marie von Mendelssohn, vertreten durch die Bank, im April 1937 gezwungen, das Kunstwerk für die damals klägliche Summe von 19.000 Reichsmark an den Galeristen Karl Haberstock (1878–1956) zu veräußern. Haberstock verkaufte es dann 1940 für 48.000 Reichsmark an die Reichskanzlei. Ganz offensichtlich war diese Summe, die Marie von Mendelssohn für das Gemälde erhielt, zu gering. Zwar fand sich weder eine Aufnahme des Gemäldes, noch ein Inventar vom Bankhaus oder von der Villa der Großeltern, dennoch überließ mir die Enkeltochter Maries für unsere Ausstellung Fotografien der wichtigsten Protagonisten.

Eine letzte Spur führte mich schließlich in das Mendelssohn-Archiv der Staatsbibliothek zu Berlin, das Zentrale Grundbucharchiv Berlins sowie das Amtsgericht Charlottenburg. Das Mendelssohn-Archiv besitzt etliche Familienbriefe, mehrere Bilder der Familie und Teile des Bankhausarchives. Zu „unserer“ „Borussia“ fanden sich trotz zahlreicher Dokumente und Abbildungen keinerlei Nachweise. Im Zentralen Grundbucharchiv und im Amtsgericht Charlottenburg lagern alle Unterlagen zu den Gebäuden in der Jägerstraße und in Berlin-Grunewald. Aus den Grundbuchakten erfuhr ich einiges über die Grundstückskäufe der von Mendelssohns in Berlin und die Zwangsverkäufe an das NS-Regime – zur „Borussia“ selbst beinhalteten sie jedoch keine Informationen.

Die Recherche zum Namenszug „Mendelsohn“ gestaltete sich rückblickend als ausgesprochen detektivisch. Auch wenn der Verbleib des Gemäldes innerhalb der Familie von Mendelssohn nicht fotografisch belegt werden kann, lässt sich doch der Weg der „Borussia“ vom Ankauf bis zum Zwangsverkauf anhand von Akteneinträgen, Dokumenten, Katalogen und persönlichen Gesprächen mit Familienangehörigen eindeutig darstellen.

Die Rückgabe des Gemäldes an die Familie von Mendelssohn war erst durch die Wiedervereinigung Deutschlands und vorrangig durch die „Washingtoner Erklärung“ von 1998 möglich. Die „Washingtoner Erklärung“ ist eine internationale Vereinbarung, welche versucht, Lösungen zur Rückgabe von verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut aus der NS-Zeit zu finden. Allerdings beruht sie nicht auf Rechtsnormen. Nur so konnte die Familie trotz der abgelaufenen gesetzlichen Verjährungsfrist von 30 Jahren ihre Restitutionsansprüche geltend machen.

Provenienzforschung ist inzwischen eine der zentralen Aufgaben in der Museumsarbeit. Mit ihr wird das Ziel verfolgt, den ethischen Normen im Umgang mit musealen Sammlungen und damit insbesondere den Richtlinien der „Washingtoner Erklärung“ gerecht zu werden. Die Rekonstruktion der Besitzgeschichte des Gemäldes „Borussia“ innerhalb unserer Ausstellung demonstriert wie wichtig, langwierig und umfangreich Provenienzforschung ist und sein kann. Dabei war die Erschließung des Namens Mendelssohn nur ein Teil des Ganzen.

 

Weiterführende Literatur:

Bertz, Inka / Dorrmann, Michael (Hg.): Raub und Restitution. Kulturgut aus jüdischem Besitz von 1933 bis Heute, Ausstellungskatalog, Berlin, Frankfurt am Main 2008.

Keisch, Claude / Riemann-Reyher, Marie Ursula (Hg.): Das Labyrinth der Wirklichkeit. Menzel 1815–1905, Ausstellungskatalog, Köln 1996.

Mendelssohn Gesellschaft e.V., URL: http://www.mendelssohn-remise.de.

Schoeps, Julius: Das Erbe der Mendelssohns. Biographie einer Familie, Frankfurt am Main 2011.

Uebel, Lothar: Die Mendelssohns in der Jägerstrasse. Das Haus Mendelssohn Jägerstrasse 51 in Berlin, Berlin 2001.

 

Onlinepublikation: