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  UNTER VORBEHALT

 

UNTER VORBEHALT

Die Vorführung mancher Filme, die während des „Dritten Reichs“ entstanden sind, ist nur unter Vorbehalt möglich. Diese so genannten Vorbehaltsfilme dürfen zwar gezeigt, aber sie müssen eingeführt und mit dem Publikum diskutiert werden. Ihre Vorführung soll der Aufklärung über den Nationalsozialismus dienen. Zum Korpus der Vorbehaltsfilme gehören über 40 abendfüllende Produktionen. Darunter finden sich Spielfilme wie Jud Süß oder Hitlerjunge Quex – Filme, von denen immer wieder die Rede ist, wenngleich sie kaum jemand gesehen hat. Die meisten Vorbehaltsfilme sind jedoch vollkommen unbekannt. Die Reihe UNTER VORBEHALT, die in unregelmäßiger Folge alle Vorbehaltsfilme vorstellen und diskutieren wird, möchte unter anderem dazu beitragen, das Reden über das Kino des „Dritten Reichs“ von diesen blinden Flecken der Diskussion zu befreien. Dabei wird auch die Frage eine Rolle spielen, wie wir mit dem filmischen Erbe des Nationalsozialismus umgehen möchten – und wer dieses „wir“ ist. Das Programm im April und Mai knüpft an die Filmreihe FRIEDRICH DER GROSSE an. Es versammelt nationalsozialistische Historienfilme, die vor allem im Preußentum nach Idealen und Vorbildern für die Gegenwart suchen. Vorgestellt werden auch Filme, die mittlerweile nicht mehr zum Korpus der Vorbehaltsfilme gehören, deshalb aber nicht minder diskussionswürdig sind.

 

 

UNTER VORBEHALT
Kadetten
D 1939/41, R: Karl Ritter, M: Herbert Windt, D: Mathias Wieman, Carsta Löck, Andrews Engelmann, 92' 35 mm

Episode aus dem Siebenjährigen Krieg (1756-1763). König Friedrich II., im Winter 1760 in Schlesien festgehalten, kann die Einnahme Berlins durch russische Truppen nicht verhindern. 100 Kadetten, zum Offiziersberuf bestimmte Jungen zwischen neun und zwölf Jahren, fallen den Kosaken in die Hände. Ihr Anführer, gespielt von dem Exilrussen Andrews Engelmann, verkörperte, so die Ufa in ihrem Pressematerial, "asiatische Grausamkeit und satanische Verschlagenheit". Die Kadetten sollen in die russische Armee gepresst werden. Zufällig werden sie einem in russischen Diensten stehenden preußischen Offizier unterstellt. Nach einer vermeintlich erlittenen Ungerechtigkeit war dieser in russische Dienste getreten; durch die Kadetten findet er zu seinen Wurzeln zurück. Er verhilft ihnen zur Flucht, verteidigt an ihrer Spitze ein Fort gegen die anrückenden Russen, opfert sich schließlich, um ihr Leben zu retten. Der bereits 1939 fertiggestellte Film kam erst nach dem Überfall auf die Sowjetunion in die Kinos. Die Filmwelt vom 10. Dezember 1941 brachte seine Botschaft auf den Punkt: Der Geist dieses Films spanne sich "in gerader Linie vom Preußentum der friderizianischen Zeit zum Soldatentum unserer Tage. Die Urenkel jener Kadetten von 1760 schlagen heute die siegreichen Schlachten des Großdeutschen Befreiungskampfes. Mit dem gleichen Mut, der gleichen Zähigkeit, der gleichen inneren Bereitschaft, Selbstverständlichkeit und Größe, die das Ergebnis einer wahrhaft nationalen Erziehung sind, einer Erziehung zum Gedanken der Nation und ihrer Pflichten, die in frühester Jugend beginnen muß." Die Kadetten wurden von Schülern der Nationalpolitischen Erziehungsanstalt in Potsdam gespielt. (jg)

Einführung: Anna Bohn
am 24.4.2012 um 20.00 Uhr





UNTER VORBEHALT
Bismarck
D 1940, R: Wolfgang Liebeneiner, M: Norbert Schultze, D: Paul Hartmann, Friedrich Kayßler, Maria Koppenhöfer, Werner Hinz, Ruth Hellberg, Käthe Haack, 114' 35 mm

Der Film behandelt die Zeitspanne von Otto von Bismarcks Ernennung zum preußischen Ministerpräsidenten 1862 über die Kriege gegen Dänemark und das habsburgische Österreich bis zum Vorfrieden von Nikolsburg am 26. Juli 1866, bei dessen Verhandlungen es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen ihm und König Wilhelm I. kommt. In der Ausstattung etwa der Innenräume von Schloss Babelsberg oder des Schlachtfeldes in Königgrätz ist Bismarck um historische Treue bedacht. Die Inszenierung betont die Aktualität Bismarcks als "Kämpfer für Deutschland, der gegen alle sich durchsetzen musste und den nur eines stützte in diesen Jahren schwerster seelischer und politischer Kämpfe: der Glaube an das deutsche Volk und an das deutsche Reich, das aufzurichten die Aufgabe seines Lebens war." (Pressematerial der Produktionsfirma Tobis). Auch die Filmfachpresse zog Parallelen zur jüngsten Gegenwart: "Wir spüren die dramatische Beziehung, die zwischen den Bismarckschen Jahrzehnten und unserem neuen europäischen Zeitalter besteht, das ein deutsches sein wird." (Der Film, 7. Dezember 1940) – Der Film wurde 1940 als "staatspolitisch wertvoll" prädikatisiert. 1980 gibt ihn die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft für Jugendliche ab 6 Jahren frei. (jg)

Einführung: Philipp Stiasnyam
8.5.2012 um 20.00 Uhr





UNTER VORBEHALT
Die Entlassung
D 1942, R: Wolfgang Liebeneiner, M: Herbert Windt, D: Emil Jannings, Margarete Schön, Werner Krauß, Theodor Loos, Karl Ludwig Diehl, Hildegard Grethe, 106' 35 mm

Episoden aus dem Leben Otto von Bismarcks (1815-1898), vom Dreikaiserjahr 1888 mit den Staatsbegräbnissen von Wilhelm I. und Friedrich III. und der Thronbesteigung Wilhelms II. bis zur Entlassung Bismarcks als Ministerpräsident 1890. Im Mittelpunkt stehen die außenpolitischen Meinungsverschiedenheiten zwischen Wilhelm II. und Bismarck. In einem Aufsatz über seine Rolle als Fürst Bismarck hob Emil Jannings die Aktualität der historischen Ereignisse hervor und unterstrich insbesondere Bismarcks, gegen die Sozialdemokratie und August Bebel gerichtete Aussage: "Der Sozialismus ist keine internationale, sondern eine nationale Angelegenheit." In Bismarck bewunderte Jannings "eine jener großen geschichtlichen Persönlichkeiten, die nur auf sich gestellt und allein sich vertrauend, aus ihrem Volk die Kräfte freimachen, an die ein anderer nicht mehr zu glauben wagt. (...) Ich wollte, ich mußte Bismarck spielen. Nicht nur das große Bild der Geschichte, sondern den auserwählten Träger einer weltgeschichtlichen Idee." – Von Goebbels mit den höchsten Prädikaten "Film der Nation" und "staatspolitisch und künstlerisch besonders wertvoll" ausgezeichnet, wird der Film 1952 in der Bundesrepublik in einer gekürzten Fassung unter dem neuen Titel Schicksalswende ab 12 Jahre freigegeben. (jg)

am 9.5.2012 um 20.00 Uhr





UNTER VORBEHALT
Andreas Schlüter
D 1942, R: Herbert Maisch, M: Wolfgang Zeller, D: Heinrich George, Mila Kopp, Olga Tschechowa, Dorothea Wieck, 110' 35 mm

Biografischer Film über den Barock-Architekten Andreas Schlüter (vermutlich 1664-1714) mit seltenen dokumentarischen Aufnahmen des von ihm ausgebauten Berliner Stadtschlosses: "Wobei es nicht so sehr darauf ankam, eine historisch getreue Biographie zu schaffen, als vielmehr ein Zeitbild und darüber hinaus den eindrucksvollen Beweis, daß der Mensch nichts, sein Werk alles ist." (Film-Kurier, 9. Oktober 1942). Der Film feiert den Architekten als "deutsches Genie" und "genialen Künstler", der nur seinen Überzeugungen folgt und trotz aller Widerstände sein Werk umsetzen will. Der "vulkanische Künstler" Schlüter sieht sein Werk als ein Zeugnis, das – wie er im Film sagt – auch dann noch leben soll, "wenn wir selber längst vermodert sind." Andreas Schlüter ist Heinrich George: Seine schauspielerischen Leistungen bilden die Höhepunkte des Films, etwa, "wenn es um Sein oder Nichtsein des Künstlertums Andreas Schlüters geht, wenn die großen Schicksalsfragen an ihn herantreten und ausgekämpft sein wollen. Besonders eindrucksstark die Szenen, da sich dem großen Bildhauer das Standbild des Großen Kurfürsten formt." (Felix Henseleit, Film-Kurier, 20. November 1942) – Als "staatspolitisch und künstlerisch besonders wertvoll" prädikatisiert, wird der Film 1950 von der Freiwilligen Selbstkontrolle uneingeschränkt freigegeben. (jg)

Einführung: Jeanpaul Goergen
am 15.5.2012 um 20.00 Uhr





UNTER VORBEHALT
Kolberg
D 1945, R: Veit Harlan, M: Norbert Schultze, D: Heinrich George, Kristina Söderbaum, Horst Caspar, Paul Wegener, Gustav Diessl, Otto Wernicke, 109' 35 mm

Am 14. Oktober 1806 schlägt Napoleon die preußische Armee bei Jena und Auerstedt. Die französischen Truppen besetzen Berlin. Nur wenige Festungen leisten noch Wiederstand, unter ihnen Kolberg in Pommern (heute: Kolobrzeg/Polen). Gneisenau organisiert die Verteidigung, während der Bürgermeister Joachim Nettelbeck eine Bürgerwehr aufstellt. Der von Heinrich George gespielte Nettelbeck spricht auch die gleichnishaften Worte: "Lieber unter Trümmern begraben als kapitulieren!" Der Frieden von Tilsit vom 7. und 9. Juli 1807 beendet die Kampfhandlungen. Das unbesiegte Kolberg wird zu einem Symbol für den erfolgreichen Widerstand gegen Napoleon. In einer 1813 angesiedelten Rahmenhandlung überzeugt Gneisenau den preußischen König Friedrich Wilhelm III. mit seiner Schilderung von der Verteidigung Kolbergs und der Mitwirkung der wehrhaften Bürgerschaft, einen Aufruf an sein Volk zu erlassen: "Sie trachten danach, dem Bürger von Kolberg zu gleichen, sie wollen die Fesseln endgültig abschütteln. Das Volk steht auf zur kommenden Völkerschlacht, Majestät. Der Sturm bricht los!" Den Kolberg-Mythos machte sich Goebbels zu Nutzen, um zu zeigen, "dass ein in Heimat und Front geeintes Volk jeden Gegner überwindet." Die Uraufführung wurde symbolträchtig auf den 30. Januar 1945 gelegt. Die Auszeichnungen als "Film der Nation" und "staatspolitisch und künstlerisch besonders wertvoll" konnten nicht verhindern, dass dieser aufwändig auf Agfacolor gedrehte und teuerste Film der NS-Zeit seine intendierte Durchhalte-Botschaft nicht mehr entfaltete. (jg)

Einführung: Philipp Stiasny
am 22.5.2012 um 20.00 Uhr
am 24.5.2012 um 20.00 Uhr





UNTER VORBEHALT
Kameraden
D 1941, R: Hans Schweikart, M: Alois Melichar, D: Willy Birgel, Karin Hardt, Maria Nicklisch, Hedwig Wangel, Alexander Golling, 93' 35 mm

Episode aus den Befreiungskriegen 1813-1815. Der preußische Offizier Ferdinand von Schill will 1809 einen Volksaufstand entfachen, um den zögernden preußischen König zum Krieg gegen Napoleon zu bewegen. Doch niemand ergreift offen Partei für ihn. In Stralsund von den Franzosen besiegt, werden elf seiner Offiziere von einem Kriegsgericht zum Tode verurteilt. Der Film erzählt die Geschichte eines 12. Schillschen Offiziers, des jungen Heinrich von Wedell, der zusammen mit anderen am Aufstand beteiligten preußischen Soldaten nach Cherbourg gebracht und seitdem als tot angesehen wird. Sein älterer Bruder Karl kommt als Militärattaché an die Preußische Gesandtschaft in Paris. Dort verliebt er sich in Christine von Wedell, die einst seinem Bruder zugetan war. Er kann einen kriegsentscheidenden französischen Armeebefehl abfangen, wird aber entdeckt und als Spion hingerichtet. Sein Bruder kehrt mit den siegreichen Truppen nach Berlin zurück. Auf dem Invalidenfriedhof sieht er die trauernde Christine am Grab seines Bruders... Die beiden Brüder sollen zwei Pole preußischen Soldatentums darstellen: Der jüngere Heinrich stürzt sich heißblütig und heldenmütig in ein aussichtsloses Unterfangen, der kühl abwägende Karl argumentiert gegen einen zu frühen Aufstand, was ihn aber scheinbar als Feigling erscheinen lässt. – Der Film kam 1959 unter dem Titel Ritt zwischen den Fronten erneut in die Kinos. Die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft gibt ihn für Jugendliche ab 12 Jahren frei und erkennt "keine Gefährdung in Richtung militaristischer oder nationalsozialistischer Tendenzen." (jg)

Einführung: Ralf Forster
am 29.5.2012 um 20.00 Uhr





 

 
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