Vergleichsgeschichte zweier Gewaltregime: Kurator Stephan Malinowski über die kommende Ausstellung „Umstrittene Verwandtschaft. Koloniale und nationalsozialistische Gewalt”
17. August 2026 8 Min.
Was verbindet koloniale und nationalsozialistische Gewalt? Worin unterscheiden sie sich? Und warum ist die mögliche Verwandtschaft beider Gewaltregime bis heute umstritten? Seit den 1930er Jahren wurden diese Fragen immer wieder gestellt: von antikolonialen Denkern, Publizisten, Politikerinnen, Historikern und Überlebenden des Holocaust. Die Ausstellung „Umstrittene Verwandtschaft. Koloniale und nationalsozialistische Gewalt“ widmet sich ab dem 16. Oktober 2026 somit einer Gegenüberstellung, die eine beinahe hundertjährige Geschichte hat und weit über die Geschichtswissenschaft hinausgeht. Als weltweit erste Ausstellung zu diesem Thema führt sie die Debatte um Ähnlichkeiten, Unterschiede und Gleichsetzung auf ihre historischen Ursprünge zurück. Die Ausstellung macht auch Probleme und Grenzen des Vergleichs zum Thema.
Kurator Stephan Malinowski spricht im Videointerview über das Konzept der Ausstellung und den Versuch, zu einer differenzierten Auseinandersetzung auf Basis historischer Fakten beizutragen:
„Es geht darum“, so führt er in dem Film aus, „bestimmte Gewaltphänomene, die in beiden Fällen aufgetreten sind, in eine Beziehung zu setzen.“ Bei allen Sachthemen der Ausstellung werde der Versuch unternommen, die Unterschiede und die Gemeinsamkeiten zwischen beiden Gewaltphänomen, „die man sinnvollerweise beschreiben kann, festzuhalten“ und zu erläutern, wie man auf die Idee kommt, „diese doch sehr verschiedenen Gewalt- und Herrschaftsformen miteinander in Beziehung zu setzen.“ Die Hoffnung sei, dass man in der Ausstellung auf der Ebene von Faktenkenntnis etwas lernen könne, so der Historiker. „Und damit wäre verbunden die Hoffnung, dass die ideologische Aufladung dieser Diskussion, die in den letzten 20 Jahren sehr stark geworden ist, in einer etwas nüchterneren Form zurückführt auf die Faktizität. Also auf die Fakten und Tatsachen, über die man eigentlich sinnvollerweise nur sprechen kann und die man kennen sollte, wenn man sich an diesen Diskussionen beteiligen möchte.“
Dr. Stephan Malinowski ist Professor emeritus of Modern European History an der University of Edinburgh und Historiker. 2022 erhielt er für sein Buch „Die Hohenzollern und die Nazis. Geschichte einer Kollaboration” den Deutschen Sachbuchpreis. Seit 2025 lehrt er wieder an der Freien Universität Berlin.
Gesprächspartner*innen
Redaktion
Stephan Malinowski
Dr. Stephan Malinowski ist Kurator der Ausstellung „Umstrittene Verwandtschaft. Koloniale und nationalsozialistische Gewalt” am Deutschen Historischen Museum.