
Vor dem Kempinski Hotel am Kurfürstendamm demonstriert eine Gruppe Jüdinnen und Juden für das Anbringen einer wahrheitsgemäßen Gedenktafel. In den 1910er Jahren verkehrte dort auch die von den Nazis in die Emigration gezwungene jüdische Schriftstellerin Else Lasker-Schüler, deren früh verstorbener Sohn auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee begraben ist. Helma Sanders-Brahms porträtiert in ihrem Dokumentarfilm Jetzt leben – Juden in Berlin eine aus Odessa eingewanderte jüdische Familie. In langen Gesprächen reflektieren Vater, Mutter und Sohn über die deutsch-jüdische Geschichte. Mit großer Offenheit spricht der sechzehnjährige Leonard über Zugehörigkeit, Ausgrenzung und Verantwortung und entwickelt ein selbstbewusstes Verhältnis zu seinem Jüdischsein. Angesichts rechtsextremer Tendenzen versteht er sein Leben in Berlin als bewusstes Zeichen. „Keine Folklore, keine Rituale, kein Klezmer, keine politischen Statements, keine Scheunenviertelromantik. (...) Vom Zuhörer und Zuschauer wird die sonst im Film unübliche Anstrengung verlangt, sich lange und intensiv auf die Auseinandersetzung mit drei Menschen einzulassen, die vor neun Jahren aus Odessa nach Berlin gekommen sind." (Helma Sanders-Brahms, 1995) (jg)
Jetzt leben – Juden in Berlin
- D 1994
- DCP
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R/B: Helma Sanders-Brahms, K: Jürgen Lenz, 83'